Ein Treppenhaus mit schönem Echo, ein Auto an der roten Ampel, ein Neukosmetikum im Bad, das plötzlich zum Werbespot wird — es gibt Menschen, die überall mit ihrer Stimme spielen. Miriam trifft den Sprecher und Schauspieler Richard Heinrich, der Hörbücher einspricht, Serienkiller vertont und seit über 20 Jahren mit seiner Stimme arbeitet. Warum ankommt, was du fühlst, und nicht nur, was du sagst — darum geht es hier. Und ja: Es gibt ein kleines Vocal Workout, wenn du magst.
Zwei Stimm-Profis und die Frage nach der "Technik"
Miriam: Hallo da draußen, es ist Podcast-Zeit und heute sprechen wir über den Klang der Stimme. Ja, ganz tolles Thema. Ich freue mich schon seit Wochen darauf und ich habe einen fantastischen Gesprächspartner gefunden. Viele unserer Seminarteilnehmer kommen zu uns, weil sie den Zauber der Sprache lernen möchten und ein großer Teil des Seminars Besser Denken, Besser Sprechen ist auch die Stimme. Und wir beide, die wir heute miteinander sprechen, Richard Heinrich und ich, sind und arbeiten mit unserer Stimme. Lieber Richard, herzlich willkommen in Sprachzauberhausen.
Richard: Vielen lieben Dank. Ich freue mich sehr, dass ich dabei sein darf. Und ja, ich freue mich jetzt auf den Podcast und jetzt schauen wir mal, was daraus wird.
Miriam: Da wird was ganz Großartiges draus. Viele unserer Zuhörer sprechen selbst vor und mit anderen Menschen. Alle Menschen sprechen.
Richard: Ja.
Miriam: Manche tun es eben wirklich auch beruflich, andere sind sich ihrer Sprache gar nicht so bewusst oder auch gerade dem Klang der Stimme. Und das lernen wir in unseren Workshops mit unseren Teilnehmern zusammen, dass erstmal das Bewusstsein für eine Stimme wieder da sein darf. Ich glaube, Kinder haben das noch mehr als Erwachsene, wie immer. Und du bist auch schon seit vielen, vielen Jahren, zwar nicht von Kindesbeinen, nur seit vielen, vielen Jahren beruflich Sprecher und Schauspieler. In deiner Vita steht seit 20 Jahren.
Richard: Ja, mindestens.
Miriam: Und du machst was völlig anderes als ich. Was genau machst du beruflich?
Richard: Ich bin Sprecher und Schauspieler und ich spreche in letzter Zeit vor allem mehr. Ich habe früher Theater gespielt, ich habe Film gemacht, ich habe viel Synchron gemacht, damals in Berlin und mittlerweile habe ich mich selbstständig gemacht mit meinem eigenen Studio und arbeite als Sprecher. Heißt Sprecher für Imagefilme, Sprecher für Werbung, Sprecher für Erklärvideos und Hörbücher. Das ist eigentlich einer meiner großen Leidenschaften, Hörbücher und ja, so eigentlich der Sprecher für mehr oder weniger alles. Also so die typischen Sachen, die so verlangt werden von den Firmen oder wie auch immer. Features zum Beispiel, Dokumentarisches und so weiter.
Miriam: Ja, wir versinken alle schon in deiner sehr kraftvollen Stimme. So, so, alles klar, schön, ja. Ja, und heute wollen wir dir da draußen, der oder die du uns zuhörst, ganz viel mitgeben im Bereich Stimme, Wissen und auch den ein oder anderen praktischen Tipp. Also stell dich darauf ein, dass es auch ein kleines Vocal Workout gibt, wenn du diesem Podcast lauscht. Kannst du noch besser werden mit allem, was du so stimmlich tust? Das fängt im privaten Bereich an, also dort, wo wir uns mit den Menschen unterhalten, die wir vermutlich am allerliebsten um uns haben. Unsere Traummänner, Traumfrauen, unsere vielen Traumkinder, unsere Familie, unsere Nachbarn, unsere Freunde. Und auch dort ist die Stimme immer im Zentrum des Geschehens, wenn wir uns unterhalten. Viele unterschätzen auch die Kraft der Stimme an der Stelle. Und deswegen finde ich es so schön, dass wir das Thema heute haben. Wir haben ja beide schon darüber gesprochen, es gibt vielerlei Ausbildungen für Sprecher. Manche kommen aus dem Schauspielbereich, manche haben eine Sprecherausbildung. Was hast du gelernt oder wie hast du das Sprechen gelernt?
Richard: Also bei mir ist es so ein bisschen, auch ein bisschen extremer. Ich bin in einer, ich sage es mal, in einer Schauspielfamilie groß geworden. Mein Vater ist Schauspieler, der ist jetzt nicht mehr Schauspieler, der macht jetzt mehr Lesungen in der Schweiz und ich bin sozusagen da einfach aufgewachsen. Und mein Vater war damals in dem Theater in der Schweiz, im Winterthur damals noch, war er für Sprechtechnik zuständig und mich hat das immer fasziniert. Also er hat sich dann immer jeden Tag für eine Stunde auch selbst weggeschlossen, wollte seine Ruhe haben und hat dann da so seine Sprechtechnik gemacht. Der hatte seine Yogaübungen gemacht, seine Sprechtechnik und so weiter. Und ich habe ihn dann irgendwann mal gefragt, als es bei mir dann auch klar war, ich will Schauspieler werden, ich will in seine Fußstapfen treten, ob er mir das einfach zeigen kann, beibringen kann. Und da fing es eigentlich schon an. Später habe ich aber eigentlich so die klassische Ausbildung gemacht. Und damals war das in 96 ganz normal auf der Schauspielschule, wo man eben all diese Fächer hat. Sprechen, quasi Sprechtechnik bzw. Rollenstudium, Fechten, mein Lieblingsfach und verschiedene Sachen wie Akrobatik. Eigentlich bin ich ja nur auf die Schauspielschule gegangen, um Fechten zu lernen und ich hatte einen echt tollen Fechtmeister, muss ich sagen. An dieser Stelle viele Grüße an Kalle. Nach Berlin. Und ja, das war eigentlich so mein normaler, der klassische Werdegang im Grunde genommen.
Miriam: Ich bin eben lustigerweise, tödliche, dass ich dich unterbreche, zum ersten Mal, und ich benutze das Wort jetzt wahrscheinlich gefühlt auch schon seit 25 Jahren, über dieses Wort Sprechtechnik gestolpert. Weil das klingt nach einer Technik. Ich habe gestern gerade so flammlose Kerzen verkauft. Da haben wir ständig über die Technik gesprochen, die sich da drin verbirgt. Ich weiß gar nicht, ob es im Körper sowas gibt wie Technik.
Richard: Nein, gibt es nicht. Und das ist das, was ich dann herausgefunden habe, später. Viel, viel, viel später. Wo ich gemerkt habe, diese ganze Sprechtechnik, also wenn man das dann erstmal lernt, dann verkrampft es einem erstmal total. Weil du denkst eigentlich, du lernst was und du wirst dann dadurch besser. Aber bei mir ging es ins Gegenteil. Ich wurde dann irgendwie eher verkrampfter und ich musste mich dann davon wieder richtig lösen. Und dann habe ich aber gemerkt, das hat schon alles seinen Sinn, aber man muss es nur anders anwenden. Und ich habe dann quasi meine, ich nenne es nicht Technik, ich nenne es Methode oder Herangehensweise oder wie auch immer, habe ich für mich selber gelernt, wie ich damit umgehe und was für mich wirklich funktioniert und was für mich vor allem auch wahrhaftig ist. Also mir ist es immer wichtig, auch auf der Bühne, im Film, im Hörbuch eine gewisse Authentizität zu haben. Authentizität, super scheiß Wort hier. Authentizität, sorry, ist es jugendfrei?
Miriam: Authentizität.
Richard: Ja, ich habe ein Hörbuch gemacht, da habe ich das Wort Authentizität, jetzt kann ich es nicht mehr falsch sagen, ich habe es auf jeden Fall zehnmal falsch gesagt auf unterschiedlichen Seiten, das waren 168 Seiten und ich musste es an jeder Stelle nochmal neu irgendwie einspielen, einsprechen und weiß jetzt, dass es Authentizität heißt und das ist ein ziemlicher, ja.
Miriam: Zungenbrecherlein sind ja auch etwas Schönes. Sie sind toll. Es ist super. Um Gelenklichkeit im Mund zu trainieren. Und die Stimme hat für mich sehr vieles von, also wenn wir dieses Wort Technik jetzt mal weglassen, Methode finde ich schon viel schöner. Und ich sehe es noch ganzheitlicher. Das, was ich mit meinem Körper mache, mache ich auch mit meiner Stimme. Das heißt, ich bin gelenkig, ich bin muskulös, ich bin fit, ich bin gesund, ich bin beweglich. Ich kann mich gerade und groß machen und ich kann mich klein. Ich finde da die Bilder schöner, wenn wir unterrichten. Also ähnlich wie du habe ich auch festgestellt, dass es wichtige Dinge gibt, die Menschen wissen dürfen, die gerne sich mit ihrer Stimme befassen wollen und noch besser werden wollen in dem Bereich. Und es gibt auch einfach Sachen, die jeder Mensch sehr individuell für sich vergessen kann aus diesem Bereich.
Richard: Absolut, absolut.
Mindset und Stimme: das Gefühl akzeptieren
Miriam: Schön. Das waren so ein bisschen diese Ausbildungsmissstände, auch die mir aufgefallen sind über die vielen Jahre, die ich auch doziert habe an Rundfunksprecherakademien. Und deswegen kommen wir auch gleich zum ersten spannenden Thema für uns, nämlich wie abhängig oder auch unabhängig ist die Stimme vom sogenannten Mindset ab, also wie ich mich gerade fühle. Ist das an der Stimme spürbar?
Richard: Absolut. Also ich habe, es gibt Menschen, denen liegt die Zunge, das Herz auf der Zunge und das ist bei mir schon so der Fall. Also man merkt bei mir ganz schnell, wie ich drauf bin. Also wenn mich jemand fragt eben, hey, wie geht's dir? Und ich sage, ja, geht ganz gut. Dann merkt der andere sofort, mir geht's so lala, aber so richtig gut geht's mir nicht. Das ist ja auch so ein typischer Satz. Du wartest ja eigentlich, du möchtest ja eigentlich nicht hören, dass der andere sagt, mir geht es nicht so gut. Vom Freund, wenn es ein richtiger Freund ist, würdest du sagen, hey, was ist denn los? Wollen wir darüber reden oder was auch immer? Aber im Grunde genommen ist es ja eher so eine Floskel. Hey, wie geht's? Ja, ja, ganz gut.
Miriam: Super, ein Bekannter von mir fragt nicht mehr, hey, wie geht's dir? Sondern der fragt, hallo, was beschäftigt dich gerade?
Richard: Das ist auch witzig, ne? Das ist schon sehr provokant, muss ich sagen. Aber schön, gefällt mir.
Miriam: Ich mag's auch. Also das Gehirn sofort in so ein...
Richard: Was? Was ist los hier? Gott! Was will der von mir? Der will doch nicht meine Geschichte hören, wie es mir wirklich geht.
Miriam: Das heißt, wenn ich etwas vorhabe mit der Stimme und wir sprechen jetzt konkret die Hörer an, wir haben viele Hörer auch aus den Bereichen Erziehung, Pädagogik, Lehrer, Kindergärten, wir haben Ärzte, die uns zuhören, wir bekommen tolle Zuschriften auch unterdessen. Wir haben Menschen, die wirklich Konferenzen gestalten, die vor Mitarbeitern viel sprechen, viel präsentieren. Wir haben Kollegen, die uns lauschen, also aus allen möglichen Bereichen, Bühne, Film, Fernsehen. Wenn ich weiß, dass meine Stimme sehr viel damit zu tun hat, oder der Klang meiner Stimme, wie ich mich gerade fühle, wie machst du es denn, dass du, bevor du eine Aufnahme machst, änderst du dann deinen Gefühlszustand? Also kümmerst du dich da irgendwie drum?
Richard: Ähm, ja. Ich gebe dir mal ein super Beispiel davon, was die Stimme alles anrichten kann, beziehungsweise, dass es wirklich nicht die Information ist, die wir aufnehmen, sondern das Gefühl, was darunter steckt. Ich habe den Martin Luther gespielt in Palermo. Das war so ein Theaterfestival. Wir wurden da eingeladen. Und es gab in diesem Stück drei Luther. Ich spiele da natürlich den rebellischen. Und es gab den jungen Luther und es gab eben den rebellischen Luther, der die 95 Thesen da... Und es war so, wir kamen dort an, wir hatten zwei Tage, zwei Vorstellungen, die wir spielen durften und das waren alles Italiener und noch dazu katholisch bis ins Bein, ins Mark. Und als dann mein Auftritt kam, fing plötzlich eine Band an zu spielen. Also wohlgemerkt, das war so ein Theater-Musik-Festival. Und richtig scheiße laut, aber wirklich laut, so eine Tina Turner Bluesband, mag ich eigentlich ganz gerne, weil ich spiele ja selber Gitarre und finde ich cool, aber in dem Moment dachte ich mir nur, hallo, wir kommen hier den ganzen weiten Weg hierher, haben zwei Vorstellungen und die kriegen es nicht auf die Reihe, das irgendwie sozusagen zu timen, dass wir irgendwie nicht gestört werden, weil die sind verstärkt, ich nicht. Und mein Auftritt kam und der erste Auftritt war sozusagen am 31., wie es damals ja der Luther gemacht hat. Deswegen gibt es ja auch den Reformationstag. Eine Predigt zu halten vor den ganzen Leuten und zu sagen, hey, morgen ist der 1. November, der Tag aller Heiligen. Aber bitte, ihr braucht die Knochen nicht anzubeten, sondern betet gleich direkt zu Gott. Ihr könnt gleich direkt mit Gott sprechen und so weiter. So, es ging um diese Predigt, den klarzumachen, dass sie selber mit Gott auch sprechen können. Also eine ziemlich längere Predigt. Und wie gesagt, im Hintergrund war dieser extrem laute Sound und ich war so wütend. Ich ging da raus und wie wir es damals auch auf der Schauspielschule gelernt haben, ein richtiges Paradebeispiel. Ich habe diese Wut mit hineingenommen und habe den Leuten das so hingedonnert sozusagen. Und es passierte was ganz komisches. Ich wurde so ein bisschen wie beflügelt. Also es war eine richtig tolle Erfahrung, weil das ging einfach alles in Richtung Publikum. Und die waren die ganze Zeit absolut bei mir, obwohl es Italiener waren. Die haben nichts verstanden, absolut nichts verstanden. Und trotzdem, nach dieser Predigt, weil ich habe mir gesagt, okay, die sind laut, aber ich bin lauter, weil das, was ich zu sagen habe, ist echt, echt wichtig. Und deswegen hört ihr mir jetzt zu. Und genau so war ich dann auch. Hatte ich dann Szenenapplaus. Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, ja.
Miriam: Also ich finde das Beispiel sehr schön, weil es zeigt, dass eine Emotion sehr nützlich sein kann. Für die Kraft in der Stimme, für die Sanftheit. Nur du hast jetzt einfach die Situation genutzt, die im Grunde gegen dein Mindset gewesen wäre. Also vielleicht wärst du ansonsten in einer anderen emotionalen Lage und damit auch mit einem etwas anderen Stimmklang auf die Bühne gegangen. Und wenn du jetzt zum Beispiel, das sind Situationen, die wir oft geschildert bekommen, Fragen, die uns auch gestellt werden, wenn ich gerade was Frustrierendes erlebt habe, und soll dann vor Mitarbeiter gehen und denen einen Businessinhalt verkaufen, in Anführungszeichen. Hast du da einen Trick, wie du dann dafür sorgst, dass deine Stimme trotzdem fest und sicher klingt, dass die nicht spüren, dass bei dir privat gerade irgendwas nicht so gut funktioniert hat?
Richard: Also, es ist so, dass ich gelernt habe, das klingt jetzt ein bisschen esoterisch, aber es funktioniert. Man muss erstmal das akzeptieren, dass man eben sich erstmal so fühlt, wie man sich fühlt. Nicht den Zustand an sich, dass das jetzt passiert ist oder so, aber nur dieses Gefühl akzeptieren. Sobald man sich selber gesagt hat, okay, ich fühle mich jetzt so, das ist jetzt zwar nicht die idealste Situation, weil ich jetzt ja ein Meeting halten muss. In dem Moment kann es aber passieren, dass einem wirklich ein Stein vom Herzen fällt. Weil man muss sich nicht verstellen, trotzdem nicht. Und wir sind trotzdem einfach auch alle Menschen. Und vielleicht sehen sie es einem trotzdem an, dass vielleicht nicht ganz was stimmt. Aber es geht ja darum, ich muss denen was vermitteln. Und wenn ich vorher einfach erstmal klar gemacht habe, okay, geht mir jetzt zwar nicht so gut, ich gehe jetzt da trotzdem irgendwie raus, dieses Gefühl einfach nicht zu bewerten, sondern einfach nur zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Das kann manchmal schon sehr helfen. Und wenn ich dann reingehe... Es ist ähnlich wie Lampenfieber. Man kann beim Lampenfieber, kann es sein, dass man zum Beispiel sich schon vorstellt, oh Gott, jetzt gehe ich dann gleich auf die Bühne und dann kacke ich total ab, dann kriege ich einen Blackout und sonst was. Und wenn man dieses Gefühl, das habe ich jetzt erst bei meinem letzten Seminar, was ich gemacht habe, weil ich habe immer wieder Lampenfieber, das ist auch völlig okay. Man konzentriert sich dann auch auf die Situation und man hat Respekt auch vor der Situation. In dem Moment, wo ich das einfach nur so für mich akzeptiert habe, nur beobachtet habe und auch nicht bewertet habe, war ich frei. Klingt ein bisschen komisch, aber ich habe da nicht mehr daran gedacht, dass ich jetzt irgendwie abhuse, sondern war irgendwie mit meinen Gedanken woanders. Und ich habe mir dann vorgestellt, ich gehe jetzt gleich auf die Bühne und mache jetzt da, habe mir schon vorgestellt, wie das Publikum so ein bisschen reagiert. Ist ein bisschen schwer zu beschreiben, aber wenn man das geübt hat und das kann man üben, indem man es zum Beispiel einfach selber macht.
In der Ruhe die eigene Stimme finden
Miriam: Da sind wir an der wichtigen Stelle. Also gerade beim Üben mit der Stimme. Was ich oft gefragt werde ist: Wie klingt denn meine Stimme am schönsten? Oder was kann ich denn tun, damit meine Stimme so klingt, dass andere Menschen die ganz toll finden?
Richard: Aha, okay.
Miriam: Das ist ja dann wieder dieses sich nach außen richten. Muss ich dafür meine Stimme tiefer machen oder höher? Oder wie kann ich lauter werden? Wie kann ich klarer werden?
Richard: Ja, ja.
Miriam: Ich nehme dann auch immer erstmal den Stress raus und sage, wir kommen ja alle mit einer menschlichen Stimme zur Welt. Und diese menschliche Stimme ist dafür ausgelegt, dass sie unter Menschen wahrgenommen wird als eine Stimme. Punkt. Und wenn ich anfangen möchte, mit meiner Stimme zu spielen, dann sind wir an einer anderen Stelle.
Richard: Richtig.
Miriam: Da, wo die Zauberei losgeht. Und hier gibt es für mich, das möchte ich noch kurz mit dir zusammen klären, weil ich super finde, was du alles weißt und kannst, hier gibt es für mich nochmal einen deutlichen Unterschied zwischen Frauen- und Männerstimmen. Also es gibt noch mehr Unterschiede zwischen Frauen und Männern, nur da gibt es für mich nochmal einen deutlichen Unterschied. Bei Frauen, und das wirst du wahrscheinlich in der Ausbildung ja auch gelernt haben, haben wir oft eine größere Range nach oben, bei Männern tendenziell eher nach unten. Klar, die können bassiger werden und Frauen können sopraniger werden. Und es gibt Bereiche in den Stimmen bei Frauen mehr als bei Männern, lustigerweise, die dann anfangen, so ein bisschen spitz in den Ohren zu klingen. Also piepsig oder so sägend, sage ich ganz gerne. Was oder wie empfindest du das? Du nimmst ja auch im eigenen Studio auf. Nimmst du da nur alleine auf oder hast du gelegentlich auch Frauen da, die da was sprechen?
Richard: Selten. Ich nehme eigentlich hauptsächlich selber auf. In erster Linie. Aber ich kenne das Problem, was du da ansprichst. Ich sage mal so, ich glaube, bevor man anfängt mit der Stimme jetzt großartig zu modulieren oder bewusst zu modulieren, weil man denkt, ich muss ein bisschen tiefer klingen, dann werde ich ein bisschen präsenter und souveräner oder sowas.
Miriam: Achtung Hörer, du hast gerade ein Fachwort gelernt. Ich will es nur nochmal betonen, das ist toll, da kannst du unglaublich punkten, wenn du demnächst beim Vortrag sagst, ich moduliere das jetzt mal anders.
Richard: Und sollte man einfach erstmal, bitte?
Miriam: Was kommt vor dem Modulieren?
Richard: Dass du eben erstmal einfach so deine, ich sag mal, diese normale Stimmfrequenz findest. Also die, die wir eigentlich, die wir alle haben und die vor allem dann zutage tritt, wenn wir ruhig sind. Und jetzt kommt ein richtig abgedroschener Satz, aber in der Ruhe liegt die Kraft. Ist so. Je ruhiger ich bin, desto ruhiger klingt dann auch meine Stimme. Und aus der Kraft und aus dieser Ruhe kann ich auch ganz spitz klingen oder sonst was machen oder Scheiß machen. Weil in dieser Kraft, da bin ich in der Lage, jede Rolle zu spielen. Das ist jetzt meine Meinung. Da gehe ich natürlich nicht konform mit vielen Schauspielleuten, die ihre Methode an den Mann bringen wollen. Weil ich glaube, es braucht nämlich gar nicht so viele Methoden, sondern es braucht einfach nur den Zugang zu der eigenen Stimme und zu dieser Ruhe.
Miriam: Das ist so toll. Eben gerade hast du uns ein riesen Geschenk gemacht. Eben gerade als du aus dieser ganz ruhigen Stimme, ich finde, erstmal den entspannten Klang meiner ganz individuellen Stimme, in dieses Mickey-Maus-Ding gegangen bist. Das ist die Stelle, wo Stimme zaubert. Plötzlich sind alle wach, plötzlich denken alle, was ist denn jetzt? Und dann habe ich die Hörer wieder auf meiner Seite, dann habe ich die Zuschauer wieder bei mir. Also so einen kleinen Ausreißer zu machen, die Stimme in diesem entspannten Bereich zu haben, und das kannst du zu Hause wirklich einfach üben, indem du dir schöne Dinge vorstellst. Ich sage immer, wie würdest du denn einen kleinen Säugling, den du auf dem Arm hast, wie würdest du dem abends gute Nacht sagen? Zum Beispiel. So üben wir das ganz gerne, dass wir das wirklich so andeuten und dann einfach mal die Stimme so runternehmen, wie wir mit so einem kleinen süßen Baby sprechen würden, damit es dann schläft. Wohlgemerkt nicht Tante-Erna-Modus. Sondern eben genau dieses, wie würdest du es wirklich tun? Und dann, daraus dann eben auch die Frage, wie sehr eine Stimme beruhigen, motivieren, umarmen, provozieren kann. Viele unserer Teilnehmer sind dabei sehr, sehr körperlich. Die Stimme tritt in den Hintergrund. Nur ich brauche gar nicht so viel Körper, um jemanden richtig ans Bein zu pissen. Absolut nicht. Jemanden anzufeuern und zu sagen, du schaffst es. Du hast so eine tolle Motivationsstimme. Von dir würde ich so ein Motivationsbuch gern mal eingesprochen hören. Ich glaube, da zündest du Heckantriebe. Millionen.
Richard: Ich habe, glaube ich, sogar eins, aber das ist noch nicht... Da suchen wir, das habe ich für einen Kunden gemacht und das ist so eine Art Motivationsbuch. Da geht es auch so ein bisschen, wie man Erfolg im Unternehmen hat und der hat da so ein paar Gesetze entwickelt und die funktionieren auch wirklich. Das ist ganz interessant.
Die Stimme als Instrument: umarmen, beruhigen, provozieren
Miriam: Also das heißt mit der Stimme beruhigen, mit der Stimme. Ist die Stimme existenziell? Ich glaube mittlerweile nach unserem Gespräch ja.
Richard: Ja, auf jeden Fall. Weil du kannst ja mit der Stimme zum Beispiel, ich mache ja auch sehr viele Hörbücher. Und im Hörbuch habe ich ja den visuellen Aspekt nicht, wie beim Film oder im Theater. Ich sehe also nicht die Gesten, die ich jetzt gerade mache. Und trotzdem, wenn ich ein Hörbuch spreche, mache ich die gleichen Gesten wie beim Film. Ich finde Hörbuch auch näher am Film, weil ich kann auch ein bisschen näher einfach ans Mikro gehen und einfach ganz leise sprechen, ganz vorsichtig sprechen. Oder ich kann eben auch ein bisschen weitergehen und sagen Sie, hören Sie mich da hinten? Hallo? Hallo? Sie? Sowas.
Miriam: Und fällt dir das auch auf, dass es bei manchen Menschen total auseinander geht, dass sie was Nettes sagen wollen und die Stimme klingt total dagegen?
Richard: Ja, absolut.
Miriam: Und das stelle ich oft bei Paaren fest. Wir sind ja viel eingeladen, mein Lebensgefährte und ich, auf irgendwelche Veranstaltungen. Und dann werden wir irgendwo hin platziert, irgendwo hingesetzt. Und dann sitzen wir oft mit anderen Paaren am Tisch. Und die wollen sich im Grunde was Nettes dann sagen. Und die Stimme klingt total so.
Richard: Es ist halt lecker, ne? Gibst du mir mal den Pfeffer, bitte? Ja, okay, ist gut. Aber das hat auch ein bisschen was damit zu tun, wir sind leider, ich bin ja auch verheiratet, auch schon sehr lange verheiratet. Man merkt das dann manchmal nicht, wie man manchmal mit seinem Partner wirklich umgeht, weil es schon so ein bisschen zur Gewohnheit geworden ist, manchmal, in bestimmten Situationen. Und da muss man wieder zurück, dass man wirklich mehr zuhört, weil darum geht es nämlich auch in der Stimme. Zuhören. Und zuhören kann man genauso sich selbst. Das, was man gerade gesagt hat. Was habe ich denn jetzt gerade gesagt?
Miriam: Oder wie habe ich es gesagt?
Richard: Richtig. War das jetzt ein bisschen rüde? War das verletzend oder wie auch immer?
Miriam: Ganz tolles Thema. Ich finde, die Stimme ist so eine Art Joker, die ich immer ziehen kann. Also das heißt, wenn ich merke, eine Diskussion an einem Tisch eskaliert mal und es wird unangenehm und gleich verlässt vielleicht sogar einer die Runde, weil er sich angegriffen fühlt oder so. Oder ich habe ein Gespräch mit einem Menschen, der gerade sehr aufgeregt ist oder so und ich merke mit Argumenten, also mit reinem Inhalt, komme ich jetzt nicht weiter. Dann erinnere ich mich daran, dass ich ein unglaublich machtvolles Instrument bei mir habe, nämlich die Stimme, die ich an der Stelle ganz bewusst dann ein bisschen runterfahre. Oder wenn jemand total down ist und frustriert und ein bisschen depressiv und traurig, dann kann ich Stück für Stück mit meiner Stimme nach oben arbeiten und immer noch ein bisschen heller werden und noch ein bisschen fröhlicher und noch ein bisschen mehr lächeln mit in der Stimme und egal, was ich dem auch immer erzähle. Ich finde, es ist toll und das kannst du zu Hause, der oder die du uns zuhörst, ganz einfach üben. Weil erstmal achten viele Menschen nicht bewusst drauf. Ich finde, die Stimme ist wirklich eine Verbindung auch mit diesem sogenannten Unterbewusstsein des anderen.
Richard: Ist das absolut.
Miriam: Das heißt, es wird dir keiner sagen, oh, jetzt hast du deine Stimme ja seltsam verändert. Sondern die Menschen reagieren auf die Inhalte, die du sagst. Und mit der Stimme kannst du es wunderbar unterstützen. Ich finde das so toll.
Die Angst vorm Albernsein: einfach ausprobieren
Miriam: Da kommen wir gleich auch noch zu einem Thema, das wir in unseren Seminaren total mögen. Erstmal kommt jetzt dieses Üben. Die Angst vorm Albernsein habe ich das genannt, als ich den Podcast zusammengestellt habe. Weil um mit der Stimme zu üben, darf ich so ein bisschen die Fesseln wegwerfen. Wir sind ja alle darauf erzogen, möglichst nicht aufzufallen, weder körperlich noch mit der Stimme. Und ich erinnere mich, dass ich als junges Mädchen mich am allerliebsten zum Beispiel ins Treppenhaus des Mietshauses gestellt habe, in dem wir gelebt haben mit unseren Eltern, weil da war so ein toller Hall, so ein Echo-Hall. Und da zu singen, zu piepsen, zu husten, zu brüllen, das war total toll. Das klang so, als wäre ich in so einer riesigen Halle. Und da habe ich Stunden verbracht, hat meine Mutter gesagt, auf der Treppe sitzend und habe einfach so etwas gemacht wie piep, piep, piep oder lala, lala.
Richard: Oh ja, das kenne ich sehr gut, ja.
Miriam: Das heißt, ich habe das als Kind schon gespielt, mache ich bis heute immer noch. Wir haben im Studio auch so ein Treppenhaus.
Richard: Ja, ich mache das überall. Ob im Auto, also wenn man mich aufnehmen würde, würde man denken, oh, da ist der total durchgeknallt irgendwie. Und ich merke dann selber auch, oh, das war jetzt ein bisschen durchgeknallt, was du jetzt da gerade von dir gegeben hast. Vor allem, ich rede unwahrscheinlich viel mit mir. Ich habe mir viel zu sagen offensichtlich, trotz nach so vielen Jahren. Ja, aber das kenne ich sehr gut, was du da beschrieben hast und das mache ich auch. Und es fängt bei mir schon an, wenn ich aufstehe, dann gehe ich ins Bad und das erste, was ich mache, ich nehme dann irgendwie so einen Neukosmetiker von meiner Frau und mache da gleich so einen kleinen Werbespot daraus.
Miriam: Cool, das kenne ich.
Richard: Kennst du auch, ja? Und spiele da einfach rum. Und wenn ich mit meinen Pelzkindern spazieren gehe oder sowas, dann habe ich eigentlich immer so meine drei Monologe und dann ein paar von den Bangen, Verlangen nach prangenden Wangen. Kennst du vielleicht auch schon? Und dann geht's dann los. Bangen, Verlangen nach prangenden Wangen. Von Hoffnungen, Trunken in Ahnung, Versunken. Oder dann wird's dann ein bisschen normaler. Wanken und Schwanken dem Undank zanken.
Miriam: Kein Heim erwerben und lieben und leben, streben und weben.
Richard: Oder dann geht's dann auch gleich mal in Sein oder Nichtsein. Das ist hier die Frage. Ob's edler im Gemüt die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder sich waffnend gegen eine See von Plagen durch Widerstand sie enden. Sterben, Schlafen und so weiter.
Miriam: So, pass auf, was ich jetzt sagen möchte. Vielleicht sitzen unsere Hörer zu Hause und sagen, ja, erstens kann ich den Text gar nicht auswendig. Das spielt keine Rolle. Genau. Und nur der Schritt ist weit. Weißt du, wenn ich das normalerweise nie tue, weil scheinbar haben wir beide ja eine natürliche Begeisterung für, wir probieren was mit der Stimme aus. Deswegen haben wir ja auch die Berufe, die wir haben. Das wäre eine These von mir.
Richard: Ja.
Miriam: Und vielleicht ist bei jemandem, der einen Business-Vortrag hält oder Konferenzen beschallt, diese Begeisterung noch nie so ausgeprägt gewesen, weil er sich weniger im Theater befindet geistig als wir beide. Nur genau das ist das Geschenk, was wir dir da draußen machen wollen an der Stelle. Tu doch einfach mal so, als wäre das auch ein Theater. Als dürftest du alles machen, von Micky Maus bis Pavarotti, von großem Shakespeare-Zitat mit epischer Stimmlage bis hin zu Pippi Langstrumpf. Also es funktioniert alles und je mehr du mit deiner Stimme ausprobierst und es geht wunderbar, wenn du alleine bist. Also gerade im Auto, Auto ist toll, Auto ist super. Da hört dir keiner zu, wenn dich an der Ampel einer sieht, wie du gerade den Stimmer machst, super.
Richard: Ja, das ist wirklich, was ich da so manchmal ablasse, das passt auf keine Kuhhaut.
Miriam: Es ist super, dass wir das, wir hatten das vorher nicht besprochen. Und scheinbar ist es eins dieser Dinge. Das ist gerade eine Entdeckung für mich. Ich habe mir das gerade aufgeschrieben, auch für die Seminare. Meine Güte, spiel doch einfach ein bisschen damit rum, wenn du besser werden möchtest. Ich kenne das auch von Zauberern übrigens. Zauberer, die so Kartentricks machen. Ich bin da nicht so geschickt und ich habe auch keine riesen Begeisterung dafür. Nur ein paar meiner Kollegen können das richtig gut. Die haben ständig ein Kartenspiel dabei. Ständig. Und du siehst die ständig, wenn die irgendwo sitzen und es ist eine Unterhaltungsrunde, haben die so unauffällig das Spiel in der Hand und dann machen die diese Shuffles und dann heben die so mit einer Hand, drehen die das so umeinander und es sind ständig so kleine Übungen, die die machen. Und dadurch bleiben die fit und dadurch erweitern die ihre Möglichkeiten. Wenn du besser werden möchtest, wenn du noch besser werden möchtest, dann tu was mit dem Instrument, mit dem du besser werden möchtest.
Richard: Man muss sich selber mögen auch. Gut, in meinem Fall ist es natürlich auch jetzt noch spezieller. Ich muss mich natürlich auch irgendwie mögen müssen, wenn ich jetzt meine Rollen spiele und so weiter. Das funktioniert gar nicht, ohne dass ich mich selber mag. Aber jeder sollte sich einfach so akzeptieren, wie er ist. Er kann durch verschiedene Methoden oder wie auch immer, kann er mehr aus seiner Stimme rausholen, also auch jetzt durch Übungen spezielle. Aber im Grunde genommen soll er sich erstmal so akzeptieren, wie seine Stimme eben klingt und ausprobieren. Je mehr ich das mache, je mehr ich ausprobiere, desto besser werde ich. Ist eine ganz einfache Sache. Ich spiele seit 20 Jahren Gitarre. Wenn ich nicht spielen würde oder wenn ich mir das nur vorstellen würde, wie ich spiele, werde ich dadurch nicht besser. So einfach ist das manchmal.
Miriam: Ich glaube, dass ein guter Sprecher, und ich kenne viele Sprecher, die haben so wie du, so wie ich, auch eine Ausbildung gemacht. Ich kenne genauso viele, die niemals eine Ausbildung gemacht haben. Und die auch virtuos mit ihrer Stimme umgehen. Denn unser Stimmapparat ist ja dafür da, dass wir ihn zum Sprechen benutzen. Und nochmal, die allerbesten Fortschritte machst du zu Hause dadurch, dass du deine Stimme in ihren unterschiedlichsten Varianten entdeckst. Dieses sich selbst lieben und sich selbst mögen und sich selbst schätzen, wertschätzen mit diesen ganzen Skills.
Richard: Richtig, korrekt.
Miriam: Ist für viele Menschen ein ganz schöner Schritt, weil ich kenne so, es ist wirklich der absolute Überhang von Menschen, die oft in so einer Selbstbeschimpfung unterwegs sind. Die sich die schlimmsten Dinge sagen, sogar offen, auch nicht mal nur im Kopf, sondern ich mache denen ein Kompliment, ich sage, boah, deine Frisur sieht heute super aus und es kommt sofort, ja, ja, also gestern war es besser. Also die wollen auch nie so, wie ich will. Also es ist eine ständige Selbstbeschimpfung. Tatsächlich, das zu entdecken, das zu spüren, auch was die Stimme angeht. Wenn ich jetzt dir da draußen, der du uns zuhörst, ein Mikrofon vor die Nase halten würde und würde sagen, sprech uns doch mal einen kleinen Text ein. Was würde passieren? Würdest du sagen, oh, erst würde ich mal probieren? Oder würdest du sagen, nee, nee, lass mal, das klingt total scheiße immer, wenn ich was in Mikrofone spreche. Weil das ist genau, ich sage immer, das ist das Fotosyndrom. Ich sehe auf Bildern immer doof aus. Ich klinge auf Sprachaufnahmen immer doof.
Richard: Ja, ja.
Miriam: Nein, wenn es so schon ist, wen wundert es, dass das mit der Stimme noch nicht so ist, wie du es vielleicht planst oder haben möchtest?
Richard: Es gibt ein ganz super Beispiel, was man erreichen kann. Natürlich kann nicht jeder der super, super, duper Sprecher werden, ist ja keine Frage. Jeder hat, finde ich, jeder hat eine Berufung. Meine Berufung habe ich gefunden, ganz sicher. Ich bin Sprecher und Schauspieler und das macht mir auch wahnsinnig viel Spaß. Aber es gibt ein einfaches Beispiel. Meine Frau und ich gucken immer gerne ein bisschen Junk-TV und das nennt sich dann DSDS zum Beispiel. Und dann gibt es doch den einen von der ersten Stunde, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Verflix nochmal, wie heißt er nochmal? Auf jeden Fall, der war in der ersten Staffel schon da und in der letzten Staffel war er auch da. Der ist jedes Mal dabei und ist fünfmal durchgerasselt, mit Sicherheit, aber er hat an sich gearbeitet. Das heißt, er hat sich damit beschäftigt. Er ist immer noch kein toller Sänger, aber er trifft mittlerweile die Töne nach zehn Jahren. Das ist jetzt ein bisschen eine lange Zeit. Es ist einfach nur auch ein Prozess. Wenn ich mich damit beschäftige, darf ich nicht erwarten, dass ich von heute auf morgen gleich die super Fortschritte mache. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto besser wird es.
Subtext: warum die Emotion zählt, nicht nur die Information
Miriam: Oh, wie schön. Und jetzt kommen wir zu einem Thema, wir sind schon viel zu lang. Also es ist ein super langer Podcast.
Richard: 34 Minuten sehe ich schon.
Miriam: So viel geschenkt. Subtext. Achtung, schon wieder, tolles Besserwisser-Wort. Subtext. Schauspieler wissen, was das ist, Sprecher wissen, was das ist und mittlerweile auch immer mehr Menschen, die sich mit Mindset befassen. Was bedeutet genau Subtext und warum finden wir Sprecher das so cool?
Richard: Also Subtext ist eigentlich nichts anderes als die Emotion, die drunter steckt, der Gedanke, der drunter steckt, weil die Information, die der andere aufnimmt, ist nur marginal. Das, was er aufnimmt, ist wirklich zu 90 Prozent sind die Emotionen, die darunter stecken. Also wenn ich jemanden begrüße, zum Beispiel, ich habe ein Geschäft und ich begrüße jemanden. Ja, schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun? Da fühle ich mich nicht besonders gut aufgehoben, ehrlich gesagt. Oder dieses typische, man ruft irgendwo an, ja, guten Tag, hier ist Meissner, was kann ich für Sie tun? Das gibt es auch. Also jetzt ein bisschen übertrieben, aber eigentlich gar nicht. Nee, es klingt dann wirklich so.
Miriam: Nee, ist noch nicht mal übertrieben.
Richard: Noch nicht mal übertrieben, eigentlich noch untertrieben geradezu. Die Information ist, ja, guten Tag, mein Name ist Meissner, was kann ich für Sie tun? Das ist die Information. Das, was aber rüberkommt, ist, boah, ist der gelangweilt am Telefon. Und wenn ich jetzt irgendwie sage, ich brauche jetzt mal, brauche Support. Also man wird schon quasi am Telefon abgewiesen.
Miriam: Toll, auch tolles Beispiel.
Richard: Servicewüste Deutschland.
Miriam: Ja, und die Leute sagen gar nichts Falsches am Telefon. Nein, die Info ist die gleiche. Und trotzdem wird nach dem Auflegen interpretiert, boah, das ist weit weg von kundenfreundlich. Der war ja frech.
Richard: Absolut. Ich könnte ja auch sagen, schönen guten Tag, hier ist Meissner, was kann ich für Sie tun? Das klingt schon wesentlich offener und freundlicher. Ne? Zum Beispiel.
Miriam: Es ist so schön, diese Subtextübung funktioniert mit kleinsten Worten. Das ist eine tolle Übung, die du zu Hause machen kannst. Machen wir im Seminar auch. Als allererstes einfach das Wort Ja. Ich kann sagen Ja oder Ja oder Ja. Ich kann es auf unterschiedlichste Weise sagen und es verrät schon etwas darüber, wie ich mich fühle, was ich darüber denke. Wie auch immer. Das ist Subtext. Also ein Wort ist das eine, wird natürlich dann spannend, wenn ich es verquer nehme. Also wenn ich so einen Satz wie ich liebe dich total aggro rausspreche. Das ist dann wirklich so für Fortgeschrittene oder für die, die besonders viel Spaß haben, sich mit der Sprache besser zu drehen. Das kann ich ja aussprechen wie ein Schimpfwort.
Richard: Natürlich.
Miriam: Super. Ich finde, es macht einen riesen Spaß. Und es ist wichtig, das auf dem Schirm zu haben. Du kannst es ganz spielerisch angehen am Anfang und kannst wirklich einfach nur mal so rumexperimentieren, wenn du einen völlig anderen sogenannten Subtext unter deinen Inhalt parkst. Und du kannst mal beobachten, wie oft es unterbewusst missverständlich benutzt wird. Wobei der Subtext das Elementare ist. Die Menschen würden dir nämlich die Wahrheit ihres Gefühlszustands über den Subtext verraten. Der Inhalt ist nicht so wichtig. Das, was du ja auch schon gesagt hast.
Richard: Das, was wirklich ankommt, ist die Emotion. Das heißt, wenn ich etwas verkaufen will, zum Beispiel als praktisches Beispiel, ich bin Verkäufer.
Miriam: Du sprichst mit einer Teleshopping-Moderatorin, mein Lieber.
Richard: Eben, also, dann weißt du das ja auch. Genau, also dann musst du das eben auch entsprechend anbieten. Und du musst auch vor allem überzeugt sein. Also ich meine, du musst von dem Produkt überzeugt sein. Dann funktioniert es am besten.
Miriam: Oder von dem Gedanken dahinter.
Richard: Schön, dass du es ansprichst.
Miriam: Wir haben 18.000 Artikelgruppen bei QVC. Ich bin nicht von jedem einzelnen Produkt überzeugt.
Richard: Kann ich mir vorstellen.
Miriam: Es gibt welche, die würde ich mir bestellen und es gibt ganz viele, die bestelle ich mir nicht und die habe ich auch nicht zu Hause. An der Stelle frage ich mich, wen stelle ich mir jetzt vor, dem das Produkt richtig Freude macht? Weil wenn ich dann 10.000 Stück davon verkauft habe, gibt es ja offensichtlich Menschen, denen das gefällt, auch wenn es mir persönlich nicht gefällt.
Richard: Ja.
Miriam: Das heißt, ich kann mir einen Weg suchen, das, was ich verkaufe, gut zu finden. Vielleicht die Handlung, dass ich hier stehe und darf überhaupt was verkaufen, kann ich gut finden.
Richard: Ja, weil es anderen ja Nutzen bringt. Und dann kann ich mir sagen, ja, super, für den ist es bestimmt geeignet und deswegen verkaufe ich dieses Produkt. Weil es an sich ein gutes Produkt ist, ich kann damit nichts anfangen, aber es gibt mit Sicherheit jemanden, der damit was anfangen kann. Und dann hast du ja auch trotzdem den positiven Gedanken dahinter, im Grunde genommen. Und bist dann auch von dem Produkt indirekt überzeugt.
Miriam: Wichtiger Tipp! Überleg dir, wenn du einen Vortrag hältst oder wenn du vor andere gehst, mit denen du sprechen willst, überleg dir wirklich den ersten Satz mal fertig und sprich den mal. Nur für dich im Treppenhaus, wo es schön hallt. Dann gib mal Vollgas. Schau mal, wie sich das anfühlt. Wie machst du das bei Hörbüchern, Richard? Du sprichst ja dann vermutlich auch wörtliche Rede da drin. Bücher, in denen wörtliche Rede vorkommt. Woran erkennst du den Subtext? Gibt sich das aus der Handlung oder ist es auch eigene Interpretationsfreiheit an manchen Stellen?
Richard: Ja, ist es auch das und manchmal ist es einfach so, wie es dann auch beschrieben ist. Ich stelle mir die Situation vor, ich habe mittlerweile auch so ein Ding, dass ich mir die Situationen, es ist manchmal ganz komisch, ich stelle mich in dieser Situation vor als diese Person und mich wiederum als die andere Person, mit der sie spricht, und sehe, wie die andere reagiert, ohne das zu beeinflussen. Klingt ein bisschen komisch, aber das muss man üben.
Miriam: Ist das wie ein Film vor dem inneren Auge?
Richard: Das ist ein innerer Film, den ich abspielen lasse, der dann von selber sozusagen durch den Text, den ich da habe, sich dann ergibt. Und dann versuche ich, die Situation so aufzudröseln. Mir ist immer wichtig, das, was der Autor geschrieben hat, deswegen mache ich auch nur gute Bücher. Die müssen auch gut geschrieben sein. Mir ist wichtig, ich merke dann irgendwie schon oder habe das Gefühl, was der Autor eigentlich damit sagen wollte. Und somit kann ich das dann entsprechend interpretieren oder kann ich dann den Subtext drunterlegen oder die Situation oder die Intention, die Absicht, die dahinter steht, kann ich dann entsprechend drunterlegen. Manchmal ist es aber auch so, ich höre mir das nochmal an und denke mir dann... Ah, nee, das ist zu wenig. Der muss ein bisschen extremer sein. Und dann nehme ich das nochmal auf. Also ich habe eine gesunde Selbstkritik, aber ich höre mir das immer sehr objektiv an, so weit es halt geht. Und versuche dann da, die Situation noch mehr rauszukitzeln, falls die für mich noch nicht so richtig stimmig ist.
Zusammenfassung und wo du Richard findest
Miriam: Mhm. Ich fasse jetzt mal nur kurz zusammen, was ich so aus diesem Podcast für mich mitgenommen habe. Zum einen kann ich mit einer entspannten Grundhaltung auf die komplette Virtuosität meiner Stimme zugreifen. Das heißt, in dem Augenblick, wo ich durchatme und mich besinne und mich in eine etwas ruhige Lage begebe, oder einfach dieses Entspannte mit ich fühle mich jetzt so oder das ist jetzt die Situation, das ist jetzt der Raum, das ist jetzt die Begebenheit, geht meine Stimme fast automatisch mit. Dann hatten wir darüber gesprochen, dass Stimmendynamik etwas ist, was Menschen üben können, dadurch, dass sie die Fesseln fallen lassen und mal wieder Vollgas geben. Auch ganz alleine im Auto oder im Keller. Einfach mal Vollgas geben von Mickey Maus bis Pavarotti. Mal schauen, was geht mit meiner Stimme? Kann ich einen Dialekt? Kann ich besondere Dinge, die andere vielleicht nicht so gut können? Kann ich besonders hoch sprechen, besonders tief? Wie klingt das dann? Wie fühlt sich das für mich an? Kann ich das einsetzen an der einen oder anderen Stelle? Tolle Übung auch beim Vorlesen von Kinderbüchern abends für die Kinder. Die freuen sich ja eh, dass vorgelesen wird. Und da kann ich als Erwachsener echt mal üben. Also da kann ich einfach Vollgas geben.
Richard: Ja, richtig.
Miriam: Da kann ja nichts schief gehen, außer dass die Kinder sagen, wieso hat die Prinzessin noch höher gesprochen? Ja, ich wollte mal probieren, wie sie so klingt. Genau, genau. Also das ist toll. Die Stimme kann im Gegensatz zum Körper ganz ohne körperliche Berührung umarmen, motivieren, anstupsen. Also all das, was ich körperlich tun kann, kann die Stimme auch, vorausgesetzt ich lasse es zu. Und Subtext, ganz spannendes Thema, wie kommen Missverständnisse über die Stimme zustande und wie kann ich das erreichen, dass meine Aussagen ganz klar sind, weil die emotionale Stimmlage mit dem Inhalt dessen, was ich sagen möchte, übereinstimmt. Passt das so?
Richard: Ja, absolut, absolut.
Miriam: Voll gut. Richard, unsere Zuhörer wollen dich jetzt hören. Wir wollen alle mehr von dir, weil das war fantastisch, was du in dem Podcast gemacht hast. Gib uns bitte Futter. Wo können wir dich kaufen, hören, sehen, erleben?
Richard: Also ich habe, jetzt kommt gleich, was heißt gleich, in sieben Tagen kommt ein neues Hörbuch raus. Allerdings ist das ein sehr extremes Hörbuch, also nicht für schwache Mägen geeignet, weil da spreche ich einen Serienkiller. Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, allerdings muss ich auch sagen, habe ich das immer tagsüber aufgenommen und nicht nachts, weil ich dann doch irgendwie manchmal so vor jedem kleinen Knarzen, was ich dann so gehört habe, zurückgeschreckt bin und dachte mir, nee, ich muss das tagsüber aufnehmen. Das war immer schon so, als Kind habe ich mir Horrorfilme auch immer nur tagsüber angeguckt, weil nachts war mir das irgendwie zu gruselig. Und was ich gerne machen würde, ich würde gerne einfach ein komplettes Hörbuch, was demnächst wie gesagt rauskommt auf Audible, verlosen. Da schicke ich dir dann auch entsprechend die Möglichkeit, dann kannst du das deinen Zuhörern weitergeben, wenn das jetzt okay ist.
Miriam: Toll, ja klar.
Richard: Wie gesagt, ich sage vorher schon, es ist schon ein Hörbuch, da geht es auch sehr Splatter-mäßig unter anderem zu.
Miriam: Ich schreibe das nochmal dazu, dass die Schwachseite... Ja, genau, dass es vielleicht dann weniger interessant ist für Sie.
Richard: So, ansonsten kann man mich hören? Ich habe mittlerweile so einen kleinen Blog bei mir eingerichtet. Ich habe ja auch ein kleines Hörfeature, das nennt sich Hörhäppchen, das Original. Ich habe es deswegen das Original genannt, weil falls mich mal jemand kopieren sollte, dann war ich das Original. Okay, Hörhäppchen als Original und da veröffentliche ich immer kostenlos Texte als Kurzhörbücher. Diese Idee entstand eigentlich dadurch, dass ich einfach den Kunden mal was Gutes tun wollte, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Das war so eine Art Dankeschön und dann dachte ich mir, ach, warum soll das nur für diese Kunden sein, poste es doch gleich irgendwie auf Soundcloud, dann haben andere auch noch was davon.
Miriam: Also wo finde ich die Hörhäppchen?
Richard: Die Hörhäppchen findest du auf meiner Seite unter www.richardheinrich.de
Miriam: Das schreibe ich unter diesen Podcast, das können unsere Hörer sofort finden. Die Seite ist übrigens super. Also ich habe ja in meiner Vorbereitung bin ich auf dieser Seite rumgesurft den ganzen Abend. Da gibt es auch tolle Hörproben von Richard. Wenn du mal einen richtig guten Sprecher brauchst für deine Wortprojekte, für Vorträge, für alles Mögliche, dann ruf Richard an. Richard unterrichtet auch. Richard doziert im Bereich Stimmbildung. Richard hält Vorträge darüber. Also wenn es irgendwo Kongressgeschichten gibt, dann meldet euch bei Richard über www.richardheinrich.com war das, ne?
Richard: Punkt.de.
Miriam: Punkt.de. Richardheinrich.de.
Richard: Genau.
Miriam: Da gibt es ja auch Kontaktmöglichkeit zu dir direkt, also da ist keine Agentur dann zwischengeschaltet.
Richard: Nein, nein, das ist alles gleich direkt, also das geht auch direkt an mich und wer eben diese Hörhäppchen hören möchte, der findet das unter dem Reiter Blog. Also da veröffentliche ich das immer und die findet man auch wiederum auf meiner Soundcloud-Seite. Da wäre der Link jetzt ein bisschen zu kompliziert. Eigentlich reicht das, wenn Sie auf meine Seite gehen, weil ich habe die ganzen Hörhäppchen, die auf Soundcloud sind, sind auch mittlerweile direkt auf meiner Seite, direkt anhörbar.
Miriam: Voll schön. Lieber Richard, von Herzen danke für diesen tollen Podcast. Und dass du mit deiner Stimme nicht nur tolle Arbeit ablieferst, sondern auch so viele Menschen mitnimmst ins Geschichten erzählen und ins Zuhören und ins gebannte Lauschen. Vielen, vielen Dank. Ich hoffe, wir finden uns noch für andere Projekte, weil es einen Riesenspaß gemacht hat.
Richard: Ja, hat mir auch sehr viel Spaß gemacht und ja, das ist eigentlich mein Anliegen. Ich möchte die Leute unterhalten, ich möchte ihnen Geschichten erzählen, so dass sie, ja, ich möchte sie irgendwie ablenken. Das ist meine Aufgabe als Schauspieler und als Sprecher, dass sie von ihrem Alltag abgelenkt werden und wenn mir das gelingt, dann habe ich meine Sache gut gemacht.
Miriam: Das machst du jeden Tag. Lieber Richard, ich wünsche dir eine tolle Zeit mit vielen spannenden Projekten. Wir werden das verfolgen. Und ja, wir haben bestimmt nochmal was miteinander zu tun, weil es richtig gut passt. Also von daher ganz liebe Grüße und hab eine tolle Zeit.
Richard: Vielen lieben Dank, Miriam. Vielen Dank für den Podcast und ja, vielen Dank euch allen, dass ihr mir zugehört habt.
Miriam: Alle Infos zu unserer Arbeit gibt es wie immer unter www.kontext*denken.de, auch zu unseren Seminaren. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann mal ein tolles Seminar zusammen mit Richard. Fällt mir gerade so auf. Überlege ich mal, denke ich mal drüber nach. Bis nächsten Dienstag. Tschüss ihr Lieben. Tschüss.