Wie oft hast du dir vorgenommen, etwas Neues zu lernen — eine Sprache, ein Instrument — und irgendwann doch aufgehört? Aline Champion, Erste Geigerin der Berliner Philharmoniker, weiß, wie sich das anfühlt: die 15-Stunden-Tage von früher, das Cheaten beim Üben, den Preis dafür auf der Bühne. In diesem Gespräch mit Miriam geht es ums Dranbleiben — und darum, wie eine Weltklasse-Musikerin sich das Üben heute leichter macht, als du vielleicht denkst.
Von der ersten Geige mit fünf
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt. Und mit Miriam Deforth und Florian Groß. Ein wunderschönes Hallo aus Berlin. Ich bin in Berlin. Es ist großartig. Und ich bin nicht nur in Berlin, ihr Lieben. Das hier wird ein Special-Podcast mit einer Frau, die ich, Achtung, jetzt wird es kompliziert, in London kennengelernt habe und die zu den ersten Geigen in der Berliner Philharmonie gehört. Erste Geigerin dort ist. Und jetzt dürfen wir alle gemeinsam von Aline Champion etwas lernen. Es geht ums Dranbleiben. Großes Thema, wir haben schon mehrere Podcasts dazu gemacht. Wie oft hast du dir schon, lieber Hörer, liebe Hörerin, vorgenommen, was Neues zu lernen? Eine Kollegin von mir ganz super Klavier spielen, vielleicht eine neue Sprache sprechen, Englisch, Spanisch, Französisch, Suaheli, was auch immer. Und hast damit angefangen und es lief erstmal auch toll und du konntest dir plötzlich eine Pizza auf Italienisch bestellen und dann hast du aufgehört zu üben und warum? Wie funktioniert das mit dem Dranbleiben? Und wenn ich Menschen wie Aline treffe, dann habe ich jemanden vor mir sitzen, der offensichtlich zumindest irgendwann in seinem Leben mal dran geblieben ist, denn sonst ist ja in der klassischen musikalischen Welt so weit nicht zu kommen. Hallo liebe Aline!
Aline: Hallo!
Miriam: Wann hast du mit dem Geigespielen begonnen?
Aline: Ich habe mit fünf angefangen. Meine Eltern erzählen mir, dass ich schon mit drei unbedingt spielen wollte und mir eine Geige zum Weihnachten gewünscht habe und zum Geburtstag. Und als sie sagten, das geht doch gar nicht, weil sie überhaupt nicht Musiker sind, habe ich gesagt, dann will ich gar nichts anderes.
Miriam: Sehr cool.
Aline: Das ist die schöne Geschichte von meinen Eltern. Was ich mich erinnern kann, ist, dass es gleich Spaß gemacht hat.
Miriam: Super.
Aline: Ich hatte auch das Glück, eine ganz tolle Lehrerin zu haben, die ich sehr, sehr geliebt habe. Und ich habe mich so gefreut, jede Woche es mal zu sehen und dann relativ bald zweimal pro Woche zu sehen. Und ich habe auch bemerkt, wenn ich gut spiele, dann mache ich sie glücklich. Und dann habe ich einfach geübt, weil ich gut spielen wollte, weil ich sie glücklich machen wollte.
Miriam: Also das war deine Strategie als Kind, höre ich da jetzt raus.
Aline: Ja.
Miriam: Wie viel Zeit am Tag hast du denn als Kind mit der Geige verbracht? Oder wusstest du von Anfang an, ich werde Profi, ich werde Berufsgeigerin?
Aline: Nee, das wusste ich gar nicht. Ich habe mir das gar nicht so viel überlegt. Ich habe einfach... Ich wollte einfach Geige spielen. Aber ich habe mich gar nicht überlegt, ich wollte Floristin werden auch. Und irgendwann habe ich einen Geigenbauer gesehen und ich dachte, ein Geigenbauer ist auch schon toll. Aber ich wusste nicht wirklich. Ich wollte einfach gut Geige spielen. Das war für mich wichtig.
Miriam: Und wie viel Zeit hast du als Kind mit der Geige verbracht am Tag? Weißt du das noch?
Aline: Das weiß ich nicht mehr. Ich habe keine Erinnerung. Ich weiß, ich habe mit zwölf angefangen, Solokonzerte zu spielen, regelmäßig. Ich kann mich an die Überzeit nicht erinnern. Ich kann mich erinnern an die Zeit auf der Bühne. Ich kann mich an die Zeit kurz vor der Bühne auch erinnern, manchmal, in manchen Konzerten, mit der Aufregung. Ich kann mich an das Üben selber nicht erinnern, was ich jetzt im Nachhinein total spannend finde, weil es sieht so aus, dass es nicht so wichtig war. Ich habe es einfach getan, was nötig war, gerade was nötig war, dass ich auf der Bühne stehen kann und das spielen kann, wie ich das spielen wollte. Aber wie oder wie lange oder die genauen Details, das war nicht so wichtig.
Miriam: Gut, dann haben wir jetzt alle viel dazugelernt. Also am besten du übst einfach und vergisst es dann. Und dann kannst du plötzlich Italienisch. Das ist doch gut. Also ich meine, so einfach ist es eben für viele doch nicht. Viele Leute haben ja schon den Eindruck, oder es wird ja auch vielen beigebracht, wenn ich ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, wenn ich eine neue Fähigkeit mir aneignen möchte, dann gibt es eine Zeit des Fleißes und des Dranbleibens und des manchmal ja auch harten Arbeitens und Übens an so einer Sache. Und ich glaube, dass viele Menschen neue Dinge eher über diesen Weg angehen, auch schon mit dem Wissen, mit der Gewissheit, dass das heftig werden könnte. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die ist jetzt im zweiten Bildungsweg Heilpraktikerin geworden. Und das ist ja eine Ausbildung, die erstmal mit sehr viel Auswendiglernen zu tun hat und dann auch noch eine sehr aufwendige amtsärztliche Prüfung beinhaltet und da war von Anfang an, schon bevor das losging, drehten sich unsere Gespräche immer nur um diese so, hoffentlich halte ich das durch, hoffentlich höre ich nicht irgendwann auf mit dem Lernen, hoffentlich werde ich nicht irgendwann zu faul, also es waren so diese Ängste, die da auch im Raum waren.
Talent, Begeisterung und die Arbeit dahinter
Miriam: Heute durfte ich ein Konzert hören in der Philharmonie, bin immer noch völlig bewegt. Ich werde darüber einen Blog schreiben, ihr Lieben. Es will aus mir raus. Wenn ich die Musiker erlebe in der Philharmonie, dann ist bei mir sofort im Kopf, die haben 24 Stunden am Tag geübt irgendwann mal in ihrem Leben, sonst wären sie nicht so brillant. An welche Zeit des Übens erinnerst du dich denn? Gibt es eine Zeit, an die du dich erinnerst?
Aline: Ja, diese Zeit mit Fleiß und viele Stunden im Leben von einem Geiger. Ich kenne keinen Geiger, der ein richtig großes Niveau erreicht hat und diese Zeit nicht hinter sich hat oder immer noch macht. Ich bin auch der Meinung, alles was man richtig gut machen möchte, es gehört immer Disziplin und Selbstdisziplin und Arbeit dahinter. Talent ist wunderbar und das ist eine ganz tolle Hilfe und vielleicht auch notwendig. Das weiß ich, manchmal weiß ich selber nicht, wie viel Talent man wirklich braucht oder ob Talent einfach nur auch eine Leidenschaft für ihn, was ist, die uns die Kraft gibt, diese Arbeit, die man auch braucht, einfach nur körperlich auch, als Geiger, diese Arbeit auf dem Instrument, dass man sicher ist, dass man die Technik kriegt, dass man die Feinmotorik schleift, das ist wirklich physische Arbeit und das braucht leider... Seine Zeit.
Miriam: Du hast leider gesagt und gleichzeitig hast du von einer Art Begeisterung gesprochen. Also du hast es Leidenschaft genannt. Im NLP würden wir es eher Begeisterung nennen für etwas. Und wenn Begeisterung dahinter ist. Dann ist für mich oder die Erfahrung, die ich im Leben gemacht habe bei neuen Fähigkeiten, die ich mir angeeignet habe, war zum einen die Begeisterung auf ein Ziel, also auf etwas hinzuarbeiten, was dann auf einmal da ist, was ich mir wünschen würde, zum Beispiel in so einem fantastischen Orchester irgendwann zu spielen. Und auch die Begeisterung für das Metier selbst. Also bei mir ist es deutlich die Sprache und immer wenn ich mir eine neue Kommunikationstechnik aneigne, ist das auch wieder das viel Lesen, viel Üben. Ich übe in Selbstgesprächen, ich übe in Trainings mit anderen Menschen. Ich bin da sehr, sehr fleißig dann. Das ist getragen von der Begeisterung. Und es gibt auch bei mir Augenblicke, zum Beispiel eben auch Verprüfungen und so weiter, wo ich merke, es ist schon mehr ein Pflichtbewusstsein als eine Begeisterung, obwohl es um etwas geht, was mich begeistert. Gab es solche Augenblicke bei dir, wo du gar keine Lust hattest zu üben, obwohl es dich begeistert hat?
Aline: Ja, und heute auch noch ganz viele.
Miriam: Oh, wir sind unter Menschen.
Aline: Aber was du sagst, und das ist wirklich richtig, so für mich ist es so, ich weiß, ich habe ein Konzert in zwei Tagen und ich weiß, was ich brauche, um dieses Konzert... Nach meinem Maßstab zu spielen oder auch meine äußeren Maßstäbe, auch nicht nur meine eigene, die kommen zuerst meine eigene, aber auch die äußeren Maßstäbe, was von mir verlangt ist, von meiner Außenwelt, dann was ich tun muss dafür. Das heißt, ich habe auch den klaren Ziel vor dem Auge, okay, da muss ich hin und was brauche ich dafür? Und das kann ich auch manchmal besser, manchmal schlechter aufteilen mit der Zeit, die ich habe. Was mache ich wann? Okay, ich sehe das ganz große Stück und sage, okay, wie kriege ich das hin mit der Zeit, die ich habe? Wie kriege ich das gebacken, das ganz große Stück Kuchen? Und versuche oder teile das irgendwie in machbaren kleinen Schritten auf und es macht nicht immer Spaß. Das ist manchmal was einfach nur notwendig ist, um erstmal dieses Level zu erreichen, was ich brauche und was gefragt ist auf der Bühne und auch, dass ich mich dabei gut fühle, weil manchmal kann ich es auch ein bisschen... Ich wollte sagen Cheaten. Und nicht so ganz alles mit dem besten Gewissen da, so ein bisschen Cheaten. Und ich weiß, das zahle ich dann auf der Bühne, dieses Cheaten. Das werde ich den Preis spüren. Das kostet mir sehr viel mehr Energie. Ich muss da auch wieder ein bisschen Cheaten auf der Bühne. Und das ist kein schönes Gefühl. Ich mag es nicht. Und das ist eine sehr gute Motivation, um das nicht zu machen, zu Hause, dieses Cheaten, dass ich weiß, wenn ich wirklich diese Arbeit mache, und manchmal ist es wie beim Zahnarzt gehen, es muss einfach gemacht werden und einfach Augen zu und durch, dann fühle ich mich im Konzert besser. Und wenn ich das wirklich gut gemacht habe, kann es sogar Spaß machen.
15 Stunden am Tag — und was wirklich hilft
Miriam: So, da war jetzt ganz viel dabei. Ich fasse das mal kurz zusammen für mein Gehirn vor allen Dingen, vielleicht auch für das von dem einen oder anderen Hörer. Also zum einen gibt es ein Ziel und dieses Ziel kann ein Konzert sein, das ansteht. Das heißt, es gibt so eine Art Frontantrieb. Also du weißt, da willst du brillant sein und alle Erwartungen erfüllen, deine eigenen und auch die von, klar, den Menschen, die verantwortlich sind. Und dann organisierst du dir eine Art Arbeitsplan, kann ich das so nennen, in Abschnitten, die machbar scheinen für deinen Kopf, da ist ja jeder Mensch anders, ich finde das eine super Maßnahme. Wie lang sind die Übestrecken, wo du nonstop übst, bis du eine Pause machst oder was tust du dann, belohnst du dich dann oder ist das ein Erstbelohnen, wenn das Konzert ist, wie stelle ich mir das vor? Die Arbeitsstrecken meinte ich nicht zeitlich unbedingt, ich machte erstmal auch...
Aline: Und das, was du ansprichst, finde ich auch sehr, sehr wichtig. Manchmal rede ich mit Studenten und die sagen, oh, ich habe eine Prüfung in einer Woche, ich muss ganz, ganz viel üben. Und ich habe gesagt, okay, wie... Wie übst du dann? Was heißt ganz, ganz viel? Und er sagte, oh, ich übe so viel ich kann. Wie so viel du kannst. Wie viel ist das so viel du kannst? Oh, bestimmt zehn Stunden am Tag. Und ich habe das als Student, als junger Mensch, das auch gemacht. Ich glaube, mein Rekord war vielleicht 15 Stunden am Tag. Und nicht nur einen Tag, sondern vielleicht zwei, drei Wochen lang. Ich würde es heute meinen Studenten nicht empfehlen, das zu machen. Erstmal habe ich gelernt, dass mein Gehirn das gar nicht so alles aufnehmen kann. Und das ist viele von diesen Studenten einfach nur ein rein... Es hat mir irgendwie eine Sicherheit gegeben, aber die habe ich gelernt, ich kann die anders kriegen, als jetzt mich 15 Stunden da mit der Geige zu manchmal, ich wollte sagen, quälen. Manchmal war es keine Quälerei, manchmal war es auch angenehmer, aber 15 Stunden lang war es schon sehr lang am Tag.
Miriam: Ich habe den Faden verloren. Ja, 15 Stunden üben ist viel. Ich habe gerade erstmal ausgeatmet. 15 Stunden, ja. Unsere Hörer zu Hause, die gerade angefangen haben, als Erwachsene Klavierunterricht zu nehmen. 15 Stunden! Ja, ihr Lieben, wenn aus dir noch was werden soll, dann zünd schon mal die Laternen an. Nein, alles gut. Also das würdest du heute eben nicht.
Aline: Ich würde es eben nicht empfehlen. Ich kenne Studenten, die das weiterhin machen. Und wenn ich mit dem rede, sage ich, du brauchst es nicht. Du kannst dich das Leben viel leichter machen. Ich habe es gemacht, ich habe es getestet. Es geht so auch, aber es geht auch leichter, wenn du das ein bisschen klüger machst und ein bisschen besser einteilst. Und was du sagst mit der Zeit ist ganz, ganz wichtig. Es hat mir sehr geholfen. Für mich mache ich mir kleine Strecken mit der Zeit. Ich mag sehr gerne denken, 45 Minuten super intensiv und danach mache ich Viertelstunde Pause. Und dafür kann ich die 45 Minuten sehr, sehr intensiv machen und wirklich durch und ohne irgendwie, ach, ich muss jetzt zur Toilette oder ich gehe nicht mal zur Toilette in der Zeit, weil ich weiß, sonst fällen mir zehn andere Dinge, die ich unbedingt sofort machen muss. Und ich muss um, diesen Anruf habe ich vergessen oder ich habe jetzt doch Durst, ich muss was trinken und ich bin da mit mir sehr konsequent, weil ich weiß, dass ich sonst ein bisschen faul sein kann und da bleibe ich mit mir sehr, sehr konsequent und mache einfach die 45 Minuten durch und weiß, wenn ich die Geige und die Uhr schaue und dann frage ich mich, muss ich erstmal jetzt was trinken, habe ich Hunger, muss ich noch unbedingt was erledigen vorher oder eben zur Toilette oder was auch immer und dann weiß ich, okay, jetzt bin ich dran für 45 Minuten.
Miriam: Stellst du dir dann einen Wecker?
Aline: Nein.
Miriam: Schaust du auf die Uhr?
Aline: Ja. Und manchmal sind sie sehr, sehr lang, diese 45 Minuten. Und manchmal gehen sie mit im Flug. Auch wenn Sie in Wien Flug gehen, mache ich danach Pause.
Qualität statt Stunden — und Ansprüche runterschrauben
Miriam: Ich habe Florians Stimme in meinem Kopf, das ist häufig so, also es ist nicht pathologisch. Und Florian würde an der Stelle, glaube ich, fragen, ob es sozusagen auch auf die Qualität ankommt in diesen 45 Minuten. Also ich habe das auch selbst schon bei mir gehabt, dass ich gesagt habe, so ich arbeite jetzt 45 Minuten an diesem Theaterskript und ich habe an dem Theaterskript gearbeitet. Ich habe die Hälfte der Zeit damit vertrödelt, die Sachen durchzulesen, die ich letzte Woche geschrieben hatte. Und dann habe ich nochmal 10 Minuten damit verdrödelt, irgendwelche komischen Begriffe im Internet zu googeln und dann habe ich vorsichtig angefangen zu schreiben und letztlich das, was ich mir vorgenommen hatte, nämlich wirklich weiter zu schreiben, die nächste Szene fertig zu haben, das habe ich nicht gemacht. Also ist es auch ein qualitativer Anspruch, der da drin ist?
Aline: Auf jeden Fall. Und da kommen wir zurück auf, was ich vorher sagte, diese Aufteilung. Bevor ich anfange mit den 45 Minuten, weiß ich genau, wie ich die verbringen möchte. Und das mache ich auch, das ziehe ich einfach durch. Und ich habe einen genauen Plan, was will ich mit diesen 45 Minuten erreichen. Und klar, manchmal bin ich konzentriert und manchmal weniger konzentriert. Aber in dem Moment geht es mir um einfach zu machen, weil ich weiß, dass ich manchmal mich viel zu viel Gedanken mache und viel zu viel verliere in Details oder in viel zu hohe Ansprüche, die manchmal sehr bremsend sein können. Deswegen mache ich manchmal, das ist eine super Frage, mache ich tatsächlich die Ansprüche runter und mache einfach nur, was ich vorhatte. Und nicht zu schlau sein wollen und nicht zu künstlerisch und nicht zu weite und abstrakten Ziele haben, hilft mir extrem manchmal, weil ich kann mich sehr blockieren mit meinen Zuhauen. Ziele und Ansprüche. Und das tut sehr gut, die runterzuschrauben manchmal.
Miriam: Nur damit es greifbarer wird jetzt wieder für mein Gehirn. Wie sieht so ein Ziel aus? Also wie sieht so ein konkretes Ziel bei einer Geigerin 45 Minuten üben aus? Wie würdest du es formulieren, wenn über den 45 Minuten eine Überschrift stünde?
Aline: Das hängt davon natürlich sehr von dem, was ist der Hauptziel? Wie viel Zeit habe ich überhaupt? Wie viel mal 45 Minuten habe ich überhaupt, um was zu erreichen? Und da mache ich mir den Plan vorher sehr konkret, nachdem ich weiß, diese zwei Kriterien, wie viel Stoff für wie viel Zeit habe ich bis zum Zielergebnis. Es kann sein, ich mache jetzt dieses Stück oder wenn das Stück zu lang ist, ich mache jetzt diese zwei Seiten und in diesen zwei Seiten möchte ich das und das erreichen.
Miriam: Also bei Seiten reden wir nicht von den Geigenseiten, sondern von Notenblättern.
Aline: Genau.
Miriam: Vielen Dank. Also ich nehme das jetzt mal etwas kleiner. Also ich weiß nicht, wie viele Profimusiker uns jetzt da draußen zuhören, die, die jetzt gerade ein Instrument einstudieren oder mit einem Instrument arbeiten und nicht den Anspruch haben, bei der Berliner Philharmonie irgendwann zu spielen. Also sind dann, wenn ich einfach nur meine Fähigkeiten am Instrument verbessern möchte, wäre dann auch eine Viertelstunde konzentriertes Üben am Tag schon okay für den Anfang? Also völlig laienhaft gesprochen. Oh, oh, Aline runzelt die Stirn. Komm, gar nicht in Frage. In Frage, gar nicht verstanden. Ja, natürlich nicht. Okay, also ganz unter uns, ganz unter uns. Jetzt, wo Aline gerade woanders hinguckt. Aline nimmt übrigens keinen Schüler an. Leider halt die ganz Guten. Was auch rechtens ist, denn schließlich geht es hier um eine ganz, ganz professionelle Ebene. Ich möchte es nur gerne sozusagen entspannt halten. Wir fahren dieses Jahr nach Frankreich in den Urlaub und Florian wollte seine Französischkenntnisse wieder auffrischen, die vor 30 Trilliarden Jahren in der Schule irgendwie stattgefunden haben. Und es gibt eine süße App. Der Name, den schreibe ich unter dem Podcast, fällt mir gleich ein bestimmt. Und diese App ist eine Sprachenlern-App und die hat für jeden Tag ungefähr eine Viertelstunde Einheiten, also französische Einheiten, wo er selbst nachgesprochen hat, vorgesprochen, Worte verstanden, geschrieben, getippt, korrigiert, ausgewählt, also unterschiedliche Trainingseinheiten.
Aline: Gibt es noch eine Apfelgeige? Gibt es noch eine Apfelgeige?
Miriam: Das wäre super. Oder wir machen eine. Wir machen eine zusammen. Ich würde jetzt nicht weiter darüber sprechen. Nicht, dass uns einer zuvor kommt. Und ich habe ein paar Freunde, die sind sehr schnell mit sowas. Und diese Viertelstunde am Tag, sechs Wochen lang, hat sehr, sehr, sehr viel gebracht.
Aline: Ja, das glaube ich auch sofort, weil was ich bemerkt habe, manchmal... Viele schreien manchmal, wenn sie das hören. Ich habe bemerkt, manchmal ist es ziemlich egal, was man macht. Einfach machen ist gut. Es geht auch beim Geilen spielen so. Natürlich geht es um Qualität und natürlich geht es um Konzentration. Und manchmal muss man es einfach tun. Und das ist, was ich meine, damit die hohen Ansprüche runternehmen. Manchmal geht es einfach nur um... Deswegen kann ich das total verstehen, wenn jemand eine Viertelstunde Französisch am Tag redet, aber das regelmäßig, die Regelmäßigkeit, das zu machen, ich kann mich total gut vorstellen, dass es sehr, sehr viel bringt, weil beim Geigen ist es das Gleiche, wenn man einen Tag sechs Stunden spielt und dann eine Woche nicht, bringt nicht super viel. Es ist sehr viel, nach meiner Erfahrung, sehr viel effizienter. Auch nur zwei Stunden am Tag, aber dafür jeden Tag zu verbringen, als jetzt plötzlich eben Tage, wo man super viel macht und dann ganz viele Tage nicht.
Etappenziele, Vision und ein Konzert vor 30.000 Menschen
Miriam: Also erstmal danke, da war jetzt auch was, was mich sehr erstaunt hat, da war viel Entspannendes dabei. Also in all deinen Schilderungen, auch über die langen Probenstrecken, zum Beispiel die aufzuteilen, wenn ich wirklich sage, ich verbringe heute 6, 7, 8 Stunden mit der Geige, dann zu sagen, ich mache mir 45 Minuten Blöcke, ich richte mir feste Pausen ein. Ich überschreite das auch nicht, sondern gönne meinem Körper, meinem Gehirn diese Pause. Ich finde das sehr, sehr organisiert. Das ist vielleicht neues Arbeiten für den einen oder den anderen. Und hey, wir sprechen hier von allen Fähigkeiten, die du dir aneignest, zusätzlich zu dem, was du als Baby oder Kleinkind gelernt hast. Also alles, was später kommt, eine neue Sportart, manche Stricken, Häkeln, Handarbeitliches. Schnitzen, Kunstvoll oder Töpfern, vielleicht manche eben die Sprache oder auch die späte Entscheidung, die frühe Entscheidung zum Instrument. Ich glaube, dass dieses sich damit befassen, weil es dich begeistert, ist Punkt eins. Selbst wenn es dann mal nicht so produktiv ist, nur du hast es in der Hand gehabt, du hast was damit getan, du hast neue Erfahrungen gesammelt. Bestenfalls, und das habe ich jetzt von Aline gelernt, ist es, Etappenziele zu haben. Also kleine Ziele, die erreichbar sind in einer halben Stunde, in einer Dreiviertelstunde, in einer Stunde. Ein großes Ziel zu haben, vielleicht noch eine Vision oben drüber. Ich möchte bei den Berliner Philharmonikern spielen. Ja, das wäre eine Vision für viele. Und unten drunter stehen diese ganzen Etappenziele. Unser Gehirn mag es ganz gerne, einen Frontantrieb zu haben, weil du dich zwischendurch, wenn es etwas mühevoller wird, darauf konzentrieren kannst, wie du mit deinem selbst getöpferten Material auf dem Weihnachtsmarkt in Aachen stehst und das erfolgreich verkaufst, zum Beispiel. Oder beim Musikern wäre es der nächste Auftritt. Oder beim Sprache lernen, dann im Land sein und wirklich die Menschen dort verstehen und sich unterhalten können, zumindest rudimentär über die wichtigen Sachen des Lebens. Also all das sind ja Ziele, die da sein können und die unter dem großen Ziel stehen. Bei Französisch lernen, Florian wäre es jetzt, dort auch Vorträge halten zu können. Da sind wir noch ein bisschen von entfernt. Und da vermute ich auch, dass die Viertelstunde am Tag nicht reicht. Also es kommt immer darauf an, wie du auch schon gesagt hast, Aline, was genau will ich denn erreichen? Wie viel Zeit habe ich dafür? Packe ich mir das dann relativ voll oder nehme ich es ganz entspannt? Und dann dran zu bleiben, klingt für mich zum einen, ja, an der einen oder anderen Stelle darfst du dich selbst überwinden. Dieses Gefühl von Schokolade wäre jetzt auch schön. Und hingehen zu, was wollte ich nochmal? Was wollte ich erreichen? Wo ist dieses Ziel geblieben? Und gleichzeitig auch, dass immer wieder sich emotional erinnern, dass es darum was Schönes geht. Also dass das was ist, was ich mir irgendwann mal ganz doll gewünscht habe, dass ich es kann oder dass es mir nutzt oder dass ich es verwenden kann für irgendwas. Ein wunderschönes Gespräch. Was ist dein nächstes Konzert, Aline?
Aline: Das nächste Konzert mit dem Orchester ist in ein paar Tagen. Da ist die berühmte Waldbühne. Ich sage berühmte, weil das ist eigentlich ein Open-Air-Konzert. Das ist ein bisschen außer dem normalen Rahmen von dem Konzert in der Philharmonie, was wir spielen. Und das ist Open Air und ich glaube, das sind 30.000 Menschen, die da reinpassen und es ist meistens ausverkauft oder es ist immer ausverkauft und sehr, sehr lange im Voraus und es ist was ganz, ganz Besonderes, von so einer Menschenmenge zu spielen. Es ist, ich kann mich auch das erste Mal erinnern, es ist ganz besonders, weil wenn man von der Waldbühne von hinten, von der Künstlerangang kommt, es ist bergauf und dann, man hört es mal, dieses Publikum, diese 30.000 Menschen, das ist so ein Brummel, man hört es mal und ich mache das jetzt 18 Jahre schon und es ist einmal im Jahr, die Waldbühne kommt. Also ich bin schon 18 Jahre bei dem Philharmoniker dabei und ich habe 18 Jahre in der Waldbühne gespielt und jedes Mal weiß ich, okay, da kommt diese Berg auf und dann kommt das Plateau, wo man plötzlich auf einmal die 30.000 Menschen sieht. Und es haut mich jedes Mal um. Obwohl ich das schon weiß, was jetzt kommt. Und ich weiß, ich werde wieder umgehauen. Und es haut mich immer noch um. Und ich freue mich schon wieder auf diesen Moment, wo ich da bergauf auf dem Plateau ankomme und dann, wow, da sind die. Es ist fantastisch. Es ist wirklich ein ganz, ganz tolles Gefühl.
Miriam: Dem ist nichts hinzuzufügen, ihr Lieben. Also, wenn ihr nächstes Jahr vielleicht Aline auf der Waldbühne erleben wollt, kauft jetzt die Tickets für 2019.
Aline: Darf ich noch eine Geschichte erzählen? Weil das war fast wie eine Vision. Mein erstes Besuch in Berlin, überhaupt, ich hatte ja ein kleines Kammermusikkonzert. Und meine Freundin, die sagte, oh, weißt du, heute Abend ist Waldbühne-Konzert von dem Philharmoniker. Ich war vielleicht 18 oder 19 und ich sagte, weißt du, heute Abend ist Waldbühne-Konzert. Und wir haben versucht, Karten zu bekommen, was komplett illusorisch war am gleichen Tag. Und dann sagte sie, diese Waldbühne ist gebaut mitten im Wald. Und dann haben wir gedacht, oh, wir schleichen uns einfach da rein und wir hören es einfach vom Wald. Wir haben versucht, da an Grenzen zu kommen und dann, ich kann euch sagen, es bringt nicht so viel, weil man sieht nicht so viel und so, aber man hört. So, wir waren mitten in dem Wald, wir haben da vor dem, es ist geschlossen, es ist total alles verschlossen. Das heißt, wir konnten gar nichts sehen, wir konnten auch nicht näher drankommen, aber wir konnten es hören. Und das war... So ein geniales Erlebnis, dieses Sound zu hören, dieses Orchester zu hören und zu wissen, dahinter spielen sie. Und das erste Mal, dass ich dort mal gespielt habe, ich war auf der Bühne und ich dachte, ich weiß noch, damals war ich dahinter im Wald und ich habe es gehört und jetzt darf ich auf der Bühne sein. Und ich habe mich gefragt, vielleicht ist jemand da im Wald und erlebt genau das Gleiche und hört uns zu. Denke ich jedes Mal, wenn ich drauf sitze. Und ich werde es auch am Sonntag an denjenigen, die im Wald vielleicht sind, auch denken.
Miriam: Oh, wie herrlich. Oh, ich habe schon wieder Gänsehaut. So, das war heute ein sehr ereignisreicher Tag, ihr Lieben. Ich bin immer noch geflasht von diesem Konzert. Ich habe Mahlers Sechste gehört von der Berliner Philharmonie. Geh auf YouTube, such dir irgendeinen schönen Dirigenten raus, hör dir dieses... Das ist Freakshow, das ist klassische Freakshow, diese Symphonie. Es ist wirklich unfassbar gut. Und alle, alle Farben, die klassische Musik haben kann, sind da drin. Also genieß es einfach, es ist eine lange Symphonie, hast viel Freude dran auf jeden Fall. Vielleicht hast du ja auch Spotify, da gibt es das bestimmt in ganz fantastischer Qualität. Und ich sage jetzt erstmal vielen, vielen Dank an Aline für einen ganz tollen Podcast übers Dranbleiben. Dir zu Hause sage ich danke fürs Zuhören und das letzte Tschüss, das hat selbstverständlich unsere erste Geige.
Aline: Tschüss. Alles Gute.
Miriam: Mehr von uns gibt es unter www.kontext-denken.de. Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss bis nächste Woche. Bis zum nächsten Podcast.