NLP mit Miriam Deforth und Florian Groß Folge 218

Ver-piiiiiiiiep-t und zugeflucht!

Fluchen für Kommunikations

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In dieser Folge

Darum geht es

Fluchen für Kommunikations

Rausgepiepste Flüche von Florian, harte Diskussionen, schlimme Beschimpfungen… eine skandalöse NLP Podcastfolge erwartet unsere Hörer, wenn sie für Episode 218 auf PLAY klicken. Denn Miri und Florian befassen sich so seriös wie möglich mit dem Thema „Fluchen“. Ist das nun ein sinnvolles Ventil oder wirklich unhöflich? Ist fluchen gar eine Sünde? Oder einfach schon eine in die Sprachgewohnheiten assimilierte Alltäglichkeit? Miri und Florian untersuchen das Phänomen dieser besonders intensiven, sprachlichen Würze und lassen nichts aus. Weder die klassischen Amerikanischen, noch dialekttypischen Schimpf- und Beschimpfungsworte. Schimpf und Schande, möchten wir da rufen und unseren Hörern sagen: Ihr wisst ja nach über 218 Folgen und fast 5 Jahren kontext*denken Podcast hören, was Euch erwartet. Pfutzischnörkeldie Halbaasabbaschnackblörpsi!

Es geht um Fluchen und Schimpfwörter, um Etikette und den Knigge, um Dialekt-Beleidigungen aus Hessen wie Dollbohrer und Depp und um selbst erfundene Fantasieflüche. Miriam und Florian sprechen darüber, welche Bilder das Gehirn beim Fluchen baut, wann ein Schimpfwort als Ventil und angemessene Energie taugt, und warum am Ende alles vom Kontext abhängt. Nebenbei Sprache als Gewürz, Juicy Words, Cringe und Lost als Jugendwort und die Frage, wie liebevoll du eigentlich mit deiner eigenen Sprache umgehst.

Lesefassung

Das vollständige Transkript

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Kapitel dieser Folge
  1. Von Etikette bis Besteck auf 5 Uhr
  2. Dress-Up, Cringe und der Lückentext-Podcast
  3. Das SCH-Wort und was das Gehirn daraus baut
  4. Sprache als Gewürz: von Chili bis Juicy Words
  5. Alles Kontext: Dollbohrer, Ventil und angemessene Energie
  6. Weinen im Thai-Restaurant und die Sprachkönigin von Deutschland
  7. Und was heißt das für dich?

Fluchen als Gewürz für die Sprache – oder als Sünde, die eine echte Sprachkönigin am liebsten aus dem Wortschatz löschen würde? Miriam und Florian nehmen sich das piiiiep-verdächtigste Thema vor, das sie sich je zugetraut haben. Dabei geht es um Etikette bei Hof, Fantasieflüche, eine versalzene Suppe und ein Thai-Restaurant, in dem Männer auf Plastikstühlen weinen. Und um die Frage, wie du selbst mit Sprache umgehst.

Von Etikette bis Besteck auf 5 Uhr

Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt.

Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß. Ich piepse weiter.

Florian: Du piepst weiter.

Miriam: Eines der krassesten Podcasts, die wir uns je vorgenommen haben.

Florian: Fluchen.

Miriam: Wir fluchen nicht. Fluchen ist so ein richtig böses Wort.

Florian: Fluchen findest du ein böses Wort?

Miriam: Fluchen an sich schon, ja. Das ist so wie sündig, finde ich.

Florian: Ist auch so ein altes... Also... Am Ende des Tages bringst du auch ein bisschen Energie in die Sprache rein. Das ist wie ein bisschen Mononatriumglutamat für Sprache.

Miriam: Was?

Florian: Ja, das macht so ein bisschen Pepp. Weißt du, da werden so die Sprachgeschmackswerte nach oben gedreht und da kommt mal ein bisschen Energie rein.

Miriam: Nicht dein Ernst. Ich habe gerade einen Etikette-Workshop geguckt auf YouTube.

Florian: Und?

Miriam: Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Das ist voll der Trend. Du kannst Etikette-Trainer werden. Ich habe schon überlegt, ob ich das mache.

Florian: Etiketten, ist das nicht das, was man irgendwo draufklebt, um zu wissen, was drin ist?

Miriam: Etikette. Die Etikette bei Hof. Das Benehmen. Der Knigge. Nur in adelig. Das ist die Etikette.

Florian: Wieso würde man das lernen?

Miriam: Das ist gerade voll der Trend. Menschen finden das cool, das zu können, sich sehr korrekt zu verhalten, im Sinne uraltester Verhaltensweisen. So ein... Pass auf, das sieht sehr elegant aus und ich finde das extrem achtsam anderen gegenüber. Das ist darauf ausgelegt, andere Menschen sehr achtsam wahrzunehmen. Da wird mir als Frau zum Beispiel beigebracht, wie ich mich richtig hinsetze, wenn ich einen kurzen Rock trage, auch wenn ich eine Hose anhab, wie ich mich bei Tisch richtig verhalte, wie ich die Serviette richtig falte, wie ich die auseinandernehme, wenn ich mir den Mund abtupfe und sie wieder hinlege.

Florian: Was hat das denn mit Fluchen zu tun?

Miriam: Ja, da wird nicht geflucht. Da wird schön geredet. Da wird poetisch gesprochen. Da wird metaphoriert.

Florian: Durch die Blume werden Dinge gesagt.

Miriam: Richtig. Weißt du, wie ich in etikettierten Kreisen sage, dass ich aufs Klo will? Da sage ich, wo kann ich mir denn hier bitte die Hände waschen?

Florian: Ich sage nicht, dass ich mal Pipi muss. Und wo ist da der Vorteil?

Miriam: Naja, der Vorteil ist, finde ich schon, dass es schönere Bilder im Kopf macht.

Florian: Das stimmt.

Miriam: Also es ist einfach eine sehr achtsame Sprache. Vielleicht ist es nicht so cool.

Florian: Weißt du, was die Herausforderung ist? Ich find's cool. Was, wenn Toilette und Waschbecken getrennt sind? Du hast eben Klo gesagt. Brauchst mir nicht wegen Toilette jetzt an den Kahn fahren.

Miriam: Also in gehobenen Kreisen, so wurde mir erklärt, wird diese Sprache verstanden. Das sind ja wie so Schlüsselsätze. Genauso wie auch, dass wenn ich in einem sehr schicken Restaurant bin, wenn ich mein Besteck nach dem Essen auf 5 Uhr lege, anzeige, dass es mir sehr gut geschmeckt hat. Ich bin fertig und es hat mir sehr gut geschmeckt. Wenn ich das Besteck auf 7 Uhr zusammen auf den Teller lege, heißt es, der Koch muss kommen.

Florian: Das sind ja altbekannte Dinge.

Miriam: Ich weiß nicht, ob das viele wissen.

Florian: Ich glaube schon.

Miriam: Auf 7 Uhr das Besteck. Bitte gebt uns mal ein Feedback auf diesen Podcast. Wer hat es gewusst vor diesem Podcast? Ey, das ist ein Wissen, was ich im Etikettekurs gelernt habe.

Florian: Das ist ein alter Hut.

Miriam: Nur das ist doch irgendwie halt diese... Nur in der Kneipe nebenan kannst du das Messer auf 12 Uhr legen und der Koch kommt nicht.

Florian: Zurecht. Zurecht. Das Essen ist gut hier. Wenn es dir nicht schmeckt, geh doch woanders hin.

Miriam: Kostet auch nur 3,50. Was willst du denn?

Dress-Up, Cringe und der Lückentext-Podcast

Florian: Also, dass wir in unterschiedlichen Kreisen oder bei unterschiedlichen sozialen Anlässen uns anders verhalten, ist ja ganz normal. Bei einer Hochzeit zum Beispiel spielen wir Dress-Up.

Miriam: Du spielst es nur?

Florian: Ja, Tatsache. Ich lebe das.

Miriam: Du lebst den Dress-Up.

Florian: Wenn ich zu einer Hochzeit eingeladen würde, dann würde ich tatsächlich vor meinem Schrank stehen und würde mir überlegen, ob ich jetzt eine von diesen Krawatten kurz entstaube.

Miriam: Weißt du noch, bei unserer ersten Verabredung zum Essen, da hast du mir geschrieben, Dress up, Dress down. Und ich hatte keine Ahnung, was du damit meinst. Ich dachte, Dress up, Dress down, ist das jetzt anzüglich schon?

Florian: Also es hat was mit Kleidung zu tun. Nur ich bin ja immer schick, finde ich.

Miriam: Das stimmt. Und jetzt ist ja die Frage, bis wohin gehen wir, bis wohin ist es lustig? Manche Schimpfworte finden ja den Weg in die Alltagssprache und werden gar nicht mehr so sehr als Schimpfworte wahrgenommen. Heute sagt mein Vater, der ist 70, der sagt geil, das ist ja geil. Dann gucke ich meinen Vater an und denke, das passt überhaupt nicht. Nur ich bin ja auch fast 50. Und ich sag das auch, sag ich jetzt, jetzt wurde ja gerade das Jugendwort des Jahres gewählt, ich dachte es wird Grinch, ist es aber nicht, wobei ich immer noch nicht weiß, was das bedeutet.

Florian: Cringe.

Miriam: Cringe, genau, ja.

Florian: Nicht Grinch, Grinch ist dieser grüne Kasper.

Miriam: Ja genau, deswegen hab ich mich so gewundert.

Florian: Nein, Cringe, ja, okay.

Miriam: Was heißt denn Cringe?

Florian: Das ist das, wenn jemand sowas macht, wo du innerlich einmal aus Scham oder aus Ekel zusammen...

Miriam: Das ist cringe. Das hat nicht gewonnen. Gewonnen hat tatsächlich Lost.

Florian: Ich fühle mich Lost. Das kann ich verstehen. Der Welt ist aber wählen, dass die Jugendlichen... Wir haben angefangen mit so einem... Das war jetzt schlecht. Beinahe hätte ich es gesagt, so.

Miriam: Das ist der erste Lückentext-Podcast, den wir machen. Füllen Sie die Meeps mit Ihren Lieblingsschimpfwörtern.

Florian: Also offensichtlich im Etikettiertraining wird nicht geflucht.

Miriam: Nee, auch danach nicht. Es ist nicht Etikettiertraining, es ist Etikettetraining. Die Leute, die ins Etikettetraining gehen, die lernen...

Florian: Beinahe so nah dran.

Miriam: Die lernen, dass sie nicht fluchen, auch sonst nicht. Das ist eine Lebenseinstellung, finde ich. Eine gepflegte Sprache ist eine Lebenseinstellung.

Florian: Das ist doch eine gepflegte Sprache.

Miriam: Entschuldige, wenn ich den ganzen Tag...

Florian: Gepflegt und, äh, gepflegt dreckig.

Das SCH-Wort und was das Gehirn daraus baut

Miriam: Fluchen wir jetzt in diesem Podcast oder nicht? Also, wenn ich den ganzen Tag das SCH-Wort vor mich hinsage.

Miriam: Das SCH-Wort. Ja, ich weiß ja nicht, ab wann wir den Podcast markieren.

Florian: Die Anforderung von... Weiß ich auch nicht.

Miriam: Da weiß doch jeder, was gemeint ist. Ja. So, wenn ich das jetzt den ganzen Tag vor mich hinsage und das häufig benutze. Dann passiert ja, und das ist jetzt wieder NLP, wir gehen davon aus, das Gehirn verarbeitet keine Informationen, ohne sie zu verarbeiten. Also würden wir behaupten, wenn jemand dieses SCH-Wort die ganze Zeit sagt, dann baut sein Gehirn ihm beständig Bilder von Kackhaufen. Mitten in andere schöne Bilder rein. Und das macht es in Sekunden schneller und die sind dann auch wahrscheinlich schnell wieder weg. Nur in dem Augenblick, wo ich das Wort benutze und auch noch ausspreche, ist das eben so.

Florian: Also was sehr spannend ist, für mich gefühlt, wenn ich das mir nachfühle, wenn ich das sage, ist auf jeden Fall keine positive Energie. Was drin ist, ist Energie. Also auch in anderen... noch schlimmeren Schimpfwörtern, die ich jetzt nicht sagen darf. Da steckt auf jeden Fall Energie. Also da ist tatsächlich so zwischen Männern ja auch manchmal Engagement drin. Da ist halt dann Energie im Raum.

Miriam: Ich kaufe das sogar. Es gibt diesen wunderbaren Film, über den ich mich jedes Jahr an Weihnachten wieder unter den Tisch lache. Der heißt Fröhliche Weihnachten und ist aus den 80ern und beschreibt das Familienleben einer Familie in den 40er Jahren in Amerika. Und um die Weihnachtszeit. Und der Vater, das ist sozusagen Running Gag, repariert alle Viertelstunde in dem Film die Heizung, weil die wieder kaputt ist. Und da ist er natürlich ganz kitschig inszeniert. Also da kommen dann aus dem Kellerfenster schwarze Rauchwolken und dann hört man Geschepper und dann explodiert die wieder und so. Und der Vater steht im Heizungskeller und flucht, während er die Heizung repariert. Und er flucht hart. Und sein Sohn hängt am Heizungsschlitz oben, wo die warme Luft normalerweise rauskommt dann, und lernt Schimpfworte.

Florian: Hahaha. Sehr schlau.

Miriam: Sehr genau. So, wo lerne ich die am besten? Und das ist eine Szene, da liege ich unterm Tisch. Also da kringle ich mich weg. Vor Lachen. Und jetzt ist natürlich die Frage, also wie weit gehen wir da, inwieweit gewöhnen wir unserem Gehirn da eine ziemlich kernige, rohe Sprache an und nehmen das auch gar nicht mehr so wahr, dass das vielleicht auch was Ekliges sein kann oder was Unschönes oder dass es uns aus bestimmten Kreisen auch einfach raushebeln kann, Umgangskreisen. Oder ist das einfach dann halt in dem Moment lustig und dann vergesse ich es wieder.

Florian: Hey, müssen wir uns jetzt anbiedern an diese, ähm, Stock im, wie sagt man das dann in, ähm...

Miriam: Florian, jetzt hör doch bitte mal auf.

Florian: Nein, nur in diese Kreise, das ist ja, das ist ja das, was da drüben steht.

Miriam: Du bist schon mit mir auf Galas und Modenschauen und weiter gefahren. So, wird da geflucht.

Florian: Ich kann das, ich kann das ja auch. Nur, ich käme jetzt nicht auf die Idee, eine Krawatte anzuziehen.

Sprache als Gewürz: von Chili bis Juicy Words

Miriam: Du hast ja vorhin gesagt, das ist wie Salz oder Pfeffer oder Glutamat.

Florian: Ja, exakt. Das macht den Geschmack in der Sprache.

Miriam: Schon mal eine total versalzene Suppe gegessen?

Florian: Nee, nicht wirklich.

Miriam: Kannst du nachvollziehen. So, da bekommen wir einen Löffel und dann lehnen wir dankend ab, weiter zu essen. Das heißt, wenn wir jetzt die Metapher mal benutzen, die du gewählt hast, dass das ein Gewürz ist für die Sprache, dann ist das ja dosiert einzusetzen.

Florian: Das ist eins von diesen Gewürzen, das jetzt... Ich weiß, Salz ist schon Grundgewürz, also ich habe das schon verstanden. Salz wäre ein Grundgewürz, genau. Nur es gibt ja auch Gewürze, wo so ein bisschen davon... Ja, naja, Chili zum Beispiel. Richtig gute Chili.

Miriam: Was ist so eine der schärfsten Chili-Sorten?

Florian: Boah, keine Ahnung.

Miriam: Du weißt das doch manchmal.

Florian: Manchmal, ja. Das gibt so Reaper-Sorten aus Amerika und so, ja.

Miriam: Die sind ja so scharf, dass da quasi Moleküle scheinbar im Essen ausreichen, um das Essen so scharf zu machen, dass einem schon ein dezenter Hut hochgeht, wenn Menschen es nicht gewohnt sind, scharf zu essen. Wenn wir da jetzt in diese Richtung eilen würden und sagen, okay, also es ist ein Stilmittel in der Sprache und Stilmittel in Sprachen, da gehören noch andere Sachen dazu. Da gehören zum Beispiel absichtlich eingesetzte Dialekte dazu. Oder kleine Sprachtics, die gehören auch dazu.

Florian: Oder sowas wie eine Alliteration auch?

Miriam: Alliterationen, genau, das gehört auch dazu. Oder sogenannte Juicy Words, also so Worte, die ich besonders betone, in ihrer Art zu sein. Wenn ich nicht sage, klitzekleine Maus, sondern klitzekleine Maus. Kleine Maus. Dann ist das ein Juicy Word. Dann habe ich in meiner Stimme auch schon angezeigt, dass das irgendwie kleiner ist, um was es da geht. Das sind alles Stilmittel und damit Gewürze für mich. Um so einen Text, der vielleicht an sich vom Inhalt spannend ist, noch viel spannender zu machen. So wie ein Sternekoch eben auch aus einem Schnitzel, was sehr viel Spannenderes macht, als es normalerweise ist in der volkstümlichen Küche.

Florian: Oh, super gut.

Miriam: Wenn der gut ist. Und ich weiß, du hast ein paar Beispiele.

Florian: Ein Freund von mir hatte mal die super coole Geschichte, der hat als Rettungswagenfahrer einem Koch, einem sehr guten Koch, mal das Leben gerettet. Und der wurde aufgrund dessen in ein hervorragendes Restaurant eingeladen. Und dann wurde er gefragt, was er sich denn gerne wünschen würde. Und mein Freund, der isst einfach super gerne Linsensuppe. Wirklich, der liebt Linsen. Und dann hat er sich eine Linsensuppe gewünscht. Eine vegetarische Linsensuppe. Und das war die beste Linsensuppe, die er je gegessen hat.

Miriam: Hat er sich den Rest einpacken lassen. Überleg mal, du gehst in das Restaurant eines Sternekochs und der sagt, du kannst meine ganze Küche benutzen, wünsch dir was auch immer du essen möchtest. Und dann kommt die süße Linsensuppe. Mega. So, jetzt gibt es Linsensuppe, die macht satt.

Florian: Ja.

Miriam: Und es gibt Linsensuppe offensichtlich. Und ich glaube, das ist genau das Thema. Also grundsätzlich finde ich es ganz witzig. Florian kann witzig fluchen. Florian hat auch Ausweichwörter für Flüche. Die hast du so aus dem Amerikanischen mitgebracht, weil die weigern sich ja irgendwie mehr als andere Länder sogar, aufgrund ihrer Religiosität und so weiter, zu fluchen. Und die haben so Ausweichwörter für mich. Du weißt genau, wie hart die jetzt eigentlich fluchen, nur die sagen dann...

Florian: Wenn wir es ins Deutsch übersetzen, sagen die statt verdammt, sagen die dann verdüngelt.

Miriam: Ja.

Florian: Oder verdammelt. Oder so. Weil es das irgendwie anders macht.

Miriam: Manchmal sagst du Shift und ich habe den Verdacht, dass es Shit heißen soll.

Florian: Das stimmt. Und im Englischen ist da halt noch eine Mehrdeutigkeit in dem Shift drin.

Miriam: Okay. Aber jedenfalls ist es ein Schimpfwort. Und auch die ganz gerade rausgesprochenen Schimpfworte. Also ich finde es auch ganz witzig, wenn so ein hochwohlerzogener Etikettierter manchmal einfach, weil es auch passt und weil es gerade der Situation gewiss ist, laut das SCH-Wort brüllt.

Alles Kontext: Dollbohrer, Ventil und angemessene Energie

Florian: Wir sind wieder bei dem Thema, es kommt eben auf den Kontext an. Also kein Verhalten, das wir an den Tag legen und Fluchen wäre in dem Sinne auch nur ein Verhalten. Ein Sprachverhalten, ja. Können wir außerhalb seines Kontexts als gut oder schlecht einstufen. Also das ergibt einfach keinen Sinn. Wir würden uns manchmal das wünschen oder wir tun manchmal so gegenüber unseren Kindern, als wäre Fluchen in keinem Kontext sinnvoll. Nur manchmal ist es eben angebracht.

Miriam: Und ihr merkt ja, wie gut Florian ist, ein begnadeter Redner. Also ich weiß, was du meinst, glaube ich. Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Und ich gestehe ein, ich bin ab und zu auch Fluchen zu hören. Menschen könnten mich Fluchen hören. Du hast vorhin so ein bisschen von dieser Energie gesprochen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das auch ein bisschen sprachliche Ventilfunktion haben kann. Was ich nicht mache, ist Menschen direkt beleidigen. Also ich bin aus Hessen, wir haben einen ganzen Katalog voll direkte Beleidigungen. Mit wirklich gemeinen Wörtern für andere Menschen.

Florian: Jetzt nur mal so als für Nicht-Hessen. Was wäre zum Beispiel, also ich stelle mir jetzt vor, dass du jemanden einen Eierbecher nennst. Weil ihr seid ja relativ sanft in Hessen. Was wäre jetzt, also ist das der Level, oder was würde so ein Hesse jetzt sagen? Wirklich jetzt.

Miriam: Also simpel ist noch das Nette. In Darmstadt ist es ganz üblich zu sagen, der Depp.

Florian: Und es ist nett.

Miriam: Das ist nett, genau. Also das ist bei denen so umgangssprachlich geworden, dass dieses, ja bist du Depp? Das ist bei denen ganz normal. Das kann auch sowas heißen wie, das ist ja verrückt. Also es ist gar nicht mal, ja. Und dann gibt es natürlich noch den allgemein üblichen und sehr weit verbreiteten Dollbohrer.

Florian: Dolbora.

Miriam: Was heißt das? Das heißt einer, der mit dem Kopf durch die Wand kommt, aber nicht wirklich. Und auch nicht damit aufhört. Also ein Dummbatz. Das ist das nächste Schimpfwort. Ich kann das.

Florian: Ist ja sehr amüsant auch. Du hast selber eben gelacht.

Miriam: Ich sage ja, an der einen oder anderen Stelle können Menschen mich fluchen hören, nur nicht in Richtung anderer Menschen. Ich fluche dann eher über das Leben. Also gibt es doch diesen Spruch, ich bin mit dem Allgemeinzustand dann unzufrieden. Also wenn ich mir früher mal mit dem Hammer auf den Finger gehauen hätte, wäre ich instantan mit dem Allgemeinzustand unzufrieden gewesen. Und ich finde, das ist ein Moment, wo das SCH-Wort total angebracht ist. Weil mir fällt auch kein besseres ein. Der Ernst der Lage auch.

Florian: Das ist diese Ventilfunktion. Das ist der Energie des Moments angemessen.

Miriam: So, da siehst du, jetzt hat der Florian recht und der Podcast ist zu Ende. Ja, was soll ich denn sagen, Florian? You are so right. Ich weiß, dass es diese Worte gibt und mich haben schon Menschen mit deftigsten Schimpfworten wirklich zum Lachen gebracht. Weil die ja auch, wie du schon sagst, wenn sie richtig eingesetzt sind, also von jemandem, der Sprache vielleicht sogar recht bewusst benutzt oder sich klar darüber ist, was er oder sie macht, wenn er bestimmte Worte verwendet. Das kann schon richtig lustig sein.

Florian: Weißt du, was auch in dieses Thema reingehört? Manche Menschen haben wirklich Herausforderungen, Flüche zu hören. Also die kommen dann, nur weil jemand anders jetzt einen Fluch verwendet, gehen die innerlich so hoch, dass die nicht mehr in sinnvolle Interaktionen gehen können.

Miriam: Da gibt es doch probate Mittel, tun sie sich ein bisschen Seife in den Mund und dann ist alles wieder gut.

Florian: Sich selber, der andere hat doch...

Miriam: Der andere kriegt die Seife?

Florian: Ja, der andere hat auch geflucht vielleicht.

Miriam: Ja, aber die haben sich doch drüber aufgeregt. Habe ich das falsch verstanden, das Spiel?

Florian: Weil das ist doch auch gut, wenn du einfach eine Runde Entspannung entwickelst zu jemand anders, mag seine Suppe halt ganz anders gewürzt als du selber vielleicht.

Weinen im Thai-Restaurant und die Sprachkönigin von Deutschland

Florian: Wir haben ein wahnsinnig gutes Thai-Restaurant in München. Wo wirklich einmal hat die Bedienung, legt eine Freundlichkeit an den Tag, die gewöhnungsbedürftig ist. Also es ist halt herzhaft auf eine besondere Art und Weise. Also der Kunde ist halt auch da, um was zu zahlen. So, also das ist das eine.

Miriam: Übrigens ist das eines der bestbesuchten Restaurants in dieser Stadt, also ich will das selber sagen. Und die kochen, vorzüglich kochen die, die kochen so vorzüglich, dass das, was da so, für mich ist das, das grenzt an Verschrobenheit, dass das so ist.

Florian: Und auf Plastikstühlen. Auf Plastikstühlen sitzen die Menschen. Es ist halt eine Garküche, wie in Bangkok.

Miriam: Und da sitzen Menschen in Gucci und Prada-Kleidung auf Plastikstühlen und essen das leckerste Essen.

Florian: Oder nehmen es mit nach Hause.

Miriam: Oder nehmen es mit nach Hause, ja. Ne, die sitzen auch da, ich hab's gesehen.

Florian: So, und eine der Herausforderungen, die die haben, ist, die machen nicht europäisch scharf. Sondern jedes Gericht, das die haben, ist einfach scharf.

Miriam: Also auch das Gericht, das nicht scharf deklariert ist, das ist schon scharf. Also die haben eine Grundschärfe drin, wo wir in anderen Restaurants sagen würden, das ist das schärfste Gericht.

Florian: Und bei den richtig scharfen Gerichten, ich erinnere mich auch mal, ich saß da einem Chinesen gegenüber, wir haben uns auch ein bisschen unterhalten, war ein Student, der aus China hier rüber kam, der hat geweint beim Essen, der hat in seine Suppe reingeweint und ich habe in meine Suppe auch reingeweint, weil es so scharf war, nur es war so lecker.

Miriam: Das Restaurant, wo Männer auf Plastikstühlen sitzen und weinen.

Florian: Das heißt, es gibt, weil das ist ja vielleicht das, es gibt eben andere Gepflogenheiten, andere Arten und Weisen, die Speisen zu würzen, um dann zu sagen, ja, das macht man da halt so und in dem Kontext finde ich das ganz witzig, deswegen versalze und verpfeffere ich mir mein Butterbrot hier zu Hause allerdings nicht.

Miriam: Ja, genau.

Florian: Und es stört mich auch nicht, wenn die das machen in dem Restaurant. Wenn ich das nicht mag, gehe ich halt nicht hin.

Miriam: Wenn die sich ankaldaunern. Ja. Ja, ich bin am Überlegen gerade. Ich habe mich einfach mal gefragt, würde ich fluchen, wenn ich dürfte, wenn ich die deutsche Sprachministerin wäre, würde ich...

Florian: Wenn du Sprachkönigin von Deutschland wärst?

Miriam: Sprachkönigin von Deutschland wäre und ich dürfte sozusagen entscheiden in alleiniger Oberform...

Florian: Das SCH-Wort wird jetzt gestrichen.

Miriam: Das wird komplett aus der Sprache gelöscht. Die gibt's einfach nicht mehr. Und wie bei den Men in Black vergessen alle Menschen da draußen, dass es diese Worte jemals gab. Die sind einfach weg.

Florian: Oh, wie lustig. Was für ein lustiger Gedanke. Würdest du machen?

Miriam: Nee. Ich hab mich wirklich gerade hinter... Und das ist jetzt nur Miri. Also ich hab mich gerade hinterfragt. Nö. Weil tatsächlich lache ich zu häufig über mich selbst. Auch beim... Ich finde ja auch das Selbsterfinden von Schimpfwörtern sehr erquicklich. Das ist sehr lustig, ne?

Florian: Das ist sehr erquicklich, ja.

Miriam: Florian kann das auch ganz toll. Florian macht Fantasieworte. Jeder hier im Moodle hat einen Fantasienamen.

Florian: Mehrere.

Miriam: Mehrere Fantasienamen und die sind alle unterschiedlich und es kommen auch immer mal neue dazu und es gibt auch Fantasieflüche. Weil ja auch Dinge passieren, die wir so noch nie erlebt haben und da passt ja dann von den alten Flüchen auch keiner drauf.

Florian: Verdrödelt.

Miriam: Ja, verdrödelt und verpöppelt hatten wir auch schon.

Florian: Was soll das denn jetzt?

Miriam: Naja, einfach um zu sagen, auch das SCH-Wort ist nur ein Wort, das sich irgendwann irgendeiner ausgedacht hat oder das sich aus irgendwas entwickelt hat. Manche Schimpfworte waren früher, also ich habe ja auch... Oh, jetzt kommt die Germanistik-Studentin. Ich habe ja auch mal ein paar Semester Germanistik studiert, nie abgeschlossen. Und ich habe ein Studium abgeschlossen, nur das nicht. Es ging nicht. Auch in diesem Germanistikstudium habe ich in einer Projektarbeit mitgemacht für Mittelhochdeutsch. Mediävistik heißt das Fachgebiet. Da geht es um, wie die Leute im Mittelalter geredet haben.

Florian: Und das war ein bisschen anders, gell?

Miriam: Das war ein bisschen anders und da gibt es Worte, die heute ganz fürchterliche Schimpfworte sind und die damals ganz gebräuchlich und normal waren, zum Beispiel für bestimmte Körperteile.

Florian: Wir haben ja sogar, ich glaube es ist gar kein richtiges Zitat, also es ist kein echtes Zitat, nur dieses, warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket, das dem Martin Luther zugewiesen wird und ich meine, dass das gar nicht, dass das nicht stimmt, nur wir haben ja eine fast kindliche Neugier oder eine Freude daran, das zu sagen manchmal oder das ist ja tatsächlich witzig in manchen Kontexten.

Miriam: Ja, das stimmt. Also das Zitat jetzt nicht mehr so. Ich finde, es ist schon zu lange in aller Munde. Nur ich weiß, dass ich ins Rheinland kam und gestolpert bin, als das erste Mal jemand sagte zu meinem Sohn, hat der ein wundes Füttchen? Ich sage das jetzt so, weil hier im Rheinland ist das nämlich ein ganz normales Wort. In Hessen nicht so. Also gar nicht.

Florian: Was heißt das denn hier?

Miriam: Hier heißt es einfach Popo. So wie Popo auch. Und in Hessen heißt es was ganz anderes. Nur, dass wir mal auch diese Missverständlichkeit drin haben. Also wir können ja nicht, weil ein Wort jetzt im Mittelalter irgendwie war das toll, jetzt ist es ein Schimpfwort, damals war es das nicht, heute ist es das jetzt, vielleicht ist es das in 200 Jahren nicht mehr.

Florian: In der Jugendsprache ist es vielleicht kein Schimpfwort, sondern das ist gerade eben.

Miriam: Respekt, weißt du, wenn einer so genannt wird, das ist Respekt. Dann ist der nicht lost und der cringe, sondern Respekt.

Und was heißt das für dich?

Florian: So, was machen wir jetzt? Was ist der Tipp?

Miriam: Wir lassen unseren Hörer, unsere Hörerin jetzt einfach im Nirwana, im Nichts zurück. Das ist deine eigene Entscheidung.

Florian: Du darfst dir überlegen, wie sehr möchtest du deine Sprache denn würzen. Falls du im Moment überhaupt keine Flüche verwendest, wäre das die Möglichkeit, mal wieder...

Miriam: Du willst jetzt nicht Menschen, die nicht fluchen, empfehlen, Flüche zu... Florian!

Florian: Auf jeden Fall kippen deine Kollegen oder deine Freunde vom Stuhl, wenn du es tust. Wenn du es sonst nie machst, wenn du sehr korrekt sprichst, dann ist das natürlich...

Miriam: Guck mal, Florian beneidet dich da. Du könntest jetzt sein Gesicht sehen. Schade, dass das bei mir schon durch ist.

Florian: Manchmal ist es in unseren Grundseminaren, wenn wir sehr korrekt waren einige Tage, um mal so einen Fluch reinzuhauen, um einfach so zu gucken, wer zuckt.

Miriam: Weil uns das keiner zutraut, dass wir sowas können. So, jetzt andersrum gesprochen, wenn du jemand bist, der eine grundkernige Sprache benutzt, also sehr würzig spricht.

Florian: Es ist vielleicht Zeit, mal wieder auf deine eigene Sprache zu achten.

Miriam: Ein bisschen dazwischen auch zu mischen. Weil alles, was Abwechslung ist, findet unser Gehirn spannend, habe ich mir sagen lassen.

Florian: Und wir gewöhnen uns ja mit der Zeit so, das eine oder andere schleift sich ja so ein, weil es so einfach ist dann. Und dann wieder ein bisschen mehr darauf zu achten, wie verwendest du Sprache denn?

Miriam: Und wie liebevoll bist du mit anderen Menschen und mit dir in deiner Sprache? Ach, große Fragen, große Kommunikationswelten. Verschieben wir es auf nächste Woche, da ist wieder ein Dienstag, habe ich mir sagen lassen auch.

Florian: Wieder einer dieser Dienstage.

Miriam: Wenn kontext*denken eine neue Podcast-Folge herausbringt.

Florian: Dann bis dann.

Miriam: Bis dann, tschüss. Mehr von uns gibt es unter www.kontext-denken.de. Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.

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