Jemand kann etwas richtig gut – und lässt es trotzdem. Miriam hat nach zehn Jahren beim Fernsehkaufhaus gekündigt, ihr Vater wollte, dass sie Schauspielerin wird, und irgendwo da draußen kennst du bestimmt auch so einen Menschen, bei dem du denkst: Warum nutzt sie ihr Talent nicht? In dieser Folge drehen Miriam und Florian das Thema "Können und Wollen" einmal komplett herum und fragen, was passiert, wenn jemand mit Mitte vierzig alles Bisherige stehen lassen will.
Andersrum gedacht: Talente sehen, die keiner nutzt
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt. Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Florian: Sag mal, jetzt konntest du das doch so gut mit diesem Teleshopping. Also das war doch wirklich was, wo du... Sag doch nicht Teleshopping dazu.
Miriam: Fernsehkaufhaus.
Florian: Ja. Jetzt konntest du das doch so gut mit dem Fernsehkaufhaus. Wieso um Gottes Willen aufhören?
Miriam: Lass Gott aus dem Spiel.
Florian: Wieso um Buddhas Willen aufhören?
Miriam: Um Miris Willen. War doch mein Wille.
Florian: Ja?
Miriam: Ist mein Wille. Mein Wille geschehe.
Florian: Was das Thema heute ist, können und wollen.
Miriam: Nur total andersrum. Echt total andersrum. Als Florian gesagt hat, wir machen können und wollen, war bei mir so dieses, ah, der Herr kann nicht, wohnt in der Will-nicht-Straße. Das ist mein Lieblingsthema da draußen. Wenn einer sagt, das kann ich so nicht, dann heißt es übersetzt aus Zaubersprache, ich will das so nicht und das ist auch legitim. Zu dem Thema haben wir auch schon mal einen Podcast gemacht und ich finde, da gingen noch ein zweiter und ein dritter. Nein, es ist andersrum, Florian. Wie meinst du dieses Thema? Komm, sag's uns.
Florian: Mensch, da hat jemand so tolle Fähigkeiten in meiner Umgebung und ich denke mir, wieso nutzt sie die denn nicht? Wieso macht sie nicht einfach was aus ihrem tollen Talent?
Miriam: Komm, lieber Hörer, liebe Hörerin, ihr habt das alle schon mal erlebt. Bitte, da ist dieser Mensch, den ihr mögt oder auch nicht und denkt, was tut sie denn da? Sie ist doch so gut in Mathe, warum will sie denn jetzt Hofnärin werden?
Florian: Wir haben den ganzen Abend schon Zitate aus dem Hofnarr von 1955 zitiert.
Miriam: Du darfst sagen, dass das ein Film ist. Also es möchte ein Film sein. Ich finde den ganz furchtbar. Florian liegt hier auf der Couch und lacht sich Tränen. Da geht bei mir so eine Gehirnschranke zu. Das ist solch ein Kokolores.
Florian: Fällt dir jemand Konkretes ein, wo du...
Miriam: Als du das Thema gesagt hast, hatte ich sofort mindestens fünf Leute namentlich mit Adresse und Geburtsdatum im Kopf.
Florian: Bei denen du denken würdest?
Miriam: Bei denen ich im Moment ganz aktuell sage...
Florian: Doch, das Beste, was sie machen könnte, wäre oder das Beste, was er machen könnte.
Miriam: Und vor allen Dingen auch immer dieses, warum macht sie das denn nicht? Und auch er, warum macht er das denn nicht? Warum dümpelt er denn da rum, wo er ist? Und ich habe aufgegeben, mich da einzumischen. Sind doch schon groß, das sind alles Erwachsene, da geht's nicht um Kinder.
Florian: Ja, nur das ist doch...
Miriam: Das Jüngste da vorne ist 17, okay, das ist vielleicht noch nicht ganz so erwachsen und schon erwachsen genug, um eigene Entscheidungen zu treffen.
Florian: Nur das geht doch nicht.
Miriam: Florian ist total angespannt gerade.
Florian: Ja, das ist so... Florian... Wieso nutzen die die Talente nicht, die da rumliegen?
Miriam: Hast du in deinem Leben immer das getan, wofür du ein Talent hast? Ich meine, bist du heute Profi-Jongleur? Nein. Warum nicht? Du jonglierst voll gut.
Florian: Ja... Florian jongliert wirklich gut.
Miriam: Florian jongliert mit Fackeln und mit Keulen und alle Nachbarn sitzen, wenn er draußen übt, mit Fackeln draußen und klatschen und er bekommt Geld in seinen Hut geworfen. Du könntest vielleicht davon leben.
Florian: Ja, in Thailand oder so.
Miriam: Ist ja egal wo.
Florian: Obwohl, da ist das Geld, was ich bekomme, auch weniger da, ne?
Miriam: Bitte. Was machen wir denn mit dem Thema? Also wenn da draußen jetzt einer unserer Hörer oder unsere Hörerin jetzt nickt oder laut ruft, ja, meine Tochter ist 20 und statt dass sie ihren Fähigkeiten, mein Vater ging ja noch einen Schritt weiter, der wollte ja, dass ich Schauspielerin werde. Und fing dann, als ich nach dem Abi gesagt hatte, ich werde jetzt Reiseverkehrskauffrau, um erstmal was ordentliches zu haben, brüllte der mich an so und dachte, also er brüllte nicht, er war schon richtig aggro. Habe ich denn 15 Jahre hier Ballettunterricht und Schauspiel und Tanz und Gesang und Klavier finanziert, damit du jetzt Reiseverkehrskauffrau wirst? So ging das bei uns. Dann habe ich ein bisschen verkehrte Wellen. Und es war so. Habe ich meinen Ausbildungsvertrag als Reiseverkehrskauffrau ganz schnell wieder gekündigt. Und dann hatte ich erstmal nix, weil die ganzen Aufnahmeprüfungen schon rum waren. Also das Leben ist doch verrückt, oder? Das Leben ist doch verrückt. So, was machst du denn jetzt mit so einem Kerl oder mit so einer Kerlin?
Florian: Weiß ich auch nicht.
Miriam: Gute Ratschläge geben.
Florian: Von außen ist der nicht auflösbar, finde ich.
Die erste Frage im Coaching: Was willst du eigentlich?
Miriam: Oder?
Florian: Weil wenn jemand mit der Herausforderung in ein Coaching käme bei uns und würde sagen, boah, ich kann so gut backen, nur ich will nicht, dann wäre sofort meine erste Frage, was ist denn das, was du willst? Also was ist das? Was ist das Ziel von der Person? Wo möchte sie hin? Was ist der Sinn im Leben? Was auch immer.
Miriam: Gut, und wenn sie jetzt sagt, ich habe mir überlegt, ich möchte das Backen nicht mehr machen, obwohl ich da schon einen erfolgreichen YouTube-Kanal habe und habe schon gearbeitet als Bäckerin und habe schon irgendwie viel gemacht. Nur jetzt habe ich mir überlegt, meine neue Aufgabe ist es...
Florian: Und dann eben die Frage, was ist das?
Miriam: So und dann kommt sowas wie, ich möchte jetzt nochmal Mathematik studieren mit 42. Und dann möchte ich an der Universität Mathematikprofessor werden. Was sagst du denn da?
Florian: Was ich dann sage?
Miriam: Ja.
Florian: Ob das auch berufsbegleitend geht. Weil was wir dann tun ist, klar gibt es da dieses Ziel, nur wir überlegen auch gemeinsam, was ist das, welche Auswirkungen hätte dieses Ziel auf alle anderen Ziele, die es so im Leben gibt und auf die Systeme, die es um die Person herum gibt. Und vielleicht ist Berufsbegleiten dann erstmal eine gute Idee, wenn jetzt Mathematikstudium seit 42 Jahren brach liegt und jetzt plötzlich angefangen werden soll. Das klingt sehr trocken, ne?
Miriam: Ja. Also kann ja sein. Ich weiß nicht, ob es einen Abendstudiengang oder Fernstudiengang Mathematik gibt.
Florian: Und da gibt es vermutlich ein Dutzend Fernuniversitäten, wo sie oder er das anfangen könnte erstmal. Weil die spannende Frage ist ja, wieso sind wir an so einem Punkt angekommen in dem Coaching, wo jemand unbedingt raus will aus dem aktuellen System und einen großen Bruch machen möchte zu einem neuen System? Ist das eine gute Idee oder nicht? Und es kann sein, dass das eine gute Idee ist und es kann sein, dass das ganz schöne Auswirkungen auf das persönliche Leben einer Person hätte.
Miriam: Hat Veränderung immer in meiner Welt?
Florian: Ja, nur aus so einer Ökologie-Check-Sicht. Wenn das jetzt eine Frau ist, die ihre ganze Familie mit ihrem Beruf als Bäckerin oder Konditorin unterstützt, und dann sagt, das ist das, das möchte sie nicht mehr machen. Sie schwenkt jetzt um auf Mathematikstudium und möchte dann Professorin werden. Finde ich das richtig cool, dass da so ein Ziel im Raum ist. Nur welche Auswirkungen hat es denn auf das Einkommen, von dem vielleicht die ganze Familie lebt? Also was passiert mit dem System drumherum? Ist das überhaupt durchhaltbar auf Dauer? Das wäre ja vielleicht schlau, das vorher mal zu überlegen.
Miriam: Wenn es um berufliche Veränderungen geht.
Florian: Wenn es um so eine berufliche Veränderung geht, genau.
Miriam: Ja, klar. Wobei es in Deutschland ja auch möglich ist, ganz ohne Job zu leben. Manchmal sage ich, für manche wäre es besser.
Florian: Das kommt immer so auf die aktuelle Situation der Person drauf an. Und für mich ist immer diese Stelle spannend, wo jemand sagt, das, was ich bisher gemacht habe, geht nicht mehr. Riesenbruch und was ganz Neues. Da kann jemand vielleicht schon was richtig Gutes und hat schon richtig Talente aufgebaut, Erfahrungen aufgebaut, Leidenschaft aufgebaut, Fähigkeiten aufgebaut, vielleicht sogar hochbezahlte Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich aufgebaut und sagt dann, die möchte ich alle nicht mehr nutzen, ich mache jetzt was komplett Neues. Und da exploriere ich dann immer mit dem Coach so ein bisschen, ist das jetzt wirklich sinnvoll oder ist das wirklich gut, davon gar nichts zu übernehmen, gibt es nicht vielleicht sanftere Wege des Übergangs?
Miriam: Oder Kombinationsmöglichkeiten.
Florian: Oder Kombinationsmöglichkeiten, ja.
Miriam: Bei Konditor und Mathematiker überlege ich gerade, was das wäre.
Florian: Pi-Kuchen basteln. Pi-Kuchen? Ja. So Küchlein in Pi-Form. Also alles mögliche, ne? Vielleicht ist es tatsächlich dieses, eben einen Ausbildungsbetrieb zu starten und sich mehr darauf zu konzentrieren, die Umsätze zu machen oder sich zu spezialisieren auf Umsatz für Konditoren. Also es kommt so ein bisschen darauf an, wohin geht es mit der Mathematik, ne? Was ist das, wohin das geht? Geht es hauptsächlich um Rechnen, dann ist vielleicht dieses ganze Umsatzthema spannend und Steuern und die ganze Buchführung, Buchhaltung, solche Sachen in den Blick zu nehmen und da mehr Zeit mit zu verbringen, dann ist die Frage, wer macht die Kuchen in der Zeit oder wer macht die Torten? Das Thema gefällt mir immer besser. Ja, das stimmt. Wer kümmert sich um die Torten in der Zeit? Vielleicht ist es ja auch in Richtung statistische Analyse von irgendwelchen...
Wer darf hier überhaupt entscheiden?
Miriam: Es klingt zunehmend langweilig für mich und ich würde mich nach wie vor fragen, wenn einer so gut backt und die ganze Welt feiert denjenigen für seine Bäckereikunst, warum lässt er das dann? Warum macht er das nicht weiter? Das ist doch auch ein Vorenthalten von Fähigkeiten für... Ja und? Das ist doch verantwortungslos, wenn jemand so cool Kuchen backt und dann einfach die Welt im Stich lässt.
Florian: Dann gibt es einen moralischen Impetus in Richtung, die Person muss jetzt Kuchen backen für die anderen da draußen.
Miriam: Bis ans Lebensende, bis sie den Kochlöffel nicht mehr halten kann. Weil es nun mal so ist. Ich finde schon. Und ich finde, da sollte es eine neue Gesetzesregelung geben. So, bam. Ja, hätte ich auch nicht bei QVC kündigen dürfen.
Florian: Vielleicht, wenn wir immer demokratische Abstimmungen machen würden über, darf jemand seinen Beruf wechseln.
Miriam: Ich finde, jeder darf. Ich finde, jeder darf. So, jetzt habe ich als Mutter von kleinen Kindern, die selbst noch kein Geld verdienen können, vielleicht ein Thema. Auf der anderen Seite machen sich in meiner Welt sowieso viel zu wenige Mütter auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, fröhliches, erfüllendes Leben. Und ab wann fangen Kinder an, Luxus haben zu wollen oder Luxus zu erwarten? Was ist denn wirklich wichtig für so ein Kind? Das frage ich mich wirklich oft. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es? Klar wird es dann ein bescheidenes Leben, nur wenn die Mutter glücklich ist, ist es doch toll. So und klar würden wir im Coaching fragen, was ist das Ziel? Wenn es einfach immer nur darum geht, was anders zu machen und bloß wieder was anderes und was anderes, dann ist das ja auch ein Gehetze im Leben, an dem ich nicht teilhaben wollen würde.
Florian: Und das ist eben spannend. Also in einen neuen Job reinzugehen, ist halt viel einfacher, wenn du bringst ja schon viele Fähigkeiten und Erfahrungen mit. Und wenn du die mitnimmst in die neue Situation rein, ist es viel einfacher.
Miriam: Und wenn das jetzt ein junger Mensch ist, der noch gar nicht so viele Erfahrungen gesammelt hat, habe ich auch in meinem Portfolio von Leuten, an die ich jetzt eben gedacht habe. Wo ich sowas reinhalluziniere in diese Person und denke, das, was es im Moment macht, passt überhaupt nicht zu dem, wie es sich gibt und redet und ist. Und das ist dann meine Erkenntnis, das ist ja Glaskugel-Leserei.
Florian: Das ist von außen halt immer so ein bisschen, das ist die Frage, es ist von außen halt immer ein bisschen langweilig, weil es um die, da darf die Person halt selber eine Antwort drauf finden, oder? Was ist das aktuelle Ziel? Und wie genau meint die das jetzt? Also wirklich wieder, was heißt denn, ich habe Interesse an Mathematik oder was heißt, ich habe Interesse an Sport oder was auch immer? Was ist denn das, was daran wirklich Spaß macht? Was ist denn der Spaß am Backen? Welcher Teil des Backens macht denn noch Spaß oder macht vielleicht immer mehr Spaß?
Miriam: So eine richtige Lösung für das Thema gibt es nicht, ne?
Florian: Ja, doch. Doch. Eine individuelle. Die Person, die da was kann, darf halt rausfinden, ob sie das wieder wollen kann, was sie da kann, oder ob es ein neues Ziel im Raum gibt.
Zeit, Point of No Return und die Frage nach der Bestimmung
Miriam: Ab wann würde ich irgendwann auf dem Weg bemerken können, dass was nicht so gut passen könnte vielleicht? Also würden Menschen, die jetzt was ganz Neues machen, die von super toller Konditor nach Mathematiker wechseln, gäbe es so eine Art Point of No Return? Also wo die dann einfach jetzt so lange schon dann Mathematik rumstudiert haben, dass sie auch nicht mehr zurück können zum Konditor?
Florian: Wie ist das bei dir, Miri? Du hast ja jetzt gerade so einen Bruch in der Vita gemacht.
Miriam: Ja. Ja, ich will ja nicht zurück, weißt du?
Florian: Genau.
Miriam: Also ich will ja nach vorne. Also ich habe den ganzen Aufstand ja nicht deshalb geprobt, damit ich irgendwie sage, oh, jetzt gucke ich mal, wie das so ist mit NLP-Trainer sein.
Florian: Und wenn es mir nicht so Spaß macht. Und wir haben es parallel laufen lassen. Wir haben seit 2014. 2014, 2015 haben wir unsere ersten Seminare gegeben und viele Sachen ausprobiert und viele Sachen in kleineren Gruppen, in Firmen, in verschiedenen Kontexten gemacht, um zu schauen, passt das, um das schrittweise aufzubauen.
Miriam: Ja, das stimmt.
Florian: Um schon mal reinzufühlen. Um eine kinästhetische Referenz, also eine Idee davon, wie fühlt sich das an, zu bekommen. Um halt reinzufühlen, wie fühlt sich diese neue Idee an mit dem Mathematikstudium. Deswegen wäre für mich, glaube ich, die Fernuniversität Hagen als Option eine ganz spannende, um da mal anzufangen, Mathematik zu studieren, um zu sehen, ist es wirklich so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Miriam: Naja, bei einer Freundin, die ich habe, kam da so, also in dem Zusammenhang, es geht nicht um Mathematik, es geht um was anderes, nur da kam dann dieses Jahr, solange ich noch als Konditorin arbeite, habe ich gar keine Zeit, um Mathematik zu studieren. Wie soll ich denn das machen? Bei den Arbeitszeiten, die ich habe, morgens um vier aufstehen.
Florian: Ja.
Miriam: Ich bin ja froh, wenn die Kinder abends im Bett sind, wenn ich mich dann hinlege. Das heißt, da blieb überhaupt kein Spielraum, um das wirklich anzugehen. Und für sie, also für sie in ihrer Welt. Und sie meinte dann eben, wenn sie da nicht kündigt, dann kann sie es gar nicht machen. Ich finde es eine sehr spannende Frage, gerade bei beruflichen Veränderungen, wenn ein junger Mensch vor der Planung seines Lebens steht. Mit 17, 18, 19 hat er noch einen gewissen Zeitvorteil, finde ich. Nur um Exzellenz zu bekommen. Ich sage nicht, dass das mit 80 nicht geht, weil wir haben da auch schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Wir haben einen sehr, sehr weisen Kollegen bei unserer eigenen Trainerausbildung kennengelernt, der fast 90 war und da nochmal angefangen hat, sein ganzes Leben neu zu gestalten. Weil er meinte, auch für die verbleibenden 30 Jahre hier jetzt noch, lohnt sich ja. Und ich finde es super, ich finde es eine super Einstellung. Und vielleicht ist selbst das eine Fehlinterpretation, zu sagen, so ein junger Mensch hat ja einen Vorteil, weil er mit 17, 18 eben noch eine ganze Strecke seines Lebens vor sich hat. Wir haben ja mit 40 und 50 und 60 auch immer noch eine Riesenstrecke vor uns. Die meisten unterschätzen es ja sogar. Denn die Medizin heutzutage ist so gut, die lassen uns ja nicht zurück auf diese Wolke. Wir können ja machen, was wir wollen. Wir bleiben hier für 100 Jahre. Und wenn ich dann 50 bin, habe ich noch 50. 50 Jahre zu verplanen mit vielleicht endlich dem Traumberuf, den ich die ganze Zeit aus irgendwelchen Gründen nicht gemacht habe. Warum nicht? Ich frage mich manchmal, ob mein Vater glücklicher gewesen wäre als professioneller Theaterregisseur irgendwo an einem Schauspielhaus oder als Intendant. Und mein Gefühl würde sagen, ja. Und er war sehr erfolgreich in dem Job, den er bei einer Versicherungsgesellschaft gemacht hat. Sehr erfolgreich.
Florian: Ja, es ist fast eine Tellerwäsche zum Millionär. Ja genau, es ist eine riesen Geschichte. So ein riesen Karrieresprung gemacht.
Miriam: Und sein Traum war es, am Theater und im künstlerischen Bereich zu arbeiten, schon als kleiner Junge. Das hat er dann nebenbei als Hobby ausgebaut und hat das auch sehr stark ausgebaut und gehört sicherlich von seinen Fähigkeiten hier, das hat er immer nebenberuflich gemacht, auch mittlerweile zu den absoluten Pros in Deutschland. Er ist ein erfahrener, toller Bühnenregisseur mit einem wunderbaren Blick fürs Gesamte. Und ja, geht beides, geht immer nur eins. Gibt es einen Zwischenweg, gibt es eine individuelle Lösung für jeden?
Florian: Ja, du hast gerade die Jugendlichen da reingeholt oder junge Menschen noch. Und das ist ein Thema, was mich auch schon seit längerem beschäftigt. Wir hatten es auch schon ein paar Mal hier im Podcast, ist dieses, woher weiß ich denn, was meine Bestimmung hier im Leben ist? Und für mich ist die Antwort immer mehr, ohne was zu tun, funktioniert es nicht. Also ich finde das nicht bei mir zu Hause in meinem Sessel raus.
Miriam: Ja.
Florian: Was wirklich, wo meine Leidenschaft liegt und wo meine, in Anführungszeichen, Bestimmung ist. Leidenschaft hört sich immer so nach Leiden an, ne? Ja. So das Begeisterungsfeld. Also was ist das, was mir oder was ist das, was dir richtig Spaß macht? Was ist das, wo du sagst, wow, da stehe ich morgens für auf? Ist das was, wo wir uns hinsetzen können, wir setzen uns einen Sessel, denken 20 Tage drüber nach und irgendwann kommt dann die Erkenntnis und sagt, ha, ha, Hundefriseur. Also funktioniert es so. Und für mich ist die Antwort immer mehr, nee. Sondern es funktioniert dadurch, dass ich irgendwas tue und merke, was an dem, was ich gerade tue, wo auch immer dieser Job ist, was an dem, was ich tue, ist das, was mir wirklich Spaß macht. Welcher Teilbereich dieses Jobs macht mir richtig Spaß? Und dann darin immer mehr Zeit zu verbringen und immer besser zu werden. Und dann wäre es eben die Entwicklung von der Konditorin hin zu was auch immer. Nur dann ist der, der Weg fühlt sich sanfter an inzwischen für mich.
Miriam: Ja. Ja.
Florian: Und das ist der, der für mich mehr Sinn ergibt. Weil ja, es ist gut, so eine Bestimmung zu haben und für einen jungen Mensch heißt das, irgendwas auswürfeln da draußen, irgendwas, was irgendwie Spaß macht, was im Moment sich so anfühlt, als könnte es Spaß machen.
Reinfühlen statt schönreden: sein und sein lassen
Miriam: Ich habe mir mal überlegt, wir haben ja einmal diese Handwerkerin auf der Walz mitgenommen im Auto.
Florian: Die Hutmacherin.
Miriam: Die Hutmacherin, ja, Modistin. Und das war so ein schönes Gespräch. Und es gibt ja schon sehr, sehr lange, dass Handwerker auf die Walz gehen. Und ich habe mir überlegt, ob es nicht toll wäre, wenn es sowas für jeden gäbe, also wenn es so eine Art Praktikumswalz gäbe. Also die Jugendlichen können sich in allen möglichen unterschiedlichen Betrieben für eine Woche oder zwei aufhalten und dort blödsinnige Arbeiten machen.
Florian: Viele Schulen machen das doch schon.
Miriam: Ja, und die schicken die halt zweimal für zwei oder vier Wochen irgendwo hin. Und ein Jahr lang, alle zwei Wochen in einem anderen Unternehmen den Kaffee kochen und die, was weiß ich, Tische abwischen.
Florian: Und genau hinzuschauen, wie sehen die Menschen aus, wenn sie diesen Job 30 Jahre lang gemacht haben. Macht es Spaß. Will ich so jemand werden?
Miriam: Ich liebe Blue Chip. Ja, ich finde es so cool, dass wir auch als Trainer in unterschiedlichste Unternehmen rein dürfen und dort eben Menschen kennenlernen und dort mit denen reden können und Arbeitsabläufe erkennen und auch Arbeitsumfelder erkennen und sehen, aha, da fühlt sich das so an in dem Unternehmen und da so. Ich finde es großartig und wir machen das so wenig, glaube ich, dass wir uns wirklich mal informieren, wie ist denn der Arbeitsalltag von einem Konditor, wie ist denn der Arbeitsalltag von einem Mathematikprofessor. Wäre es okay, da anzurufen und zu sagen, darf ich Sie mal vier Tage besuchen, nur um mal zu fühlen, wie das so ist?
Florian: Vielleicht reicht ein halber.
Miriam: Vielleicht reicht bei manchen dann auch schon ein halber, um zu sagen, vielen Dank, das war schön, auf Wiedersehen, schön für Sie. Ja, und es wären Erkenntnisse dahinter. Weil diese Sachen schön reden aus der Not, dass einem irgendwas nicht gefällt gerade. Das ist ja oft das, was Menschen tun. Hier ist jetzt alles so schlecht, da kann ja Mathematik-Professor nur was Tolles sein. Da gibt es ja auch eine Verrennerei in sowas. Und ich habe das für mich sehr genau überprüft. Eben auch dadurch, dass wir es gemacht haben. Dass wir, während ich noch bei QVC war, schon gemacht haben.
Florian: Wir sind zwischendurch so ein bisschen abgebogen. Wir haben gestartet mit dem Thema... Da kann jemand sowas Gutes, wieso will er denn nicht?
Miriam: Ja.
Florian: Und dann sind wir jetzt eh, wir haben eine Schleife gedreht über, was passiert denn, wenn ich das bin? Wenn ich was kann und nicht mehr will. Und jetzt, was machen wir denn jetzt mit diesem Thema, wenn ich von außen sehe, das wäre doch so gut.
Miriam: Ich habe mir angewöhnt, lass die anderen in Ruhe. Ich habe es mir wirklich angewöhnt.
Florian: Sagst du da auch nichts mehr?
Miriam: Außer sie sprechen mich konkret an. Also da... Sag ich nichts mehr. Weil ich finde, dass jeder Mensch das Recht dazu hat, seine Erfahrungen zu machen. Und auch wenn es mir im Kopf gegen die Wand geht. Ich hoffe halt nur, dass er es einmal tut. Ich habe von Chris Mulzer hier so ein schönes Zitat gelesen, über dieses Fehler machen, jetzt am Wochenende in seinem Newsletter. Da hat er geschrieben, warte, wie rum war das? Wenn du aus Fehlern nichts lernst, dann brauchst du sie auch erst gar nicht machen. Also, es ist ja okay, was auszuprobieren. Und manchmal denke ich, das ist jetzt hirnrissig über irgendeinen anderen Menschen. Ich wüsste es besser, ich wüsste besser, was der oder diejenige machen sollte. Und bei anderen fällt ja Menschen das auch leichter. Statt auf sich selbst zu gucken, auf die anderen zu zeigen und zu sagen, der sollte dies und der sollte das und so rum wäre es noch besser. Und ich weiß nicht, ob ich in jedem beliebigen Fall die Weisheit mit Löffeln gefressen habe. In einem Coaching, finde ich, ist es was anderes. In einem Coaching haben wir die Möglichkeit, Analysen zu betreiben und auch mal hinter die Kulissen zu blicken und mit Ruhe und Zeit und entspannt die Themen aufzunehmen, die eine Rolle spielen. Also woher kommt es, wohin geht es? Wenn ich einfach jetzt so über den Draufblick auf einen Menschen denke, oh nein, warum tanzt es nicht professionell Ballett?
Florian: Und wenn ich so einen Impuls hätte bei jemandem, dann fände ich es schön, die Frage einfach zu stellen, was möchtest du denn im Leben? Also wenn mir das bei jemandem auffällt, dass ich sage, wow, so tolle Ballettfähigkeiten, wieso was ganz anderes? Dann wäre es vielleicht schön, ein Gespräch einfach zu starten an dem Punkt, was möchtest du eigentlich im Leben? Was ist das, was du gerne hättest? Gibt es da ein Ziel? Vielleicht ist es ja auch spannend, das einfach zu explorieren, um rauszufinden, da ist noch ganz anderes Potenzial im Raum, ganz andere Fähigkeiten sind da.
Miriam: Ja.
Florian: Da ist noch ein ganz anderes Können. Ja.
Miriam: Tja. Und auch die Entspanntheit zu sagen, da möchte jetzt einer seine Erfahrungen machen. Sein und sein lassen. Wo ist hier die Frage?
Florian: Sein und sein lassen. Wo ist hier die Frage? Ja, ja.
Miriam: Wir kommen gerade vom Theaterwochenende. Ich plädiere für sein lassen. Oder sein.
Florian: Oder weitermachen.
Miriam: Ja. Ist eine Einladung. Übrigens, der nächste Practitioner füllt sich. Der findet im Januar statt. Du findest die Termine auf unserer Homepage. Wir freuen uns, wenn du dabei bist. Der jetzige ist eben rum.
Florian: Das stimmt. Hat viel Spaß gemacht. Wir kamen gerade vom Zauberberg.
Miriam: Eine tolle, tolle Gruppe. Ganz liebe Grüße an die neuen Sprachzaubererinnen vom Zauberberg.
Florian: Und wir hören uns wieder.
Miriam: Nächste Woche, wie immer, dienstags.
Florian: Wenn es wieder heißt.
Miriam: Zwei Gehirne.
Florian: Ein Podcast.
Miriam: So soll es sein. Bis dann.
Florian: Bis dann. Tschüss. Ciao.
Miriam: Mehr von uns gibt es unter www.kontext*denken.de Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.