Miriam wurde als Kind als musikalisches Talent gehandelt, sa daß am Konservatorium in Frankfurt und erlebte, wie andere Kinder mit elf Jahren Chopin-Etüden runterspielten. Florian behauptet trotzdem: Talent gibt es nicht. Wenn du je gedacht hast, für irgendwas fehle dir einfach die Begabung — hör hier genau hin, denn genau das nehmen die beiden auseinander.
Luxushörer, Feedback und ein Buch, das zu Hause für Streit sorgt
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt. Und mit Miriam Deforth und Florian Groß. Heute ist wieder Podcast-Tag.
Miriam: Allerdings. Wie jeden Tag.
Miriam: Wie jeden Tag? Ja, unsere Podcasts sind ja immer abrufbar. Und wir wissen ja nicht, ob unsere Hörer pünktlich Montag auf Dienstag Nacht um die Mitternacht... Was?
Florian: Unsere Hörer sind doch... Luxushörer. Diese Woche haben wir es wieder erfahren, weil es kam wieder Feedback. Vielen Dank.
Miriam: Oh, war das schön.
Florian: Ja, wir haben uns wieder gefreut.
Miriam: Ja, und das motiviert schon, ne?
Florian: Ja.
Miriam: Also ja, wir beide wissen, wie wir uns unabhängig machen von irgendwelchen Einflüssen von draußen. Und ich merke schon, dass wenn jemand sagt, ich höre jede Woche euren Podcast und ich habe das und das schon gemacht. Oder diese eine Folge, genau, ja. Ich habe das mitgenommen in meine Schulklasse, haben wir gehört.
Florian: Exakt, das war das, woran ich auch dachte.
Miriam: Vielen Dank. Ja, da fangen wir beide an, so zu leuchten, dass wir auch Leselampen werden könnten.
Florian: Erfolgreiche. Jetzt sind Leselampen ja tendenziell in dunklen Räumen, das heißt, die brauchen gar nicht so hell sein, ne?
Miriam: Ja, stimmt. Da sind wir bei dem Thema des heutigen Tages.
Florian: Wir könnten Flutlichtstrahler werden.
Miriam: Ja, mit noch mehr gutem Feedback. Schaffen wir das auch noch. Herzlich willkommen.
Florian: Es gibt ein Thema diese Woche. Herzlich willkommen. Gibt es ein Thema diese Woche?
Miriam: Du, spannend.
Florian: Würdest du es mir bitte verraten?
Miriam: Ja.
Florian: Würdest du es mir auch jetzt bitte verraten?
Miriam: Ja, das Thema ist, wenn du kein Talent für irgendwas hast, lass es doch.
Florian: Hahaha. Wie kommst du denn auf das Thema?
Miriam: Da hat mich ein wunderbarer Mann zu angestiftet, der sich ein Buch gekauft hat. Und seitdem ist dieses Buch hier bei uns zu Hause Thema und dieser Mann wohnt auch hier. Allerdings bleiben wir anonym, das heißt, ich nenne keinen Namen.
Florian: Nicht, dass wir hier jemanden... Entblößen würden. Richtig.
Miriam: Du darfst übrigens gerne Themen einreichen und wir lassen das wirklich anonym. Vielleicht sagen wir die Stadt, wo du wohnst.
Florian: In der Müllerstraße 34.
Miriam: Nein. Das habe ich nur gemacht, damit allen klar ist, woher es kommt. Es wird also ein hochintellektueller, philosophischer, investigativer Podcast. Bleibt dran.
Florian: Ja.
Miriam: Und für alle Kurzentschlossenen, es gibt noch vier Plätze bei unserem Sprachzaubertag am 1.10.2017 in Frankfurt. Das ist dieser Sonntag.
Miriam: Das ist dieser Sonntag. Mach dich auf die Socken. Setz dich in den Zug. Wir freuen uns auf dich und deine Kommunikation. Und wir kippen zehn Stunden lang, nee, acht Stunden lang alles aus, was wir in acht Stunden reinbekommen an diesem Tag.
Florian: Allerdings. Ich habe das Programm mit Miri zusammen schon gemacht. Uiuiui.
Miriam: Uiuiui. Wenn du wirklich weiterkommen willst in Kommunikation, sei da. Alle wichtigen Informationen gibt es auf www.kontext*denken.de. Da geht es auch zur Anmeldung und für Fragen stehen wir unter der E-Mail-Adresse zur Verfügung. So und da nehmen wir natürlich nur Leute, die echt Talent zum Sprechen haben. Jetzt geht's los.
Florian: Achtung, halt dich fest.
Miriam: Ohren angelegt.
Florian: Miri hat einen neuen Knopf entdeckt, auf den sie drücken kann. Und Florian geht... Und dann fang ich an. Was? Talent gibt's doch gar nicht.
Das absolute Gehör: 24 Kinder, ein japanischer Forscher und 10.000 Stunden
Miriam: Ich habe in meinem Leben viel mit Talent zu tun gehabt. Also ich wurde relativ früh als musikalisches Talent identifiziert.
Florian: Können wir nicht ein anderes Thema nehmen?
Miriam: Ne, wir nehmen genau das Thema. Und ich weiß, du hättest gerne einen ganzen Tag für das Thema, vielleicht sogar eine ganze Woche. Wir haben schon überlegt, ob wir einen neuen Workshop begründen. Der heißt Talent.
Florian: Der hieße Fast Track. Learning all the skills there are. Oder Talent. In einer Woche lernen wir so viele verschiedene Fähigkeiten, wie es irgendwie geht.
Miriam: Ich weiß nicht, ob du jetzt beim Zuhören, meistens denkst du ja mit, ob du schon mal darüber nachgedacht hast, bestimmte Dinge gar nicht erst anzufangen, weil du glaubst, du bist da untalentiert. Ich habe es oft gehört im Bereich Tanzen.
Florian: Ja?
Miriam: Ja, beim Tanzen. Ich bin ja sehr aktiv in einer großen Musicalgruppe, die jedes Jahr mit Profis und Amateuren zusammen ein irres Projekt auf die Bühne stellt. Und es melden sich Leute und sagen, ich will da mitmachen. Nur zum Tanzen habe ich kein Talent. Sondern würde selbstverständlich unser Haupt-Dance-Captain sagen, jeder kann tanzen. So wie Gotthild Fischer gesagt hat, jeder kann singen und die Fischer-Chöre gegründet hat, die zu tausenden aufgetreten sind und es klang gut. Ja, eben. Und die Frage, die Florian sich an dieser Stelle... Die Frage, die in Florian schon lange wühlt, ist, ist es wirklich Talent?
Florian: Gibt es wirklich Talent?
Miriam: Ja. Zu welchen Erkenntnissen, zu welchen absolut brandaktuellen Erkenntnissen? Brandaktuell. Bist du gekommen, mein Schatz?
Florian: Nein, es gibt kein Talent.
Miriam: So, jetzt fang mal an.
Florian: Und jetzt, und darüber kloppen Miriam und ich uns stundenlang auf Autofahrten.
Miriam: So, denn meine These, sag ich euch jetzt meine These?
Florian: Ja, sag mal deine These.
Miriam: Meine These ist, ja, Tatsache. Ich sehe mich auch imstande, jedem Menschen die Grundschritte vom Cha-Cha-Cha beizubringen. Und mir ist im Laufe meiner vielen Jahre auf der Bühne mit Tänzern aufgefallen, dass die bei dem einen sofort total elegant aussehen und immer eleganter und brillanter und exzellenter werden. Bei dem anderen bleibt es bei einem relativ stumpfen Vor-Rechts-Links-Cha-Cha-Cha, Vor-Rechts-Rechts-Cha-Cha-Cha oder so.
Florian: Ja, zwei Themen, die wir da schon isoliert haben durch Brillantes hin und her. Das eine ist, manche Menschen haben Begeisterungsfelder an bestimmten Stellen. Das heißt, wenn ich jemanden habe, der denkt beim Tanzen schon um Gottes Willen, mit anderen Menschen in einem Raum sein und mich auch noch zu komischer Musik rhythmisch bewegen, das habe ich ja jetzt mir noch gar nicht vorgestellt. Dann wird es vielleicht auch nichts. Also wenn jemand ein Begeisterungsfeld hat und sich sowieso schon gerne bewegt und Musik gerne hört und schon angefangen hat, sich da ein bisschen zu bewegen, dann ist das Ganze vermutlich einfacher für diese Person, tanzen zu lernen. Nummer zwei. Ein richtig guter Lehrer gehört dazu. Jemand nämlich, der erkennt, was ist gerade wichtig für die Person. Wenn ein, also sowas darf ich jetzt nicht sagen, wenn jemand in den Raum kommt, der noch Probleme hat mit Rhythmus, also für den... Da ist ja auch das Wort Muss drin.
Florian: Ja, das stimmt. Also mit Rütt dürfen. Dann ist der richtige Schritt an dieser Stelle vermutlich nicht, dass wir eine Choreografie aufbauen, die stark auf Rhythmus basiert und wo zum Rhythmus ganz viele Wechsel passieren und zum Rhythmus dürfen, sondern dann geht es vielleicht erstmal darum, dieser Person beizubringen, was ist denn das mit dem Rhythmus? Und einen einfachen Takt mal zu üben und dann zum mittelschweren überzugehen und erst mal so anzufangen, ein Rhythmusgefühl zu bekommen und wenn dieser Lehrer das erkennt oder diese Lehrerin, dann eben ganz anders vorzugehen, wie lerne ich eigentlich tanzen oder wie bringe ich Tanzen bei?
Miriam: Ich bin da mal in mich gegangen.
Florian: Du bist in dich gegangen.
Miriam: Ja, es gibt da so eine Treppe.
Florian: Du warst vorher im Urlaub und dann bist du in dich gegangen. Du bist in eine Treppe tief in dich gegangen. Und da hast du was entdeckt in der Schatzkiste deines Bewusstseins.
Miriam: Erstmal habe ich totale Bockigkeit gefunden, als Florian gesagt hat, es gibt kein Talent, weil meine feste Auffassung, einer meiner Glaubenssätze für dieses System von Welt, in dem wir leben, war, dass Menschen unterschiedliche Talente mitbringen, wenn sie auf diese Welt kommen, wie auch immer. Und dass der eine begabter ist im musikalischen Bereich und der andere vielleicht im handwerklichen. Manche Menschen haben viele, viele, viele Talente. Manche haben ein besonders großes. Und ich fand das alles okay. Ich war total entspannt damit. Und dann kommt Florian und sagt, nö. Gibt kein Talent, weil es gibt dafür ganz viele Beweise. Du hast tolle Beweise dafür gefunden.
Florian: Genau. Das erste, was beschrieben ist, das Buch heißt auf Deutsch Top, im Englischen Peak. Und der Autor ist ein Universitätsprofessor, der viele Jahre lang Beweise dafür gesucht oder erstmal herausfinden wollte, wie funktioniert das eigentlich mit Spitzenleistung. Und dann hat er sich eben über Studien angeschaut, was passiert denn da. Und zum Beispiel hat er sich angeschaut, das perfekte Gehör. Also wenn Menschen an Klängen, die da draußen in der Welt passieren, direkt erkennen können, welche Note das ist. Und normalerweise ist es so, dass eine Person von 10.000 ungefähr diese Fähigkeit besitzt.
Miriam: Wir nennen es in der Musik das absolute Gehör.
Florian: Ah, absolutes Gehör, genau. Im Englischen ist es Perfect Pitch. Da werden wir jetzt noch ein paar Mal draufstoßen, dass ich englische Worte weiß.
Miriam: Du hast das Buch auf Englisch gelesen. Es gibt es auch auf Deutsch übrigens. Wir verlinken das am besten unter dem Podcast.
Florian: Da spielt noch ein zweites Buch rein, was mich schon länger beschäftigt. Und ein Forscher in Japan hat jetzt angefangen, Kindern beizubringen, wie das funktioniert. Und der hat sich 24 Kinder geschnappt und die haben am Klavier bestimmte Übungen gemacht. Und da kommt eben das hinein, dass es nicht darauf ankommt, dass die Kinder irgendwas machen. Sondern dass es darum geht, dass jemand sehr bewusst mit denen trainiert. Und nach einem, anderthalb, zwei Jahren konnten die Kinder alle das, was gemeinhin als absolutes Gehör bezeichnet wird.
Miriam: Alle 24?
Florian: Alle 24. Also hat der Forscher entweder wahnsinniges Glück gehabt bei der Auswahl seiner Kinder, weil er 24 aus 24.000 richtig ausgewählt hat, oder es ist trainierbar. Zumindest bis zu einem bestimmten Alter hin.
Miriam: Und da wurde ich stutzig. Und ich dachte, ja, da könnte was dran sein. Also ich, wie gesagt, ich habe das am eigenen Leibe erfahren in vielen Bereichen. In meiner Ausbildung war das Wort Talent ein großes, wichtiges, sackenschweres Argument.
Florian: Bei mir auch. Ich habe halt Talent für Mathematik und kein Talent für Erdkunde.
Miriam: Zum Beispiel, das war in der Schule schon irgendwie ein Thema, gravierender wurde das in meiner Ausbildung am Klavier, ich war Stipendiatin am Konservatorium in Frankfurt und das war hohe Schule und da wurde das Talent der Kinder, die dort angenommen wurden, heftigst geprüft und es ging um Talent und technische Fertigkeiten am Klavier bei der Aufnahmeprüfung. Beim Talent übrigens wurde auch das Gehör getestet, also da sind wir wieder bei diesem Thema absolutes Gehör. Ich habe das so oft gehört als Kind, dass eben bestimmtes Talent dazu führt, dass Menschen in einem bestimmten Bereich brillant werden können, dass ich dann, als ich zum Beispiel konfrontiert wurde mit, in meiner Dorfmusikschule war ich mit Abstand die Beste am Klavier. Kein Thema. Als ich dann an dieses Konservatorium kam, war ich rapzapp nicht mehr die Beste von meinem Alter, weil da waren Kinder zu meiner Zeit oft aus Korea oder Japan, die in Deutschland lebten dann. Die schon sehr viel früher als ich angefangen hatten, viel mehr Stunden am Klavier zu verbringen. Und die haben dann da mal eben so eine Chopin-Etude mit elf Jahren runtergespielt, an die ich noch nicht mal gedacht habe zu dem Zeitpunkt, von den technischen Fähigkeiten her. Und dann fragte ich mich natürlich, ich habe dann den Glaubenssatz entwickelt, dass mein Talent viel kleiner ist als deren Talent. Dann kam wiederum die Aussage meines Profs, der mich damals unterrichtet hat, Miriam, 20% Talent, 80% Fleiß. Das würde ja auch die Wichtigkeit des Talents deutlich schmälern, wenn das von der Gesamtleistung nur 20% wären. Und der Rest ist eben sich vier Stunden am Tag hinsetzen und diese Etüden spielen, diese Übungen.
Florian: Der Professor Erickson, das ist auch der, vielleicht habt ihr das in den letzten Jahren mal gehört, es ging vor zwei oder drei Jahren mal größer, zumindest durch den Bereich der, durch meinen Wissensbereich durch, diese 10.000 Stunden üben, die man soll, um Meisterschaft in irgendwas zu erlangen. Man müsste nur 10.000 Stunden mit irgendeinem Thema verbringen und kann dann Meister werden. Ja, theoretisch 10.000 Stunden bewussten Übens, also bewussten Übens an der Grenze dessen, genau zwischen Unterforderung und Überforderung, also genau in diesem Flow üben. Das ist das, was der Professor herausgefunden hat. Und das ist das, was auch die Grundthese dieses Buchs ist. Wenn ein dreijähriges Kind ans Klavier gesetzt wird und soll einfach vor sich hin klimpern vier Stunden jeden Tag, dann wird auch vermutlich in sechs Jahren, selbst wenn es das jeden Tag tut, wird kein richtig guter Klavierspieler draus. Nur wenn jemand dabei ist, der fördert und fordert an der Stelle, klar. Ist der mit neun oder ist sie mit neun schon eine fantastische Klavierspielerin? Wenn da so eine Grundbegeisterung für dieses Spielen auch dabei entwickelt wird. Und wer weiß schon, wie das passiert. Ob das auch von der Begeisterung der Lehrer abhängt oder von der Begeisterung davon, wie viel Spaß macht das Ganze, wie lustig ist eigentlich das Lernen an der Stelle.
Basketball, Reiten und die Frage, wie viel Begeisterung wirklich drinsteckt
Miriam: Das würde, und da hat sich mein Weltbild gedreht an der Stelle. Das würde für mich die Annahme zulassen, dass ich imstande wäre, Achtung, das ist ein echtes Miri-Thema, dass ich imstande wäre, zum Beispiel jonglieren oder Basketball zu lernen.
Florian: Exakt. Du wirst vermutlich, also, dass wir geredet haben, vermutlich wirst du nicht mehr in diesem Leben auf dem Level der Frauen-NBA in den USA spielen werden. Selbst wenn du jetzt anfängst, Basketball zu lernen. Nur in deiner Altersklasse? Wieso nicht?
Miriam: So, mit großer Begeisterung drangegangen, mit vielen Stunden am Basketballkorb, also ich möchte nur erwähnen, dass Ballsport...
Florian: Du hast es schon so häufig erwähnt, ich dachte, dass das...
Miriam: Das ist mein Lieblingsbeispiel. Da fühle ich auch echt Widerstand, wenn ich nur dran denke.
Florian: Also, wenn ich jetzt mit großer Begeisterung... 10.000 Stunden heißt über 365 Tage im Jahr, das sind irgendwie 3 Stunden am Tag und ab und zu mal eine Pause gemacht, heißt nur 1.000 Stunden im Jahr. Das sind 10 Jahre... Grob jeden Tag drei Stunden Basketball geübt. Da gehört schon echt Begeisterung dafür.
Miriam: Und ich gehe davon aus, dass ich zehn Jahre, dass ich die noch hätte jetzt. Dann würde ich davon ausgehen, dass ich nach zehn Jahren drei Stunden am Tag mit großer Begeisterung Basketball üben, unter Anleitung eines Trainers, ab und an, regelmäßig.
Florian: Vermutlich unter Anleitung eines Trainers von Anfang an.
Miriam: Von Anfang an, würde ich eine immer noch recht große Exzellenz in diesem Sport entwickeln können. Das hat mein Weltbild in seinen tiefsten inneren Trutzmauern erschüttert. Nicht, dass ich jetzt mich hinstelle und mache Basketball. Also nur, dass wir das klar haben. Nur es hat meine Range von Vorannahme, was ich noch alles erreichen kann, hat es erweitert, vom Gefühl her. Gleichzeitig habe ich das Wort Talent plötzlich nicht mehr als ein Lorbeerkränzchen betrachtet, das einem Menschen aufgesetzt wird, sondern eher als eine Last. Also Talent im Sinne von, jemand hat ein tolles Talent, das nicht. Sondern im Sinne von, ich spiele keinen Ball, ich habe dafür einfach kein Talent, klang für mich plötzlich so fade, so nach Ausrede.
Florian: Ja, ist es ja auch, oder?
Miriam: Das ist so ein Opferding wieder, ne? Da sind wir wieder beim Opferthema, weil...
Florian: Genau, weil es spielt doch keine Rolle. Die Frage ist, habe ich Lust, 10.000 Stunden da reinzustecken oder nicht?
Miriam: Kann ich bei Basketball ein dickes, fettes, goldenes Nein drunter setzen?
Florian: Beim Jonglieren sogar auch. Nur, ich möchte es nicht entwickeln oder ich sage, ich lasse das, weil ich mache viel lieber Golf oder Tennis oder was auch immer.
Miriam: Oder Reiten oder Tanzen oder Skifahren.
Florian: Was auch immer du am liebsten tust, das ist genau das Richtige für dich.
Miriam: Es sind nicht immer Bälle notwendig, um Sport zu treiben.
Florian: Genau, achso, sorry. Surfen.
Miriam: Surfen. So, und jetzt kommt noch was Spannendes, weil die ganz wachen Hörer würden jetzt das Argument bringen, ich habe in meinem Leben schon Leute erlebt, die sich mit allergrößter Begeisterung in ein bestimmtes Gebiet reingekniet haben. Und sie haben es auch nach zehn Jahren intensivstem Training und viel Geld für Trainer nicht wirklich weit gebracht. Ich möchte das anbringen, weil wir es auch, wir haben darüber gesprochen, Florian und ich, weil es war eins meiner Argumente. Die tun und tun und tun und trotz viel Fleiß und einer riesen Begeisterung für das Thema. Ich habe vier Jahre Reitunterricht gehabt in einer Reitschule, da waren alle lieb und nett und die hatten tolle Pferde. Und ich habe nach vier Jahren auf dem Pferd gesessen.
Florian: Exakt. Und was ist dann passiert?
Miriam: Dann haben wir einen Reiturlaub gemacht im Bayerischen Wald bei einem Reitlehrerpaar, das völlig anders unterrichtet hat als der Lehrer, den ich zu Hause hatte. Und ich habe binnen zwei Wochen Urlaub mehr Fortschritte gemacht als vorher in vier Jahren. Also es gibt auch noch dieses Thema Trainer, das hast du vorhin schon angesprochen.
Vom richtigen Trainer, ständigem Üben und dem Wort Begeisterungsfeld
Florian: Exakt. Ich kann viel Geld ausgeben für Trainer und dann würde ich erwarten, dass was vorangeht. Das ist das, was ich jetzt auch daraus ziehe, dass ich sage, ich möchte mir, wenn tatsächlich ein Begeisterungsfeld ist, bei mir ist es zum Beispiel Schwimmen. Ich mag das sehr gerne. Ich habe nicht so wahnsinnig viel Zeit in meinem Kalender. Das heißt, wenn ich mir jetzt einen Schwimmlehrer suche, dann suche ich mir einen sehr guten, weil ich möchte, dass es vorangeht und daran würde ich mich auch messen. Wenn ich schon Zeit mit ihm oder ihr verbringe, dann möchte ich auch den Erfolg sehen in wenigen Wochen oder wenigen Monaten selber merken an mir, dass da was vorangeht. Weil das ist das, woran ich dann messen kann, hat dieser Trainer verstanden, also diese Trainerin, wo ich gerade bin und was gerade der nächste richtige Schritt ist, um auf den nächsten Level zu kommen. Was weiß ich, vielleicht ist es Trockentraining, vielleicht ist es Krafttraining, vielleicht brauche ich gar nicht ins Schwimmbad gehen dafür. Sondern es ist tatsächlich irgendwas anderes. Und das ist das, was ich mir erwarten würde. Das ist genau das, was deine Trainer da im Bayerischen Wald gemacht haben. Deine Reitlehrer. Weil die sind ganz anders rangegangen und du hast innerhalb von einer Woche Fortschritte gemacht, die du vorher in Jahren nicht gemacht hast. Jetzt kann man sagen, okay, da war eine Grundlage geschaffen oder was auch immer. Nur das habe ich auch zu oft gesehen. Menschen haben ein Begeisterungsfeld, beschäftigen sich jahrelang mit irgendwas und es geht nicht voran. Und es ist ja okay, wenn es für die Person auch okay ist. Nur wenn das Ziel ist, in einem bestimmten Gebiet großartige Leistungen zu leisten oder da immer besser zu werden, dann würde ich mich an der Stelle mal wirklich fragen, wie sieht es aus? Ist der Plan da, dieses Gebiet zu erkunden, tatsächlich der richtige?
Miriam: Und auch die Frage, die jeder Mensch sich selbst stellen darf, der an was dran ist, ist es wirklich aus vollständiger innerer Begeisterung? Und wie viel Zeit investierst du in diese Fertigkeit, in diese Fähigkeit auch außerhalb einer Trainerstunde? Wenn ich uns im Sprachbereich beobachte, wir trainieren ja nicht nur, wenn wir selbst auf Fortbildung gehen. Ich meine, wir sind vier, fünf Mal im Jahr auf einer Fortbildung selbst als Trainer und lassen uns weiterbilden. Das sind dann vier, fünf Wochen. Bei dir manchmal mehr.
Florian: Da sind immer noch eine Menge Wochen übrig.
Miriam: Was wir tun ist, wir trainieren sogar, wenn wir zu zweit privat alleine sind.
Florian: Miri korrigiert man eigentlich nicht nur, wenn wir podcasten.
Miriam: Hey, und du bist mir auch auf den Fersen. Und wir haben einen Deal, weil uns das so einen Spaß macht.
Florian: Typischerweise, wenn ich irgendwo eine neue Technik lerne oder ich gehe ja viel auch auf Moderation, Facilitation, Schulung, typischerweise wende ich das dann auch sofort an, um rauszufinden, ist es so, funktioniert es, wo sind die Grenzen, um irgendetwas Neues, wenn ich dafür einen Anwendungsfall habe in einem der Teams, mit denen ich arbeite, um sofort zu sehen, wie gut funktioniert das, kann ich das anpassen an mich, kann ich das integrieren in meinen Werkzeugkasten, genau.
Miriam: Ich sehe dich auch einfach ganz viel lesen, hören über die Themen, genau wie ich auch. Also wir sind einfach total begeistert von den Möglichkeiten, die Kommunikation bietet. Und wir finden die besten Trainer in Europa, um uns noch fitter zu machen, noch besser zu machen, um uns noch besser aufzustellen in dem Bereich. Und wir sind beide ständig dabei. Wir sind ständig begeistert. Wir lernen jeden Tag dazu. Und das ist bei jemandem, der tanzt, auch einfach. Weil er hat ja 1, 2, vielleicht wenn er im professionellen Bereich ist, 3, 4 Mal in der Woche Trainerstunden. Und den Rest der Tage tanzt er auch. Der tanzt in der Badewanne, mit den Füßen im Wasser. Der tanzt, wenn er die Treppe runter geht. Der tanzt im Auto mit den Schultern, wenn er fährt.
Florian: Ich habe vor vielen Jahren schon ein Buch von einem Schachgroßmeister gelesen, wo er auch über das Lernen geschrieben hat. Das ist tatsächlich auch ein Thema, was mich schon länger beschäftigt. Und beschrieben hat, dass er in der Schule, während die anderen Schüler Matheaufgaben gemacht haben, hat er kleine Zettel dabei gehabt, wo er sich Schachstellungen drauf geschrieben hatte. Also sein Schachbrett von zu Hause aufgeschrieben in die Schachstellung und dann hat er sich das im Geiste vorgestellt und die nächsten Züge geübt. Und einmal ist er wohl sogar aufgestanden vor lauter Freude, dass er endlich eine Lösung gefunden hat und meinte, ah, der Bauer, zieh da hin. Und sein Lehrer hat ihn dann wohl nicht, das fand der Lehrer nicht so lustig.
Miriam: Eine der besten Freundinnen meiner Mutter ist eine der weltbesten Hornistinnen, die es gibt. Bis heute, und die macht das jetzt seit 40 Jahren oder so, bis heute hat die an einer Kette um den Hals ihr Mundstück von ihrem Horn. Und übt in der Bahn, im Taxi, zwischendurch beim Spazierengehen im Wald.
Florian: Ständig trainiert sie. Plötzlich hat sie das wieder rum.
Miriam: Voller Begeisterung. Wenn es gerade nichts zu erzählen gibt, trainiert sie ihre Muskeln an ihrem Mundstück. Das ist schon extrem. Nur du kennst es aus deinem eigenen Leben, wenn dich was wirklich gepackt hat. Und es ist völlig egal, welches Thema das war. Ich habe einen Kollegen, der ist absoluter Star-Wars-Experte. Es gibt keinen Nebendarsteller, bei dem er nicht die komplette Vita auswendig kann.
Florian: Und es ist doch cool, also das ist doch schön. Da entsteht doch ganz viel Energie auch, um bei anderen Dingen im Leben viel Spaß zu haben.
Talent wird zum Begeisterungsfeld — und was daraus folgt
Miriam: Das heißt, was ich auf jeden Fall tun würde, ist das Wort Talent gegen Begeisterungsfeld austauschen.
Florian: Ja, darauf haben Miri und ich uns dann nämlich geeinigt.
Miriam: Und das fühlt sich sehr gut an.
Florian: Also einmal, und ich gebe dir gerne die Referenzen dafür, weg von ich bin so wie ich bin und ich kann mich nicht ändern, hin zu ich kann mich, du kannst dich entwickeln. In ganz vielen Bereichen, wenn du da deine Aufmerksamkeit drauflegst. Und dann darfst du dir überlegen, wie ist es, wo möchtest du genau hinkommen, wie soll das aussehen in Zukunft und dann suchst du dir die richtigen Trainer dafür.
Miriam: Und wie begeistert bist du von dem Kram. Wirklich, es ist so extrem wichtig.
Florian: Weil wenn du richtig gut werden möchtest, verbringst du ein bisschen Zeit damit. Und die Zeit darf Spaß machen.
Miriam: Also Tatsache ist, dass ich durch diese Reitstunden im Bayerischen Wald zu einer sehr soliden, guten Reiterin wurde. Meine Schwester war noch viel, viel engagierter, viel begeisterter in dem Bereich Reiten, hat sich dann Reitbeteiligungen gesucht, ist also täglich auf dem Pferd gewesen. Das habe ich in meinem Leben nicht so intensiv gehabt wie sie. Und ja, sie hatte nach ein paar Jahren eine deutlich, deutlichere Expertise und Exzellenz im Reiten als ich. Und da sind auch viel mehr Stunden reingeflossen. Viel mehr begeisterte Stunden. Ich hatte noch mehr Dinge, die mir Spaß gemacht haben. Und auch das ist okay. Ich möchte nur an diesen Beispielen bleiben, denn auch im Musikbereich habe ich das irgendwann gemerkt. Ich habe eine große Begeisterung plötzlich entwickelt für modernere Musik und hatte dann einen entsprechenden Orchesterleiter, der mir Musik geliefert hat, die mich noch mehr gepackt hat, die mich noch mehr gefesselt hat als die Klassik im Konservatorium. Und da habe ich Stunden in die Übung versenkt und zwar freiwillig. Nicht, weil ein Lehrer gesagt hat, du musst jeden Tag vier Stunden üben, damit du hier beikommst, sondern weil ich das können wollte, weil ich es bis zur nächsten Probe druff haben wollte. Und die Begeisterung bei jeder Note, die plötzlich klappte, jede Note mehr, die ich spielen konnte, war so riesig, dass ich auch am Klavier aufgesprungen bin, obwohl sonst keiner da war und ja gebrüllt habe.
Florian: Und du hattest da auch viel Unterstützung. Ich kann mich erinnern, dass du auch mal erzählt hast, dass deine Mama, wenn sie dich spielen gesehen hat, dass sie dir Süßigkeiten hinter die nächste Seite gelegt hat, sodass wenn du umblätterst, dass du dann eine kleine Belohnung bekommen hast. Für dich super spannend auch. Ja, ganz schön. Vielleicht mal ein separates, was kann ich, wenn ich möchte, dass andere Menschen schneller vorankommen.
Miriam: Ja, das stimmt.
Florian: Und ich ziehe tatsächlich wahnsinnig viel daraus, dass ich mal jonglieren gelernt habe. Weil auch in der Jongliergruppe an der Uni, in der ich dann war, ging es plötzlich für mich richtig weiter. Vorher habe ich das immer alleine gemacht. Und da ging es dann plötzlich richtig weiter für mich, nochmal zu sehen, was können andere eigentlich auf dem Gebiet und mich mit denen auszutauschen. Wie machen die das? Wie denken die darüber nach? Und eben neue mentale Modelle dafür zu bauen.
Miriam: Und uneigentlicher.
Florian: Und dann zu üben.
Miriam: Ja, ja. Also ein tolles, spannendes Thema. Und ist diese Aussage von der oder die hat halt kein Talent, die Ausrede eines Lehrers. Ich bin mal so provokativ. Ist es die Ausrede von Menschen, die sagen, ich fange das gar nicht erst an, ich habe da kein Talent für. In Wahrheit für, es interessiert mich auch nicht wirklich. Nicht wirklich so intensiv, dass ich da jetzt.
Florian: Macht mir vielleicht keinen Spaß, ja.
Miriam: Und es ist total okay, festzustellen, dass es andere Bereiche gibt, wo du mit Liebe, Wonne und allergrößter Freude drei, vier Stunden am Tag versenken kannst, ohne dass es sich so anfühlt. Das ist toll. Allerdings. Ein super spannendes Thema. Vielen lieben Dank fürs Zuhören. Und beim Hinterfragen in den kommenden Tagen, wo sind meine Begeisterungsfelder? Und folge ich denen schon?
Florian: Wenn du Feedback hast, gerne an Florian at kontext*denken.de oder Miriam at kontext*denken.de, da erreichst du uns direkt.
Miriam: Und vielleicht bis Sonntag, wenn du den Podcast in dieser Woche hörst.
Florian: Und ansonsten, am Samstag veröffentlichen wir immer unsere Beziehungskiste auf YouTube. Wir erinnern dich gerne daran über unseren Newsletter, wenn du dich auf unserer Seite dafür einträgst.
Miriam: Da gibt es im Moment sogar ein tolles Geschenk, wenn du dich anmeldest.
Florian: Und? Miriam hat dann noch... Ganz schöne Pläne mit uns im Wald. Ich bin begeistert davon. Das stimmt. Und wir freuen uns immer von euch zu hören.
Miriam: Bis nächste Woche.
Florian: Bis nächste Woche.
Miriam: Tschüss.
Florian: Tschüss.
Miriam: Mehr von uns gibt es unter www.kontext*denken.de. Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.