Ab wann darf ein Kind wirklich loslaufen — und ab wann hält jemand es am Bein fest, während es unten mit den Flügeln schlägt? Miriam und Florian folgen einer Hörerfrage von Iris und erzählen dabei viel Eigenes: von der ersten Alleinreise nach Österreich mit umgehängtem Brustbeutel, von Florians zehn Monaten in Amerika, von einem umgeknickten Fuß im Felsenmeer, bei dem "keiner da war, der geholfen hat". Und von der Frage, wo Fürsorge aufhört und Bemuttern anfängt.
Frühstück, Mütze und die Sache mit "Mutti"
Miriam: Willkommen bei kontext*denken.
Miriam: Zwei Gehirne, ein Podcast.
Miriam: Mit den Themen, die das Leben so schreibt.
Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Miriam: Hast du dir für morgen den Wecker gestellt?
Florian: Was?
Miriam: Hast du dich darum gekümmert, dass du Frühstück hast morgen?
Florian: Ja, ich bin im Hotel.
Miriam: Ja, ich weiß, dass du im Hotel bist.
Florian: Dann machen die mir Frühstück.
Miriam: Ja, nur, dass du zur richtigen Zeit aufstehst, dass du überhaupt noch dazu kommst, was zu frühstücken, meine ich.
Miriam: Ist mir schon wichtig.
Miriam: Bin ja nicht bei dir.
Florian: Dir ist wichtig, dass ich Frühstück habe?
Miriam: Ja.
Florian: Dass sich jemand um dich kümmert beim Frühstück?
Miriam: Du bist ja derzeit in London.
Miriam: Ein Mann darf sich um dich kümmern, ein männlicher Kellner, ja.
Miriam: Hallo da draußen!
Florian: Oh je, oh je.
Miriam: Das ist ein cooles Thema, ne?
Florian: Ja.
Miriam: Hörerin Iris hat es gestiftet.
Florian: Welches Thema hat sie denn gestiftet?
Miriam: Spätbemutterung.
Florian: Spätbemutterung. Ja. Das ist, wenn die Kinder schon aus dem Nest rausgefallen sind und auch schon fliegen gelernt haben und dann trotzdem nochmals Nest zurückgestupft werden.
Miriam: Naja, vielleicht lassen manche die gar nicht so richtig raus.
Miriam: Sie werden so an einem Bein immer noch festgehalten, während sie unten verzweifelt mit den Flügeln schlagen.
Florian: So lernst du nie fliegen, wenn du kopfüber bist.
Miriam: Ja, genau.
Florian: Das war jetzt so meine Idee. Haben wir noch andere Hörerthemen?
Miriam: Das ist das Hörerthema, was wir für heute ausgewählt haben. Sind da draußen irgendwelche Mütter, Väter, Kinder, die immer noch einen sehr engen Draht zu ihren Eltern haben, was ja oft sehr gelobt wird.
Miriam: Also ich höre das in Kollegenkreisen immer, dass selbst, keine Ahnung, 40-Jährige, Mitte 40-Jährige, 50-Jährige von ihrer Mutti sprechen, wenn sie von Mama oder ihrer Mutter reden. Also habe ich, höre ich oft. Und dann, ja, klingt das für mich auch so ein bisschen schräg irgendwie.
Miriam: Inwiefern schräg? Wenn die dann sagen, ich fahre heute noch zu Mutti und mache dir die Einkäufe und ja, sonntags fahre ich immer zu Mutti. Also für mich klingt es schräg und wie gesagt, es wird eher positiv aufgenommen. Also, oh, die haben einen guten Kontakt zueinander, Mutti macht auch manchmal noch die Wäsche oder übernimmt das Bügeln.
Miriam: Es gibt ja auch viele Familienkonstellationen, in denen das gar nicht anders ginge, weil zum Beispiel schulpflichtige Kinder da sind, die nachmittags dann zumindest über eine gewisse Etappe von den Großeltern mitbetreut werden.
Florian: Aber das ist doch keine Spätbemutterung, oder?
Miriam: Ja, das ist wieder eine Frühbemutterung, da geht das wieder von vorne los.
Florian: Das ist eine Frühbeobauung.
Miriam: Oder das. Es ging der Hörerin grundsätzlich darum, der Iris, dass sie glaubt, sie hat selbst zwei erwachsene Söhne, dass sie sehr früh in die Selbstständigkeit gebracht hat. Und dass sie das als sehr wichtig empfindet und dass sie es beobachtet bei anderen Familien, dass das nicht in dem Ausmaß passiert und gleichzeitig wundern sich diese Familien, dass die Söhne und die Töchter nie so richtig auf eigenen Beinen stehen, weder finanziell noch mit Haushaltsgeschichten und und und.
Miriam: Also es scheint eine Diskrepanz zu geben. Und sie wollte sich jetzt bei uns erkundigen, also um genauer zu sein bei dir, weil du bist der Allwissende von uns beiden. Ob das eine jetzt besser ist oder das andere.
Bergfest mit neun und das Felsenmeer
Florian: Tja, wir haben ja Bergfest gefeiert letztes Jahr.
Miriam: Wir haben Bergfest gefeiert, ja. Wir fanden es lustig, der Große nicht so.
Florian: Vielleicht müssen wir das noch aufklären.
Miriam: Unser ältester Sohn ist letztes Jahr neun geworden. Vorletztes Jahr ist er neun geworden. Vorletztes Jahr haben wir das gemacht. Als er neunten Geburtstag gefeiert hat, haben wir ihm selbstverständlich viele Geschenke, eine Torte und wir haben auch Bergfest gefeiert, weil es genau die Hälfte für 18 ist. Und wir gehen davon aus, dass er mit 18 dann auszieht.
Miriam: Und als ich das im Kollegenkreis erzählt habe, habe ich auch zum Teil zumindest schräge Blicke bekommen. Das war so dieses, wie ihr habt dem das gesagt.
Florian: Das soll man geheim halten, bis er 17 und ein halb ist.
Miriam: Und ihm dann sagen, übrigens, die Uhr tickt.
Florian: Die Uhr tickt.
Miriam: Geht ja auch nicht.
Florian: Ja, was ist die Idee dahinter?
Miriam: Und ich glaube schon, dass Kinder das ab einem bestimmten Zeitpunkt spüren dürfen, dass es ganz wichtig ist und dass es die Eltern stolz macht, wenn sie sich mehr und mehr in die Selbstständigkeit begeben und lernen, sich um sich zu kümmern.
Miriam: Der Große hat eine süße Geschichte erzählt. Die waren am Wochenende, am Pfingstwochenende einen Tag bei den Großeltern und da sind sie ins Felsenmeer gefahren. Das ist im Odenwald in Hessen. Ich glaube, es gibt es auch im Sauerland.
Miriam: Sein Cousin und er sind eben schon zehn, elf Jahre alt und sind relativ weit vorgeklettert. Weil meine Eltern mit den kleineren Kindern in dem Konglomerat langsamer waren, mehr Zeit gebraucht haben für den Aufstieg. Und logischerweise ging es dann auch rückwärts so, dass die beiden Größeren den Rückweg schon alleine gemacht haben.
Miriam: Und auf halber Strecke sind zwei Abenteuer geschehen. Der Große hat sich den Fuß umgeknickt und der Cousin hat sich auf die Lippe gebissen und die hat auch ein bisschen geblutet. Und da war keiner da, der ihnen geholfen hat.
Florian: Oh nein!
Miriam: Das hat er mir dann heute erzählt, das klang wie eine Piratengeschichte.
Florian: War er stolz auf sich?
Miriam: Nee, es war eher so dieses, und dann waren die mit den Kleineren beschäftigt und niemand hat sich um uns gekümmert.
Florian: Und vorher waren sie bestimmt so, wow, alleine, wir rennen vor, yeah!
Miriam: Ja, genau. Und dann habe ich so für mich gedacht, hm... Wie reagiere ich da jetzt am besten drauf, ohne die Großeltern zu diskreditieren? Und da habe ich gesagt, also ich bin ja jetzt erstmal froh, dass ihr beide das überlebt habt.
Florian: Das stimmt. Das ist ja ein mega Abenteuer gewesen.
Miriam: Und da hat er mich groß angeguckt und es erschien ihm wahrscheinlich selbst ein bisschen unlogisch, dass er jetzt irgendwie wegen einem umgeknickten Fuß ein größeres Problem gehabt hätten können wollte. Und da habe ich gesagt... Wie habt ihr es denn dann weiter gemacht, also mit einer minimal blutenden Lippe und einem umgeknickten Fuß den Rest des Weges zurückzulegen?
Miriam: Ja, das ging dann schon.
Florian: Es musste.
Miriam: Ich habe ihn ja jetzt auch heute einen Tag später in Empfang genommen, da humpelte auch nichts mehr.
Florian: Also so ganz so schlimm scheint es nicht gewesen zu sein. War damals schon dramatisch?
Miriam: Dieser Zug erstmal so nach, da war keiner, der sich drum gekümmert hat. Ich stelle mir dann vor, wie Rettungssanitäter diesen Fuß einwickeln und ihn in so einer Gebirgsbare den Rest des Felsenmeers runterschuggeln.
Florian: Und es ist völlig verständlich. Kann schon sein, dass er sich richtig erschreckt hat, ne?
Miriam: Absolut.
Florian: Sein Cousin hat sich anscheinend so erschreckt, dass er sich auf die Lippe gebissen hat.
Alleine reisen: Österreich, Frankreich, Amerika
Miriam: Ich erinnere mich auch an Augenblicke. Meine Eltern haben mich zum Beispiel ziemlich früh reisefertig gemacht. Wir hatten in der fünften Klasse so eine Aktion Brieffreundschaft. Und da wurde dann über eine Agentur, damals gab es ja noch kein Internet, 80er Jahre, Mitte 80er Jahre, wurde das über die Schule, über irgendein auswärtiges Amt organisiert, dass wir sagen konnten, in diesem Land, in Peru, hätte ich gerne eine Brieffreundschaft.
Miriam: Und dann haben die einem eine Adresse besorgt von einem Kind, das ungefähr in dem Alter war. Und ich habe mir lustigerweise, habe ich mir Österreich ausgesucht. Und frag mich nicht, warum, vielleicht wollte mein Unterbewusstsein es mir sprachlich einfach machen. Also die anderen hatten super exotische Länder.
Florian: Hast du eben Peru als Beispiel genommen und dann selbst Österreich ausgesucht gehabt?
Miriam: Ja, das ist wirklich so. Weil die anderen hatten mega exotische Länder, Südamerika, Afrika, Asien.
Florian: Und Peru.
Miriam: Und Peru auch und ich nicht. Ich Österreich. Und das lief super. Die anderen hatten echt Herausforderungen, so mit Englisch und allem Pipapo und lange Strecke, bis der Brief da war und wieder zurück. Das hat ja Wochen gedauert, bis sie dann per Flugpost die Antwort bekommen haben und so. Und bei mir war das immer eine Sache von so zwei, dreimal die Woche habe ich einen Brief aus Österreich bekommen.
Florian: Hat dein Papa Briefmarken gesammelt? Weil der wird ja dann auch enttäuscht gewesen sein.
Miriam: Das kann sein. Ja, auf jeden Fall. Nach einem Jahr Brieffreundschaft... schrub dann meine österreichische Brieffreundin Rosi, dass wir uns ja auch mal treffen könnten. Und meine Mutter hat das mitbekommen und sagte, ja, mach mit den gleichen Terminen aus in den Sommerferien. Ich kannte die Familie nicht, gar nichts. Die hat mir ein Zuchtticket gekauft, hat mir hier so einen Brustbeutel umgehängt, hat mir da alles Wichtige reingestopft, bisschen Geld, Koffer in die Hand und hat gesagt, tschö, wir sehen uns in zwei Wochen.
Florian: Viel Glück!
Miriam: Das war meine erste Reise alleine ohne Eltern und dann nicht irgendwo hin, wo ich Menschen kenne, sondern völlig fremd. Und ich saß dann im Zug und da wurde mir erst klar, was da gerade passiert ist. Dass ich noch nicht mal weiß, wie ich die ja kenne am Bahnhof.
Miriam: Und ich glaube, dass es an vielen Stellen in Erziehung solche wichtigen Augenblicke gibt, wo Eltern dafür sorgen können, dass die Kinder vielleicht auch tatsächlich aus einer kleinen Notsituation heraus lernen, sich um sich zu kümmern.
Florian: Ich erzähle das manchmal in den Seminaren auch. Als ich 16 war, bin ich ja nach Amerika geflogen für ein Jahr. Auf 15, auf 16 war das.
Miriam: Und mit 15 schon?
Florian: Mit 15 bin ich schon rübergeflogen, weil ich durfte erst noch keinen Führerschein machen und durfte dann in Amerika den Führerschein machen.
Miriam: Kuna, warst du ein Jahr weg?
Florian: Da war ich zehn Monate lang weg, ja.
Miriam: Ja, auch so eine Geschichte, ne? Ich glaube, dass Reisen was Tolles ist für die Kinder. Wie war das Jahr? Würdest du es empfehlen jetzt, rückblickend?
Florian: Da waren viele Sachen dabei, die mich in der Situation dann auch überfordert haben und rückblickend super. Also auch von der Sprache her, von bei anderen Menschen mal gelebt haben, verstanden zu haben, wie andere Menschen ticken. Ich habe da ganz wunderbare Erfahrungen, ganz wunderbare Geschichten erlebt. Das war wirklich toll.
Florian: Und so rückblickend hat da auch schon ein Abnabelungsprozess stattgefunden, klar. Ich war ja regelmäßig, also jede Woche mindestens, in Kontakt mit meinen Eltern, nur... Sie waren halt weit weg und im Zweifel gab es halt meine Gasteltern da vor Ort, die sich um mich gekümmert haben.
Miriam: Das ist heftig. Also es fühlt sich für mich so immer... Ich bin auch Mama, klar. Und ich erlebe die Kinder, wie sie jetzt in unterschiedlichen Altersstadien, der Kleine ist 6, der Große ist 10, wie die so ihre unterschiedlichen Schritte gehen in dieses Selbstständigsein und Dinge alleine regeln.
Miriam: Und der Große hat dazu noch eine Klassenlehrerin, die das sehr fördert, dass diese Klasse auch interagiert und sich selbst organisiert, auch ihre Lernfortschritte klar macht. Der macht schon wahnsinnig viel selbst und ich habe jeden Morgen den Drang, ihm seine Klamotten rauszusuchen. Einem Zehnjährigen, der das wirklich schon alleine hinbekommt.
Florian: Wenn ich mit denen die Klamotten aussuche, dann läuft das so, dass ich ihnen sage, sie sollen irgendwas anziehen. Und wenn sie zurückkommen wie ein Clown, dann lache ich.
Miriam: Lässt du die dann so zu... Ja, du lässt sie, ich weiß.
Florian: Ja, das stimmt.
Miriam: Du lässt sie.
Florian: So machen die dann ihre Erfahrungen. Sind ja auch zwei Jungs, also ist alles gut.
Wenn "ich meine es doch gut" die Alarmglocken läutet
Miriam: Ja, ja. Also wann ist Bemuttern in Ordnung und wann geht ein natürlicher Abnabelungsprozess los und wo in unserer Welt wird das auch ein bisschen übertrieben? Ich kenne also auch ganz extreme Mütter und Väter, die mit ihrem System glücklich sind. Also zumindest die sind glücklich. Ich weiß nicht, wie glücklich die Kinder sind. Mit denen habe ich nicht gesprochen. Die Eltern sind glücklich.
Miriam: Die mir dann sowas sagen, wie ein Kind sollte auf jeden Fall so lange gestillt werden, bis es von alleine abstillt und die Familie sollte im Rudel in einem Bett schlafen. Also ich kenne ganz unterschiedliche Konzepte, was das angeht. Und die schlafen dann echt zu viert noch im Bett, wenn eins schon zehn ist, wo ich denke, es wird auch irgendwann eng. Also es wird irgendwann auch einfach voll im Bett.
Florian: Es werden ja auch lange Lulatsche.
Miriam: Der ist echt lang geworden. Wow, der Große ist wirklich lang. So und... Ja, also wie gesagt, die machen mir einen glücklichen Eindruck. Mich hat mal ein Trainer gefragt, Miriam, was würden denn deine Kinder über dich sagen, wenn ich sie fragen würde, wie gut geht's der Mama? Wie gut geht's dem Papa gerade? Wie gut geht's dem Florian? Was würden die wohl sagen? Sind das glückliche Eltern? Ist das eine glückliche Mama? Ist das ein glücklicher Papa? Woran würden sie sagen, dass sie es merken?
Miriam: Und das war eine Stelle, die mich sehr bewegt hat damals. Also ich habe einfach mal rückblickend gedacht, ich weiß nicht, was sie wirklich sagen würden, wenn ein guter bekannter Freund kommen würde und würde sagen, du, erzähl mal aus deiner Sicht, wie geht es der Mama gerade? Und ich glaube, darin würde sich das ungefähr spiegeln. Also wie viel Zuwendung sie wollen, wie viel Abnabelung sie wollen, wie viel die Kinder sich das wünschen, wie viel sie schon können.
Miriam: Für einen Fünfjährigen entscheiden die Eltern, auf welche Schule er gehen wird. Und ich finde das auch okay.
Florian: Und manche Eltern gehen ja mit den Kindern dann verschiedene Schulen ab und schauen sich das an. Und einen gewissen Input in diesen Prozess zu haben, ist sicherlich auch gut für das Kind. Nur viele von den Kriterien, die dann entscheidend sind, kann so ein kleines Kind, und ein Fünfjähriger ist das ja noch, vielleicht auch gar nicht überblicken.
Miriam: Da finde ich das mit diesem, wenn die dann später, also unsere sind ja auf einer anderen Schulform, nur wenn die Kinder normalerweise dann ins Gymnasium wechseln, finde ich das einen schöneren Zug. Also mit so einem Zehnjährigen oder einer Zehnjährigen durch die verschiedenen Optionen zu gehen.
Florian: Ja, meine Eltern haben das mit mir gemacht.
Miriam: Ja, mit mir wurde das auch gemacht. Mit mir wurde das gemacht.
Florian: Und tatsächlich, wenn ich so zurückdenke, ich hatte die Entscheidung, also ich durfte das Zünglein an der Waage sein. Es standen dann zwei Sachen zur Auswahl oder drei sogar. Wenn ich auf das eine Gymnasium gegangen wäre, dann wäre das mit dem Fränkisch jetzt noch ein wenig schlimmer bei mir doch. Dann wäre ich nur raus auf die Schule gegangen, nicht in Nennberg. Allerdings doch.
Miriam: Ja, ist witzig. Ich habe mich mit den meisten meiner Klasse mit entschieden.
Florian: Okay.
Miriam: Also ich weiß, dass mein Entscheidungskriterium damals war, dass die meisten aus meiner Grundschulklasse auf dieses Gymnasium gegangen sind. Und ich dachte, da habe ich die größte Menge an Menschen, die ich schon kenne.
Florian: Ja, voll gut.
Miriam: Und es war okay, dass ich mir die anderen Schulen angeguckt hatte.
Florian: Ja, für mich war das auch schön und es waren, war ich damals auch, also ich glaube zumindest, dass der Pragmatismus auch entschieden hat, weil es war ein anderes Gymnasium noch sehr schön in Nürnberg, nur da wäre ich eine halbe Stunde länger jeden Morgen unterwegs gewesen und nachmittags dann zurück auch und Gott sei Dank bin ich da nicht hingegangen.
Miriam: Du hast es ja entschieden. Du bist immer schon so praktisch gewesen, ne?
Florian: Ich glaube schon, ja. Super witzig. Ja. Ja.
Miriam: Florian und ich reisen viel und mal bucht der eine das Hotel und mal der andere. Und ich finde, wir machen das beide großartig und wir machen es echt unter ganz unterschiedlichen Ideen auch. Das ist cool, wie ich dann denke, dass es uns beiden, also Florian und mir, gut gehen wird in der Zeit.
Miriam: Wir sind ja Trainer und meistens sind wir am Trainieren, wenn wir reisen. Und ich denke immer, wie geht es uns dann am besten, wenn wir uns ausruhen. Und dann ist es für mich nicht so wild, wenn das Hotel auch mal eine halbe Stunde vom Seminarort weg ist, weil hauptsache es geht uns gut. Und Florian geht sozusagen besser, wenn er weiß, er hat morgens die kürzestmögliche Zeit mit Wegstrecke, damit er so lange wie möglich schlafen kann. Dann ist der Look vom Hotel oder die Luxusklasse nicht so wichtig.
Florian: Allerdings.
Miriam: Das ist echt spannend.
Florian: Und dann geht es ihm tendenziell auch gut.
Miriam: Meine eigene Furcht oder meine eigene Unsicherheit, an der Stelle was falsch zu machen, wo spielt das in dieses Bemutterungsverhalten nicht nur für die Kinder übrigens, sondern manchmal, und ich werde immer besser, auch für Florian mit rein. Das ist so süß, dieser Satz. Wie ist das, wenn 100 Jungs gefragt werden, warum hast du heute eine Mütze und eine Jacke an? Dann sagen 5, weil mir kalt ist und 95 sagen, weil meiner Mama kalt ist.
Florian: Ja, exakt.
Miriam: Das ist echt lustig.
Florian: Und wir hatten halt auch schon erkältete Kinder, wenn die sich nicht selber die Jacke angezogen haben. Also es ist eben, für mich ist das immer ein Testen. Also es ist mal ein mehr Freiheiten geben und dann nutzen die die und dann passiert halt vielleicht auch mal was und die lernen was und dann gibt es wieder ein bisschen weniger Freiheit selber was zu entscheiden und dann... Geht es wieder eine Weile und die lernen wieder ein bisschen was und dann dürfen sie wieder mehr entscheiden und dann klappt es diesmal vielleicht gut und dann gibt es noch mehr zu entscheiden.
Florian: So sehe ich den Prozess als stetiges Wachstum und immer mal wieder auch die Kinder in die Überforderung reinbringen und sie Sachen entscheiden zu lassen, wo sie vielleicht die Konsequenzen nur denken überblicken zu können und dann halt mit den Konsequenzen auch zu leben.
Miriam: Ich hatte mal eine etwas aufgebrachte Teilnehmerin im Seminar, die dann also vor mir stand und sagte, ich meine das doch gut mit den Kindern, ich meine das doch gut. Wenn jemand sagt, ich meine es gut, gehen bei mir sowieso immer schon die Alarmglocken an. Hier ging es darum, dass ein 17-Jähriger überall hingefahren wird mit dem Auto. Nicht, weil er nicht Fahrrad fahren oder laufen kann oder weil die Strecken extrem weit gewesen wären. Die wären auch mit dem Bus in der Viertelstunde zu erreichen gewesen oder mit dem Zug. Nur... Es war die Angst da, dass ihm etwas zustoßen könnte. Und sozusagen an der Stelle dann mal einzuhalten, innezuhalten.
Florian: Also da ist dann für mich Bemutterung.
Miriam: Für dich?
Florian: Ja, da fängt bei mir dann echt Bemutterung an.
Miriam: Dieser Podcast soll kein Lehrpodcast sein und auch nicht belehrend, er soll Denkimpulse geben. Und ich finde, es gibt so ein paar Worte, wenn jemand sagt, ich meine das doch gut, wenn es in dir denkt, ich habe das doch gut gemeint, immer sofort das rote Alarmglöckchen anmachen. Weil scheinbar hat es der andere nicht so empfunden, sonst hättest du es nicht gedacht oder gesagt. Und ich finde, das ist schon ein ziemlich guter Tipp.
Miriam: Und ich sehe genug Kinder, die viel zu warm angezogen sind, also ich sehe mehr Kinder, die viel zu warm angezogen sind, als Kinder, die viel zu kalt angezogen sind.
Florian: Viel zu kalt.
Miriam: Und ich sehe auch, wie unser Ältester und auch der Kleine sich bewegen, wenn wir einen Waldspaziergang machen und was ich in der Zeit tue.
Florian: Und wie die manchmal total verschwitzt zurückkommen.
Miriam: Unglaublich. Die sind im Gehölz unterwegs. Ich laufe gemächlich einen Waldweg entlang und genieße die Stimmen des Vogelsangs und die sind weg. Die kommen zurück, die sind nicht nur verschwitzt. Die sind auch verstochen und verbrennnesselt und vererdet. Kannst du dann umdrehen, an den Füßen festhalten, da fällt überall Sand raus und Erde. Und es ist okay, ist ein Jungs.
Triangulation: Wer soll das Kind später mal sein?
Florian: Für mich kommt da auch dieses aus dem systemischen Coaching, das Konzept der Triangulation rein. Also es gibt da irgendwie das Kind und es gibt die Mama und die haben beide irgendwelche Wünsche. Oder es kann ja auch der Papa sein, der bevatert noch ewig. Die haben beide irgendwelche Wünsche. Und dann gibt es eben noch dieses große Zielbild, diesen dritten Anteil. Und der wird glaube ich manchmal außer Acht gelassen.
Florian: Da geht es dann nämlich darum, wie möchte ich denn, dass mein Kind später mal ist? Möchte ich, dass das alleine auf eigenen Beinen stehen kann, das Leben meistert, großartige Erlebnisse hat und dabei ganz sicher und souverän durchs Leben geht? Und dann ist ja die Frage, welche Freiheiten, welche Erlebnisse darf ich in der Kindheit schon bieten? Und wie dürfen wir mit vielleicht kleinen Rückschlägen in der Kindheit umgehen, um möglichst viel von dem zu ermöglichen?
Florian: Und natürlich kommt es naturell des Kindes noch ins Spiel und Erfahrungen und Erlebnisse, was dann so konkret passiert. Nur ich denke, wir können als Eltern oder als Leiheltern ganz viel machen, um die Kinder aufzustellen, sodass sie tatsächlich souverän durchs Leben gehen können.
Miriam: Und das ist ein schönes Ziel. Das fühlt sich auch für mich als Mama sehr schön an. Mir vorzustellen, wenn die 28 sind. Oder 30, so im Alter. Wer hat da jetzt geheiratet am Wochenende? Wie ist der?
Florian: Harry und Meghan Markle.
Miriam: Harry. Das ist so ein aufrechter Typ irgendwie. Der ist von seiner Statur her so aufrecht auch. Und da stelle ich mir vor, wie die später auch so als großgewachsene, aufrechte Männer gut aussehend ihr Leben genießen.
Florian: Und der hat eine ganz milde Zeit hinter sich.
Miriam: Weiß ich nicht. Ich gucke keine Nachrichten.
Florian: Dann ist das immer gefährlich, was du da tust.
Miriam: Ich habe sozusagen das Endresultat jetzt gesehen davon. Scheint was richtig gelaufen zu sein. Also der hat ein unglaubliches Charisma. Das Wort Aufrecht fiel mir ein. Und das ist ja ein Wort, was zwei Bedeutungen hat. Also einmal Aufrecht im Sinne von ehrlich mit sich selbst, mit anderen und Aufrecht gehend, also... Die Schultern zurück, eine starke, eine zukunftsgerichtete Haltung, das gefällt mir.
Florian: Der hat tatsächlich viel Unsinn gemacht.
Miriam: Okay, dann gut.
Florian: Ja.
Miriam: Dann ist es eben so. Jeder Mensch schreibt ja eine andere Lebensgeschichte und einen anderen Lebensweg und sammelt andere Erfahrungen, die ihn stärken und die ihm Gewissheiten verschaffen. Und als Mutter zu sagen, es ist wichtig, dass die Kinder ab einem bestimmten Zeitpunkt auch anfangen, die zu sammeln. Hervorragend. Und wann der richtige Zeitpunkt ist, das ist glaube ich sogar fühlbar für Mütter und Väter und Leihväter und Leihmütter und Patchworks.
Florian: Meine Mama hat mir irgendwann mal erzählt, dass ich schon das Gefühl hatte, dass ich ganz schön früh da nach Amerika gegangen bin. Und gleichzeitig hat sie mir auch erzählt, dass ich unglaublich überzeugt war davon, das zu tun. Also dass sie da sehr offen rangegangen sind an den Prozess und dass ich das unbedingt wollte und das für mich sich gut angefühlt hat. Und dann haben sie sich gedacht, ja dann suchen wir uns eine Organisation, die passt und dann machen wir das halt. Im Zweifel gibt es ja Telefone.
Miriam: Das stimmt. Wenn wir über diese Reisen nochmal sprechen wollen, mein Vater war ein sehr vorsichtiger Mensch, meine Mutter hat das auf die Spitze getrieben. Das war, als ich dann quasi Schweiß geballt und es war eine tolle Reise. Ich hatte zwei Wochen tollste Erlebnisse in Österreich und habe dort eine Menge gesehen und die Familie war toll und es gab unglaublich leckeres Essen, weil die Mutter von meiner Brieffreundin dort bis jetzt die beste Köchin, die ich kennengelernt habe. Also wir wurden gemästet sozusagen.
Miriam: Die nächste Reise, die anstand, war nur ein halbes Jahr später. Da haben sie mich dann gleich sechs Wochen nach Frankreich geschickt. In eine Familie, wo ich vorher noch nie war. Also meine Mutter war da immer sehr, das Kind soll gute Erfahrungen sammeln und viel lernen und viel können am Ende des Tages. Ich glaube, es war bestimmt das, was dahinter steht, wenn wir gerade über diese Triangulie gesprochen haben. Vermutlich war das der Treiber dafür. Und ich finde es super.
Florian: Ja, cool.
Miriam: Heute bin ich sehr dankbar dafür. Extrem. Ich spreche Fliesenfranzösisch zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich habe eine ganz andere Kultur kennengelernt. Meine Mutter hat mich sogar über Weihnachten und Ostern dahin verfrachtet. Also mit 14 Jahren habe ich ein Weihnachtsfest ohne meine Eltern verbracht, was schon schräg war.
Florian: Kann ich mir vorstellen, ja.
Miriam: Und es war fantastisch. Ich erinnere mich an Einzelheiten. Es war großartig. Franzosen feiern zwei Tage lang Weihnachten und zwei Nächte.
Florian: Und bei mir ist es das Englische, dass es jetzt so drin ist, dass ich auf Englisch denken kann oder manchmal nicht mal wahrnehme, es ist jetzt die eine oder die andere Sprache.
"Du rettest dich" — und Florians schlechter Toast in London
Miriam: Ich habe den Großen dann, als er mir heute die Geschichte erzählt hatte, habe ich ihn gefragt, wie stolz bist du denn jetzt, dass du da mit deinem Cousin zusammen das Felsenmeer dann trotzdem runtergekommen bist? Mit verknickstem Fuß und aufgebissener Lippe. Und er sagt, das war toll. Ich sage, siehst du, ich als Mutter fühle mich super, weil ich weiß, selbst wenn mal was Kleines passiert, du rettest dich.
Florian: Du hast das voll im Griff. Ja, voll gut.
Miriam: Ganz schön. Richtig gut. Richtige Entscheidungen getroffen.
Florian: Allerdings.
Miriam: Ist ja auch für mich dann eine Bestätigung, dass der kleine Kerl imstande ist, dann aus so einer Situation, wo er sich vielleicht wirklich erschrocken hat, die richtige Entscheidung zu treffen.
Florian: Ja, sehr gut.
Miriam: Und jetzt nochmal zurück zu deinem Frühstück, mein geliebter Traummann.
Florian: Keine Angst, die versorgen mich hier nicht wirklich gut.
Miriam: Wie, die versorgen dich nicht wirklich gut? Soll ich da rüberfliegen nach London? Soll ich dir helfen?
Florian: Nein, alles gut. Ich kann auch mit schlechtem Toast leben.
Miriam: Okay, Hauptsache du hast was im Bauch.
Florian: Das stimmt. Notfalls, heute Morgen bin ich einfach noch im Coffeeshop vorbeigelaufen und hab mir noch einen Zitronenkuchen und einen Kaffee geholt.
Miriam: Lecker.
Florian: Das stimmt. Dachte ich mir dann auch, Gott sei Dank haben die so schlechtes Essen hier im Hotel morgens.
Miriam: Führt dann dazu, dass du viele Coffeeshops kennenlernst in London.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Ja, ein Reisepodcast. Aufgenommen in Düsseldorf und in London. Herrlich.
Florian: Diesmal haben wir es halbiert.
Miriam: Diesmal haben wir es halbiert, ja. Wow. Nächstes Mal lieber wieder zusammen.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Wir wünschen euch eine tolle Woche mit vielen schönen Entscheidungen, souveränen Entscheidungen.
Florian: Und wir hören uns nächste Woche wieder.
Miriam: Oder wir sehen uns mal am 9.6. zum Sprachzaubertag in Mönchengladbach. Freuen wir uns drauf.
Florian: Oder wenig später zum NLP-Master. Falls du schon irgendwo eine NLP-Practitioner-Ausbildung gemacht hast und wolltest schon die ganze Zeit mal einen Master draufsetzen, wir geben einen Master.
Miriam: Es steht alles auf unserer Homepage www.kontext*denken.de Ebenso sind dort alle Folgen dieses Podcasts abzufragen, abzuhören. Allerdings. Damit verabschieden wir uns.
Florian: Bis nächste Woche.
Miriam: Aus einem tollen Thema.
Florian: Danke, Aniris.
Miriam: Danke schön.
Florian: Tschüss.
Miriam: Tschüss. Mehr von uns gibt es unter www.kontext*denken.de Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche. Bis zum nächsten Podcast.