Zehn Sachen auf der To-Do-Liste, drei geschafft — und schon meldet sich diese Stimme im Kopf: "Ist ja lächerlich." Miriam und Florian nehmen sich eine Hörerinnen-Frage von Daniela vor und schauen genau hin, wie Menschen sich eigentlich Vorwürfe machen. Bringt dich das weiter, oder sackst du danach nur klein und traurig in der Ecke zusammen? Und was tun jene, die diese Dauerschleife irgendwann abgelegt haben?
Wo liegt eigentlich der Juli?
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt.
Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Miriam: So, ich habe schon wieder nicht alles geschafft heute vor der Podcastaufnahme, was ich erledigen wollte. Das ist nicht okay, dass du da jetzt bist.
Florian: Dann sollst du dich schlecht fühlen.
Miriam: Ja, das ist genau das Thema heute.
Miriam: Tust du? Ja.
Florian: Weil du nicht alles geschafft hast, was du dir vorgenommen hast? Ja, schon so ein bisschen. Hast du mal meine To-Do-Listen gesehen?
Miriam: Ja, deine To-Do-Listen sind ja teils auch meine. Wenn ich mir die noch angucke, wird mir noch schlechter.
Florian: Echt jetzt?
Miriam: Ja.
Florian: Wieso? Wozu?
Miriam: Ja, weil wir so viel vorhaben noch bis zum Urlaub im Juli und da ist so viel... Oh, wir gehen in den Urlaub im Juli.
Florian: Ja, ist auch schön. Das stimmt.
Miriam: Ja. Und es ist noch so viel zu erledigen bis dahin.
Florian: Bis im Juli.
Miriam: Daniela hat mir das Thema gestiftet und ich glaube, sie hat es mir persönlich gestiftet.
Florian: Das sind noch anderthalb Monate. Ja. Wenn du dir so vorstellen würdest, nur mal um den Abgleich zu machen, weil das ja total lustig bei mir ist. Wenn du dir vorstellen würdest, wie weit von dir weg jetzt so wirklich physisch der Juli ist. Wo ist der denn dann bei dir? Also so, im NLP gibt es so eine Technik, die heißt Zeitlinien, auf Englisch Timelines. Und dann stellen wir uns einfach so vor, dass unsere Zeitlinie oder eine unserer Zeitlinien ganz viel durch unseren Körper geht oder wo auch immer. Und dann könnten wir uns ja mal überlegen, wo ist denn der Juli für dich? Also wie weit ist der von deiner Nasenspitze weg? Also reden wir über Meter und Zentimeter bei dir?
Miriam: Ja.
Florian: Wo ist denn der Juli?
Miriam: So fünf Meter vor mir.
Florian: Fünf Meter vor dir?
Miriam: Ja. Und wir haben am 9.6. unseren Sprachzaubertag in Mönchengladbach. Der ist ungefähr einen Meter vor mir.
Florian: Ja?
Miriam: Ja.
Florian: Das ist ja lustig. 9.6., das sind zwei Wochen. Der 9.6., ja, der ist so, also ich schätze, dass das so 250 Meter sind bis zu dem Ort, wo der 9.6. ist. Und der Juli, ganz weit weg. Ganz viel Raum habe ich auf meiner Zeitlinie.
Miriam: Das ist nicht das Thema übrigens, mit der Zeit.
Florian: Sondern?
Miriam: Das Thema ist Selbstvorwürfe.
Florian: Es geht um Selbstvorwürfe?
Miriam: Ja.
Florian: Naja, das ist schon das Thema mit der Zeit, oder? Wenn du ganz viel Zeit hättest, würdest du auch mehr schaffen. Musst du halt aufhören, andere Sachen zu machen.
Miriam: Du manipulierst mich doch gerade schon wieder.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Ja. Das funktioniert jetzt nicht, weil ich habe es gemerkt.
Florian: Dass du es merkst, heißt doch nicht, dass es nicht funktioniert. Dann unternehme ich sofort was dagegen. Dann fühlst du dich noch schlechter. Ja. Das ist auch ein lustiges, also dieses Muster dürfen wir kurz aufgreifen. Manchmal, wenn einem jemand anderes was Gutes tun will und man merkt, dass man dann so sagt, so, nee, jetzt erst recht nicht.
Miriam: Ja, kenne ich. Kenne ich gut. Konnte ich früher noch mehr.
Florian: Nur weil jemand anders möchte, dass ich gute Laune habe, heißt nicht, dass ich in irgendeiner Form gute Laune haben muss. Und jetzt erst recht nicht.
Miriam: Zum Beispiel. Das war schon eine Zeit lang bei mir intensiver. Jetzt ist es besser, weil tatsächlich funktioniert es ja, was du machst.
Was werfen wir uns eigentlich vor?
Florian: Also du machst dir Selbstvorwürfe, schlimmste Selbstvorwürfe, weil du den ganzen Krusch, den du machen möchtest, nicht schaffst.
Miriam: Nein, Daniela macht sich viele Selbstvorwürfe, hat sie mir geschrieben. Und da geht es um die Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringt, und da geht es um die Zeit, die sie mit der Arbeit verbringt, und da geht es um die Zeit, die sie in den Haushalt steckt und ihrem Mann den Rücken frei hält, und da geht es auch um sie selbst, dass sie sich Ziele gesetzt hat und dass sie sich tolle Sachen vorgenommen hat und dass sie die einfach nicht anpackt, weil... Sie dafür dann die Zeit nicht mehr findet, und sagt, Zeit finden ist auch lustig. Wo ist sie denn?
Florian: Vielleicht können wir in den Supermarkt fahren und einen Sack Zeit noch zusätzlich kaufen.
Miriam: Ich glaube, es wäre ein Renner. Sobald es das gäbe, würde ich es auch bei QVC verkaufen.
Florian: 29,95 für einen Sack Zeit.
Miriam: Versandkostenfrei.
Florian: Kommt in der Vergangenheit an.
Miriam: Und dann geht es los mit den Selbstvorwürfen. Also keine gute Mutter zu sein, keine gute Ehefrau zu sein.
Florian: Sekunde, Sekunde, Sekunde. Dann geht das los mit den Selbstvorwürfen?
Miriam: Ja, schreibt sie.
Florian: Aha. Dann kommen die hinterm Busch hervor, die Selbstvorwürfe.
Miriam: Also das hat sie jetzt so nicht geschrieben. Du würdest es jetzt vielleicht so interpretieren und Daniela hört vielleicht zu und ist jetzt nicht hier.
Florian: Ja, aber dann geht das los. Wie macht sie das denn genau?
Miriam: Das hätte ich sie fragen können vor diesem Podcast. Wie machen Menschen das, wenn sie sich selbst Vorwürfe machen? Ich glaube, das geht im Kopf, oder? Ich glaube, es stellt sich selten einer vor den Spiegel und fängt an, sich laut zu beschimpfen.
Florian: Wobei das mal eine Maßnahme wäre. Vielleicht wäre das sinnvoller. Weil man dann irgendwann sagen würde wahrscheinlich, du Depp, hör jetzt auf, dich zu beschimpfen, mach jetzt was Sinnvolles.
Miriam: Ist auch noch nicht freundlich, und es geht wenigstens in die konstruktive Richtung.
Florian: Wenn die Stimmen aus dem Kopf mal rauskommen und da so ein bisschen Ruhe reinkommt.
Miriam: In einem unserer allerersten Podcasts hatten wir das auch schon mal, dass wir das angesprochen haben, dass auch schon ein Gedanke, also dass das schon Sprache ist, dass das ein Wort ist, dass das Worte sind, die wir ja innerlich irgendwie wahrnehmen, vermutlich hören. Wenn ich also sowas denke wie, oh, jetzt hab ich das schon wieder nicht geschafft, ich werd da auch nicht besser, jetzt hab ich mir das vorgenommen, ich hab kein gutes Zeitmanagement, ich hab's immer noch nicht gelernt, nach so vielen Jahren NLP und so vielen Jahren Seminare. Ich merke es gerade.
Florian: Wir könnten jetzt auch einfach einen Podcast machen dafür, wo du mal zeigst, was du so kannst.
Miriam: Wie schlimm das werden kann. Das kann richtig Gas geben. Und ich habe sogar mehrere Stimmen. Ich habe nicht nur eine in meinem Kopf, die ich höre. Situationsgebunden. Ich höre deine Stimme auch, Florian.
Florian: Was sagt die dir?
Miriam: Die sagt mir meistens Liebesachen.
Florian: Ja, wenn du dir meine Stimme schon ausleihst, ohne vorher gefragt zu haben.
Miriam: Meistens höre ich meine Stimme. Meine eigene.
Florian: Und dann sagst du dir doofe Sachen im Kopf.
Miriam: Früher habe ich das oft gemacht. Früher habe ich das sogar gemacht, bevor Sachen passiert sind, wo ich noch gar nicht wusste, wie sie ausgehen.
Florian: So im vorauseilenden Gehorsam. Das ist natürlich auch noch lustig. Die Vorvorwürfe. Ja. Ah, heute werde ich es bestimmt wieder nicht geschafft haben. Irgendwann nachher, wenn ich es dann nicht geschafft habe.
Miriam: Und dann geht es erstmal richtig ab hier.
Florian: Ja, und das ist ganz normal. Also ich habe das auch manchmal noch gehabt früher.
Miriam: Die Idee dahinter ist ja, das erstmal zu merken.
Florian: Das wahrzunehmen ist schon gut.
Würde deine beste Freundin so mit dir reden?
Miriam: Unser gemeinsamer erster NLP-Trainer hat ja das schöne Beispiel gebracht mit der besten Freundin, wenn die das zu einem sagen würde, was sich Menschen da selbst denken. Also manche Menschen haben so krasse Kritiken in ihrem Kopf, dass wenn sie sich, also vielleicht wäre das sogar eine Übung, dass jemand anders zu denen sagen würde, würden die wahrscheinlich die Freundschaft kündigen und mit dem nie wieder was zu tun haben wollen. Ich stelle mir das manchmal vor, wenn jetzt irgendeins vor mir stehen würde, würde sagen, Miriam, jetzt hast du es schon wieder nicht geschafft. Jetzt ist Podcast-Aufnahme, und wie viele Sachen hattest du auf deiner To-Do-Liste? Zehn? Wie viele hast du geschafft? Drei? Ist ja lächerlich.
Florian: Das ist das, was du dir sagst?
Miriam: Ja, kann ich. Nur es wäre cool, wenn ich es outsource. Wenn jemand von außen? Weil es wirkt noch härter.
Florian: Ja?
Miriam: Ja, es kommt noch, weil dann hat es ja noch ein anderer gemerkt.
Florian: Okay. Nee, wenn das jemand von außen sagt, dann würde ich sagen, ey, jetzt mal hier Ball flach halten, gell? Also, jemand anders? Nee. In meinem eigenen Kopf darf ich das vielleicht tun, wenn das jemand anders zu mir sagen würde, würde ich sagen, ne, ne, ne, ne, ne, ne, stopp die Stopp.
Miriam: Witzig. Ja. Im NLP sind wir ja genau daran interessiert. Also wie genau macht ein Mensch das, wenn er oder sie von Selbstvorwürfen spricht? Also wenn im Coaching jemand zu uns kommen würde und würde sagen, mein hauptsächliches Thema sind diese Selbstvorwürfe, würde uns interessieren, wie er das genau macht.
Florian: Und auch, was denn der Zielzustand wäre, wenn das nicht so wäre. Also was wäre das, was du stattdessen machen möchtest? Möchtest du sanft mit dir umgehen? Oder liebevoll oder zärtlich oder verständnisvoll? Oder bekommst du dann erst recht nichts mehr auf der Reihe? Ja, ich glaube, das ist der Glaubenssatz, den manche Menschen haben. Wenn sie sich nicht den ganzen Tag im Kopf selber beschimpfen würden, dann würden sie ja erst recht nichts machen.
Miriam: Wobei ich nicht von der motivierenden bösen Stimme spreche. So diese Stimme des Lehrers, die sagt, jetzt schwing die Hufe und zieh zu, dass du das lernst, bis morgen kannst du alle Vokabeln. Sondern es ist dieses im Nachgang von der Situation, sich was vorzuwerfen. Das Vorwerfen ist ja auch schon ein Wort, das wir genauer, das ist ja metaphorisch im Grunde, weil was werfen wir uns denn hin? Also was werfen wir uns vor und wovor? Vor die Füße. Also werfe ich das, was ich jetzt nicht geschafft habe auf der To-Do-Liste, werfe ich mir das vor die Füße, stelle mich davor, gucke es mir an und denke mir, oh. Oder werfe ich mir einen Holzklotz gegen den Kopf, wenn ich mir was vorwerfe. Ich weiß nicht, ich habe es einfach jetzt mal untersucht für mich.
Florian: Und? Was machst du, wenn du dir was vorwirfst?
Miriam: Ist eher das, glaube ich.
Florian: Dass du dir einen Holzklopf, äh, Holzklotz. Holzklopfi. Vor den Kopf wirfst.
Miriam: Ja. Ja. Und letztlich, was macht das? Also hilft das dabei, dass ich Sachen besser hinbekomme?
Florian: Wie ist deine Erfahrung damit?
Miriam: Meine Erfahrung damit ist ganz klar nein. Und ich weiß nicht, ob es Menschen da draußen gibt, die, wenn sie eine Situation hinter sich gebracht haben oder wenn eine Situation geschehen ist und danach kommt dann so ein Resümee in Form von Selbstvorwürfen, hätte ich das noch besser machen können, wenn mir das eingefallen wäre, wenn ich da anders reagiert hätte, wie auch immer. Hilft das dann? Und was genau tut das? Also meistens hat das bei mir dazu geführt, dass ich dann irgendwann klein und irgendwie traurig in der Ecke saß.
Florian: Und erst recht nichts passiert ist.
Miriam: Und gar nichts passiert, außer dass es sich irgendwie noch blöder angefühlt hat.
Florian: Also selbst wenn du das tolle Ziel gehabt hättest, dass du deine To-Do-Liste abarbeitest und sagst, wow. Das sind die 17 Sachen, die ich heute erledigen möchte, weil dann weiß ich, dann wird morgen einfacher und die nächsten Tage werden schöner und du darfst dich einfach da rein entspannen, was so alles kommt in den nächsten ein, zwei Wochen. Wenn das das große, schöne Ziel war und dann kommen die Selbstvorwürfe, ist das dann zieldienlich? Ist das nützlich? Das ist ja auch die Frage.
Miriam: Ja, ist es nicht, und ich habe das früher trotzdem gemacht, obwohl ich wusste, im Grunde wusste, dass es mich nicht weiterbringt. Ich wusste das schon. Und ich hatte das Gefühl, dass das einfach passiert. Und dass das gerechtfertigt ist, dass ich mir diese Gedanken mache. Weil wenn mich sonst schon keiner dafür bestraft, wenn ich irgendwas doof gemacht habe, dann mache ich es eben selbst. Naja, wir wachsen so auf. Hör mal, du lachst, wir wachsen so auf. Und ich spreche jetzt nicht mal von krassen Prügelstrafen oder sowas. Ich hatte eine gute Kindheit, was das angeht, war da nichts. Nur... So Bestrafungen, Hausarrest im jugendlichen Alter oder kein Eis oder was auch immer, das gab es auch bei uns.
Florian: Ich habe auch, wenn ich mit einer 2 nach Hause kam, haben meine Eltern auch gesagt, ja, wenn du ein bisschen vorher gelernt hättest, wäre auch eine 1 drin gewesen.
Miriam: Ach, witzig, okay.
Florian: Ja.
Miriam: So, also diese Dialoge, die da stattfinden, die habe ich offensichtlich nicht erfunden, sondern die wurden mir beigebracht. Das ist die erste Erkenntnis. Und dann frage ich mich, wie machen Menschen das, die wenig Selbstvorwürfe tun oder die das offensichtlich nicht so sehr im Programm haben? Gibt es überhaupt welche, die das nicht im Programm haben?
Florian: Oder die das vielleicht abgelegt haben.
Miriam: Oder die es abgelegt haben.
Florian: Wir gehen ja davon aus im NLP, dass wir solche Sachen auch verändern können, vor allem wenn sie uns bewusst sind. Insofern ein wahnsinnig toller erster Schritt zu merken, ich mache mir überhaupt Selbstvorwürfe, weil dann kann ich ja was damit tun. Wenn ich mich einfach erstmal nur schlecht fühle, darf ich ja erstmal rausfinden, wieso denn? Was ist denn das, was ich tue? Ich habe irgendwie viele Sachen auf meiner To-Do-Liste drauf, schaffe einen Teil davon. Eigentlich cool, oder? Also eigentlich gut. Ich habe was geschafft von meiner To-Do-Liste oder von den Sachen, die ich mir vorgenommen habe. Und dann, um mich doch schlecht zu fühlen, mache ich mir selbst Vorwürfe.
Miriam: Das ist nicht schön.
Florian: Nee, der andere Teil ist nicht so schön.
Learning statt Vorwurf: der Trainer in der Box
Miriam: Und auf der anderen Seite, wenn ich es jetzt im Nachhinein, also wenn ich jetzt Danielas Mail nehme, die sie mir geschickt hat, wo ganz klar drinsteht, sie macht sich Vorwürfe, wenn sie dann noch länger in der Arbeit bleiben musste, weil noch ein Meeting anberaumt wurde und sie hatte ihren Kindern versprochen, dass sie mit denen noch auf den Spielplatz geht und das klappt dann nicht mehr für zwei Stunden, sondern nur für eine, dann macht sie sich selbst Vorwürfe deswegen. Und da stellt sich ja für mich die Frage, macht es dann Sinn, damit ich das das nächste Mal besser mache? Also gibt es auch so eine Art Selbstreflexion da drin? Ich habe eine Verwandte, die jetzt deutlich damit kommen würde, das weiß ich. Wenn du gar nicht mehr zu dir kritisch bist, dann lernst du auch nichts dazu. Also wenn du nicht merkst, wenn dir irgendwas nicht gut gemacht wird.
Florian: Dann wäre beim nächsten Mal vielleicht anderthalb Stunden zu spät für die Kinder. Und dann wäre nur noch eine halbe Stunde übrig.
Miriam: Und dann?
Florian: Ja, und beim übernächsten Mal vielleicht gar nicht mehr, sie würde es gar nicht mehr schaffen mit den Kindern, weil sie noch so lange in der Arbeit bleiben würden. Wer weiß, wer weiß, vielleicht sind die Selbstvorwürfe das Einzige, was das am Laufen hält.
Miriam: Ach so, du meinst, dass überhaupt noch eine Stunde übrig bleibt.
Florian: Das klingt komisch, oder?
Miriam: Das stimmt. Mittlerweile mache ich das ja so, dass ich aus Sachen was lerne. Also, dass ich einfach was lerne draus. Dass ich sage, es war schon viel Gutes dabei, war viel Schönes dabei, wenn was nicht so ganz so nach Plan gelaufen ist mal. In der Arbeit, bei Fernsehsendungen, wenn wir trainieren. Man war nicht ganz nach Plan und es gab ein Learning. Ein tolles. Weil ich weiß, beim nächsten Mal mache ich das und das. Fühlt sich besser an auf jeden Fall.
Florian: Ich nehme an der Stelle, gerade wegen der Selbstvorwürfe, gerade wenn es so Selbstvorwürfe sind, das wäre noch besser gegangen. Da nehme ich inzwischen echt immer dieses Konzept von Gunther Schmidt mit der Meta-Zufriedenheit, dass ich eben sage, naja, es gibt eben diesen Anteil in mir, ob es jetzt ein Anteil ist oder ob es die Stimme ist oder was auch immer, der immer, wenn ich irgendwas mache, auch sehen würde, da wäre noch was besser gegangen. Und ich mag den total gerne, weil dadurch kann ich mich ja verbessern. Also das ist der, wo ich sagen würde, cool, der sieht wenigstens noch, wo Potenzial ist, wo noch was besser geht, mega gut. Nur auf der anderen Seite, das ist ja sein Job. Den werde ich nie zufriedenstellen. Das heißt, ich bin 100% zufrieden damit, dass der unzufrieden ist. Das ist so ein bisschen das wie ein Fußballtrainer, der halt in seiner Fußballtrainerbox steht, der da in seinem eingezäunten Bereich steht. Inzwischen dürfen die ja nicht mehr überall rumwerken. Und darin darf der auch schimpfen, weil das ist ja sein Job. Der möchte ja unbedingt, dass es noch besser wird. Mega cool, ich möchte ja auch, dass es noch besser wird. Nur, ich kann ja trotzdem damit zufrieden sein, was jetzt passiert ist. Also drei Sachen geschafft von der To-Do-Liste heute vor irgendwas, vor dem Podcast noch, ist doch super. Vielleicht ist das wahnsinnig cool schon, wahnsinnig gut schon. Vielleicht hätten andere Menschen nur zwei geschafft oder einen oder gar nichts. Wen interessiert's? Oder ein früherer Florian hätte vielleicht gar nichts gemacht vorher. Ist doch toll. Und klar kann ich mir eine ideale Welt vorstellen, wo ich sagen würde, da wäre noch mehr gegangen. Ich könnte alles gleichzeitig machen. Ich könnte ein Buch schreiben und die Webseite überarbeiten und wir haben ja viele Projekte, die wir schon lange vorgesehen haben. Das muss alles gleichzeitig gehen. Und das kann ich mir ja auch mal so sagen, nur brauche ich das ja nicht machen.
Miriam: Also dieses sanfter zu dir sein, ist schon ein Ansatz, den wir dir sehr, sehr gerne empfehlen wollen. Und vielleicht fängst du da erstmal klein an, weil wenn sich ein Mensch mal angewöhnt hat, sich ständig, also diesen Kritiker sehr laut zu drehen in seinem Kopf. Und diese Selbstvorwürfe, also sich selbst irgendwas an den Kopf zu werfen, sozusagen zum Alltag gehört, dann ist es ja okay, erstmal zu bemerken, dass das gerade stattfindet. Und ich frage mich dann tatsächlich ganz bewusst, was bringt mir das jetzt?
Florian: Auf jeden Fall nicht Vorwürfe machen, weil ich mir Vorwürfe mache. Dann habe ich ja die doppelten. Sondern einfach, wow, okay, habe ich halt gemacht jetzt. Und, wie fühlt sich das an? Vielleicht schaffe ich ja nächstes Mal schon, das nicht zu machen. Oder ich stelle den eben in die Trainerbox rein und sage, ja, ja, soll der da hinten rumschimpfen. Das ist ja bestimmt zu irgendwas gut irgendwann. Das ist auch gut. Also an der Stelle, was ist denn das, was ich erreichen möchte? Wahrscheinlich mich gut fühlen über die Dinge, die ich geschafft habe. Zumindest hilft mir persönlich das, wenn ich dann noch mehr machen möchte.
Priorisieren, entscheiden und die Stunde genießen
Miriam: Das hilft auch Müttern, wenn sie die Stunde, die sie auf dem Spielplatz haben, dann in einer guten Laune mit ihren Kindern verbringen. Zum Beispiel. Oder entspannter.
Florian: Und es klingt ja auch so, wenn es tatsächlich das Beispiel aus Danielas E-Mail war, dass es da eine sehr bewusste Priorisierung gegeben hat. Also der Tag hat halt mal 24 Stunden. Das heißt, wenn dann noch ein Meeting einberaumt ist, kann ich mich entscheiden, möchte ich das noch machen, möchte ich das nicht mehr machen? Wenn ich mich dafür entschieden habe, wieso soll ich mich denn dann schlecht fühlen hinterher?
Miriam: Vielleicht hätten manche Menschen gerne da eine andere Wahl oder glauben, dass sie die Wahl nicht haben. Ja, aber die Vorwürfe kommen halt aus dem Busch. Die Idee dahinter, nur dass wir das erklären, ist ja, wenn ich mich gegen so ein Geschäftsmeeting entscheide, kann das Konsequenzen haben. Und das wägen ja Menschen ab.
Florian: So wie das Konsequenzen hat, sich nicht für die Kinder zu entscheiden.
Miriam: Ja genau, das hat auch Konsequenzen und am Ende des Tages ist es ein ständiges Abwägen und sich dann für etwas entscheiden, und wer hat das gesagt, dieser eine Basketballspieler, wenn du eine Entscheidung getroffen hast, dann sorge dafür, dass sie die beste deines Lebens ist.
Florian: Dass sie die richtige ist, genau. Triff eine Entscheidung und sorge dann dafür, dass es die richtige ist. Weil oftmals gibt es ja, da gibt es ja kein richtig oder kein falsch. Soll ich jetzt noch eine Stunde da bleiben für dieses wichtige Meeting, das mir vielleicht morgen ermöglicht, früher nach Hause zu gehen? Wer weiß, wer weiß. Oder früher nach Hause gehen, aber dann habe ich vielleicht Stress in der Arbeit. Da gibt es ja kein richtig und kein falsch mehr, sondern da gibt es ja einfach nur... Auf Grundlage der aktuellen Informationen die bestmögliche Entscheidung treffen und dann zufrieden sein mit dem, was dann passiert ist. Und dann, und das habe ich von Miriam wirklich wahnsinnig gelernt, dann eben die Stunde mit den Kindern einfach noch zu genießen. Dann ist es halt die Stunde.
Miriam: Das stimmt. Also das ist absolut mein Weg. Wir arbeiten auch viel, wir arbeiten gerne. Die Kinder erleben uns als Menschen, die ihre Jobs lieben, was finde ich ein Geschenk ist für die. Also wie oft erleben Kinder ja ihre Eltern sehr gestresst, weil der Job keinen Spaß macht oder weil er unglaublich fordernd ist oder viel, viel, viel Zeit in Anspruch nimmt. Und uns zu erleben, wie wahnsinnig gern wir arbeiten, wie wir nachts noch sitzen und uns vorbereiten auf Seminare und dabei lachen und scherzen und unsere Freude haben. Ich glaube, dass das ein Geschenk ist. Die haben da eine sehr, sehr entspannte und schöne Einstellung zu, was diese Zukunft betrifft.
Florian: Ja, genau. Wenn du in die Zukunft schaust und stellst dir vor, wie sollen, also jetzt in so einer Idealvorstellung, wie sähe das denn aus, wenn deine Kinder später mal davon erzählen, wie war das damals? Ist es dann tatsächlich so, dass überhaupt keine Arbeit stattfindet oder überhaupt nichts davon da ist? Oder ist es einfach dieses Integrierte? Und das darf jeder ja für sich selber entscheiden. Richtig. Zu sagen, das ist das, wie ich möchte, dass meine Kinder mich wahrnehmen. Und ich mag das auch sehr gerne. Bei uns ist einfach Arbeit mit dabei. Wir haben auch kaum Diskussionen über Hausaufgaben, witzigerweise.
Miriam: Ja, das stimmt.
Florian: Weil sie uns auch ständig irgendwie was noch machen sehen. Oder ich setze mich dann daneben und arbeite halt am Laptop, während irgendwie eins der Kinder Hausaufgaben macht. Weil es ganz normal ist, dass wir auch zu Hause noch was zu tun haben.
Miriam: Superschön. Auch in der Arbeit. Ich habe sehr viele Kolleginnen im Moment oder Freundinnen, die jetzt nochmal ein neues berufliches Ziel anstreben oder die sich jetzt nochmal verändern wollen beruflich. Und da kenne ich das auch. Das klappt am Anfang noch nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Da ist noch nicht so ein Riesenerfolg, der sich sofort einstellt. Und wenn die dann mit mir sprechen, höre ich die Stimme, die sie im Kopf hören, quasi auf dem...
Florian: Außen-Lautsprecher.
Miriam: Also dann kommt die, ja, da habe ich das, da habe ich einfach verpennt. Und was ich mir angeeignet habe an der Stelle, ist genau das, was Florian sagt. Ich denke wieder an das, wofür ich es machen möchte. Was ist das Ziel dahinter? Also warum mache ich diesen Job? Warum bin ich überhaupt oder wie gerne bin ich Mutter? Wie stelle ich mir das vor, wenn die Kinder groß sind? Was sind das dann für glückliche, tolle Menschen? Und das alles zu wuppen und das alles hinzubekommen, darf ein Weg sein, der vielleicht ab und zu auch mal ein bisschen Struggle beinhaltet. Nur grundsätzlich möchte ich dieses Leben sehr, sehr gerne weiter genießen. Und da finde ich diese beiden Ideen schön. Also zum einen den Kritiker in seinem, mir wirklich vorzustellen, wie diesen Fußballtrainer, wir haben ja bald wieder Fußball-Weltmeisterschaft, wir werden das sehen. Die italienischen Trainer sind die Besten.
Florian: Und wie die schimpfen können. Und wie unzufrieden die sein können auf dem Spielfeld. Und das ist genau deren Job. Das ist ja wichtig.
Miriam: Teils hält der Physiotherapeut die Jahre in der Hose fest, dass die nicht über diese weiße Linie treten, weil dann gibt es nämlich Strafpunkte. Also ich habe auch so einen Physiotherapeuten in meinem Kopf, der den Trainer festhält.
Florian: Es ist cool, dass ich in mir was habe, wo ich sage, ich möchte besser werden. Du möchtest mehr Ziele erreichen, du möchtest ein schöneres Leben haben, was auch immer das für dich konkret bedeutet. Das ist ja schön, dass es da diesen Teil gibt, der sagt, so und jetzt... Mal aufstehen, jetzt machen wir mal was.
Miriam: Das ist was Motivierendes. Auch da würde ich Acht geben und wach sein, in welchem Ton und mit welchen Worten diese Stimme mit mir spricht. Auch da gibt es bei vielen Menschen übrigens Verbesserungsbedarf oder vielleicht Optimierungsbedarf, Verbesserung, weiß ich nicht. Und liebe Daniela, deshalb danke für das Thema. Dieser sogenannte innere Dialog ist was ganz, ganz Spannendes.
Sprachzaubertag, Pfarrer und ein Blick auf Folge 100
Florian: Machen wir das im Sprachzaubertag auch?
Miriam: Im Sprachzaubertag haben wir es dabei, ja, am 9.6. Gehen wir da nochmal genauer drauf ein. Du bist herzlich willkommen, es gibt noch Plätze. Du kannst buchen über www.moringahaus.de und dort unter Veranstaltungen oder auf unserer Seite www.kontext-denken.de findest du auch den Link dahin. Also die Karten gibt es einfach online zu bestellen und wir sind in einem sehr, sehr schönen Raum, fünf Minuten fußläufig vom Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Das heißt, ganz einfach zu erreichen aus ganz Deutschland. Cool. Jo, wir freuen uns auf dich.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Und auf deinen inneren Dialog.
Florian: Wie auch immer der bisher noch ist. Ich könnte mir ja auch einen Pfarrer holen, ne?
Miriam: Der, der das singt?
Florian: Ja, der so.
Miriam: Jetzt hast du erst drei Dinge geschafft.
Florian: Du hättest aber 10 machen sollen. Was auch immer hilft.
Miriam: Und das finde ich schon sehr lustig. Manche finden das vielleicht nicht so lustig.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Ich bin Protestantin. Da wird nix gesungen.
Florian: Da wird nix gesungen.
Miriam: So, dann euch alle eine tolle Woche.
Florian: Schöne Woche.
Miriam: Genau. Schreibt uns gerne, wenn ihr Fragen habt. Wir sind für euch da und dieser Podcast immer dienstags. Wir gehen auf die hundertste Folge zu, ihr Lieben.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Wir freuen uns schon.
Florian: Und jetzt, diese Woche mal wieder in normalerem Setting. Die letzten beiden waren ja sehr experimentell.
Miriam: Das stimmt.
Florian: Und mal gucken, wie es sich jetzt weiterentwickelt. Was uns noch einfällt.
Miriam: Da geht noch was.
Florian: Aber wirklich.
Miriam: Bis dann. Tschüss. Bis nächste Woche.
Florian: Tschüss.
Miriam: Mehr von uns gibt es unter www.kontext-denken.de. Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.