NLP mit Miriam Deforth und Florian Groß Folge 15

Schreien statt flüstern – oder: Lautes Sprechen auf angenehme Weise?

Miriam im Gespräch mit Nerissa Rothhardt, die ein ganzes Orchester als Opernsouffleuse übertönte, um die Darsteller auf der Bühne zu „retten“ und dabei das Publikum nicht störte... heute bringt sie Menschen „schreien statt flüstern“ bei.

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In dieser Folge

Darum geht es

„Wie kann ich es lernen, lauter zu sprechen?“ – das fragen unsere Seminarteilnehmer sehr oft. Was sie damit meinen ist oft gar nicht laut im klassischen Sinn. Laut sind Fußballfäns oder der Rasenmäher des Nachbarn. Was sie meinen, ist kraftvoller, deutlicher, klarer, energievoller. Ein Sprechtrainer hätte jetzt Atem- und Dehnübungen für die Muskulatur um den Kehlkopf bei der Hand. Nerissa Rothhardt hat da ihre eigenen Methoden. Über zehn Jahre lang sprach sie die Gesangstexte für Sängerdarsteller in Operninszenierungen ein. In den größten Opernhäusern Deutschlands. Und zwar nicht nur während der 4-5 stündigen Aufführung, sondern auch schon während der Probenarbeit. Dafür studierte sie nicht nur Orchestermusik und Gesang, lernte Sprach- und Stimmtechnik, sondern auch noch Rhetorik. Denn mit Dirigenten und Künstlern zu arbeiten, verlangte auch oft eine große Portion Diplomatie in der Stimme ;-). Während ihrer Arbeit wurde sie nie heiser. Im Podcast mit Miriam verrät sie ihre besten Tipps für sehr deutliches, starkes Sprechen in angenehmer Stimmlage. Und sie gibt uns ein Beispiel, wie sich ihre Arbeit anhörte. Deshalb hörst Du auch einen winzigen Ausschnitt aus der Mozart-Oper „Don Giovanni“ – mit Nerissa in der „Hilfe-Rolle“. Viel Spaß beim Mithören! Nerissas Seite: http://www.auftrittstrainer.de/ Unsere Seite: http://www.kontext-denken.de/

Warum „laut sprechen“ eigentlich „deutlich sprechen“ heißt, erklärt Nerissa am Beispiel ihrer Arbeit als Opernsoufflöse: Deutlichkeit statt Schreien, trainierte Sprechwerkzeuge – Zwerchfell, Lippen, Zunge – und ein einfaches Vorlese-Training gegen Nuscheln. Sie zeigt, wie sie zehn Jahre lang gegen ganze Orchester ansprach, ohne je heiser zu werden, warum Räuspern schädlich ist und wie sich mit Deutlichkeit sogar ein 1400-Plätze-Haus füllen lässt. Wer nach Stimmtraining, Sprechtechnik, Vocal Coaching, kraftvollem und deutlichem Sprechen oder Tipps gegen Heiserkeit sucht, findet hier sechs konkrete Übungen. Mit einer kleinen Live-Kostprobe aus „Don Giovanni“.

Lesefassung

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Kapitel dieser Folge
  1. Von der Opernsoufflöse zur Rhetorik-Trainerin
  2. Nie heiser: Deutlichkeit als Training
  3. Gegen das Orchester ansprechen – warum kein Computer das kann
  4. Die Kostprobe: Don Giovanni live souffliert
  5. Deutlich statt laut: Übungen fürs eigene Sprechen

„Wie werde ich lauter?“ – wer das fragt, meint selten wirklich Lautstärke. Nerissa Rothhardt hat zehn Jahre lang in großen Opernhäusern souffliert, gegen ganze Orchester angesprochen und war dabei nie heiser. Wie das geht, verrät sie hier – samt einer kleinen Kostprobe aus „Don Giovanni“. Und du bekommst konkrete Übungen zum sofort Ausprobieren.

Von der Opernsoufflöse zur Rhetorik-Trainerin

Miriam: Nein, machen wir nicht. Nein, nein, nein. Das kannst du selbst machen. In jeder Stadt gibt es ein tolles Opernhaus. Es ist übrigens für alle, die viel sprechen und mit ihrer Stimme auch größere Räume, gar Säle, Hallen oder Konzerträume beschallen, durchaus empfehlenswert. Wenn es nicht sowieso schon passiert ist, mindestens einmal, wenn nicht mehrfach die Oper zu besuchen. Denn was dort stimmlich geleistet wird, ist in meiner Welt nach wie vor Kaiserklasse. Und umso aufgeregter bin ich heute bei diesem Podcast. Denn, heute übrigens wieder in Skype-Qualität, also bitte sieh uns das nach, sitze ich Nerissa gegenüber. Sie ist nicht... Sie ist keine Opernsängerin, sondern studierte Orchestermusikerin, Spezialfachgebiet Horn. Und jetzt wirst du dich fragen, warum ist sie dann in einem Sprachpodcast? Und auch das wollen wir dir erklären. Es ist so spannend. Hallo, liebe Nerissa.

Nerissa: Hallo, liebe Miriam.

Miriam: Danke, dass du Zeit hast.

Nerissa: Danke dir.

Miriam: Du bist Soufflöse im Opernhaus und dein Motto lautet Schreien statt Flüstern. Würdest du so lieb sein und uns das bitte kurz erklären?

Nerissa: Ja, sehr gerne. Also ich muss dazu sagen, ich war Opern-Soufflöse. Ich war es zehn Jahre lang und jetzt bin ich es nicht mehr. Jetzt bin ich Rhetorik-Trainerin. Jetzt helfe ich anderen Menschen, sich wohler zu fühlen auf der Bühne. Ja, was heißt flüstern, was heißt schreien? Also in der Oper muss man schon ordentlich reinbrüllen. Da ist teilweise einfach laute Musik oder auch mal ein tauber Sänger dabei. Da hat ein Tenor vor mir stehen, der war auf dem rechten Ohr taub und leider war das Orchester an der Stelle gar nichts zu spielen gehabt und er wollte aber trotzdem das alles so reingebrüllt bekommen. Also Geschichten über Geschichten, die ein Buch füllen würden wahrscheinlich.

Miriam: Wie stellen wir uns das vor? Wo genau sitzt du in der Oper oder wo bist du platziert, damit du schreien statt flüstern kannst?

Nerissa: Ja, im allerbesten Falle tatsächlich in diesem klassischen Kasten, den man auch kennt. Im besten Falle, leider gibt es immer mehr Regisseure und Bühnenbildner, die... Das nicht mehr wollen. Die sagen, nein, das stört mein künstlerisches Konzept, da darf kein Kasten sein. Und das ist leider, stört das dann zwar das totale künstlerische Konzept des Sängers, aber bitteschön. Und deswegen sitzt man dann, wenn man dann noch Glück hat, man sagt dazu Nullgasse oder auch in der ersten Gasse auf rechts oder links, je nachdem auf welcher Bühnenseite sich das anbietet. Wenn man ganz großes Pech hat, dann sitzt man eigentlich zu weit vom ganzen Geschehen. Ganz viel vorne passiert an der Rampe direkt kurz vorm Orchestergraben. Man sitzt dann dahinter.

Miriam: Was soll man dann sagen? Kommunikation ist immer auch ins Gesicht sehen. Jetzt mal per Telefon oder per Skype, aber eigentlich ins Gesicht sehen. Da sind wir auch schon beim spannenden Thema. Du produzierst nämlich auch tolle Radiosendungen zum Thema Rhetorik, Kommunikation. Die Tipps geben wir später noch. Also du bist da super aufgestellt und wer Lust hat, sich da weiterzubilden, wir geben alle Internetadressen und so weiter später raus. Also auf jeden Fall bist du manchmal nicht so idealerweise an der Bühne platziert gewesen, im Idealfall frontal. Und gibt es dann Hilfestellungen für Menschen, die vier, fünf Stunden lang im Grunde durchsingen?

Nerissa: Ja, Jein, also es gibt natürlich schon auch diese Partien, die komplett durchsingen. Siegfried zum Beispiel, in Siegfried, im dritten Abend des Rings, der singt natürlich wirklich fast komplett durch. Wir hatten einen Siegfried in Stuttgart, der hat auch tatsächlich alle Wörter gezählt.

Gast: Er kommt, oh, you don't know how many words I sing?

Nerissa: Ich meine, so 3500, keine Ahnung.

Gast: Oh no, I didn't know you sing really so many words.

Nerissa: Wenn es hilft. Wenn man dafür noch Zeit hat. Ansonsten ist es natürlich die Konzentration. Man ist ja den ganzen Tag konzentriert, schon im Vorfeld. Man muss eigentlich sein Leben darauf ausrichten, präsent am Abend oder eben bei den Proben auch morgens, aber vor allen Dingen eben für die Vorstellung, wo dann eben auch die... Die Kritiker dann auch sitzen, wo die Intendanten sitzen, die Agenten, da dann wirklich auf den Punkt, das hinzunageln. Darum schart sich dann der Rest des Lebens. Und dann sind dann diese zwei oder auch mal bis zu fünf Stunden, da darf man es dann sogar fast einfach endlich mal tun. Also ich habe eher diese Rückmeldung bekommen.

Miriam: Mein Mann war ja auch Sänger, auch in Bayreuth. Und so hat er es mir erzählt. Sag, kannst du oder ist es dann für dich oder für eine Souffleuse in der Oper nicht nur wichtig, sehr gut bei Stimme zu sein und hier zu wissen, wie es technisch geht, das durchzuhalten, sondern auch eine Partitur lesen zu können?

Nerissa: Ja, natürlich. Ich bin ja quasi als Souffleuse der rechte Arm des Dirigenten und sorge dafür, dass das ganze Bühnengeschehen, sorge dafür, dass alles sein... Sein Ablauf nimmt. Also ich gebe ja jeden, also wenn es gewünscht ist, natürlich nicht jetzt irgendwie in der Nummer in Opern jetzt unbedingt, aber wenn es wirklich schwierige Stücke sind, also alles ab Romantik aufwärts oder auch mal so die Finale von Mozart-Opern zum Beispiel, die sind da schon sehr vertrackt und dann muss man auch mal optisch einen Einsatz geben. Ganz klar, ich kann das ganze Stück durchschlagen oder konnte das und... Jeden einen Satz geben und habe auch schon das eine oder andere Mal das Stück tatsächlich gerettet. Und das war dann gar nicht so schlecht, weil dann war dann auch Arte da. Und wenn dann so ein Arte-Mikrofon über einem hängt, kann man ja nicht so reinschreien. Ja, und es dann aber doch noch hörbar zu machen und so gut wie möglich sichtbar zu machen und dann noch die ganze Sache zu retten, das ist natürlich dann so ein Abend, wo man dann nachher sagt, Strike, yeah.

Nie heiser: Deutlichkeit als Training

Miriam: Wie hast du deine Stimme dahin gebracht, dass du das durchhältst? Ich glaube, viele Hörer würden jetzt sagen, so eine Oper, die hat ja grundsätzlich schon mal Länge, selbst wenn sie ein bisschen gekürzt aufgeführt würde. Und bei einigen Opern funktioniert das ja auch gar nicht. Das heißt, also rechne ich mal mit Minimum drei und maximal fünf Stunden. Wie hast du deine Stimme dahin trainiert, das durchzuhalten, ohne danach stockenheiser zu sein? Denn ich glaube, das wäre genau das, was ich jetzt auch denken würde.

Nerissa: Ja, der Abend, die Vorstellung ist ja nicht mal das Anstrengendste, sondern tatsächlich auch die Proben. Die ersten drei Wochen, da hat man sechs Wochen, sieben Wochen Proben und die ersten drei Wochen, da brüllt man ja wirklich von morgens bis abends. Morgens drei, vier Stunden Probe abends und da brüllt man ja noch viel mehr als am Abend im Grunde. Was machst du so beruflich? Oh, ich brüll. Oder jemand sagt, oh, wie interessant, du bist bei der Oper, singst du? Und ich hab einfach mal gesagt, nein, ich lasse singen.

Miriam: Sehr cool. Ja, wie hast du trainiert dafür? Oder ist das automatisch passiert?

Nerissa: Nein, nein, nein, nein, durchaus nicht. Also ich meine, es gibt sicherlich auch welche, die trainieren es nicht, aber ich habe das immer gemacht und ich war auch tatsächlich an keinem einzigen Tag jemals heiser und hatte nie irgendwas, da habe ich auch nie räuspern müssen, weil Räuspern ist sehr schlecht für die Stimmlippen, weil ein sehr starker Luftdruck auf diese beiden sehr zarten Stimmlippen draufknallt und das ist sehr schädlich. Also was ich habe immer...

Miriam: Zuhause beim Zuhören unterdrücken jetzt alle den Impuls vom Räuspern. Bloß nicht, bloß nicht. Entspann dich, entspann dich da draußen. Also jetzt mal so zwischendurch einmal Räuspern. Hat noch keine Stimme umgehauen. Wir sprechen jetzt hier von Leistungssport in Sachen Stimme. Deshalb ist es spannend. Also du hast ganz bewusst auf dieserlei Dinge geachtet.

Nerissa: Ja, und das Wichtigste ist die Deutlichkeit. Also man kann das selber auch sehr gut üben, indem man zum Beispiel, wenn ich jetzt hier mal so ein Buch aufschlage und mal so drei, vier Wörter vorlese, also so spricht man als Soufflöse, als wäre das noch nicht gut genug. So spricht man.

Miriam: Ich finde es super spannend. Wir arbeiten von morgens bis abends mit Sprache. Unsere Zuhörer empfinden Sprache spannend. Das ist toll.

Nerissa: Das ist zwar erstmal over, nur das mal zu tun und dann wieder ein bisschen wegzunehmen. Das hat mir mal ein Regisseur auch gesagt. Hier ist das beste Training, was du machen kannst, um deutlicher zu werden, wenn du deutlicher werden willst. Also völlig zu übertreiben erstmal.

Miriam: Toll!

Nerissa: Genau, weil das, was trainiert werden muss, sind die Sprechwerkzeuge. Und das, was ist das? Das klingt immer so seltsam, aber das sind alles Muskeln. Das heißt, das ist das Zwerchfell, das ist ein Riesenmuskel, der kann bis zu drei Zentimeter dick werden. Und das sind die Wangen, die Lippen und die Zunge. Die müssen trainiert werden. Das sind Muskeln. Und die Muskeln trainieren wir am besten in der deutschen Sprache, die ist dafür prädestiniert, weil wir nicht wie tschechisch so einen einzigen Brei haben, sondern dazwischen auch nochmal... Alle Tschechen da draußen, ihr habt eine tolle, weiche, sämige Sprache.

Miriam: Mensch Nerissa! Das sind eben die Sprachprofis. Andere würden ja sagen, das Deutsch ist prädestiniert zum Sprachtraining.

Nerissa: Und meine französische Kollegin hat mir irgendwann mal gesagt, für sie klang Deutsch am Anfang so. Genau, so klingt ja Tschechisch für uns. Und Gott sei Dank sind an mir immer tschechische Opern vorbeigegangen. Das ist echt sehr, sehr, sehr schwer. Das ist wie Russisch, sehr schwer. Und das ist aber gut, wenn die das so sagt. Das sind diese ganzen harten Konsonanten, die Plosiven, die Frikativen, diese Reibe- und Zischlaute, die so schön spucken. Also bitte auch nie Angst haben, dass man dann irgendwie spuckt. Man soll sich gar nicht vorstellen, wie das aussieht an der Bühne. Da sind Funken, Spuckeregen, Spuckeregen. Fontänen, ja, Fontänen. Und die sieht man dann so im Gegenlicht der Scheinwerfer.

Gast: Manchmal.

Miriam: Ja, stimmt. Super, vielen Dank. Voll schön. Also, erster Tipp in diesem Podcast, völlig kostenlos für dich. Wenn dir ab und zu mal gefeedbackt wurde, dass du nuschelst oder undeutlich bist im Sprechen oder deutlicher werden könntest, nimm dir irgendeinen Text, der darf aus einem Märchenbuch sein, no matter what, oder einem Zeitungsartikel und lies ihn so, wie Nerissa das eben völlig übertrieben vorgemacht hat. Also so, als würde dir gegenüber jemand sitzen, der im Prinzip von deinen Lippen abliest.

Nerissa: Genau, genau. Und da sagst du was, ein wahres Wort. Und das ist nämlich auch das, was an der Kommunikation, gerade auch bei Soufflösen natürlich total wichtig ist. Wirklich, die lesen mir wirklich von den Lippen ab. Und weil ich... Dann so in meiner Gesichtsmuskulatur, dass ich offensichtlich so expressiv bin, hat mich dann auch tatsächlich mal jemand von der Gehörlosen-Schule gefragt, ob ich für ihn in Stuttgart, habe ich damals nebenberuflich Backstage-Führungen gemacht und ob ich das für die seine Gruppe machen könnte, die würden nämlich nur von den Lippen ablesen.

Gegen das Orchester ansprechen – warum kein Computer das kann

Miriam: Ja super, also das ist perfekt. Also erstmal vielen Dank für diesen Tipp und dann jetzt der nächste Punkt, der noch wichtig ist für mich. Als Soufflöse in der Oper kommt ja jetzt auch noch Musik dazu.

Nerissa: Ja. Genau.

Miriam: Achso, das macht es ja so laut. Die macht es ja so kompliziert.

Nerissa: Die macht es so laut, genau.

Miriam: Wie gingst du als Sprecherin, Sprecher damit um, dass da eben auch noch der Punkt Musik ist?

Nerissa: Ja, wie gesagt, man muss sie lernen, man muss sie schlagen können, also schlagen klingt immer so doof, dirigieren, also wobei ich da keine Kunst mache, ich mache das nur Verkehrspolizei durchschlagen und Einsätze geben, aber sie ist laut und man muss sich trauen da hinein. zu eben dann zu skandieren, zu brüllen, da sehr, sehr deutlich das Wort zu ergreifen. Die ersten zwei Proben war das noch sehr schwierig, aber dann musste ich irgendwann über meinen Schatten springen.

Miriam: Boah, ich hätte mich, glaube ich, sehr, sehr verspannt erst mal, weil diese Musik ist so schön und ist so eine Kunst für sich und dann sitzt da einer und brüllt. Uiuiui, toll, toll. Okay, also es ist auch ein Überwinden von so einer natürlich entstehenden Hemmschwelle dann.

Nerissa: Absolut, absolut. Oder auch wenn man dann Kollegen hat, ich hatte ja, man kennt ihn jetzt vielleicht, der ein oder andere Kollege ist ja ziemlich berühmt und dann latscht man dem so mitten in die Arie rein, aber der freut sich auch, die freuen sich, die freuen sich, ja. Man freut sich da allgemein.

Miriam: Letztlich, wenn das allen auf der Bühne diese riesen Sicherheit gibt und wie du selbst sagst auch ganze Aufführungen rettet, dann ist das natürlich einvernehmlich von allen, dass da jemand sitzt und das tut. und die Musik, also du hast mir das schon eindrucksvoll gezeigt im Vorgespräch, gibt dir Rhythmus, denn du verfolgst die Partitur, du verfolgst die Aufführung, du übernimmst die Dynamik des Dirigenten, die ja vielleicht auch so minimal variiert von Aufführung zu Aufführung, sind ja alles keine Maschinen, selbst wenn sie sehr professionell sind. Deshalb vermutlich, denn das war eine Frage meines Lebensgefährten, jetzt bevor wir uns zusammengetan haben, ist das nicht auch mit dem Computer zu lösen? Also mit so einem Teleprompter, der einfach mitläuft für die Schauspieler, dass sie so wie Udo Lindenberg da drauf gucken können?

Nerissa: Ja, für die Sänger. Ja, Udo Lindenberg macht ja Solo, dann geht das natürlich. Klar, das kann man auch mit Karaoke machen. Für einen alleine ist das kein Ding. Aber dann kommt die Sache eben, sobald wir schon zwei haben, weiß jetzt vielleicht der eine oder andere nicht mehr, wer ist jetzt gemeint mit dem Text. Wie man das sieht und sehen, dauert immer auch nochmal viel länger. Ein Höreindruck ist sehr, sehr viel schneller. Und abgesehen davon, und wenn man dann ab zwei aufwärts hat, hat man dann... Riesen-Finale, jetzt zum Beispiel Falstaff, erster Akt, und dann mit den ganzen verschiedenen Taktwechseln da drin. Also ich habe ja nicht nur, höre ich den Dirigenten sozusagen durchs Orchester, sondern ich habe ihn ja immer gesehen auf dem Monitor. Und das heißt, es würden dann wegfallen, wie gesagt, diese Das Gesicht, das ablesen können, auch mal ein menschlicher Ausdruck. Mir wurde auch mal rückgemeldet, dass das sehr, sehr geholfen hat und Energie gegeben hat, weil ich war ja auch Energiegeberin, Energie gegeben hat, dass ich einfach mal irgendwann so, oh, das war so schön, man darf nicht zu sehr abdriften, aber so, oh, war das schön. Dann habe ich sie so angeguckt und das hat ihr so viel Energie gegeben. Und das hat sie mir gesagt, das fällt dann weg. Und ich habe natürlich auch das ein oder andere Zeichen mir ausgedacht dann. Also das spricht man dann ab in den Proben, dass man dann sagt wie ein Hauch, dass man so was, dass man dann so über die Hand so bläst oder dass man sich ans Herz fasst oder an den Kopf fasst oder irgendwas. Also diese ganzen Zeichen, die würden ja dann auch alle wegfallen. Das geht ja alles zack, zack, zack, zack, rasend schnell. Und außerdem ist es ja so, dass man Situationen retten muss. Das heißt, jemand hat sich verdattelt, hat sich falsch eingesetzt. Das war auch im Orchester so. Auf einmal verspielt man sich. Man macht alles richtig und man weiß nicht, was ist auf einmal los. Auf einmal klappert es. Was ist los? Auf einmal stimmt was nicht mehr. Und dann muss man jemanden haben, der einen da rauszerrt und der einem hilft. Das kann kein Computer auf dieser Welt, das kann keine Mattscheibe sein. Das muss ein Mensch sein.

Miriam: Ach, Oper bleibt menschlich. Ist das schön.

Nerissa: Ja.

Die Kostprobe: Don Giovanni live souffliert

Miriam: Dürfen wir jetzt von dir, du hattest es angeboten im Vorgespräch, so eine kleine Kostprobe bekommen, wie das wirkt. Ihr Lieben da draußen, wir simulieren das jetzt mit deutlich begrenztem technischem Equipment. Nur Nerissa hat sich bereit erklärt und hat gesagt, ich zeige jetzt einfach mal, wie Soufflieren in der Oper sich anhört mit einer entsprechenden Musik und wir dürfen da mal eine kurze Zeit lauschen. Es ist so cool, wirklich. Ihr dürft genau das, was ihr jetzt gleich hört, als Übung nehmen. Macht euch irgendeine Musik an und rammt mal mit der Stimme da rein. Das ist so ein tolles Training. Ich habe es auch ausprobiert. Hammer. Liebe Nerissa, wir freuen uns auf deinen Einsatz. Rette uns. Und zwar erstes Finale Don Giovanni. Kleines Vorspiel.

Gast: Propa, Psycho, Svoboda.

Nerissa: So bis dahin vielleicht mal.

Miriam: Toll! Ich geh jetzt mal raus. Oh, wie super. Also du wartest auch nicht, bis einer hängt. Du ziehst durch, ne?

Nerissa: Genau. Stopp dem Unfall. Wobei jetzt das in dem Fall, das würde man wahrscheinlich nicht machen. Also weiß man nicht. Also der Don Giovanni wird sich wahrscheinlich dann mal den Kopf abreißen, weil das ist nicht so schwer. Das Schwere kommt erst dann später mit der Bühnenmusik, wo es ein Viertel geht. Aber ja, es gibt schon so Sachen, wo man auch besser die Schnauze hält. Aber da würde man es auch nicht tun, also würde man nicht so flirten, aber genau. Vielleicht, wenn es die allererste Probe wäre von zwei ganz jungen, direkt frischen, von der Hochschule kommenden Sängern, die würden wahrscheinlich da an meinen Lippen kleben und sich dann freuen.

Miriam: Also erstmal toll, vielen Dank. Wir haben einen Eindruck bekommen und ich gehe mal davon aus, dass höchstens ein Minimum unserer Hörer sich jemals über diesen Beruf... Gedanken gemacht hat. Auch gerade bezüglich Vocal Coaching, Stimmtraining. Jetzt auch meine nächste Frage. Du bist selbst Trainerin und lehrst viele Menschen in den Bereichen Kommunikation, Rhetorik, Stimmtraining, Stimmbildung. Machst das sehr erfolgreich. Hast auch eine eigene kleine Radiosendung, in der du Tipps gibst zu bestimmten sprachlichen Themen. Also im Prinzip sind wir da echt Kolleginnen. Hat dir das Soufflieren über diese vielen Jahre neue Inspiration gebracht für deine Trainings? Nimmst du etwas davon mit für die Menschen?

Nerissa: Ja. Erstmal das Gefühl der Dienstleistung natürlich, jetzt mal rein vom kommunikatorischen Gesichtspunkt aus gesehen. Ich will unbedingt gerne noch eine Sache mit dem Flüstern und dem Deutlich-Sprechen, das geht nämlich auch leiser. Aber erstmal sage ich das andere, was ich denke, dass so Soufflieren ist, man ist ein Teil... eines ganzen Apparates, ein Rädchen im ganzen Getriebe und ich finde, man darf sich einfach auch nicht zu wichtig nehmen. Man ist zwar auch mal wichtig und man muss wirklich auch seine Verantwortung übernehmen und wenn man was macht, muss man einen Arsch in der Hose haben und muss es auch einfach tun, sozusagen.

Miriam: Oh, biep, das war wieder eine dieser Stellen, die ich sonst zensieren würde und wir schneiden ja nicht, der geht raus, der Podcast, der geht raus.

Nerissa: Okay, dann halte ich mich zurück.

Miriam: Alles gut, du bist nicht die Erste, meine Liebe, und du bist wirklich zahm. Hör dir mal Achterbahn der Gefühle an, die Episode.

Nerissa: Okay, weil an der Bühne... Alles gut.

Miriam: Du kennst dich ja da auch selber aus. Du bist ja selber eine Bühnenfrau, deswegen weißt du ja, wie man da spricht. Normalerweise ein bisschen derber und als Blechbläser auch sowieso nochmal dazu. Du kennst mich auch. Finde ich schön, also dieses, sich mit seiner Stimme gerade im moderativen Bereich als Dienstleister zu betrachten, finde ich praktisch. Wie du sagst, es gibt als Speaker, wenn die Bühne mir gehört, auch die Augenblicke, wo ich Eier haben darf. Ansonsten, ja.

Deutlich statt laut: Übungen fürs eigene Sprechen

Nerissa: Und technisch, also jetzt eben, da kommen wir zu diesem Schreien statt Flüstern oder umgekehrt. Sobald wir uns in einem Raum befinden, wo fünf Meter entfernt die Leute sitzen, verstehe ich kein Wort mehr. Das stimmt. Wenn wir jetzt aber, also wir können das, was ich eben gerade laut gemacht habe, kann man ja auch leise machen. Das heißt, wenn ich ganz deutlich bei den Sprechwerkzeugen bleibe. Man kann nicht nach einem fehlenden Bindeglied suchen, ohne zumindest eine gewisse Vorstellung. Also ich zitiere jetzt wieder aus diesem Buch. Das heißt, so fängt meine Stimme an zu tragen. Und ich kann das auch übertreiben, gerne, gerne, aber ich will irgendwann dahin, dass es nicht mehr so übertrieben klingt, sondern einfach nur gestochen scharf. Und das ist das beste Training für die Stimme.

Miriam: Ganz schöne Tipps. Ich glaube, das ist der erste echte Sprechtechnik-Podcast, den wir haben. Wow, ihr Lieben, dafür würdet ihr normalerweise bei Seminaren viel Geld bezahlen. Wir freuen uns auf euer Feedback und eure Likes auf unseren Facebook-Seiten dafür. Gebt Vollgas. Ja, du hast vollkommen recht. Die Lautstärke darf dem Umfeld, dem Kontext angemessen sein. und das ist eben nicht immer die Oper, in der ich über ein ganzes Orchester hinweg hörbar bin, sondern das kann auch ein kleinerer Raum sein. Und was ja auch spannend ist, das war toll in dem Podcast mit dem Synchronsprecher, über diese Dynamik bin ich im Sprechen ja auch imstande, eine ganz tolle Abwechslung und Spannung aufzubauen in meinen Vorträgen oder Lesungen oder was auch immer ich tue.

Nerissa: Ja, und wir wollen, ja, kann ich... Und es geht ja auch darum, sobald wir sagen, ich möchte... Laut, sprich laut, das heißt immer, es geht in dieses Schreien rein, in dieses drüber und das ist halt das, was auch so schädlich ist. Ich mache dieses sehr deutliche, nicht nur, dass man sich dem Raum anpassen kann, man kann auch nochmal versuchen, ganz weit drunter zu sein. Also der Raum würde jetzt sagen, oh Gott, ich habe auch schon gesprochen, während Proben habe ich einen Text bekommen, den ich, also künstlerisch leider dann nicht am Abend, aber ich wollte ihn, der Regisseur hat noch drüber nachgedacht, aber ich habe dieses Haus mit 1400 Plätzen, mit drei Rängen mit Leichtigkeit gefüllt, mit dieser Deutlichkeit. Das heißt, ich bin noch nicht mal in die Lage gekommen, zu laut zu sprechen. Und ich mache das mit meinen Seminarteilnehmern draußen, im Park, auch an einer Straße zum Beispiel. Wir stellen uns immer weiter, immer einen Schritt weiter auseinander. Man kann das zu zweit machen und spricht immer deutlicher. Und man bleibt... Aber so unaufwendig wie möglich. Klingt jetzt ein bisschen komisch, aber wie gesagt, ein bisschen legerer kann man immer werden, so wie du ja auch gesagt hast. Und man geht immer noch einen Schritt auseinander. Und man wundert sich, man kann bis zu 10 Meter auseinanderstehen und einander immer noch verstehen und man ist nicht sehr viel lauter als ich jetzt.

Miriam: Unfassbar. Das wäre für mich jetzt das Fazit dieses Podcasts. Wunderschön. Wir sind genau bei Minute 24. Wir sind echt Profis, Nerissa. Dieses Schreien statt Flüstern, was wir am Anfang in etwa als Headline drübergezogen haben, dass das im Grunde gar nicht heißt, dass ich wie ein Brüllaffe unterwegs bin, sondern dass das ein sehr kraftvolles, energetisches, vor allem deutliches Sprechen ist und gar nichts zu tun hat mit ich kreische, wir Frauen kreischen ja dann und die Männer brüllen. Sondern, dass es ein mit viel Muskelkraft umgesetztes, energetisches, deutliches Sprechen ist. Und damit fülle ich, wenn ich ein bisschen Routine habe, auch einen riesigen Saal mit drei Rängen toll. Vielen, vielen Dank. Wir hatten in dem Podcast jetzt, ich habe mitgezählt, sechs Übungen für die Stimme. und ganz viel spannende neue Ideen übers Sprechen und wo Sprache überall eine Rolle spielt auf dieser Welt. Und zwar eine nicht zu knappe, denn Operntickets sind teuer und das Publikum darf am Ende die perfekte Aufführung erleben, zumindest aus seinen Augen. Und dafür ist ein Mensch ganz besonders mitverantwortlich, nämlich der, der nicht singt oder spielt, sondern spricht. Ganz toll.

Nerissa: Das hast du aber sehr schön gesagt.

Miriam: Du liebe, wo finden dich unsere Hörer, wenn sie sagen, ich will mehr von Nerissa?

Nerissa: Ja, die finden mich auf Xing, auf Facebook, auf LinkedIn, auf meiner Seite. Und zwar ist meine Seite ihr Auftrittstrainer. Nerissa Rothhardt, ihr Auftrittstrainer. oder auch nur Auftrittstrainer.

Miriam: Das schreibe ich unter diesem Podcast auch nochmal drunter, also keine Panik da draußen, nicht auf Stifte fangen jetzt gehen. Unter dem Podcast, wenn du auf Notes klickst oder auf Info, dann steht da alles geschrieben. Du kannst direkt auf Nerissas Seite gelangen, Facebook verlinke ich auch und dort wiederum findest du dann die Links zu allen anderen Seiten von Nerissa. Also kein Thema und selbstverständlich auch zu ihren Workshops. oder zu unseren. Oder vielleicht arbeiten wir ja sogar mal alle zusammen. Ich habe schon die Vision von diesen ganzen spannenden Podcast-Menschen zu einem großen Sprecher-Event einzuladen. Ganzes Wochenende lang Spaß mit Synchronsprechen, mit Opernsoufflieren, mit Fernsehmoderation, mit Mikrofontraining, mit allem.

Nerissa: Wenn ich Seminare mache, lache ich mir wahnsinnig gerne auch Gäste an. Physiotherapeuten, Sänger, das wäre doch eine tolle Idee.

Miriam: Das ist eine tolle Idee. Wir schauen mal, was wird. Bis dahin erstmal vielen, vielen Dank, Nerissa, für die vielen Tipps, für die Einblicke, die du uns gewährt hast, für das tolle Beispiel. Wir wünschen dir von Herzen weiterhin so viel Erfolg, wie du hast und noch viel mehr. Und wir werden verfolgen, wie das mit dir weitergeht.

Nerissa: Ja, ich verfolge auch. Ich verfolge dir auch. Vielen Dank, liebe Miriam. Das war ein sehr schönes Gespräch. Ich hoffe, das hat vielen Spaß gemacht.

Miriam: Ganz sicher. Dann sage ich bis nächsten Dienstag. Informationen zum Podcast gibt es wie immer auf www.kontext*denken.de bei Miriam und Florian. Und Nerissa, tschüss. Und da draußen, tschüss. Nerissa, willst du auch noch tschüss sagen? Ich sage auch noch tschüss. Nee, der Rheinländer sagt tschö.

Gast: Das stimmt.

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