NLP mit Miriam Deforth und Florian Groß Folge 10

Manipulation durch Musik?

Lassen wir Menschen uns im Supermarkt durch eine bestimmte Hintergrundmusik manipulieren? "Ja!", sagt Musiktherapeutin Simone Willig und erklärt in diesem Gespräch mit Miriam, wie das funktioniert.

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In dieser Folge

Darum geht es

Musik manipuliert. Sie bringt Menschen dazu, durch Straßen zu tanzen, weinend in einem Meer aus Liebeskummer zu versinken und von eben noch schlecht gelaunt auf viel bessere Laune umzuschalten - binnen vier oder fünf Takten. Sie bringt Gehirne von demenzkranken Menschen dazu, sich an Worte und Namen zu erinnern. Sie macht Verliebte noch verliebter und Kosmetikbehandlungen zu Entspannungserlebnissen. Wie können wir Menschen, vor allem jene, die jeden Tag einen "Auftritt" vor Kunden, Schülern, Patienten oder Zuschauern haben, diese beinahe magische Macht nutzen? Was genau passiert in unserem Gehirn, wenn es bestimmte Akkorde oder Melodien hört und warum zimmert es daraus manifeste Gefühlswelten? Simone Willig ist Musiktherapeutin und spricht mit Miriam über den Zauber von Musik und wie sie ihn täglich einsetzt. Viel Spaß beim "Selbst Einsetzen" dieser großartigen, manipulativen Kraft - im positivsten Sinne! Simones Seite: http://simonewillig.de/ Unsere Seite: http://www.kontext-denken.de/

Es geht um das limbische System und das musikalische Gedächtnis, das selbst bei Alzheimer erstaunlich lange erhalten bleibt. Miriam und Simone sprechen darüber, wie du dir einen persönlichen Soundtrack für gute Laune, Entspannung oder Energie zusammenstellst – und warum es hilft, Songs zu wählen, auf die dein Atem einschwingt. Außerdem: wie Musik im Supermarkt und im Film ganz gezielt manipuliert, wie Musiktherapie im Pflegealltag mit Demenz-Betroffenen wirkt und ob ein Meeting mit einem festen "Lead Opener" starten könnte. Wer nach Musiktherapie, Musik und Gehirn, Entspannungsmusik, Demenz und Musik oder dem "Zauber der Musik" sucht, findet hier konkrete Beispiele und Buch- und Hörtipps von Simone Willig.

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Kapitel dieser Folge
  1. Vom Akkordeon zur Musiktherapie
  2. Was Musik im Gehirn auslöst
  3. Den Soundtrack deines Lebens gestalten
  4. Manipulation im Supermarkt und im Kinosaal
  5. Musik als Tipp: Entspannung, Atmung und Healing-Songs
  6. Musik im Pflegealltag – und im Büro?
  7. Wo du Simone findest und was du lesen kannst

Ein Song im Radio – und plötzlich stehst du wieder an einem bestimmten Ort, spürst eine alte Liebe oder wirst von jetzt auf gleich fröhlich. Warum kann Musik das? Und wie machst du dir diese Kraft ganz bewusst zunutze, bis hin zum "DJ deines eigenen Gehirns"? Musiktherapeutin Simone Willig erklärt Miriam, was zwischen Akkord und limbischem System passiert – und warum sie das für den Alltag jedes Menschen spannend findet, nicht nur in der Therapie.

Vom Akkordeon zur Musiktherapie

Miriam: Herzlich Willkommen aus Sprachzauberhausen nach Cottbusland. Es ist wieder Dienstag und es ist ein tolles Thema am Start, das ich heute dir und allen Hörern vorstellen möchte. Wir haben eine Fortsetzungsfolge. Zwar nicht vom Podcast, sondern von meinem Blog. Da habe ich nämlich schon mal einen größeren Text über The Magic of Music geschrieben. Und weil The Magic of Music damals nur auf meinem Mist gewachsen ist, habe ich gedacht, ich hole mir mal richtige Kompetenz zu mir ins Studio. Das hat auch fast geklappt, denn im Studio bin ich jetzt nicht mit meiner Gesprächspartnerin. Das ist das allererste Podcast, das wir über Skype produzieren. Ich drücke uns allen die Daumen, dass es richtig gut klappt und begrüße jetzt auch gleich die Gästin in meinem Podcast, die sich fantastisch auskennt mit dem, was Musik mit unserem Gehirn machen kann. Also nicht mal nur mit unserer Seele, das ist ja auch schon toll, sondern eben auch mit dem Gehirn. Deswegen habe ich diesen Podcast auch im Untertitel genannt: Werde zum DJ deines Gehirns. Und jetzt wächst die Spannung. Wer ist heute bei mir? Sie heißt Simone Willig. Und Fakt ist, ich habe sie über Facebook kennengelernt. Ich liebe ihre Kommentare dort. Ich liebe ihre Arbeit, die sie dort sichtbar macht, zu einem gewissen Teil. Und ich weiß, sie ist ein Mensch, der Musik einsetzt, dort wo Seele und Gehirn davon den größten Nutzen haben. Herzlich willkommen, liebe Simone.

Simone: Hallo Miri, hallo liebe Zuhörer, Zuhörerinnen da draußen. Ich freue mich, danke, dass ich da sein darf. Das wird fantastisch.

Miriam: Simone, ich habe dich eingeladen, weil du mit Musik arbeitest, nur nicht so, wie die meisten Menschen sich das vorstellen, nämlich, dass du in irgendeinem Orchester ein Instrument spielst oder gar Chöre oder Orchester dirigierst. Du bist Musiktherapeutin. Wie bist du denn, und ich stelle die Frage bewusst, dazu gekommen, du selbst den Zauber von Musik zu entdecken?

Simone: Soll ich euch das verraten? Das hatte überhaupt nichts mit Musik zu tun. Und zwar hatte meine Mutter einen Nachhilfeschüler. Da war ich fünf. Und der ging immer von dem Nachhilfeunterricht bei meiner Mutter zur Orchesterprobe. Und den fand ich sowas, aber sowas von süß. Ich war fünf und der war acht oder so. Jens hieß der, weiß ich noch genau. Und dann habe ich verkündet und habe gesagt, wo geht eigentlich der Jens hin, wenn der hier wieder das Haus verlässt? Und dann hieß es, ja, der geht zur Orchesterprobe. Ich dachte so, Orchesterprobe, was auch immer das ist, ich konnte mir gar nichts darunter vorstellen, habe aber dann gleich ganz kühn und keck behauptet, da will ich auch hin. Und ja, das habe ich dann auch getan und das Ende vom Lied ist, dass der Jens ganz schnell aufgehört hat mit dem Musikmachen und ich mein erstes Akkordeon bekommen habe, über das ich kaum drüber gucken konnte, so mit fünf. Ja, das war mein Einstieg eigentlich in die Musik, also muss ich der Zauber der Musik dann auch ganz ohne Jens weiter verbreitet haben bei mir. Und so bin ich dann auf jeden Fall dabei geblieben. Und bin dann später, hatte ich Musikleistungskurs in der Schule und habe dann entdeckt, Mensch, der Beruf der Musiktherapeutin könnte die perfekte Kombination von deinem langjährigen Hobby und von deinem Berufswunsch sein, einfach im sozialen Bereich einzusteigen.

Miriam: Du hast jetzt für uns so ein bisschen gefühlt was übersprungen. Du hast dieses Akkordeon bekommen mit fünf oder sechs Jahren und dann hast du einfach vor dich hin Akkordeon gespielt bis zum Abi und dann hast du irgendwas studiert. Oder hast du noch andere Instrumente gelernt? Hast du bis dahin selbst auch schon Musik gemacht? Gab es zwischendurch Idee, vielleicht noch ein anderes Instrument zu lernen?

Simone: Ich bin ein Mensch, der ist echt ziemlich straight. Nicht ziemlich, ich bin ziemlich straight. Schön am Live-Podcast. Ich bin straight. Und so bin ich auch erstmal beim Akkordeonspielen geblieben. Das heißt, ich bin in ein großes Orchester eingestiegen. Wir haben wirklich mit einem 50-Mann-Orchester ganz klassisch von der Pike auf auch das klassische Musikmachen gelernt. Also es geht auch mit dem Orchester, das ist nicht immer nur Hum-Ta-Ta und Remi-Demi, es geht auch mit dem Akkordeon in einem klassischen Orchester zu spielen. Und ja, dabei bin ich wirklich geblieben, wie du schon gesagt hast, bis zum Abitur und dann habe ich mir überlegt, okay, Musiktherapie wäre echt ein super spannender Beruf, da möchte ich gerne mehr darüber wissen, über diese Kombination mit Psychologie, mit der Wirkung von Musik aufs Gehirn und alles andere machst du dann, wenn du in das Studium einsteigst. Also du lernst dann die anderen Instrumente auch spielen. Ich spiele auch Schlagzeug, muss dabei super komisch aussehen, wenn ich hinter dem Schlagzeug sitze, was ich ja bei mir nie selber sehe. Sind immer so Feedbacks von den anderen, aber ich finde es total lustig. Ja, ich spiele eigentlich sämtliche Melodie-Instrumente, Conga, alle möglichen Percussion-Instrumente, ein bisschen Gitarre für die Liedbegleitung und ansonsten ist das Akkordeon nach wie vor mein großer Schatz.

Was Musik im Gehirn auslöst

Miriam: Sehr schön, gut, dann sind wir darüber jetzt in Form und dann weißt du ja jetzt aufgrund erstmal des Studiums und der Tatsache, dass du dich begeistert mit dem Thema befasst nach wie vor, begeistert arbeitest auch in dem Bereich und das erklärst du uns jetzt auch mal, das wollen wir alle wissen, warum Musik eben nicht nur die Seele, sondern auch das Gehirn berührt. Was passiert da? Können wir das zusammenfassend sagen oder ist das für Laien völlig unverständlich? Was passiert, wenn Musik erklingt im Kopf?

Simone: Ich versuche es mal. Also ich glaube nicht, dass man es so ganz trennen kann, weil unsere Seele auch in unserem Gehirn ein Zuhause hat. Also immer dann, wenn Musik auf unseren Kopf trifft, dann muss der Schall automatisch am limbischen System vorbei. Und das limbische System ist, wenn du so willst, eines der ältesten Bausteine unseres Gehirns. Und das limbische System hilft zum Beispiel, dir in Bruchteilen von Sekunden zu zeigen, hey Leute, ich fühle mich wohl oder ich fühle mich unwohl. Und das heißt, du erinnerst auch sofort: Wenn du einen Lieblingssong hörst oder wenn du einen Song hörst, bei dem du dich an deine große Liebe erinnerst, dann wird es ewig mit dieser Erinnerung verbunden sein. Das heißt, da gehen sofort Zahnrädchen in den Gang über diesen Effekt von ich fühle mich wohl oder ich fühle mich unwohl. Löst du eine ganze Reihe von Assoziationsketten aus. Das mit einem Schlag. Und das wiederum produziert natürlich neue Gefühle. Also das ist so diese emotionale Seite von dem Ganzen. Das triggert unheimlich viel an in deinem Kopf. Und das tut es auch bei Menschen, die starke kognitive Einschränkungen haben. Also will heißen, die aufgrund von Erkrankungen oder von einem Unfall vielleicht nicht mehr so ganz leben wie du und ich. Und wo das Gehirn auch nicht mehr so funktioniert, wie wir das gewohnt sind, dass es funktioniert. Aber dieses Gefühl, was Musik auslöst, das ist immer noch vorhanden. Und dann haben wir so eine Art musikalisches Gedächtnis und das ist zum Beispiel auch unkaputtbar bei Alzheimer-Erkrankungen. Das hat man jetzt vor kurzem erst rausgefunden bei Forschungsergebnissen, dass dieses musikalische Gedächtnis wirklich nahezu unzerstört bleibt, auch wenn vielleicht andere Regionen im Gehirn solchen Abbauprozessen unterworfen sind.

Miriam: Da würde ich jetzt für mich erstmal daraus deuten, dass dieses musikalische Gedächtnis des Gehirns ein sehr intensives ist. Und es umso schöner ist, wenn ich mir das als Mensch, der nicht betroffen ist von irgendwelchen Erkrankungen, bewusst urbar machen kann. Darüber handelt ja auch der Blogpost, den ich geschrieben habe. Also nutzt das aus, dass dein Kopf imstande ist, über einen Song, über einen Titel, über irgendeinen Musikzipfel vielleicht sogar nur, die tollsten Erinnerungen abzurufen. An die größten Erfolge, an die größte Liebe, an den schönsten Urlaub. Und ich denke jetzt wirklich an die, wie wir in Hessen sagen, bomfortionösen Erlebnisse im Leben. Würdest du mir das unterschreiben?

Simone: Absolut. Absolut, das würde ich dir absolut unterschreiben. Und es ist nämlich auch so, dass die Musik sowas ist wie ein Vernetzer. Also du kannst dir das so vorstellen, die Musik, wie man so schön sagt beim Putzen, die kommt an Stellen in deinem Oberstübchen, da kommen andere Sachen gar nicht hin. Einfach deshalb, weil sie in der Lage ist, Nervenbahnen in deinem Kopf und deiner Datenautobahn immer wieder miteinander zu verbinden und immer wieder aufs Neue auch miteinander zu vernetzen. Das heißt, sie schafft auch Verknüpfungen in deinem Kopf, die unbewusst passieren oder die du dir vielleicht erst mal so gar nicht hast vorstellen können. Aber wenn du Musik ganz bewusst und ganz gezielt einsetzt, dann kannst du damit wirklich in deinem täglichen Alltag dein Gehirn neu programmieren, wenn du so willst. Und immer wieder neue, tolle Sachen auf deine Festplatte auch aufspielen.

Den Soundtrack deines Lebens gestalten

Miriam: Jetzt lernen wir Simone ein bisschen näher kennen. Welche Musik berührt dich persönlich denn?

Simone: Ja, du, also wer mal gerne mit mir Auto fahren will, also ich glaube, manch einer hat schon einen Freak-Out gekriegt. Ich lade euch herzlich ein, fahrt mal mit mir Auto, quer durch den Gemüsegarten, weil ich habe natürlich eine ultra, ultra fette musikalische Biografie, die ich mitbringe. Mein Vater hatte ein Reiseunternehmen und da bin ich als Kind dann immer mitgefahren. Was ich aus der Klassischen total mag, das sind solche Programmmusik, nennt man das in der klassischen Musik, also wo du so richtig Gefühle auch wirklich fett hörst, so richtig fette Klänge. Es gibt zum Beispiel solche Ouvertüren wie der Kalif von Bagdad. Also da kannst du dir so richtig alles irgendwie an Farben und Fantasien hineininterpretieren. Das ist so diese klassische Seite. Und ansonsten geht es wirklich quer durch den Gemüsegarten. Also fährst du mit mir Auto, kann es dir passieren, dass du beim Random Play auf Ernst Mosch triffst. Es kann dir passieren, dass du Melissa Etheridge hörst und plötzlich wieder zurückkatapultiert wirst zu Katja Ebsteins In Petersburg ist Pferdemarkt.

Miriam: Alles drin. Und dann noch der Kalif von Bagdad. Sehr cool. Wobei ich mir den notiere, den schreibe ich mal unter dem Podcast, weil der kam jetzt auch so als Separator. Das wird spannend. Also der wird vielleicht jetzt ordentlich Downloads erfahren im Internet. Finde ich schon mal einen super tollen Tipp. Da kommen wir gleich zu. In meinem Podcast gibt es die Tipps am Schluss. Wir wollen jetzt erstmal alles lernen und ich frage dich dann später nochmal ganz genau, wie du uns helfen kannst. Wir haben vorhin schon rausgehört, du arbeitest mit Menschen, die ihr Gehirn, ich sag jetzt mal, auf andere Weise verwenden als Menschen, die wir normalerweise treffen. Manche würden sagen, das sind Demenzkranke oder Alzheimer-Patienten. Ich weiß, du hast da einen sehr entspannten und sehr positiven Zugang zugefunden und du erreichst unglaublich viel mit deiner Arbeit. Für mich wären das jetzt, und ich hoffe, das ist nicht despektierlich, wenn ich sage, die schwereren Fälle in so einer Geschichte, wie wir benutzen den Zauber der Musik. Wie erlebst du das oder welche Erfolge erlebst du dort, frage ich mal ganz ins Positive.

Simone: Also wir leben ja in einer Gesellschaft, die auch einfach auch sehr verkopft denkt. Also wenn wir das jetzt auch hier versuchen zu beschreiben, was macht eigentlich Musik mit unserem Gehirn, dann bleibt das ja trotzdem irgendwie recht trocken. Obwohl jeder irgendwie so das kennt, wie das auch ist, wenn Lieblingsmusik auf den Kopf trifft. Und ich finde es so toll, dass bei Menschen mit Demenz zum Beispiel ist es so, wo eben diese Fähigkeiten vom Gehirn noch ein bisschen runtergefahren sind. Auf der einen Seite kommen genau diese Fähigkeiten, die sie nämlich haben, wenn sie mit Musik in Berührung kommen, so fett hervor. Also zum Beispiel, dass sie in der Lage sind, ganz, ganz viele Strophen von einem Lied zu kennen, wo ich spätestens ab der zweiten Strophe spicken muss, weil ich die Lieder gar nicht mehr auswendig kenne. Dass sie in der Lage sind, Gefühle, die so in der Musik einkodiert sind, die da drin so eingeschmolzen sind, sofort zu erkennen, dass sie das eben in so einem Beat umsetzen können und ganz, ganz kreativ sind und ganz kreativ auch ihre Gefühle in der Musik ausdrücken können, wo wir vielleicht sagen, okay, Improvisation, da halte ich mal lieber ein bisschen hinterm Berg.

Miriam: Das wäre für mich ein, also wir nennen es ganz gerne in unseren Seminaren Confirmer, also ein Beweis dafür, dass die Musik so eine unglaubliche Zauberkraft hat. Und der Podcast dient ja dazu, dass ich wieder mal den Aufruf starte, nimm dir deinen persönlichen Gute-Laune-Soundtrack auf. Nimm dir deinen persönlichen Entspannungs-Soundtrack auf. Der, der dir hilft. Oder würdest du als Musiktherapeutin sagen, nee, nee, wenn einer einen Entspannungs-Podcast oder einen Gute-Laune-Soundtrack haben will, dann gehen da nur bestimmte Songs. Oder ist es ganz individuell bei den Menschen?

Simone: Es ist total individuell, aber ich würde einfach diesen Soundtrack deines Lebens noch ein bisschen erweitern. Also ich würde auch sagen, scheu dich nicht vor den Songs, wo du vielleicht denkst, oh, da muss ich immer losheulen, sondern such dir auch die Sachen raus, wo du einfach ganz gut an deine Emotionen kommst, weil das ist dann auch wieder das, was dein Gehirn anregt zu arbeiten und was so ein Schlüssel ist und was auch an anderer Stelle überhaupt möglich macht, dass Musik wie so ein emotionaler Kleber im Gehirn, Klebstoff einfach auch wirksam werden kann. Als meine Tochter damals eingeschult wurde, habe ich stundenlang – aber wie heißt denn eigentlich richtig? – Slipping through my fingers gehört. Ja, weil mir das so, also mir ging das einfach so nah mit diesem Entwicklungssprung und Schub, den sie gemacht hat, dass ich gedacht habe, du musst dir das jetzt echt reinziehen und musst dir das wirklich mal in Dauerschleife vorsingen. Da geht jetzt kein Weg dran vorbei. Und ich habe da Rotz und Wasser geheult und ich habe das aber für mich auch gebraucht. Also von dem her, das darf alles sein und das ist das Tolle in der Musik, dass alles seinen Platz hat. Du musst keine Gefühle und keine Emotionen im Grunde genommen verstecken. Und dann wandeln sie sich. Weißt du, dann kannst du sagen, okay, ich bin da jetzt mal durchgegangen nach so einem Scheißtag auf der Arbeit, wie auch immer. Und ich habe dann auch wirklich mal mit der Musik gelitten, wie auch immer. Und danach konnte ich mir dann auch meine gute-Laune-Songs wieder anhören. Und dann wird es wirklich wirksam. Weißt du, dann hast du auch Möglichkeiten, aus deinem Loch wieder rauszukommen. Als wenn man jetzt nur von außen irgendwie den Supersound draufstülpt. Wenn du jetzt erstmal wirklich durch deine Emotionen, die du gerade fühlst, durchgegangen bist mit einem Song und mag dir für andere noch so schräg sein, dann wird hinterher auch deine gute Laune und dein Entspannungs-Soundtrack überhaupt erst wirksam.

Miriam: Ich hätte dann die Befürchtung sozusagen, dass es bei mir zu tief in den Keller rauscht. Also dass ich sozusagen, wenn ich bemerke, ich bin jetzt eh schon in einer traurigen Laune oder frustriert von irgendwas und dann packe ich mir auch noch irgendwie Tears in Heaven auf die Ohren, dann wird es ganz, ganz schlimm. Also gibt es sozusagen einen Punkt, wo auch du sagen würdest, also zehn Minuten Tears in Heaven ist okay, nur dann darf auch der Augenblick kommen und das ist ja dieses, genau das ist ja der Schritt, den dann viele nicht gehen wollen in meiner Welt und aus der Erfahrung, die ich mit Menschen gemacht habe, die dann sagen, nee, ich bin jetzt so traurig, jetzt höre ich ganz bestimmt nicht Black Eyed Peas, obwohl es mich besserer Laune machen würde. Also für mich gäbe es so einen Punkt, und da finde ich jetzt spannend, was du als Musiktherapeutin sagst. Also passt es dann nicht auch zu sagen, okay, jetzt geht es mir zwar schlecht, nur ich mache jetzt die Musik mal rein mit der guten Laune, weil ich es von mir aus nicht aufbringe. Dafür dient es ja, also das ist zumindest die Idee, die ich habe. Weil wenn Menschen diesen Podcast hören, dann würde ich ihnen gerne mit auf den Weg geben, mach es doch einfach.

Simone: Ja, klar. Also ich glaube, es hat auf jeden Fall diese zwei Seiten, die man sich auch anschauen muss. Und vielleicht ist es eine gute Idee mit dieser zeitlichen Begrenzung, zu sagen, jetzt zehn Minuten und dann tue ich mir was anderes rein, um da auch wieder wirklich im wahrsten Sinne des Wortes auf andere Gedanken zu kommen und dann auch mein Gehirn anders zu polen. Aus musiktherapeutischer Sicht würde ich sagen, Mensch, dann gib dem Ganzen noch selber einen Klang. Also dann trau dich auch einfach mal irgendwie auf den Tisch zu hauen und da mal so einen fetten Klang zu produzieren und einfach mal hörbar zu machen, wie du eigentlich gerade klingst. Weil das ist oftmals so ein Schlüssel. Und das ist das, was ich vorhin meinte, das haben wir natürlich so ein bisschen verlernt. Auch mal einfach zu sagen, so klinge ich heute. Und das war jetzt mein Sound des Tages, mein ganz persönlicher Frust des Tages, weil es geht ja nicht immer nur um Songs, sondern es geht auch vielleicht erstmal darum, wie klinge ich ganz persönlich. Also das ist jetzt sehr musiktherapeutisch gedacht, aber vielleicht kann man das als einen guten Cut dann nehmen, also zu sagen, nach Tears in Heaven, so jetzt überlege ich mal, keine Ahnung, tut es der Schlag gegen die Heizung oder was gerade für einen Klang, der jetzt irgendwie zu mir passen würde. Nimm den Kochtopf und den Holzwürfel.

Miriam: Und den Kochtopf, genau. Sehr schöne Idee.

Simone: Denken kann und dann kommt eben, dann fange ich an und suche nach meiner anderen Soundtrack-CD und dann gucke ich mal, was passiert. Weil natürlich ist die Musik auch so ein Schlüssel, die deine Gefühle einfach auch verändern kann. Und wichtig ist aber entscheidend, dass du dich ganz bewusst immer damit auseinandersetzt, dass du nichts nebenbei machst und denkst, oh, the magic of music wird das schon von alleine regeln, sondern du musst es schon aktiv tun. Also bitte jetzt nicht einfach dann im Kochtopf weiter rühren und es alles nur so nebenbei, sondern du müsstest dich dann schon hinsetzen und sagen, okay, ich höre jetzt wirklich ganz bewusst meinen Soundtrack of Life dann auch an, weil dann wirkt es.

Miriam: Und den zu haben, das haben wir ja vorhin schon besprochen, ist eine gute Idee grundsätzlich. Also die Songs zum Beispiel zu sammeln, auch wenn ich im Radio ein Lied höre, was mich direkt in eine bessere Laune versetzt. Ich würde sofort googeln, was das für ein Song ist oder beim Sender anrufen und fragen, was spielt ihr da? Der Sampler erweitert sich quasi ständig bei mir. Also weil ich immer mal wieder einen neuen Song auch entdecke, der mir gute Laune macht oder der mich so zum Flirren bringt oder mich in Tanzlaune bringt oder ein toller Song ist für meine Auftritte direkt vorher, der ein bisschen Spannung aufbaut oder der mich auch runterfährt ein bisschen in einer sehr positiven Weise, der mich erdet oder bei dem ich entspannen kann. Kommen wir gleich noch dazu.

Manipulation im Supermarkt und im Kinosaal

Miriam: An der Stelle werde ich oft dann auch gefragt, wenn das Thema zur Musik kommt, findet auch in unseren Seminaren statt, ist denn Musik dann auch nicht hochgradig manipulativ?

Simone: Ja, ist sie.

Miriam: Das ist auch gut so, weil an der Stelle arbeiten wir ja damit und machen gute Laune, wo vorher keine war, zum Beispiel. Wo sind denn so die klassischen Beispiele, wo Musik hochgradig manipulativ eingesetzt wird, ohne dass wir Menschen das oft bewusst mitbekommen, außer wir sind wie du absolute Experten? Also ich denke an sowas wie Filmmusik oder Werbung oder so.

Simone: Ja, da brauchst du ja gar nicht weit gehen. Da brauchst du nur in den Supermarkt um die Ecke gehen. Und dann ist es nämlich schon so, dass ganz klar Musik eingesetzt wird, damit du möglichst viel in deinen Wagen packst und nicht nur das einkaufst, was auf deinem Einkaufszettel steht, sondern damit du eben noch die Schoki obendrauf packst. Und das fußt auf dem gleichen Prinzip im Grunde genommen. Und warum soll man sich nicht das bewusst zu Nutze machen, was unbewusst sowieso angetriggert wird. Und dann darfst du dich auch gerne gut und gerne selbst manipulieren und einfach dein eigener Chef sein und auch der eigene Chef deiner Gefühle sein. Damit sind wir wieder bei dem, was wir jetzt eben besprochen haben. Also du darfst da auch durchgehen durch deine Emotionen und dann setzt du einfach einen Cut und dann setzt du dich neu mit dir auseinander.

Miriam: Ich finde das so spannend. Das Experiment haben wahrscheinlich viele da draußen schon gemacht. Wenn der Ton zum Beispiel fehlt vom Film oder wenn, es gibt auch Reportagen, wo die das mal machen, dass die aus einer Liebesszene die Musik rausschneiden und nur noch den Dialog der wirklich brillanten Schauspieler lassen. Es fehlen 80% Emotionen plötzlich. Ich finde das immer ganz krass. Und ich habe es nicht studiert, nur da, boah.

Simone: Ja, ich meine, du kannst ja auch Filmbilder, also die wirken auch ganz unterschiedlich, je nachdem, was du für eine Musik unterlegst. Also gibt es ja auch solche Studien oder Tests, wo du siehst, das sind die gleichen Bilder und die werden entweder mit einer vermeintlich gruseligen Musik assoziiert oder zusammengebracht und dann wirkt dieser Film auf dich gruselig oder sie werden mit sehr lieblichen Klängen verbunden und dann denkst du, oh, das ist bestimmt ein Liebesfilm. Also du bist da total manipulierbar und dein Gehirn wird ganz, ganz viel über die Musik auch ausgetrickst ein Stück weit. Und du kannst dein Gehirn auch selber damit gut und gerne austricksen. Und wir brauchen das auch. Ich glaube, das liegt in unserer Evolution auch, dass wir das brauchen. Ein Baby kommt auf die Welt und erkennt seine Mama anhand von 100 anderen Frauenstimmen. Aber das liegt nicht daran, dass die Mama irgendwie tolle Sachen erzählt, sondern das liegt einfach nur an der Stimmenmelodie. Das heißt, es gibt bestimmte Bausteine, musikalische Bausteine, wenn du so willst, auf die sind wir schlicht und ergreifend gepolt. Und die brauchen wir, um uns gut zu entwickeln und um uns weiterzuentwickeln.

Musik als Tipp: Entspannung, Atmung und Healing-Songs

Miriam: Oh, wie schön. Alles klar, dann bitte da draußen. Also mach dir diesen Soundtrack, nutz das. Du kannst ihn übrigens auch aufteilen, das finde ich auch sehr spannend. Das kommt jetzt ein ganz toller, wichtiger Tippteil auch. Also wir haben es schon gehört, Tipp Nummer 1: Hab sozusagen mit deinen Gefühlen, schau welche Musik bewegt dich in welcher Weise, wenn du dich bewusst entscheidest, ich will jetzt auch mal traurig sein, so wie Simone mit ihrer Tochter, die eingeschult wurde, wo dann so ein bisschen diese Ablösung, diese Abnabelung Thema war, dann höre ich auch mal ein trauriges Lied mit einem Text, der auch noch dazu passt. Ich habe meinen Soundtrack, der mich fröhlich macht, ich habe meinen Soundtrack, der mir Entspannung verschafft. Welche Musik, Simone, und jetzt stelle ich die Fragen einer nach dem anderen, denn der Kalif von Bagdad, den haben wir jetzt schon. Welche Musik würdest du uns empfehlen, wenn jetzt einige Hörer ratlos sind und sagen, ja, okay, bei Party wüsste ich jetzt noch zwei Songs, dann hört es schon auf. Hast du ein tolles Stück oder vielleicht auch aus der Klassik, egal woher, ein tolles Stück zum Thema Entspannung, das du uns mitgeben möchtest?

Simone: Das ist immer ganz, ganz spannend, Miriam, weil ich so denke, Mensch, musikalische Hausapotheke müsste noch gefunden werden. Komm, wir machen es. Das finde ich total cool. Es würde mich, glaube ich, als Musiktherapeutin mit dem ausgefallenen Beruf noch in eine absolut andere Sphäre heben. Es funktioniert leider nicht ganz so einfach, wie ihr euch das jetzt wünscht. Weil einfach die Musik sowas super, super Individuelles ist. Aber was ich euch mitgeben kann, ist: schaut nach einer Musik, auf der euer Atem gut einschwingt. Also wenn es jetzt um die Entspannung geht, dann schaut – mag ich zum Beispiel Musik nicht, die so einen ultra fetten Bass unterlegt hat, weil es mit meiner Atmung ganz, ganz schlecht korreliert. Also sucht was, das kann total unterschiedlich sein, das können vielleicht für manche auch echt Hardrock-Songs sein, ich weiß es nicht. Aber schaut nach Sachen, wo ihr merkt, da schwingt euer Atem drauf ein und atmet ganz bewusst auch mal zu dieser Musik und konzentriert euch auf diese Musik und schaut, was macht es auch mit eurer Atmung. Und dann, ja, glaube ich, seid ihr auf dem perfekten Weg, eine gute Entspannungsmusik auch zu finden. Werde ich oft nachgefragt, natürlich auch oft von Familien, Angehörigen. Es gibt gute CDs, auch mit guten klassischen oder leichten klassischen Stücken. Einfach hört euch einfach mal durch. Wir haben ja heute echt die Möglichkeiten, alles zu streamen oder überall auch mal reinzuhören. Sind es gute Aufnahmen, wo ihr einfach merkt, okay, da schwingt eure Atmung mit. Bei mir funktioniert es wunderbar mit klassischer Musik, aber da habe ich sicherlich auch eine lange Tradition. Ich mag zum Beispiel ganz, ganz viele Bach-Kantaten auch, wenn sie nicht gesungen wird, was ja eigentlich in dem Wort Kantate drinsteckt. Aber wenn sie nur von einem Orchester zum Beispiel gespielt werden und wo ich total drauf abfahre oder meine Atmung auch total drauf einschwingt, sind Stücke, die mit einem Cello gespielt sind. Aber das ist so meine ganz persönlichen Sachen. Also so Cello mit Harfe, Cello mit Flöte. Aber das könnt ihr ja mal ausprobieren. Und Stichwort Atmung ist einfach ein ganz, ganz großer Punkt. Im Kontakt sein mit euch selber, auch mal entschleunigen. Und mir fällt noch eine Sache ein. Es gibt, ich arbeite für die singenden Krankenhäuser. Und da gibt es ganz, ganz schöne Songs, also sogenannte Healing-Songs auch. Die könnt ihr einfach mal googeln bei YouTube und euch mal durchklicken. Und da gibt es, finde ich, eine ganze Menge, wo einem im wahrsten Sinne des Wortes das Herz aufgeht und wo ihr euch vielleicht auch mit der Atmung einschwingen könnt.

Miriam: Also da mal googeln. Dann mache ich jetzt nicht weiter mit dem Ganzen. Ich dachte, wir können diese musikalische Hausapotheke hier jetzt erstellen. Grumpf, passt schon. Ich kann damit leben. Ich hätte noch Action gehabt, ich hätte gute Laune gehabt, ich hätte romantische Momente gehabt und du hast recht, es ist zu individuell. Und wenn ich mich in eine solche Stimmung bewusst hinein manipulieren möchte, dann gilt es vermutlich das gleiche Prinzip auch für, ich brauche jetzt Energie, jetzt kommt ein wichtiger Termin, ich habe vielleicht nicht ausgeschlafen, wir Mütter wissen von was wir reden. Auch da darf ich wahrscheinlich schauen, welcher Song bringt mich, meinen Kreislauf, meine Atmung in höhere Sphären. Also wo geht es dann ab? Wunderbar.

Musik im Pflegealltag – und im Büro?

Miriam: Wir haben vor dem Podcast ein kleines bisschen geredet über das, was du machst. Ein Punkt, den finde ich so spannend, dass wir ihn jetzt am Ende dieses Podcasts für unsere Hörer noch teilen dürfen. Und zwar: Du bist, und das dürfen wir uns vorstellen, sehr viel mit demenzkranken Alzheimer-Patienten unterwegs und arbeitest mit ihnen, therapierst sie und super spannend daran finde ich nicht nur die, sondern deine Arbeit reicht bis in die Kantine oder Küche der entsprechenden Institutionen, wo diese Menschen zum Teil leben.

Simone: So ist es. Also das kannst du auch nicht voneinander trennen. Also wir sind ja alle, egal jetzt in welcher Lebenswelt wir uns bewegen, also auch ob wir jetzt Otto-Normalverbraucher einfach jeden Tag zur Arbeit gehen und im Büro. Du bist einfach immer in einer ganz anderen Lebenswelt auch drin. Und das ist natürlich hier genau das Gleiche. Und du kannst es nicht voneinander trennen. Und deswegen ist so mein großes Steckenpferd, einfach auch immer zu vermitteln, warum ist es so wichtig, dass Musik ein Stück weit Selbstverständlichkeit bekommt. Und ja, das wünsche ich mir natürlich auch für die Hörer, dass es so wird, dass dieses Nutzen von Musik für sich selber, für euch selber einfach auch ganz viel Selbstverständlichkeit bekommt. Und im Pflegealltag ist es so, dass ich einfach den Pflegekräften und auch den Betreuungskräften dort zeige, mit ganz konkreten Übungen, wie kann Musik den Pflegealltag unterstützen? Wie kann es zum Beispiel einem alten Menschen helfen, dass er sicherer steht und geht? Was hat unsere räumliche Orientierung damit zu tun? Wenn ich weiß, woher ein Klang kommt, erst dann kann ich mich sicher im Raum bewegen oder noch sicher im Raum bewegen. Wenn ich vielleicht eine Situation nicht mehr verstehe, aber mir plötzlich ein Trinklied gesungen wird. Bei uns in Hessen sagt man ja gerne, trink mir noch eine Tröpfche.

Miriam: Ja, das stimmt.

Simone: Dann kann es einem Menschen mit Demenz zum Beispiel helfen, zu erkennen, dass er sein Wasserglas vor sich hat, wo sich vielleicht sonst ein Angehöriger den Mund fusselig redet und sagt, du hör mal, du müsstest vielleicht nochmal dein Wasser austrinken, weil es ist wichtig, dass du viel trinkst und so weiter. Versteht das Gehirn nicht? Aber die Situation ist wesentlich leichter zu verstehen in dem Moment, wo Musik ins Spiel kommt.

Miriam: Ganz kurz, das heißt, du singst nicht nur mit den Patienten oder für die Patienten, sondern die Betreuer fangen auch an über musikalische Kleinstmomente bis hin zum Selbsttrellern eines Liedes, den Alltag auditiv auszugestalten, also mit Musik zu füllen. Nicht ständig, sondern an bestimmten Stellen oder da, wo bestimmte Erkennungsmuster da sind. Ich habe mich nämlich genau an der Stelle unseres Gesprächs gefragt, und das ist jetzt eine sehr gewagte These, und ich bin ja auch ganz gerne mal ein bisschen ketzerisch in diesem Podcast, ginge das auch im Büro?

Simone: Ich bin sicher, das geht auch im Büro. Auf jeden Fall. Weil die Wirkung von Musik bleibt ja die gleiche. Und diese Fähigkeit, dass Musik einfach Nervenbahnen miteinander vernetzt oder dass sie eben zum Beispiel auch in der Lage ist, dass du dich auf eine andere Art und Weise wieder konzentrierst. Also dass sie eben zum Beispiel dein Stresszentrum im Gehirn, das lässt sich inzwischen auch durch Forschungsergebnisse wirklich gut belegen, dass sie dein Stresszentrum im Gehirn runterfährt durch solche Sachen, die wir vorhin besprochen haben, dass sich dein Angstzentrum damit auch verändert und dein Belohnungszentrum im Grunde genommen so richtig Gas gibt. Kriegst du eigentlich super den Kopf wieder frei? Die Frage ist nur, macht es jemand? Oder sind wir so drauf gedrillt, zu sagen, der Kollege, wenn ich jetzt hier anfange, loszusingen? Oder mit meinen Bleistiften auf dem Tisch anfange, eine kleine Percussion-Nummer hinzulegen? Ich muss zur Musik mitklopfen. Aber dabei sind das genau eben diese Dinge, die dein Gehirn pushen und dich kreativer werden lassen, die dich auch konzentrierter wieder werden lassen. Und das ist kein Witz. Also ich sage mal so, Burnout-Prophylaxe war ja lange Zeit ein großes Stichwort. Ist es auch immer noch. Und das schaffst du eigentlich am besten über Musik, weil du ganz gezielte Übungen machen kannst. Und das zeige ich den Leuten auch in meinen Seminaren immer. Wie kannst du Übungen für dich finden, mit denen du dich wieder gut konzentrieren kannst? Aber es geht auf eine ganz andere Art und Weise. Es ist viel kreativer, es ist viel entspannter, es ist viel, was den Druck rausnimmt.

Miriam: Können wir an der Stelle mal ganz konkret werden, weil ich finde es super spannend. Könnte ich zum Beispiel als Chef, wenn ich mich vielleicht scheue, jetzt direkt über den Flur zu laufen und ein Lied zu singen, zu trellern oder mit meinen Bleistiften, anstatt an die Tür zu klopfen, mit der Faust einen kleinen Rhythmus zu klopfen auf der Klinke. Wäre ja nur witzig. Könnte ich zum Beispiel, wenn ich in regelmäßigen Abständen Meetings mache, es gibt vielleicht ein tägliches kurzes Meeting, es gibt ein wöchentliches Meeting, es gibt bestimmte Termine, die feststehen, könnte ich mir so eine Art Opening-Musik dafür vorstellen, die schon mal gute Laune macht oder die zum Beispiel was mit dem Atem macht, sodass die nicht einfach in so einen leeren Raum gehen, sondern dass zum Beispiel für so einen festen wöchentlichen Termin auch immer ein festes Lied dieses Meeting eröffnet. Also es ist jetzt nicht klar, ich komme aus dem Fernsehen, wir eröffnen jede Sendung mit einer festen Musik. Nur das war jetzt eine spannende Frage, die mir so einfiel, auch in Bezug auf unsere Business-Seminare.

Simone: Ja, also würde ich auf jeden Fall einfach mal ausprobieren. Aber auch schauen, wie bringt es einfach die Mitarbeiter dann untereinander drüber ins Gespräch? Also wie sind so die Reaktionen drauf? Ja, hat das Raum, dass man dazu auch den Takt klopfen darf zum Beispiel, ja? Und was passiert eigentlich dann? Und hast du mal versucht, mit deiner linken Hand auf deinen rechten Oberschenkel zu klopfen und umgekehrt? Weil dadurch, dass du über Kreuz auch schon wieder Dinge machst, es ist alles kein Hexenwerk, Miriam. Es klingt oft so super simpel und deswegen macht man es nicht. Das ist so meine Erfahrung, weil man denkt, so einfach kann das ja nicht sein. Zum Beispiel mit so einem Lead Opener einfach zu starten und zu gucken, was fällt den Leuten dann dazu ein.

Miriam: Vielleicht ergibt sich das auch von alleine, dass wenn so ein Team, was sich ja auch kennt, mit einer tollen Musik, die ja auch natürlich nicht einschläfernd sein soll, die gehen ja jetzt gleich dann auch in die Aktion.

Wo du Simone findest und was du lesen kannst

Miriam: Ich glaube, Simone, wer mehr darüber wissen wollte oder wer Interesse hätte, den musiktherapeutischen, es klingt immer so musiktherapeutisch, sagen wir einfach den Zauber der Musik zu implementieren in Abläufe, wo dieser Zauber bis jetzt noch keinen Platz findet und damit auch neue Wege gehen möchte. Der darf sich gerne an dich wenden. Und wo finden dich die Menschen, die diesen Podcast hören?

Simone: Auf jeden Fall. Ich freue mich ganz, ganz doll, wenn ihr euch meldet, wenn ihr mir schreibt. Ihr findet mich zum einen auf Facebook und ihr findet mich ganz einfach auf meiner Homepage www.simonewillig.de. Da wird euch sicherlich erstmal einiges Musiktherapeutisches begegnen, aber dort gibt es auch kurze Clips, wo man sich nochmal auch anschauen kann, was passiert eigentlich und wie sieht eigentlich die konkrete Arbeit von einem Musiktherapeuten aus. Und ich hoffe, dass ihr euch darüber auch meldet mit euren Fragen. Ihr findet mich auch bei YouTube mit ähnlichen Projekten und kleinen Musikvideos und ich freue mich einfach ganz doll, wenn ihr mir eine E-Mail schreibt. Wenn ihr mich bei Facebook kontaktet, bei Xing, ja, also ich bin gut in der Social Media Welt unterwegs.

Miriam: Großartig. Also welches Thema auch immer in diesem Podcast und wir haben einige gehabt, welches dich auch mehr interessieren würde. Simone steht dir da persönlich zur Verfügung für ein ganz tolles Angebot. Hast du ja vielleicht für uns eine kleine Buchempfehlung oder auch eine Filmempfehlung, wenn du sagst, den dürft ihr mal schauen, wenn ihr euch da andocken möchtet an dieses Thema mit der Musik. Was hat dich bewegt? Oder wo würdest du sagen, das kann auch ein Amateur gut verstehen?

Simone: Ja, da fallen mir auch mit einem Schlag natürlich unzählige Sachen ein. Das Erste ist meistens das Beste. Klar, natürlich wäre das nochmal eine schöne Gelegenheit, auch meine Bücher zu promoten. Die findet ihr auf meiner Website. Da brauchen wir jetzt auch gar nicht lange drüber zu reden. Das sind natürlich konkrete Sachen für den Bereich der Pflege. Aber auch da gibt es ja nochmal verschiedene Möglichkeiten, sich einzulesen und sich vielleicht so ein bisschen Hintergrundinformationen anzulesen. Das ist mir auch ganz wichtig. Oder immer einfach einfache Übungen auch zu finden. Also wir haben jetzt ein paar Sachen schon angerissen und diese Übungen findet ihr natürlich auch in meinen Büchern. Die sind da meistens geknüpft an alte Schlager und dann wirklich an Songs, die jeder kennt oder die jeder schnell mitsingen kann. Und dann gibt es ein ganz schönes Hörbuch. Da durfte ich als Co-Regisseurin daran teilnehmen und das nennt sich Klangspuren, Fallgeschichten aus der Musiktherapie. Da haben auch Musiktherapeuten die Musik live dazu gemacht und da kann man sich einfach auch nochmal gut reinhören. Und ja, ansonsten würde ich einfach sagen, googelt wirklich auch mal nach dem Zauber der Musik. Es gibt ein Buch, das heißt Aus der Seele gespielt. Auch da geht es nochmal so um diese Verbindungen. Und es gibt ein ganz tolles von Manfred Spitzer, den bestimmt viele von euch kennen, rund um diese Frage der digitalen Demenz, das heißt Musik im Kopf. Ist ein bisschen schwieriger zu lesen, aber wer wirklich so Bock hat, nochmal ganz konkret zu verstehen, was ist da eigentlich los, wenn Musik auf das Gehirn trifft. Und jetzt habe ich den letzten Clip aus einer Mediathek, der ist erst vor ein paar Tagen durch Facebook gegangen, den müsstet ihr auf meiner Seite auch noch finden, war ein ganz toller Beitrag, ich glaube im WDR, da erklärt ein Neurobiologe nochmal so die Zusammenhänge von Musik und Gehirn und eine Musiktherapie-Kollegin seht ihr da auch live im Studio und ja, das ist auch nochmal ein sehr schöner Beitrag, das sind die Sachen, die mir so jetzt ganz spontan und auf die Schnelle einfallen.

Miriam: Ich danke dir von Herzen, meine Liebe. Das war wunderbar. Also nochmal, wenn ihr Menschen habt in eurer Familie, die vielleicht sogar Betroffene sind, wenn ihr sagt, ich möchte einfach vorbeugen, denn präventiv viel mit Musik, mit Rhythmus, mit dem eigenen Körper, mit der Musik in sich selbst zu machen, auch eine super klasse Idee. Dafür alle Übungen oder die, die öffentlich einfach zu machen sind, bei Simone. Wenn ihr eine Idee habt für eines der nächsten Podcast-Themen, dann wendet euch wahlweise an Simone oder natürlich auch an uns unter www.kontext-denken.de. Das ist unsere Seite. Dort könnt ihr uns direkt eine E-Mail schreiben. Bitte bewerte diesen Podcast, denn wenn er auf iTunes satte Sternebewertungen und viele Rezensionen hat, dann finden ihn auch viel mehr Menschen. Er ist kostenlos, er ist für jeden zugänglich und ich finde in jeder Woche, das hast du jetzt wieder gemerkt, einen ganz spannenden Menschen mit einer ganz spannenden Vita und mit einer tollen, ich sag's mal so ganz pathetisch, Mission, die uns allen noch ein Stück mehr Horizont verschaffen. Das ist dir, liebe Simone.

Simone: Ich sage nochmal vielen, vielen Dank fürs Zuhören und ja, schreibt Miri, schreibt mir und ja, let's rock! Bis bald! Tschüss! Ciao!

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