Jemand fehlt bei der Theaterprobe. Statt einer erfundenen Ausrede kommt die pure Wahrheit: "Da komme ich heute nicht, das ist mir zu langweilig." Und plötzlich bricht das Chaos aus — obwohl doch angeblich alle die Wahrheit hören wollen. Warum wählen wir dann so oft die Notlüge? Und was macht der eine kleine Satz "Ich habe mich entschieden" mit einer Situation?
Herz auf der Zunge — Direktheit und ihre Folgen
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt.
Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Miriam: Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zum kontext*denken-Podcast. Es ist kurz vor Weihnachten und es ist wahnsinnig viel los. Wir wünschen euch gute Gedanken, tolle Gefühle, lasst es euch immer gut gehen und solltet ihr eine Nachricht für uns haben, denn wir sind gerade Weihnachtsgeschenke shoppen, dann bitte sprecht sie nach dem Piep.
Florian: Piep! Miri? Miri? Miri, es ist wieder Dienstag. Miri, wir müssen den Podcast aufnehmen. Wo bist du denn?
Miriam: So, das war nicht einstudiert, was ihr gerade gehört habt. Tatsächlich nicht. Wir haben uns das wirklich eben gerade ausgedacht. Ich habe gedacht, ich kann es irgendwie abkürzen, dieses Thema, was wir heute vorhaben. So, das Herz auf der Zunge tragen. Weißt du, dass ich in meiner allernächsten Verwandtschaft jemanden habe, der darauf besteht, dass Menschen gefälligst ihr Herz auf der Zunge tragen sollen?
Florian: Was heißt denn Herz auf der Zunge tragen?
Miriam: So habe ich das für mich immer übersetzt, dass jemand sehr direkt ist, sehr direkt spricht, also nicht um den heißen Brei rumredet oder Sachen weich kocht oder schöner redet, sondern auch wenn es andere verletzen würde oder ungeachtet der Tatsache, dass andere Menschen sich dabei nicht wohlfühlen könnten, immer raus damit.
Florian: So was wie, wenn ich jetzt in die Weihnachtszeit hinein denke, Weihnachtsessen bei Schwiegermama, sie tischt den Weihnachtsbraten auf, fragt, und wie ist er? Und dann zu sagen, naja, die Gans ist tot, ne?
Miriam: Ja, genau.
Florian: Sowas. Sowas.
Miriam: Das findest du gut, wirklich. Oder irgendwie jemand trifft jemand anderen und guckt den an und sagt nicht Hallo, sondern das Erste ist, also das Kleid ist dir zu klein. Weißt du, so. Das wäre sowas, wo ich, ja, ich hätte mein Thema damit und wie gesagt, ich habe in meinem direkten Verwandtenbereich jemanden, der darauf besteht, dass das cool ist. Dass das das Beste ist, was passieren kann, weil das wenigstens ehrlich ist.
Florian: Verstehst du? Ja, verstehe ich.
Miriam: Ich habe gesagt, das ist ein richtiger Brocken heute jetzt so in der Adventszeit. Die meisten Menschen, die ich kenne, sagen nämlich, dass ihnen das lieber ist. Die meisten Menschen behaupten das.
Florian: Dass ihnen das lieber ist.
Miriam: Dass ihnen das lieber ist, wenn ihnen einer die Wahrheit sagt und nicht um den heißen Brei rumredet. Wenn es dann konkret passiert, machen wir seltsame Erfahrungen mit diesen Menschen.
Der Fall Helga und die Kunst der Notlüge
Florian: So, jetzt hier.
Miriam: Jetzt hier.
Florian: Also, bei den Proben.
Miriam: Welche Proben?
Florian: Für die Musical-Tournee, in der wir gerade noch sind. Ja. Und die auch ganz viel Freude und Energie bringt in den letzten Tagen. Nur die Probenzeit. Bei den Proben war ich bei einer Probe dabei. Wir waren so sechs, sieben Leute, die gleichzeitig auf der Bühne was tun sollten. Und eine Person fehlte. Wir hatten 13 Uhr ausgemacht. Es war 13 Uhr zwei. Helga war nicht da. Es war 13.04 Uhr. Helga war nicht da. 13.07 Uhr. Jemand greift zum Handy und schreibt Helga an und sagt, Ey, wo bist du? Komm zurück. Ja, nee, da komme ich heute nicht. Das ist mir zu langweilig. Ich habe ja nur einen ganz kleinen Teil. Ich stehe da hinten sowieso nur rum. Stellt da einfach einen Stuhl hin.
Miriam: Huiuiuiuiuiuiuiui. Cool, ne? Voll die Wahrheit geschrieben.
Florian: Voll die Wahrheit geschrieben, also fair enough, voll die Wahrheit geschrieben, Bonus-Sternchen dafür, nur uiuiui ging es dann ab.
Miriam: Weil das macht man nicht.
Florian: Ja, nur man macht das nicht, dass man da nicht hingeht.
Miriam: Ja, das ist eine andere Stelle. Das ist ja witzig, dass Menschen ja häufig, und das ist mir aufgefallen, das ist mir während der Proben aufgefallen, ich war oft in der ersten Probe morgens mit dabei, und da kommen ja dann die Leute zu spät tendenziell. Und die kommen alle mit guten Gründen zu spät. Die meisten, weil sie in einem Baustellenstau noch lange standen, den es dort seit Wochen gibt. Also das heißt, alle kannten den und waren schon mehrfach da durchgefahren. Nur das war immer die Begründung dafür, heute ist der Stau besonders lang. Also heute ist der Stau, heute ist das Unglück, heute stehen wir nur. Sonst war ja noch so ein bisschen, aber heute stehen wir nur. Das ist eine gute Begründung. Genauso wie, mein Wellensittich hat die ganze Nacht gekotzt.
Florian: So viel passt in so einen Wellensittich doch gar nicht rein.
Miriam: Also wenn wir jetzt ins Detail gehen, also ein Mensch kann natürlich größere Mengen kotzen, nur auch eine ganze Nacht. Und einem Wellensittich würde ich auch zugestehen wollen, dass er eine ganze Nacht kotzt, nur der kotzt halt ganz kleine Bröckchen. Also Minimengen. Also nicht so, weißt du? So, wenn jetzt derjenige oder diejenige, wenn jetzt Helga geschrieben hätte, mein Wellensittich hat die ganze Nacht gereiert, ich bin hier gerade am Aufwaschen, hätten doch alle die Augen verdreht und gesagt, oh je, die Arme, die ganze Nacht wach geblieben, ja dann besser nicht.
Florian: Oder was auch immer als Begründung hätte kommen können.
Miriam: So und ich glaube, dass Menschen dann eher zu so einer Notlüge, wie heißt das, gibt es ein englisches Begriff für?
Florian: White Lies. White Lies. Also weiße Lügen, ja.
Miriam: So eine weiße Lüge wählen, weil sie die anderen, die daran beteiligt sind, nicht beleidigen oder verletzen möchten.
Florian: Ja, gleichzeitig wollen die anderen, die daran beteiligt sind, doch immer die Wahrheit haben.
Miriam: Ja, nur dann gibt es ja offensichtlich Diskussionen. Ich finde das Thema mega spannend. Erstmal machen wir darauf aufmerksam.
Die trockene Gans und das Feedback, das keiner will
Florian: So, jetzt, die Gans schmeckt nicht bei meiner Schwiegermutter. Nimm halt ruhig die Schwiegermutter. Ja, aber meine Schwiegermutter, die macht ja gar nicht die Gans. Nee, das macht der Schwiegervater.
Miriam: Und der wäre auch beleidigt.
Florian: Der wäre auch beleidigt, ja. So, jetzt als Beispiel. Jetzt wäre die Gans halt trocken, wie so furztrockene Gans. So, was sage ich denn jetzt? Mhh, yum, yum, yum. Mhh, mhh, mhh. Weil das wäre vielleicht das Höfliche. Nur dann gibt es die nächstes Jahr wieder.
Miriam: Ja. Das stimmt. Entschuldige, das sind wirklich Situationen und ich finde es sehr spannend für unseren Podcast, dass wir uns das ausgesucht haben, wo Sprachzauberer gefragt wären. Aber was machst du in so einer Situation? Klar, du kannst jetzt sagen, dieser Mensch ist mir einfach nicht so wichtig, wenn die Schwiegermutter oder der Schwiegervater sich aufregen, na und?
Florian: Ja.
Miriam: So, das wäre das eine. Das spricht ja auch dafür. Wenn jemand sich nämlich White Lies oder Notlügen überlegt, scheint ihm ja was daran zu liegen, dass es dem anderen weiterhin gut geht. Zumindest das.
Florian: Ja.
Miriam: Zumindest das.
Florian: Ah, oder jemand möchte keinen Konflikt haben.
Miriam: Oder keinen Konflikt, genau.
Florian: Also keine Riesendiskussion.
Miriam: Weil ich könnte ja sagen, das Fleisch ist nicht so mein Fall und Rotkraut und Knödel sind total lecker. Und esse die dann eben. Bisschen schade.
Florian: Das Fleisch ist super, um die Soße aufzusaugen.
Miriam: Zum Beispiel. Das sind so die Standards.
Florian: Was ich so schwierig finde, da ist mein IT-Hintergrund halt auch da. In der IT sind viele Leute, die einfach die Meinung frei raussagen. Also die sehr offen dann sowas, wenn sie dann mal ihre Meinung zu irgendwas dazugeben, die das dann wirklich sehr brutal, radikal auch tun.
Miriam: Warum? Weil es ihnen egal ist, wie es den anderen geht um sie rum?
Florian: Nein, weil sie, meinem Verständnis nach, nicht deswegen, sondern weil sie es als hohe Form des Respekts empfinden, jemand anderem dann Feedback zu geben, wenn der das möchte. Und die dann sagen, warum um den heißen Brei herumreden? Die Gans ist tot. Und die ist trocken. Das darf mein Gegenüber doch wissen.
Miriam: Ja.
Florian: So. Nun, was mache ich denn jetzt dann? Jetzt können die nicht damit umgehen, also jetzt vielleicht habe ich den Impuls, die Wahrheit zu sagen, aber gleichzeitig können die anderen vielleicht nicht damit umgehen, das ist doch viel zu komplex.
Miriam: Ja, das ist ewig, das ist, it's a trap.
Florian: Wir machen an Weihnachten, was wir neuerdings immer an Weihnachten machen. Nicht da sein.
Miriam: Ja, gut, dann umgehen wir diese Situation.
Florian: Genau.
Miriam: Und ich bin schon so erzogen worden, dass ich auf andere auch Rücksicht nehmen soll. Also dass ich zum Beispiel, hier sind wir ja bei einer direkten Sache, bei dieser Theaterproben-Geschichte war es ja eine Begründung für ein Fehlen. Ja. Wenn ich jemandem sage, du, das Kleid ist aber viel zu klein für dich, dann ist es ja ein direktes auf denjenigen zupreschen und die das Herz auf der Zunge tragen. Also das sagen, was ich gerade denke, ohne drüber nachzudenken. Kinder machen das so. Kinder machen das. Die kennen nichts. Was habe ich mich bei den Kindern schon... Ah ja, da sind wir beim Thema Weihnachtsgeschenke. Das war am Anfang den Kindern nicht zu erklären, dass die sich gefälligst auch über ein Geschenk freuen sollen in der Öffentlichkeit, das ihnen nicht gefällt.
Florian: Dann sind wir bei den Avocado-Videos, wo Eltern das geübt haben. Das Kind bekommt, auf YouTube gibt es die glaube ich noch, das Kind bekommt eine Avocado geschenkt und muss sich dann darüber freuen. Als Vorbereitung darauf, was an Weihnachten passieren wird. Bei Oma und Opa.
Miriam: Das wirklich mit dem Kind, mit dem Arm. Oh, eine Avocado. Ja. Bei Kindern kommt dann vielleicht noch sowas, ja, Kindermund tut Wahrheit kund oder das ist ja süß oder och, lass doch den klar. Ist doch okay, wenn er das sagt. Wir können das Geschenk ja umtauschen. Tante Anni.
Florian: Ja, jetzt sind wir in einem Gebiet, wo ich auch, da habe ich, ja, da hätten wir nicht hingehen dürfen.
Miriam: Warum? Warum?
Florian: Weil ich schon mal als schwer beschenkbar bezeichnet wurde.
Miriam: Ja, das hatten wir auch schon mal in irgendeinem Podcast. Dieses schwer beschenkbar Thema stimmt ja auch.
Florian: Was möchtest du denn? Möchtest du, dass ich sage, oh toll, LED-Socken mit Rentieren drauf. Meine Sockenschublade ist zwar voll, voll, voll, nur wow, Socken, die ich nie anziehen werde. Also was ist die Erwartung, die ich an jemanden hätte? Ist es gut, wenn das jemand sagt? So, yay, toll.
Miriam: Ja, das ist ja genau die Frage, die dieser Podcast gerne stellen möchte. Um was geht es denn am Ende des Tages? Also möchte der Koch wirklich ein Feedback haben zu dem, was er da gefrickelt hat? Das wäre ja die Frage. Und wie schmeckt es? Ich kann das umgehen als Koch, indem ich nicht frage. Dann bleibt vielleicht ein Stück Fleisch auf dem Teller liegen, nur dann soll es mir egal sein.
Florian: Gerade in den Teilen, die ich beruflich mache, da geht es viel um inspizieren und anpassen. Die Eindeutschung von einem englischen Fachbegriff an der Stelle. Deswegen klingt es so ein bisschen holprig, nur es ist immer wieder diese Frage, wo sind wir gemeinsam, wie geht es uns, was passiert eigentlich gerade? Und in manchen Workshops mache ich das nicht. Also manchmal, theoretisch ist das etwas, das ich sehr im Herzen mit mir trage und was in allem sich widerspiegelt, am Ende des Workshops zu fragen, wie war es jetzt, was könnt ihr besser machen, was hättet ihr beim nächsten Mal lieber anders, was war vielleicht so gut, dass wir es unbedingt beibehalten sollten, um zu sagen, wow, das hat uns richtig gut geholfen. Und am Ende mancher Workshops bin ich selber als derjenige, der in der Moderation ist, so dass ich sage, das war ein guter Plan von mir und ich habe jetzt herausgefunden, dass das so nicht funktioniert. Ich brauche da kein Feedback drauf, weil das Feedback, das jetzt käme, entweder würde mir das bestätigen, was meine eigene Meinung ist, oder es würde in Richtungen zielen, wo ich sage, ja, okay, das entsteht halt auch dadurch, dass es überhaupt nicht so geklappt hat, wie ich mir das dachte.
Miriam: Mhm.
Florian: Also vielleicht möchte ich, ich mache die Gans an Weihnachten und sie ist trocken. Und ich denke mir, ja okay, ich weiß auch, dass sie trocken ist. Sollte ich dann nicht, wenn ich das schon weiß, auch einfach transparent machen und sagen, sorry, die Gans ist trocken?
Miriam: Ja, ich nehme jetzt gerade so die Kurve zu diesem, das Herz auf der Zunge tragen, wäre ja auch seitens des Kochs okay. Also ich kenne es von meiner Mutter, die hat zum Beispiel gelegentlich, es kam nicht oft vor, meine Mutter kocht fantastisch und gelegentlich hat sie gesagt, es kann sein, dass der Käsekuchen nicht süß genug ist. Ich habe irgendwie, habe ich mit dem Zucker abmessen heute ein Thema gehabt. Oder dass sie sagte, wenn ihr noch Salz drauf tun wollt auf den Braten, ich habe heute das Gefühl, als ich dann nachgeschmeckt habe, es ist doch nicht so würzig geworden, wie ich es gern gehabt hätte. Also dieses Aufmerksam machen auf. Ja, kenne ich, wäre vorbeugend.
"Ich habe mich entschieden" — der Satz, der Tonnen wiegt
Miriam: Wir sind jetzt hier in einer Interaktion von menschlicher Kommunikation, die ich sehr spannend finde. Gerade wenn ich jetzt die Kurve wieder kriegen möchte zu, da fehlt jetzt einer bei einer Probe, wird gefragt, also warum bist du nicht da und spricht die absolute Wahrheit. Er hält es nicht für sinnvoll, Punkt. Oder sie hält es nicht für sinnvoll, in dem Fall war es Helga. Und dann haben die anderen sozusagen mehr Frust, als wenn er sagt, der Wellensittich ist gestorben letzte Nacht und wir sind gerade mitten in der Beisetzung. Oder wenn er es sagt. Oder sie oder wer auch immer. Also es gibt ja tausend Situationen, in denen unsere Hörer das kennen. Ich will das jetzt nicht verteidigen.
Florian: Regelmäßig kommen zu Meetings von mir, je nachdem, wie die Firmenkultur so ist. In manchen Firmen ist das ganz üblich, dass Menschen 10, 15 Minuten zu spät kommen und sagen, sorry, ihr habt noch bla bla bla.
Miriam: Und dann kommt eigentlich nur bla bla bla.
Florian: Weil es total Humbug ist.
Miriam: Ja. So, dann sollen wir an der Stelle dann einfach gar nicht mehr kommunizieren. Also jemand ist nicht da, dann ist er eben nicht da, dann proben wir ohne diejenige. Und fertig.
Florian: Ja. Weil im Endeffekt ist es doch egal, warum jetzt eine Person halt nicht kommt.
Miriam: Der Grund ist egal, meinst du?
Florian: Ja. Also zumindest in der Situation ist es mir egal.
Miriam: Das fühlt sich neu an, ne? Ich finde den Gedanken großartig. Der Outcome ist der gleiche. Das Ergebnis ist das gleiche.
Florian: Derjenige fehlt.
Miriam: Statt zu siebt sind wir zu sechst. So und jetzt machen wir was draus. Und komisch ist doch, dass wir uns sowas angewöhnt haben, wie wenn einer sagt, es ist eben, keine Ahnung, oder wenn Helga sagt, sie hat ganz furchtbar ihre Tage und kann deswegen vor Bauchschmerzen nicht kommen, ist es viel akzeptierter, als wenn sie eben sagt, ich habe keine Lust. Oder wenn der Wellensittich gestorben ist oder wenn sie dringend die Wand noch neu streichen möchte.
Florian: Ja, es hat ja was von Autonomie und von einer starken Persönlichkeit, wenn jemand sagt, das passt gerade nicht, also ich habe gerade was Wichtigeres oder was Dringenderes zu tun, bis mein Kopf wieder frei ist, bis dahin komme ich nicht. Ist ja spannend.
Miriam: Und im NLP hätten wir diesen einen Satz, den ich sehr spannend finde, mit diesem Ich habe mich entschieden.
Florian: Der wiegt Tonnen. Es gibt eben halt eine andere Gewichtung. Weil wenn jemand, egal ob zu einer Probe oder ins Geschäft, einfach zu spät kommt, weil Stau hier jetzt... Und nicht rechtzeitig aufgestanden. Nicht rechtzeitig aufgestanden, nur was ist dann rechtzeitig aufstehen? Hier im Rheinland kann das heißen, wir haben hier die ein oder andere spannende Autobahn, auf der...
Miriam: Meine früheren Kollegen im Fernsehsender kamen teils aus Wuppertal, teils aus Königswinter gefahren. Die sind sehr früh aufgestanden, wenn die Frühschicht hatten, um pünktlich da zu sein. Sehr früh. Und das ist Organisationssache, ja.
Florian: Nur möglicherweise sind die dann eben auch eine Stunde zu früh da. Also wenn zwischendurch kein Stau ist, nichts ist, dann ist irgendjemand halt eine Stunde vor Meetingbeginn oder vor Arbeitsbeginn da. Mhm. Ist das was, was wir haben wollen? Ist das dann das Bessere? Ja, spannend.
Miriam: Ja, ist es.
Florian: Und gleichzeitig, wenn es sich häuft, ja, interessant.
Miriam: Naja, das Ergebnis ist ja, also für mich zählt jetzt erstmal das Ergebnis.
Florian: Ich habe mich entschieden, das war ja das, wo du eben hin bist. Ich habe mich entschieden, heute um 7.30 Uhr aus dem Haus zu gehen, weil ich dachte, dass es reicht. Und es hat jetzt nicht gereicht. Puh, ich habe mich entschieden, nicht zur Probe zu kommen, weil zu Hause lag so ein Wäscheberg und der Wäscheberg ist mir jetzt wichtiger als die Probe.
Miriam: Und ich brauche es noch nicht mal zu begründen. Ich könnte einfach sagen, ich habe mich entschieden, heute nicht zur Probe zu kommen, weil der Outcome ist der gleiche. Das finde ich so spannend an diesem Satz.
Florian: Weißt du, was das ist? Das andere? Wenn der Wellensittich krank ist, dann habe ich keine Wahl. Dann muss ich zu Hause bleiben, um den Wellensittich zu pflegen. Wenn ich es auf was anderes schiebe.
Miriam: Oder wenn Helga schreibt, sie hat keine Lust, dann ist es sie ganz allein.
Florian: Und bei vielen anderen Sachen, bei vielen von diesen Notlügen ist es eben ein, die Entscheidung wurde mir aus der Hand genommen. Ich konnte nichts dafür. Opfer der Umstände. Und deswegen komme ich jetzt nicht. Das stimmt halt.
Miriam: Das Ergebnis ist exakt das gleiche. Das heißt, jetzt hat doch die Gruppe, ich gehe jetzt nochmal zurück in diese Theaterprobe, jetzt hat doch diese Truppe echt die Wahl, wollen die sich diese anderthalb Stunden oder zwei Stunden Probe, die anberaumt sind, jetzt in Grund und Boden diskutieren, ob sich da jetzt einer richtig oder falsch verhalten hat, ob Helga ihr Herz auf der Zunge trägt oder nicht, oder wollen sie proben? Wollen sie was tun, wollen sie was machen? Oder, wenn sie sagen, ohne Helga können wir nicht proben, Eis essen.
Florian: Ja, oder was anderes machen, ne? Eine andere Szene oder eine andere.
Miriam: Ja, oder Eis essen. Und das finde ich ist eine schöne Maßnahme zu überlegen, was ist der Outcome. So die Situation wird sich nicht verändern, ob jetzt jemand nicht kommt, weil der Wellensittich die ganze Nacht gekotzt hat oder ob jemand nicht kommt, weil er keine Lust hat. Das Endergebnis ist, es ist nicht da. Jemand ist halt nicht da jetzt. Es ist nicht da.
Florian: So. Jetzt können wir uns auf den Kopf stellen. Richtig. Also oder ja, wenn es eine Entscheidung war, dann sehe ich schon in vielen Firmen auch den Impuls zu sagen, diese Entscheidung können wir ändern. Also bei einer Entscheidung, die jemand getroffen hat, können wir halt über Druck, über Feedback, über was auch immer, zumindest ist das die Annahme. Also wer weiß, ob es so ist oder nicht. Oder ob ich beim nächsten Mal dann halt einfach keine Wahrheit mehr erfahre. Bei einer Entscheidung fühlt es sich für manche Menschen, glaube ich, so an, als ob, ja dann ändern wir die jetzt halt. Von außen.
Miriam: Und ich finde es gar nicht, ich finde die unglaublich fest. Also ich finde dieses, ich habe mich entschieden, heute zu Hause zu bleiben, hat eine sehr große sprachliche Kraft. Und ich habe früher zum Beispiel, wenn ich eingeladen war, ich bin 20 Jahre im Schichtdienst gewesen, verstehst du? 20 Jahre Schichtdienst bedeutet Wochenende abends, ganz viel. Das heißt, zu Geburtstagspartys, Tupper-Partys, zu irgendwelchen Events, zum Ausgehen, zum gemeinsamen Kegeln, ich bin nicht mitgegangen. In den meisten Fällen.
Florian: Nur was wäre das denn jetzt beim Theater? Ich habe mich entschieden, heute nicht zu kommen. Punkt. Ja, ich habe mich entschieden, heute zu Hause zu bleiben. Okay, weil dann, das gibt ja Fläche. Das heißt, die nächste Antwort darauf könnte sein, gut, wir als Gruppe haben uns entschieden, uns von dir zu trennen, wenn du deinen Hintern hier nicht reinbewegst.
Miriam: Ich glaube auch, dass hier Priorisierungen eine Rolle spielen. Also was ist mir jetzt in dem Augenblick wichtig? Denn egal, was ich vorschiebe, das Theater scheint es nicht gewesen zu sein für Helga. Egal, was auch immer sie behauptet hätte an der Stelle, das Theater war es nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Menschen, verstehst du, das beobachte ich bei mir auch. Das beobachte ich bei mir auch. Ich bin zu den Terminen, die mir wirklich, wirklich wichtig sind, bin ich pünktlich, die halte ich auch ein. Mir passieren Verspätungen oder irgendwelche Sachen, weil ich meine Prioritäten anders lege in dem Augenblick. Das kann länger schlafen sein, das kann die Kinder noch versorgen sein, das kann, ich schaue mir noch meine E-Mails an sein. Dafür komme ich dann zu spät, weil ich weiß, da ist dieser Stau auf der Bundesstraße. Jeden Tag.
Florian: Ja und möglicherweise ist er halt heute auch nicht da. Also manchmal werden ja auch Pläne, optimistische Pläne gemacht.
Miriam: Da komme ich überraschenderweise pünktlich. Vielleicht fahre ich dann lieber noch schnell zum McCafé und hole mir eine Sojalatte. Macchiato. Damit ich auch meinen Plan, dass ich zu spät komme, einhalte. Also ich glaube, dass dieses, ich habe mich entschieden, wiegt sehr schwer. Ich habe die Erfahrung gemacht. Ich habe früher viel gerechtfertigt.
Florian: Es ist völlig eskalativ. Also es wirkt, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, was wäre die Reaktion in manchen Kontexten, in denen ich mich bewege, in manchen Gruppen, da wird es als Affront aufgefasst. Und dann gesagt, gut, dann brechen wir jetzt diese Entscheidung. Versus wenn jemand Opfer der Umstände ist, wo man sagt, oh, wo wir empathisch ran... Die spannende Frage ist ja, ist das überhaupt empathisch rangehen? Nur unter dem Deckmantel der Empathie sagen, oh je, dann machen wir die Probe heute halt alleine. Und es wirkt eher deeskalierend. Und wir sagen, wow, können wir noch irgendwas für dich tun? Wir machen dir ein Video, damit du mitbekommst, was wir gemacht haben. Und dann ist es spannend, ist es sinnvoll oder nicht, da an der Stelle die Wahrheit zu sagen, ich habe mich entschieden.
Miriam: Ich bin voll bei dir. Ich finde das super mega cool, das Thema. Weil viele Menschen erwarten tatsächlich, dass sie von anderen die Wahrheit gesagt bekommen, nur wenn es passiert, eskaliert es. Deswegen wählen dann die meisten Menschen diese Notlügen, weil dann geht die Sache viel besser aus für sie.
Florian: Viel glatter.
Miriam: Viel hübscher. Wenn jemand ein Opfer ist gerade, dann wird er von allen anderen bemitleidet.
Vom Outcome her denken und die eigene Wahrheit leben
Florian: Was nehmen wir denn jetzt aus diesem Podcast mit? Also was ist denn jetzt die Empfehlung?
Miriam: Mich hat, als wir uns vor dem Podcast darüber unterhielten, wo wir mit diesem Thema langschippern wollen, hat mich die Ansichtsweise, dass das Ergebnis das gleiche ist. Also ich stehe in dieser Probe und es fehlt jemand. Oder die Gans ist trocken. Das Ergebnis ist immer das Gleiche, egal was ich drumherum rede. Mich hat das entspannt. Weil dann fokussiere ich mich wieder auf das Hier und Jetzt oder die Zukunft und sage, okay, wir sollten zu sechst sein, wir sind zu fünft. Was können wir zu fünft tun, was jetzt sinnvoll ist für dieses Stück oder für die Probe oder für die Zeit, die wir fünft hier verbringen? Das wäre sofort mein nächster Gedanke. Und ich spreche jetzt nicht von diesem Thema, da kommt einer ständig nicht, weil er keine Lust hat.
Florian: Beziehungsweise das ist ein anderes Podcast-Thema. Witzigerweise, so aus der Prozessoptimierung heraus, würde ich das ja gerne wissen wollen. Weil wenn jemand ständig zu spät kommt und sagt, naja, ich hab halt keine Lust gehabt, vielleicht sollten wir dann mal drüber reden, was wir tun können, dass mehr Lust entsteht. Versus wenn jemand halt ständig irgendwas anderes hat und man nur vermuten kann, dass da keine Lust hinten dran steckt und es...
Miriam: Das sollten wir im nächsten Podcast einfach noch als zweiten Teil dranhängen, finde ich. Also die Quantität dieser Nummer.
Florian: Also was mache ich damit? Weil tatsächlich, da ist der Wissenschaftler in Miriam, der sagt, oder auch aus der IT kommt. Das ist das, weshalb in der IT glaube ich manchmal die Leute lieber das sagen, wie es ihnen geht, als auf Gefühle Rücksicht zu nehmen. Weil sie die Datenbasis nicht verfälschen wollen an der Stelle.
Miriam: Ja.
Florian: Weil wenn jemand eben fünfmal sagt, morgens um neun Uhr oder morgens um acht Uhr uns gemeinsam zu treffen, um irgendwas zu machen, da habe ich keine Lust drauf. Dann können wir überlegen, was machen wir denn gemeinsam damit. Versus wenn es eben verschleiert wird hinter was anderem. Nur auf der anderen Seite müssen wir dann auch was damit tun.
Miriam: Das stimmt.
Florian: Und ich glaube, das bringt... An denen wir nichts ändern können.
Miriam: Ich finde, dieser Podcast ist ja auch dafür da, ein bisschen wacher zu werden, was Sprache betrifft.
Florian: Also, was für uns wichtig ist, wenn du bei dir sowas merkst, dann kannst du für dich in dir ja schon mal anfangen zu sagen, ich habe mich entschieden. Ich habe entschieden, da heute nicht hinzugehen, weil was auch immer die Begründung für dich ist oder vielleicht auch ohne Begründung. Ich für mich habe mich entschieden. Und ich glaube, das ist fair in manchen Kontexten, in denen wir im Moment unterwegs sind, den nach außen zu spielen, ist vielleicht manchmal sinnvoll und manchmal nicht. Und manchmal ist dieses Schmiermittel der Höflichkeit, das höfliche Ausredefinden vielleicht die einfachere Variante, um die Beziehung an der Stelle glatt zu halten, weil da draußen das einfacher ist. Nur der erste Schritt ist, dass du für dich in dir merkst, nicht Opfer der Umstände, sondern du hast dich entschieden, etwas in einer bestimmten Art und Weise zu tun und daraus sind bestimmte Konsequenzen jetzt für dich abzuleiten. Und das ist das, was du gemacht hast. Das ist ja deine schöpferische Kraft in dir, die da tätig wird.
Miriam: Weißt du, dass es wirklich für mich auch mittlerweile so ist, ich brauche im Prinzip von Menschen gar keine individuellen Begründungen oder Rechtfertigungen mehr zu hören. Viel spannender ist das Endergebnis. Und das ist ein schönes Gefühl. Also ich freue mich über das Endergebnis. Weil damit kann ich was anfangen. Im Grunde reicht es mir, wenn Florian mich anruft und wir wären vielleicht irgendwo verabredet gewesen und sagt, ich komme nicht, ich habe mich entschieden, zu Hause zu bleiben. Dann kann ich mich entscheiden, packe ich mich jetzt ins Auto und fahre nach Hause und bin bei meinem Florian oder setze ich das fort, was ich ursprünglich vorhatte und dann eben allein und nicht zu zweit, was vollkommen okay ist. Ich finde das Endergebnis viel, viel wichtiger. Und wenn ein Kind sagt, dass ihm an Weihnachten das Geschenk nicht gefällt, ist es für mich okay. Weil dann kann ich mir überlegen, tausche ich das um im Spielwarenladen, nehme ich das Kind mit, kann sich was anderes, was spannenderes dafür aussuchen.
Florian: Oder ist es dann halt einfach so, ist es dann das Geschenk? Wie heißt denn der Film, wo der Junge so ein rosa Hasenkostüm geschenkt bekommt?
Miriam: Fröhliche Weihnachten heißt der.
Florian: Absoluter sehenswerter Tipp für die Weihnachtszeit jetzt. Fröhliche Weihnachten gibt es, glaube ich, auf Amazon Prime auch kostenlos oder so. Was kann ich bei Netflix?
Miriam: Nee, den gibt es nicht bei Amazon Prime.
Florian: Den gibt es nur als DVD. Und irgendwo gibt es den zu sehen. Naja. Wir schreiben das unten in die Shownotes. Ich recherchiere das. Dann kannst du auch gleich herausfinden, wo die Shownotes sind, beziehungsweise die Infos zu diesem Podcast. Wenn du den Podcast auf unserer Seite hörst, gibt es da in dem Menü noch etwas zum Herunterklappen und du kannst einfach die Links dir direkt anschauen und anklicken. Auf unserer Seite www.kontext*denken.de und dann gibt es oben einen Navigationspunkt Podcast und da gibt es ganz viele Infos noch dazu und den einen oder anderen Link zum Beispiel auch zu unserem Newsletter, wo wir dich immer wieder mal auf neue Materialien aufmerksam machen. So.
Miriam: Ich habe mich entschieden, dass jetzt Schluss ist.
Florian: Was? Und wenn ich jetzt noch nicht Schluss haben möchte, dann mache ich jetzt alleine weiter, oder was?
Miriam: Genau. Wenn du noch ein bisschen weitermachen möchtest.
Florian: Das sind die spannenden, die spannende Frage, was ist dann? Also wenn die Begründung, wenn es da keine Begründung gebraucht.
Miriam: Ja.
Florian: Welche Freiheit kannst du dann plötzlich wahrnehmen im Dinge tun, die für dich richtig sind. Deine Wahrheit leben. Schön.
Miriam: Ihr Lieben.
Florian: Jetzt wird es noch philosophisch.
Miriam: Ja, lasst euer Herz lieber dort, wo es schlägt und pocht. Und genau, wir wünschen euch viel Spaß beim Weitersprachzaubern. Seid lieb zueinander und zu euch selbst.
Florian: Und nächste Woche geht es wieder weiter hier im kontext*denken Podcast.
Miriam: Die Zeit für die Ansage ist jetzt abgelaufen. Wir rufen sie zurück.
Florian: Wenn wir uns dafür entscheiden. Wenn wir uns dafür entscheiden. Ciao.
Miriam: Mehr von uns gibt es unter www.kontext*denken.de Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.