NLP mit Miriam Deforth und Florian Groß Folge 3

Entspannter Auftritt

Gleich gilt's! Durchatmen vor dem wichtigen Termin.

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In dieser Folge

Darum geht es

Aufgemerkt: die Aufnahme entstand im laufenden Probebetrieb einer Musicalbühne. Damit haben wir unser mobiles Studio zum Teil überfordert und wir hoffen, Du hast genauso viel Spaß beim Zuhören wie immer.

Miriam Deforth interviewt Musicaldarsteller und Schauspieldozent André Haedicke zum Thema: "Entspannter Auftritt". Dabei geht es nicht nur um den Augenblick, wenn sich im Theater der Vorhang öffnet, sondern auch um die 30 Sekunden vor dem wichtigen Meeting, dem Vorstellungsgespräch oder dem unangenehmen Thema in der Familie. Denn Auftritt kann überall stattfinden. André gibt tolle Tipps, wie Redner, Teamleiter oder Eltern "zu sich kommen" und plaudert über das Gefühl, von 1000 Zuschauern im Detail wahrgenommen zu werden. Viel Spaß beim Hören und mit-entspannen.

Konkret sprechen die beiden über Lampenfieber und Nervosität, über Atemübungen und Warm-up-Rituale vor einem Auftritt und über das "schwarze Buch", in dem André vor schwierigen Familiengesprächen seine wichtigsten Punkte notiert. Es geht darum, wie du sachlich bleibst statt aus Unruhe heraus Schuldzuweisungen zu machen, und wie man einen vergessenen Text oder ein Stolpern auf der Bühne einfach zum Teil der Rolle macht. Wenn du nach Tipps gegen Redeangst, für einen ruhigen Auftritt bei Präsentation, Meeting oder Vorstellungsgespräch suchst, findest du hier die Sicht eines Musicaldarstellers.

Lesefassung

Das vollständige Transkript

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Kapitel dieser Folge
  1. Ankommen und ein Gast, der die Bühne liebt
  2. Vier Jahre Ausbildung und das Ringen um Authentizität
  3. Der Augenblick Ruhe: Warm-up, Atem und das schwarze Buch
  4. Sprache als Werkzeug: Kritik, Energien und Wahrnehmung
  5. Wenn mittendrin etwas schiefgeht — und wie André privat entspannt

30 Sekunden, bevor sich der Vorhang öffnet — was macht ein Musicaldarsteller in diesem Moment? André Haedicke steht vor bis zu 1000 Menschen auf der Bühne, und trotzdem gibt es diesen kurzen Augenblick, in dem er nur bei sich ist. Miriam spricht mit ihm über Lampenfieber, über das Aufschreiben der eigenen Punkte vor einem schwierigen Familiengespräch und darüber, wie man einen vergessenen Text einfach zum Teil der Show macht. Ein Auftritt, das lernst du hier, ist längst nicht nur die Bühne.

Hinweis: Die Aufnahme entstand im laufenden Probebetrieb einer Musicalbühne, du hörst also stellenweise Geräusche im Hintergrund.

Ankommen und ein Gast, der die Bühne liebt

Miriam: Herzlich Willkommen zum dritten Miri-Podcast. Heute sind wir in der Nähe von Frankfurt beim Musicalproben. Deshalb gibt es vielleicht auch ein paar Geräusche im Hintergrund. Und ich habe das irrsinnige Vergnügen, mit einem ganz tollen Kollegen, so Halbkollegen, zu sprechen und mir Tipps von ihm holen zu dürfen. Denn André Haedicke ist nicht so häufig im Fernsehen zu sehen, sondern auf den Bühnen in Deutschland und Österreich. Und er spricht mit mir über das Thema entspannt in den Auftritt. Also im Rahmen der Möglichkeiten werden jetzt einige Hörer denken und sagen, Auftritt ist bei mir doch eher immer mit Anspannung verbunden. Genau darum geht's. Wir bekommen sicher ein paar tolle Tipps. Und deswegen freue ich mich ganz besonders und es ist ja auch das erste Interview, das ich veröffentliche.

Miriam: Wobei ich als allererstes sagen möchte, es wäre toll, wenn ihr den Podcast bewertet. Auf iTunes gibt es die Möglichkeit und ich freue mich über wahnsinnig viele Fünf-Sterne-Bewertungen und gerne seitenlange Texte, welcher Podcast euch am besten gefallen hat. Ich schaue jeden Tag sechsmal rein und immerhin zwei Bewertungen habe ich schon gesehen. Yay!

Miriam: So, jetzt erstmal zum Thema. Entspannt im Auftritt. Auftritt meine ich sehr weit gefächert. Also da geht es bei mir los mit Bühne und Kamera und Fernsehstudio. Es reicht über Vorträge, Reden, Speakerjobs und natürlich Meetings im Beruf. Auch da sitzen Menschen dann vielleicht nicht 500, sondern 5, die zuhören. Und es geht bis hin zu dieser klassischen Familienkonferenz, wo vielleicht wichtige Themen besprochen werden sollen, wo der eine oder andere schon dieses Auftrittsgefühl entwickelt, obwohl es gar kein Auftritt mit Bühne und Licht und allem möglichen ist.

Miriam: Und André sitzt hier neben mir. Er ist Diplom-Musical-Darsteller, hat es an der Universität der Künste in Berlin gelernt, spielte schon unzählige Rollen, Hauptrollen in Deutschland und Österreich. Einige Aufführungen von ihm durfte ich mir ansehen. Wir kennen uns schon lange. Hallo, lieber André.

André: Hallo, Miriam.

Miriam: André, wie cool, dass das geklappt hat. Jetzt geht's richtig zur Sache in Sachen Auftritt. Bevor wir anfangen mit den Tipps, was fasziniert dich so an Auftritten? Warum bist du Musical-Darsteller geworden?

André: Ich bin Musical-Darsteller geworden, weil ich es geil finde, auf der Bühne zu stehen. Es ist tatsächlich so einfach. Ich glaube, man macht das erstmal, oder ich mache das erstmal nur für mich, weil es wunderschön ist, es ist ein tolles Gefühl. Und die Energie zu spüren, wenn da Menschen sind und die schauen auf dich und alles wird gesehen. Und man hat so eine unglaubliche Macht, den Menschen einen tollen Abend zu geben irgendwie. Und das ist ja toll.

Miriam: Ja, da wird der ein oder andere Zuhörer jetzt denken, verstehe ich überhaupt nicht. Wenn ich mir vorstelle, ich stehe auf einer Bühne und da sind 800 oder 1000 Leute und sehen alles, was ich tue, kriege ich schon Schweiß auf den Händen. Hattest du das Problem irgendwann mal oder war das von Anfang an für dich cool?

André: Also Lampenfieber gehört ja immer mit dazu, aber das ist ja auch nicht jeder Musical-Darsteller geworden, zum Glück, sonst hätte der Markt ja vollkommen überlaufen, sondern deshalb bin das ja ich geworden und vielleicht du jetzt eben vor der Kamera, weil ich das so toll finde. Aber natürlich habe ich Lampenfieber. Am Anfang viel größer noch, aber auch jetzt noch immer wieder, auch vor jeder Vorstellung ist da so eine Nervosität mittlerweile. Es ist nicht mehr Lampenfieber im Sinne von, oh mein Gott, oh mein Gott, Schweißausbrüche, nicht mehr so oft, sondern in der Regel ist es so eine Anspannung, einfach so eine Energie, so eine Elektrizität, die da irgendwie durch deinen Körper geht und die dich zwingt, so eine Ruhe irgendwie da reinzubringen.

Vier Jahre Ausbildung und das Ringen um Authentizität

Miriam: Wow, also das wäre schon gleich unser Thema. Meine nächste Frage wäre noch gewesen, bevor wir darauf eingehen, wie dürfen sich unsere Zuhörer deine Ausbildung in Berlin vorstellen? Was genau lernst du da als Musical-Darsteller? Also ich lerne... Oder hast gelernt, du bist fertig.

André: Ja, aber ich war prinzipiell vier Jahre studiert und ist ja nie fertig. Ich habe so einen Koffer vollbekommen mit Werkzeug und Handwerk im Bereich Gesang, Tanz und Schauspiel. Und es waren 12-Stunden-Tage von morgens 10 bis abends 22 Uhr, haben wir in Berlin in einer alten Kaffeemühlen-Rösterei gelernt und in allen Bereichen Sprechen, Gesang, Einzelgesang, Chorgesang, Tanzen, ich habe Ballettunterricht gehabt, ich habe Akrobatik gehabt, wo ich mich immer schön hinter der Säule versteckt habe, weil Akrobatik war nicht so meins. Also es gab ganz unterschiedliche Fächer, Schauspiel, Monologarbeit, Szenenarbeit und dann das Wichtigste war natürlich die Verbindung. In Musical ist die Verbindung von Gesang, Tanz und Schauspiel. Also wie komme ich von einer Szene in den Gesang? Und warum tanze ich dann auch noch? Und zwar so, dass eben der gemeine Zuschauer nicht denkt, bitte jetzt singt der auch noch, sondern dass er sagt, ja natürlich, der muss jetzt singen, ganz klar. Der kann nicht mehr sprechen, die Szene ist jetzt ganz klug, dass er anfängt jetzt zu singen und auch noch zu tanzen.

Miriam: Schwingt da was von Natürlichkeit mit, dass es organisch wird, das Ganze?

André: Ja, klar, unbedingt. Also, das Natürliche und das Authentische zu behalten in diesem larger-than-life-Gefühl, in diesem, jetzt kommt große Pose, große Geste, weil natürlich ist das auch ein Musical. Ein Musical ist auch, ich mache eine große Pose, ich singe einen langen Ton, ich mache ein hohes Bein. Und das muss trotzdem irgendwie authentisch rüberkommen. Also, dass du denkst, ja, na klar, macht der das jetzt. Ganz natürlich, dass der jetzt hier irgendwie halbnackt über die Bühne tanzt.

Miriam: André, ich glaube, es werden ganz viele Menschen jetzt Tickets kaufen für deine Aufführung, weil halt nackt war so ein, wir nennen es dann Alarmwort. Wie oft stehst du auf der Bühne aktuell? Und wo?

André: Ich stand gerade in Amstetten auf der Bühne und habe Footloose gespielt, 18 Mal, und als nächstes ist es Full Monty, ganz oder gar nicht, ein Stripper-Musical. Halb nackt, stimmt. Also das ist tatsächlich, also in Linz ist das das erste Mal, von Ende November bis Anfang Februar, und tatsächlich ist das ganz oft so, also ich bin schon ziemlich oft relativ leicht bekleidet auf der Bühne, wenn ich nicht gerade Kindertheater spiele.

Miriam: Dann nicht. Das ist beruhigend für alle Mamas und Papas da draußen. Ihr dürft also, wenn André Kinderstücke spielt, gerne mit euren Kindern in die Aufführung gehen.

Der Augenblick Ruhe: Warm-up, Atem und das schwarze Buch

Miriam: Wenn du Anspannungsaugenblicke hast und du hast eben kurz geschildert, dass es dieses Lampenfieber bei dir auch noch gibt. Wie sorgst du dann dafür, dass es das richtige Maß an Entspannung gibt?

André: Also erstmal gibt es unterschiedliche Energien, beginnen unterschiedlich, also Rollen haben unterschiedliche Energien. Das bedeutet, ich habe einmal zum Beispiel ein Kind gespielt, das todkrank ist und im Prolog stirbt. Und jetzt ist das Problem das gewesen, dass ich natürlich, also ich bin ein sehr freudvoller Mensch und freue mich sehr oft, wenn ich dann auf die Bühne darf. Und jetzt hatten wir so einen ersten Durchlauf von diesem Prolog, das waren so vier Szenen aneinandergereiht und ich habe den gespielt voller Freude einfach. Und dann meinte der Regisseur so, ich habe mich total gut gefühlt, weil ich habe durfte spielen, meinte so, ja, gut, also vielleicht lacht so ein totes Kind nicht so viel. Ach scheiße, ja stimmt, da war was.

André: Und dann war da zum Beispiel der Schlüssel für zu sagen, okay, ich gehe fünf Minuten bevor die Show beginnt oder zehn Minuten bevor die Show beginnt, habe ich mich in dieses Requisit, also dieses Bett gelegt, was auf der Bühne stand und war da ganz allein und habe wirklich geschlafen. Ich habe zehn Minuten vor jeder Vorstellung einfach so die Augen zugemacht, um in so eine Nuller-Energie-Position zu kommen. Ich habe überlegt, was ist so eine Energie, die jetzt nicht irgendwie erzwungen negativ ist, sondern einfach so neutral, weil ich glaube, das ist ja, was ich da irgendwie erreichen wollte und das war da irgendwie der Schlüssel, um dann so einfach frisch zu sein und so aus deinem Schlaf zu kommen.

André: Und manchmal ist es auch, muss man sich aufpushen und das hat viel damit zu tun, das körperliche Warm-up zu machen und sich zu fokussieren, also ich atme, Atemübungen, das ist einfach bewusstes Einatmen und Ausatmen zum Beispiel, das ein paar Mal zu machen, bedeutet schon zur Ruhe zu kommen, sich zu fokussieren, gut zu wissen, was passiert, also diese erste Szene mal kurz im Kopf durchzuspielen, wo komme ich her, wo gehe ich hin, das ist total wichtig und dann weiß ich schon, wo muss ich jetzt gerade hin und bin irgendwie bei mir. Und wenn ich das noch mit dem Atem verbinde oder mit einer Körperlichkeit, also dass ich irgendwie einfach ein paar Sit-Ups mache oder sowas, um mich einfach den Körper auch warm zu kriegen, das hilft schon meistens. Aber es ist tatsächlich, für jede Rolle gibt es auch ein anderes Warm-up bei mir.

Miriam: Du unterrichtest auch junge und werdende Schauspieler im Augenblick in Österreich. Und zwar, du hast es mir gesagt, am Performing Center Austria. Das ist auch ein Musical, was dort gelehrt wird. Welche Tipps gibst du denen? Weil jetzt kommen wir, glaube ich, zu den Tipps, die auch unsere Hörer interessieren. Also ich weiß, da kommt jetzt dieser wichtige Augenblick. Auf der Bühne sind die ständig, dadurch, dass die Energien, das haben wir gerade gelernt, sich ja auch verändern, in längeren Rollen vermutlich öfter mal. Und wenn ich jetzt weiß, okay, jetzt gleich kommt dieses wichtige Meeting, ich habe meine Präsentation, ich habe ein bisschen wackelige Knie oder ich mache mir noch viele Gedanken, eben war noch viel los, da kam noch dieser Kollege, da kam noch jener oder es ist das wichtige Gespräch mit meinem Partner, vielleicht über Finanzen und wir haben beide keinen Bock drauf und ich rechne mit Struggle. Welche Tipps gibst du deinen Studenten, wenn die zu dir kommen und sagen, was mache ich denn dann?

André: Ruhe. Das Wichtigste ist, glaube ich, einmal so einen Moment zu haben von einatmen, ausatmen, was will ich da wirklich gerade, sich diesen Moment zu nehmen, sich nicht gehetzt zu fühlen, das jetzt tun zu müssen, sondern den Moment auf der Bühne, den Moment zu genießen, sich die Zeit zu nehmen und auch im wichtigen Gespräch auch mit der Familie zu sagen, okay, das darf jetzt seine Zeit brauchen, das darf jetzt seinen Raum haben und dieses Bewusstsein dafür zu bekommen, zu sagen, okay, das möchte ich, das sind meine Punkte und jetzt bringe ich die an. Und dann beginne ich und dann bin ich schon, glaube ich, ganz bei mir.

André: Also ich mache das viel mit, ich zum Beispiel muss mir das aufschreiben, bei Familiengesprächen habe ich wirklich immer so ein schwarzes Buch dabei, wo drin steht, das möchte ich, das sind meine Punkte, damit ich die einfach nicht vergesse im Gespräch, weil ja auch natürlich das Gegenüber Punkte anbringt, die mich dann aus dem Konzept bringen zum Beispiel und dann habe ich aber meine Punkte notiert und kann darauf trotzdem immer wieder eingehen und verliere nicht den roten Faden, was ich relativ wichtig finde. Also das ist für mich immer gut vorbereitet sein eigentlich.

Miriam: Also ein Augenblick Ruhe. Ich fasse nur noch mal zusammen. Ein Augenblick Ruhe ist wichtig. Den nimmst du dir auch, bevor der Vorhang sich öffnet, vor 800, 1000 Menschen, die dir zuschauen. Es ist wichtig, gut vorbereitet zu sein. Das ist im Fall von einem Bühnenauftritt eine andere Geschichte als Meeting oder Auftritt als Speaker oder eben die klassische Familienkonferenz. Da darf jeder Hörer selbst überlegen, wie bereite ich mich am besten vor, damit das Gespräch oder der Auftritt so rund wie möglich funktioniert. Bei Musical-Darstellern wird es auch mit Textsicherheit zu tun haben.

André: Absolut. Aber auch bei einer Rede, auch wenn ich vor der Familie spreche, einfach kurz zu wissen, was will ich jetzt sagen? Ich glaube, das bringt eine Souveränität rein und das bringt eine Ruhe rein. Und wenn ich ruhig und souverän rede, dann hört man mir erst mal zu. Wenn ich gleich anfange, weil ich selber total erregt bin über einen Zustand, dann fange ich meistens an, Schuldzuweisungen zu geben oder irgendwie so eine Emotionalität reinzubringen, die es schwierig macht, sachlich zu bleiben. Das ist natürlich schwierig, gerade wenn es um familiäre Situationen geht, da irgendwie zu sagen, okay, ich komme runter und ich versuche das relativ sachlich zu sehen, aber ich kenne es auch bei meiner Familie, dass es total hilft zu sagen, okay, ich nehme mich und mein Ego da jetzt mal raus und sage jetzt einfach nur mal ganz relativ sachlich, habe ich mir überlegt, was mich daran stört oder was mich damit beschäftigt, aber ich versuche keine Schuldzuweisungen zu treffen. Wie lösen wir das jetzt? Gemeinsam. Und dann ist schon jeder abgeholt und dann versucht man auch gemeinsam darüber zu reden. Aber wenn ich gleich ankomme und aus einer Unruhe heraus sage, das ist alles Kacke und so, dann fängt man sofort an, seinen Schritt zurückzugehen, glaube ich, als Zuhörer, als Familienmitglied, als Betreffendes.

Miriam: Da schwingt auch Sensibilität mit. Und was ich schön fand, war, als du vorhin gesagt hast, ich darf. Den Zustand zulassen. Also es ist okay, dass ich jetzt ein bisschen aufgeregt bin. Ich bin vorbereitet, ich weiß, was kommt. Und die Energie, die dadurch dann wieder entsteht, kann ich umwandeln in Fokussiertheit auf das Thema, auf meine Punkte, auf Sachlichkeit. Und ich glaube, dieser Augenblick Ruhe, dass ich mich sammle, so wie das eben so schön gesagt wird. Dass ich ganz bei mir und gesammelt in den Auftritt, das Gespräch. Siehst du bei anderen Kollegen von dir und bei dir diesen Augenblick, beobachtest du das, dass sich den jeder sehr unterschiedlich wählt?

André: Unbedingt. Es ist was total Persönliches.

Miriam: Wann findet der statt bei dir vor dem Auftritt? Zehn Minuten vorher? Fünf Minuten vorher?

André: Das ist wirklich unterschiedlich. In der Regel findet der genau 30 Sekunden vorher statt. Also wirklich, ich bin eigentlich jemand, ich komme ganz knapp vorher ins Theater, ich auch gerne aus dem Stress, also aus meinem Alltag und mache mich fertig, sage kurz Hallo und gehe jetzt auf die Bühne. Und dann gibt es so einen Moment von, okay, so geht es jetzt los. Das geht meistens bei mir relativ gut durch. Es gibt aber eben diese Momente, das ist immer dann, wenn die Figur sehr nah an mir dran ist, wenn es sehr nah an mir liegt und es meine gleiche Energie ist, die ich normalerweise eben auch habe. Wenn es jetzt aber eine Rolle ist, wie eben irgendein Mensch, der ganz anders ist, da waren diese 10 Minuten schlafen im Bett.

Miriam: Das ist dann eine längere Vorbereitung, ein längerer Augenblick von Ruhe. Es ist sehr spannend, weil als du gesagt hast, einen Augenblick Ruhe, hatte ich 15 Minuten im Kopf. Sofort. Du sagst 30 Sekunden. Ich kenne die 30 Sekunden bei mir auch, bevor die Sendung beginnt. Also es sind nochmal 30 Sekunden, da gucke ich keinen mehr an, da rede ich auch mit niemandem, da höre ich auch keinem mehr zu, da überlege ich mir meinen ersten Satz zum Beispiel.

André: Richtig, genau. Dann überprüfe ich nochmal kurz, wie geht es mir gerade. Also das ist total wichtig, weil ich spiele ja mit mir.

Sprache als Werkzeug: Kritik, Energien und Wahrnehmung

Miriam: In diesem Podcast geht es ja um die Magie der Sprache im weitesten Sinne mit ganz vielen unterschiedlichen Themen. Verwendest du oder benutzt du bewusst deine Sprache, wenn du dich selbst und andere in einen entspannteren Zustand bringen möchtest? Also kennst du diese Augenblicke im inneren Dialog, wo du deutlich auf die Bremse trittst? Kennst du die auf der Bühne? Wie finden die da statt, wenn du mit anderen arbeitest? Wo ist Sprache im Zentrum?

André: Sprache ist immer im Zentrum auf der Bühne, weil wir kommunizieren ja auch über die Sprache auf der Bühne, natürlich auch über die Körpersprache. Es gibt viele Kommunikationsmöglichkeiten, aber in der Arbeit ist es unbedingt über die Sprache. Als Lehrer zum Beispiel merke ich total, dass ich natürlich die Macht habe, eine Energie zu beeinflussen. Ich entscheide, oder ich habe den großen Einfluss darauf, wo ich die gerade hinbringen darf. Also ich muss natürlich immer erstmal, ich versuche wahrzunehmen, wo kommen die gerade her. Kommen die Schüler zum Beispiel gerade aus dem Tanzunterricht und sind schweißnass, stinken noch und wollen eigentlich nur jetzt irgendwie schlafen und dann sollen sie irgendwie Songs singen, dann ist das ja eine andere Energie, als wenn das das erste Unterrichtsfach ist, irgendwie morgens um 10 oder ist es abends 20 Uhr und sie sind schon total fertig. Das sind unterschiedliche Energien und dann darf ich die irgendwie abholen. Und das passiert mit Sprache.

André: Und es hat viel damit zu tun, dass manchmal eine Kritik, also wie sage ich Kritik zum Beispiel, ich hatte einmal den Moment, dass ich, was man ja nicht macht, gleich irgendwas Negatives sage. Und da konnte ich aber nicht anders und habe gemerkt in dem Moment, oh scheiße, jetzt sage ich eine Kritik und ich hoffe, dass das, ich weiß genau, ich würde mich jetzt total runtergezogen fühlen, wie kriege ich jetzt den Bogen wieder und habe dann, ich weiß auch gar nicht mehr wie, aber ich habe es irgendwie geschafft, dass ich dann eine Pause gemacht habe und gesagt habe, okay, das ist, was ich euch mitgeben wollte in diesem Moment, war ganz persönlich, bitte nehmt es nicht als, das ist nur meine Meinung, nehmt es nicht als Gott, der das sagt, sondern als André, der hier steht und einfach seine Meinung loslässt und jetzt mache ich eine Pause. In den 10 Minuten fangen wir an und dann hat jeder diese Meinung für sich verarbeitet. Und das ist auch total wichtig, dass man versteht, ich bin nicht Gott, meine Meinung ist nur meine Meinung und du darfst eine andere Meinung haben. Und dass man sich bewusst ist, jetzt habe ich gerade vielleicht das Falsche oder das war zu laut, jetzt atme ich mal kurz selber aus und versuche da irgendwie wieder zurückzukommen.

Miriam: Auch wieder Wahrnehmung, sensibel, die Schwingung. Du sprichst immer von Energien, die da stattfinden auf der Bühne, die wahrzunehmen. Und dann, das fand ich toll, zu gucken, wie kriege ich einen Turn an der Stelle? Wie nehme ich die Energie auf und bringe sie in eine andere Richtung? Superschön. Und dafür benutzt du Sprache. Ich habe dich selbst erlebt, schon als Trainer, als Coach hier bei uns, also bei der Musical-Produktion. Und ich finde es toll, mit welcher Ruhe in der Stimme du auch zum Teil auf die Bühne trittst, wo alle gerade am Ausatmen sind und selbst gemerkt haben, dass es vielleicht noch nicht so rund gelaufen ist. Ja, das ist sehr schön.

Wenn mittendrin etwas schiefgeht — und wie André privat entspannt

Miriam: Was ist denn auch bei den Profis im Musicalbereich spontane Situationen, die Struggle bringen und die dann einen Abgleich von Anspannung, Entspannung auf der Bühne in Sekundenschnelle erfordern? Ich meine damit jetzt nicht den Augenblick vor dem Auftritt, wo ich weiß, jetzt wird es wichtig, sondern mittendrin passiert irgendwas Unvorhergesehenes.

André: Immer, ständig, weil keine Show ist gleich. Also es ist immer etwas anderes. Und ob es ein Kollege ist, der den Auftritt verpasst oder ich es selber bin, weil ich irgendwie etwas vergessen habe und dann 15 Sekunden zu spät auf die Bühne komme, 15 Sekunden auf der Bühne, das ist wie eine gefühlte Ewigkeit. Und das macht natürlich etwas. Dann ist so eine Spannung auf der Bühne, die sich auf einmal wieder entlädt, weil, oh Gott, er ist doch da, er ist doch nicht gestorben, er ist doch nicht umgefallen, sondern er hat nur seinen Hut vergessen. Oder ich habe einen Text vergessen, das macht sofort etwas und das merkt auch der Zuschauer, weil sofort ändert sich so eine, es macht so einen Schnipper, es legt sich ein Schalter um, weil es passiert ja nur dann, weil ich einmal kurz unaufmerksam war. Also meistens passieren diese Sachen deshalb, weil ich einmal kurz irgendwo anders war. Das muss nicht sein, dass ich jetzt gar nicht in der Rolle war, sondern ich habe irgendwie über was nachgedacht und habe dann einen Einsatz vergessen. Und dann bin ich auf einmal wieder wach. Und das macht natürlich, das ist verrückt, auf einmal die ganze Situation auf der Bühne. Und das passiert tatsächlich jedes Mal. Jedes Mal.

Miriam: Löst du das instinktiv, intuitiv? Oder passiert wirklich was in dir in dem Augenblick? Oder was Bewusstes?

André: Das ist mal so, mal so. Es kommt drauf an, wie groß es ist. Ist es ein kleiner Fauxpas, was ständig passiert, den man einfach als Profi überspielt? Ich behaupte einfach, das ist immer so. Das gehört so. Ich habe mal kurz einen Anschluss vergessen. Aber wenn jetzt wirklich ein großes Ding passiert, also wie ich stolpere, ich falle oder mir fällt was aus dem Mund oder so, dann benutze ich das natürlich und entscheide mich bewusst, das jetzt zu benutzen. Also zum Beispiel den Kaugummi wieder aufzuheben und wieder in den Mund zu nehmen oder ihn wegzuschnippen oder damit zu spielen, esse ich ihn jetzt, esse ich ihn jetzt nicht, der war ja auf dem Boden. Also das entscheide ich mich dann einfach relativ bewusst.

Miriam: Also ein vermeintlicher Fehler, der passiert, den nicht vertuschen wollen, sondern den aufgreifen und eben sagen, oh, jetzt habe ich geniest oder jetzt bin ich gestolpert. Und dann hat jemand ein Tempo.

André: Richtig, richtig, richtig. Immer dann, wie es passt.

Miriam: Können unsere Zuschauer sich da auf ihre Intuition verlassen?

André: Na, hoffentlich. Wünsche ich euch sehr.

Miriam: Wie sorgt dann der private André für Entspannung? Also mal weg von der Bühne, wenn du Freizeit hast. Ist dann Entspannung für dich ein Thema oder ist es eher, gib ihm voll auf die Fackel?

André: Oh, das ist total unterschiedlich. Für mich ist Entspannung kommt ja immer vor. Also ich brauche vor einer Vorstellung totale Entspannung. Also das ist total verrückt. Wenn ich abends spiele, schlafe ich den ganzen Tag eigentlich. Dann bin ich bis mittags im Bett und stehe dann mal irgendwann am Nachmittag auf und mache einen Spaziergang, gehe Mittagessen, gehe dann irgendwie nochmal kurz nach Hause, um dann ins Theater zu gehen. Also mein ganzer Tag dreht sich darum, um diese drei Stunden, vier Stunden Showzeit oder Theaterzeit dann voll Energie geben zu können. Weil das ist natürlich meistens, gerade im Musical sind das dann drei Stunden. Wirklich Schwitzen und Arbeit und Anstrengung, Leistungssport, konzentriert zu sein, körperlich fit zu sein, die Stimme fit zu sein. Das heißt, die Entspannung muss davor passieren. Also es gehört zum täglichen Leben dazu, einfach sich zu entspannen.

Miriam: Das heißt, du hast dann auch nicht ein schlechtes Gewissen, wenn du, so habe ich das jetzt verstanden, dann liegst du eben bis zwölf im Bett und schläfst die Stunden, die dein Körper will und die dir gut tun. Und ja, super Job, ich mag den.

André: Ja, geht immer nur dann, wenn es eben dann im Spielprozess ist. Wenn dann Proben sind, ist das schon anders. Also es ist wirklich unterschiedlich. Ich habe gelernt, im Studium auf meinen Körper zu hören. Nicht immer. Und natürlich entscheide ich mich auch mal dagegen, zu sagen, jetzt ist der müde, ich muss es trotzdem machen. Aber zu merken, ich bin jetzt krank oder ich werde krank. Ich entscheide mich jetzt, einen Tag zu Hause zu bleiben, mich krank zu melden, weil ich weiß, wenn ich jetzt noch drei Tage probe, bin ich richtig krank, dann liege ich nicht einen Tag flach, sondern eine Woche. Das kratzt im Hals. Ich trage jetzt doch lieber einen Schal, obwohl es irgendwie draußen warm ist. Das sind diese Entscheidungen, die ich merke, weil ich weiß, ich habe eine Verantwortung. Ich habe die Verantwortung, dass da irgendwie 1000 Leute oder 800 Leute Eintritt zahlen für eine Vorstellung und natürlich irgendwie dich in Bestform sehen wollen und nicht irgendwie mit einem Kratzen in der Stimme oder dass du die ganze Zeit hustest. Und dann darf ich lernen, damit umzugehen, was da gerade passiert in meinem Körper.

Miriam: Sehr spannend. Also auch das Körperbewusstsein durchaus wieder schulen. Ich glaube, das kann jeder Mensch für sich tun, das nicht zu ignorieren. Auch das sorgt für Entspannung. Wo dürfen wir dich denn in der nächsten Zukunft sehen? Also wenn unsere Zuhörer sagen, Mensch, der André ist so sympathisch, ich würde den jetzt auch gern mal live auf der Bühne sehen. Hast du Empfehlungen für uns?

André: Und was danach kommt, darf ich noch nicht verraten.

Miriam: Es ist was Tolles, ich sag's nur schon mal. Es wird ganz fantastisch. Lieber André, vielen Dank, dass du uns ganz offen und mit ganzem Herzen berichtet hast aus deinem Alltag als Profi-Musical-Darsteller, aus deiner Sicht der Dinge zum Thema Entspannung und die vielen Tipps, die du uns gegeben hast. Großes, großes Dankeschön. Jeder Zuhörer mag aus diesen Tipps nehmen und greifen, was er möchte. Wenn du André erleben möchtest, dann über die Homepage, die schreibe ich auch zum Podcast nochmal dazu, damit der Name richtig eingetippt wird und damit du den André findest. Und damit sage ich Tschüss, vielen Dank fürs Anhören. Ich freue mich auf dich in der nächsten Woche, immer dienstags, Miriam podcasten. Lieber André, Tschüss. Tschüss.

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