"Ich muss zum Zahnarzt." "Ich muss noch die Wäsche zusammenlegen." Klingt harmlos — und steckt doch voller Zwang. Miriam und Florian nehmen ein winziges Wort auseinander, das du vermutlich dutzendfach am Tag benutzt, ohne es zu merken. Was passiert, wenn du "muss" konsequent gegen "darf" tauschst? Miriam erzählt von leeren Unterhosen-Schubladen, explodierenden Telefonleitungen im Verkaufsfernsehen und einem Kind, das plötzlich freiwillig die Spülmaschine ausräumen will.
Warum wir uns überhaupt mit diesem Mini-Wort befassen
Miriam: Willkommen bei kontext*denken.
Miriam: Zwei Gehirne, ein Podcast.
Miriam: Mit den Themen, die das Leben so schreibt.
Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Miriam: Also für uns ist das voll das olle Thema heute.
Florian: Ja, dann lass es uns doch einfach nicht machen. Wir müssen das doch nicht machen. Doch, wir müssen. Was? Wieso denn?
Miriam: Ja, weil wir haben es noch nie so in der Ausgiebigkeit gemacht, die das Thema verdient hat. Ein Podcast meinst du jetzt? Oder wie?
Florian: Wir machen das in jedem NLP Basic.
Miriam: Ja, das stimmt und manche Leute waren noch nicht bei uns im NLP Basic.
Florian: Muss das heute sein?
Miriam: Es ist ein sprachlicher Zauber, der Unfassbares vermag und er ist, ja, ich denke, wir müssen.
Florian: Okay, dann los geht's. Was ist denn das Thema heute, Miri?
Miriam: Müssen kann Spuren von Dürfen enthalten. Was? Nein, andersrum. Dürfen kann Spuren von Müssen enthalten. Ja. Ja. Was meinen die denn damit? Wenn ich was muss, dann muss ich es doch.
Florian: Also viele Leute sagen, das ist ja den ganzen Tag.
Miriam: Ich muss auf Toilette, ich muss noch den Vertrag unterzeichnen, ich muss zum Zahnarzt, ich muss noch aufräumen, ich muss noch einkaufen gehen.
Florian: Ich muss noch kochen.
Miriam: Ja, ich muss die Masken waschen. Muss, muss, muss. Und jetzt ist dieses Wort muss auf der einen Seite im NLP, gehört es zu einer spezifischen Gruppe von Wörtern. Diese Gruppe haben wir tatsächlich auch schon mal in einer älteren Folge erklärt, als wir uns um das Meta-Modell der Sprache gekümmert haben.
Florian: Das war eine der Grundtechniken im NLP.
Miriam: Und auf der anderen Seite ist es eins dieser Worte, das in allen Sprachen der Welt existiert und das, so wie ich das betrachte und mit diesem Wort, mit diesem Schatz von Wort, werde ich tatsächlich auch zu Vorträgen gebeten und so. Also das ist ein ganz spannendes sprachliches Thema, denn klar, wenn wir jetzt mal so unter uns in diesem Podcast darüber nachdenken, was das macht, dieses Wort, du musst, ich muss, da ist uns alles schon klar, da setzen wir uns verbal ganz schön unter Druck und andere auch.
Florian: Wir zwingen uns dazu, irgendwas zu tun.
Miriam: Ja, wenn wir uns wenigstens zwingen würden.
Florian: Also wenn ich sage, ich muss, dann zwinge ich mich selber. Wenn ich sage, du musst.
Miriam: Da sind wir jetzt nämlich der Sache schon auf dem Grund, weil wenn du nämlich sagst, ich muss, dann bedeutet das nicht zwangsläufig, dass du dich zwingst, sondern dass es irgendetwas gibt, was dich zwingt. Du musst, du kannst nicht anders. Das Universum. Vielleicht ein pathologischer Zwang, so ein Waschzwang oder ein Toilettenzwang, was weiß ich. Also auf jeden Fall ist es ein Zwang. Und es ist nicht etwas, was du beeinflussen kannst, wenn du muss behauptest. Dann ist es außerhalb des Bereichs, auf den du Einfluss hast.
Florian: Wenn du von dir behauptest, dass du musst. Das, was da drin fehlt, ist die Wahl. Also ich habe so in der Formulierung drin, so wie viele Menschen eben muss verwenden, klingt so, als hätten sie keine Wahl, es nicht zu tun.
Zahnarzt, Steuererklärung, Schule: Muss ich das wirklich?
Miriam: Ja, genau. Jetzt würden manche ja auch sagen, ja, was soll ich denn machen, wenn der Zahn wehtut? Ja, das ist genau die Stelle, über die wir sprechen möchten mit dir.
Florian: Zum Veterinär gehen oder so. Was? Ja, also kann ja viele verschiedene Ärzte rausnehmen.
Miriam: Früher gab es diese Quacksalber. Quacksalber, genau.
Florian: Deswegen kam ich auch auf die Idee, so ziehen lassen, auch wie bei Michel aus Lönneberg.
Miriam: Oh, das ist so lustig, ey, mit der Kuh. Das ist die Folge. Wie heißt die denn? Lina heißt die, glaube ich, ne? Das Hausmädchen. Seine kleine Feste. Nein, das ist doch die Hausmarkt.
Florian: Es gibt es auch noch mit seiner Schwester. Doch, wo auch ein Wackelzahn rausgezogen wird.
Miriam: Nee, das wird dann später so gezogen. Die Folge bei Michel ist mit Lina und die wird an die Kuh gebunden und die wird an die Hausklinke gebunden und die wird aufs Dach gestellt mit einem Faden im Mund und soll runterspringen ins Heu. Nur da reißt immer der Faden. Ja, also auf jeden Fall, bevor wir uns jetzt weiter hier mischeln aus Lönneberger. Wenn jemand sagt, dass er oder sie zum Zahnarzt muss und wir nehmen das mal ganz wortwörtlich. Ist das tatsächlich gelogen? Denn in Deutschland gibt es keine Zahnarzt-Geheimpolizei, die vor der Tür steht und dann sagt, so, hier jetzt, wir haben gehört und gelesen auf deinem Handy, getrackt, dass du einen Zahn hast. Der muss jetzt behandelt werden, wenn du jetzt nicht sofort deine Hufe zum Zahnarzt schwingst.
Florian: Es gibt schon viele... Mein Wort wäre jetzt fast schon Einladungen dafür, das zu tun. Also die eigenen Zahnschmerzen vielleicht oder die Krankenkasse, die irgendwelche Boni verteilt.
Miriam: Manche Menschen halten es auch mit einem wehen Zahn ganz schön lang zu Hause aus, bis sie dann gehen. Das heißt, es zwingt sie zumindest von außen keiner. So und jetzt haben wir in Deutschland auch noch die Möglichkeit uns zwischen vielen, vielen, vielen Zahnärzten da draußen zu entscheiden, weil wir haben ja welche zur Auswahl. Also es gibt lustige, es gibt nicht so lustige, es gibt welche mit bunten Zimmern und wo es nicht so komisch riecht und also wir haben ganz viel Wahl an dieser Stelle. Und letztlich auch immer die Wahl, ob wir nun gehen oder nicht. Das Problem an der Sache ist, das Ding hat Konsequenzen.
Florian: Also die Entscheidung... Ja, ich möchte halt nicht, dass es meinem Zahn schlecht geht.
Miriam: So, genau. Das heißt, die Konsequenz von einem wehenden Zahn ist ja, es wird noch schlimmer oder vielleicht fällt er raus oder was auch immer da passieren kann. Nur, ich könnte das auch abwarten. Es zwingt mich niemand. De facto muss ich gar nicht zum Zahnarzt. Es ist nicht schön, nur die Konsequenzen gibt es. Und dann entscheide ich mich in Wahrheit, dass es besser ist, zum Zahnarzt zu gehen. Vielleicht ist es für manche so ätzend, das zu tun, dass sie sich dann lieber zwingen wollen, sprachlich.
Florian: Das kann ja sein.
Miriam: Also erst mal ein paar Schritte zurück. Wir lernen ja als Kinder sprachlich dieses Wort muss schon sehr, sehr, sehr früh. Also wir lernen es schon als Babys, wenn wir selbst noch gar nicht sprechen können, dass unsere Eltern was müssen und dass wir was müssen. Und das Wort ist tief, tief in unserem Sprachschatz implementiert. Und die Wahrheit ist, wenn wir es einfach sprachwissenschaftlich, wenn wir es linguistisch betrachten, es ist völliger Humbug. Wir müssen nichts... Menschen wie ich würden vielleicht eine einzige Sache unterschreiben, die wir in diesem Leben müssen. Und das ist irgendwann zurück auf die Wolke springen, von der wir gekommen sind. Hoffentlich mit einem dreckigen Witz auf den Lippen. Da würden jetzt Leute wie Florian sagen, nein, das ändert sich, Energie wandelt sich nur in andere Energie um. Machst du das normalerweise in den Seminaren, dass du das auf mich rahmst, oder was? Es gibt Menschen, die von sich behaupten, dass sie noch nicht mal sterben müssen. Wirklich, Gläubige. Und das ist ja super. Die müssen doch nicht mal das. Die haben gar kein Muss in ihrem Leben. Nur, es wird uns eben so verkauft, als müssten wir. Und wir sind drauf gedrillt und erzogen, dass wir Dinge tun müssen. Weil irgendeiner sagt, dass wir es müssen. Und solange Menschen glauben, dass sie was müssen, tun sie es vermutlich auch. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß. Steuererklärung. Ja, wir haben so einen Steuererklärungsfall. Wir müssen, laut deutscher Gesetzesgebung, müssen alle Menschen in Deutschland eine Steuererklärung abgeben. Nicht alle. Manche nicht. So, da haben wir schon auch so, es müssen nicht alle. Manche dürfen.
Florian: Manche dürfen.
Miriam: Wenn sie wollen.
Florian: Wenn sie wollen.
Miriam: Genau.
Florian: Und andere, die... Privatpersonen ist das einfacher.
Miriam: Die glauben, dass sie müssten, ja, oder die glauben, dass sie müssen, die haben ja dann ein... Jetzt hast du mich rausgebracht mit deinen Privatpersonen. Also.
Florian: Ja, es ist halt so. Es ist nicht so, dass alle immer müssen.
Miriam: Nee, nur die Menschen sagen, dass sie es müssen.
Florian: Wenn jetzt ein Geschäftsführer von einem Betrieb sich darüber hinwechselt.
Miriam: Ja, wenn jetzt ein Geschäftsführer von einem Betrieb, jetzt nehmen wir mal den, der muss, meine Güte, wo wir sagen würden, der muss laut Gesetzgeber.
Florian: Und dann bist du wieder bei deinen Konsequenzen gleich. Ja. Da geht halt einer in Knast und der Betrieb wird zugemacht, im schlimmsten Fall.
Miriam: Ja, im schlimmsten Fall ist das die Konsequenz.
Florian: Oder zahlt Strafe oder was auch immer.
Miriam: Darf ich mir halt als Geschäftsführer darüber klar sein, oder?
Florian: Wenn ich in Deutschland eine Firma aufmache. Es gibt bestimmte Regeln in Deutschland. Wenn wir in Deutschland eine Firma aufmachen, dürfen wir uns an bestimmte Dinge halten. Zum Beispiel die Grundsätze ordentlicher Buchführung. Und dürfen mit irgendeinem Finanzamt kooperieren hier. So ist das halt.
Miriam: Das meine ich ja. So. Da ist ja schon die erste Entscheidung, mache ich dann wirklich in Deutschland eine Firma auf und wir kennen Menschen, die das dann verweigern und sagen, ich mache meine Firma woanders auf. Lieber Malta oder Zypern.
Florian: Ich habe Trainerkollegen, die in Hongkong ihre Trainingsfirma haben.
Miriam: Ja, die haben dort ihre Firma angemeldet, weil die sagen, ich habe auf den ganzen Kram in Deutschland keinen Bock. Das heißt, niemand muss. Wer sich dafür entscheidet, so wie wir ja auch, in Deutschland das Unternehmen zu haben, der weiß, ich mache dann eben einmal im Jahr oder irgendwie eine Steuererklärung oder fünfmal im Jahr oder wie auch immer das getaktet ist.
Florian: Wie auch immer sowas geht, genau.
Miriam: Ja, nur das Muss ist in Wahrheit gelogen, weil selbst das könnte ich ja verweigern, dann habe ich halt echt Konsequenzen zu tragen in Deutschland. Also ich könnte mich gegen all das sträuben dann trotzdem.
Florian: Du musst die Kinder auch in die Schule schicken.
Miriam: Ich muss die in die Schule schicken, ich kann es lassen, irgendwann steht die Polizei bei uns vor der Tür.
Florian: Und dann werden die Kinder enteignet.
Miriam: Nicht wirklich. Also wir kennen auch da tatsächlich Ausnahmen, wo Menschen es geschafft haben, ihre Kinder zu Hause zu beschulen oder eben ganz alternative. Jetzt eine Trainerin in Deutschland hat eine eigene Schule gegründet. Nena, die Popsängerin, hat auch eine eigene Schule gegründet. Das geht in Deutschland.
Florian: Das ist aber schon sehr anstrengend.
Miriam: Das ist sehr anstrengend.
Florian: Da ist es schon viel einfacher zu Hause zu sitzen und zu sagen, ich muss die Kinder jetzt in die Schule schicken.
Miriam: Ja, muss nicht. Du kannst dich dafür entscheiden, ja. Uns ist vielleicht der einfachere Weg. Also es ist zumindest ein Vorgehen.
Florian: Jetzt selber eine Schule bauen.
Miriam: Ich will auch mit diesem Podcast jetzt nicht so ständig Revolte aufrufen. Es geht mir nur um das Wort muss. Du bringst mich hier gerade in echt schräges Fahrwasser. Unsere Kinder gehen auch ganz normal zur Schule. Also lass mal die Kirche im Dorf. Wenn wir es darauf ankommen lassen wollen würden. Und dann wäre es doch verkehrt, den Kindern beizubringen, dass sie das müssen. Nur was sagen wir denn dann stattdessen?
Florian: Gehen in die Schule.
Miriam: Richtig. Wenn wir nicht mehr müssen wollen.
Florian: Ja, also bei der Schule ist es, finde ich, relativ einfach. Also das ist ja tatsächlich morgens aufstehen und dann in die Schule gehen. Da ist die Entscheidung ja schon getroffen, oder?
Miriam: Ich weiß nicht, ob Kinder wirklich diese Entscheidung treffen. Den meisten wird es so ein bisschen schmackhaft gemacht im letzten Kindergartenjahr.
Florian: Jetzt kommst du in die Schule. Und wie gut funktioniert das so?
Miriam: Funktioniert so die ersten zwei Jahre vielleicht.
Florian: Und was machen wir dann sprachlich?
Miriam: Was ist unser einziger Weg raus? Wir erzählen denen dann, dass sie müssen. So wie wir uns selbst, wir uns Erwachsenen auch erzählen, dass wir müssen, dass wir bestimmte Dinge müssen.
Das Wäsche-Experiment und die leeren Schubladen
Miriam: Ich habe meinen Kindern so ein Kokolores erzählt, jetzt gehen wir mal weg von den Zahnärzten und den Steuererklärungen, dass ich Wäsche zusammenlegen muss. Wer bitte zwingt mich denn zum Wäsche zusammenlegen?
Florian: Dein eigener innerer Antrieb, Wäsche zusammengelegt haben zu wollen.
Miriam: Ach ja, willst du mich jetzt beeinflussen oder was?
Florian: Klar.
Miriam: Klar, ist ja schön, wenn es einer in einem Rudel macht.
Florian: Tatsächlich, ja.
Miriam: Ich weiß, in meinem Rudel wäre es auch allen egal. Das war übrigens die Stelle, wo ich am härtesten über dieses Muss irgendwann gestolpert bin. Weil als ich mir dann sprachlich Gedanken gemacht habe, über wie sehr ich Muss sage, und das ist gar nicht mal so sehr aus dem NLP übrigens diese Annahme, die ist sogar aus der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg angelehnt, habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich das jetzt am besten tun soll, wenn das Muss nicht das Mittel der Wahl ist und es vielleicht schönere sprachliche Wendungen gibt, sodass ich mich nicht mehr zu irgendwas gezwungen fühlen brauche und andere Menschen um mich herum auch nicht und das Leben vielleicht auch ohne Zwänge funktionieren kann. Das ist ja eine Vision, das klingt ja fast wie eine Utopie, dass wir Menschen ohne zu müssen leben könnten, dass wir freiwillig zum Zahnarzt gehen, weil wir es für vernünftig befinden und es sprachlich so ausdrücken, dass wir sagen, ich habe mich entschieden...
Florian: Die Steuererklärung machen, weil wir sagen, wir möchten in Deutschland innerhalb dieses Systems gerne leben, so wie es halt ist gerade.
Miriam: Ja, dass wir diese Entscheidung ganz bewusst treffen und nicht so tun, als würde uns irgendwas oder irgendwer dazu zwingen. Und bei dem Wäsche zusammenlegen, was ja wirklich jetzt so ein Minifurz ist, wo einige der Hörer vielleicht sagen, naja, ich finde es schon wichtig und andere sagen vielleicht, für mich ist es total unwichtig. Ich habe dieses Wort dafür benutzt, genauso wie ich es auch für Zahnarzt benutzt habe. Und dann irgendwann habe ich das Experiment gemacht für mich. Weil ich dachte, was passiert denn, wenn ich mich jetzt aus dem Zwang rausziehe? Wenn ich jetzt behaupte, ich muss das gar nicht. Ich kann das auch lassen. Ja, vielleicht macht es dann irgendein anderer. Und dann habe ich Wäsche einfach nur noch getrocknet und in Körben überall rumstehen lassen. Also in großen Wäschekörben. Die standen dann halt überall im Haus rum. Und dann habe ich gedacht, sie merken es spätestens dann, wenn die Socken und die Unterhosen-Schublade, wenn die leer sind. Dann merkt es mein Rudel ja. Dann bin ich mal gespannt. Und es kam der Morgen. Es kam der Morgen. Überall standen Wäschekörbe mit bunten Sachen drin, durchmischt. Ich saß alleine am Esstisch und ich wusste, alle Schubladen sind leer. Und der Erste, der es gemerkt hat, war mein wundervoller Traummann. Sagt auch was. Sagt, es sind gar keine Unterhosen mehr in der Schublade. Sag ich, es stimmt. Sagt er, wo sind die denn? Sag ich, sind alle gewaschen hier in den Körben. Und dann kam kein Vorwurf, es kam kein irgendwas, sondern der ging einfach wortlos zu einem dieser Wäschekörbe und fing an da drin rumzuwühlen, bis er eine Unterhose gefunden hatte. Die zog er sich an und dann zog er sich seinen Anzug an und dann ging er zur Arbeit. Und ich saß weiter an meinem Küchentisch.
Florian: So geht das nicht.
Miriam: Das kann doch nicht sein jetzt. Genauso bei den Kindern auch. Die hatten dann unterschiedlich farbige Socken an, nur sie hatten welche an. Und sie hatten sie sich eben selbst aus diesen Körben gezogen. Scheinbar war ich die Einzige. In diesem ganzen Rudel, dem es überhaupt irgendwas wert war, Wäsche zusammenzulegen.
Florian: Ne, ich finde, einen gewissen Grundwert hat es auch schon. Die Frage ist, übersteigt dieser Grundwert die Aufgabe? Achso. Ich habe früher tatsächlich, bevor Miriam und ich zusammengezogen sind, und hier haben wir eine andere Schrank-Situation, ich hatte einfach meine ganzen T-Shirts auf Bügeln hängen. Das ist einfacher, finde ich. Ja.
Miriam: Genau, jetzt haben wir nicht so viel Platz im Schrank, um noch mehr Bügel aufzuhängen.
Florian: Um noch mehr Bügel aufzuhängen, weil ansonsten, dann ist das sozusagen, dann ist das Zusammenlegen schon erledigt.
Miriam: Wir haben Legefächer. Nur Unterhosen und Socken waren ja auch irgendwo untergebracht.
Florian: In der Schublade.
Miriam: Ja. Und dann hast du dafür, hast du die Wäsche sortiert, irgendwie.
Florian: Vorher. Klar.
Miriam: Hab ich nie gesehen, nur mag sein. Also kann ich jetzt nicht mehr nachvollziehen. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall hat es niemanden gestört, dass bei uns in der Wohnung die Schublade leer war. Also darauf will ich ja raus. Ich hab ja gedacht, es gibt voll den Aufschrei.
Florian: Dass du deinen Job nicht gemacht hast.
Miriam: Ja, oder dass irgendjemand anders sich jetzt wutschnaubend hinstellt und Unterhosen zusammenlegt und Socken sortiert.
Florian: Und bügelt. Socken bügelt.
Miriam: Niemand, wirklich. Es gab noch nicht mal ein Widerwort. Es gab nichts. Es gab einen Kuss zum Abschied. Das war alles. Und das hat mich sehr gewundert. Das war so das erste aufrüttelnde Erlebnis, als ich feststellte, dass es offensichtlich ich diejenige bin, die den größten Wert darin sieht, dass T-Shirts zusammengelegt im Schrank liegen und Unterhosen in der Schublade sind. Und das war nicht nur der erste Schritt, sondern als ich dann auch mal mit einem Kommunikationstrainer darüber sprach und da war ich noch ganz am Anfang, da hatte ich noch gar keine NLP-Ausbildung. Der mir empfahl, das Wort muss mal eine Zeit lang wenigstens experimentell gegen das Wort darf auszutauschen. Da hat sich in mir erstmal alles geweigert, weil darf hat für mich eine völlig andere Konnotation als muss.
Florian: Da ist natürlich eine Freiwilligkeit drin.
Miriam: Da ist Freiwilligkeit drin, genau. Und auch was Nettes. Guck mal, Kinder dürfen länger aufbleiben, dürfen sich verabreden, dürfen noch was naschen und Spülmaschine ausräumen.
Florian: Da sind Rechte im Raum, die genutzt werden können. Fühlt sich nicht so nach Dürfen an. Nicht Pflichten, sondern wir reden dann plötzlich über Rechte, die es gibt.
Miriam: Ich hab das Recht, die Spülmaschine einzuräumen? Bäh, das ist ja. Das ist ja verarscht.
Vom Fernsehkaufhaus zum Küchentisch: Die Vier-Wochen-Challenge
Miriam: Ich habe dadurch, dass ich sprachlich großes Interesse habe, habe ich einfach die Idee gehabt, ich will mal wissen, was das mit mir macht, was das mit anderen macht. Und ich wollte ja meine Kommunikation verbessern im Sinne von mehr Erfolg. Also vor allen Dingen damals auch im Verkauf. Ich war ja damals noch im Fernsehkaufhaus, fünf Tage die Woche, drei Stunden live jeden Tag. Und da hatte ich da so einen Zug drin.
Florian: Wenn sie jetzt noch was haben wollen, das ist doch das Klassische, oder? Wenn sie jetzt noch ein Exemplar haben wollen, dann müssen sie zum Hörer greifen. Oh, da ist unfassbar viel Muss drin.
Miriam: Also auch wenn du heute Kollegen zuhörst, du hast ganz viel Muss in der Sprache. Unsere Kunden müssen das jetzt bestellen, sonst ist es weg, fertig. Das muss doch jeder haben, sowas Tolles. Das ist auch ein Muss, das ist auch ein Zwang. Sondern wusste ich nicht, ob Verkaufen funktioniert, wenn ich das Muss raus, wenn ich die Leute nicht mehr zwinge, was zu kaufen. Und die ersten Erfahrungen mit dem Muss, weil ich ja dann eine Vier-Wochen-Challenge für mich ausgerufen habe und habe gesagt, vier Wochen lang mache ich jetzt kein Muss mehr, sondern nur noch darf, was eh schon eine Herausforderung war am Anfang. Das erstmal zu bemerken, an welchen Stellen ich, an wie vielen Stellen ich Muss gesagt habe damals. So, und dann saßen wir, weiß ich nicht, noch abends am Brottisch und die Kinder und ich waren alleine und dann war Essen fertig und der Kleine sagte, liest du uns noch was vor? Und der Große, darf ich noch Lego spielen? Also, ich muss, ey, stopp. Ich darf jetzt, und das fühlte sich wirklich nicht so an, ich darf jetzt erst noch den Tisch abräumen, die Spülmaschine, und dann lese ich was vor. Und nach dem Darf sprang der Große auf, der war da so sechs, und sagte, darf ich helfen? Und ich so, äh. Weil das war vorher noch nie passiert. Das war eine Reaktion, die bei diesem Kind aus dem Rückenmark kam. Es war völlig irrsinnig, weil Darf eben bei Kindern so positiv besetzt ist. Und wenn die Mama die Spülmaschine einräumt, Darf scheint es was richtig Cooles zu sein. Sowas wie Naschen oder länger aufbleiben oder noch einen Film gucken. Das ist bis heute jetzt, das hat sich dann schon nivelliert. Also der hat das dann tüchtig mit durchgezogen. Es ist nicht zu seinem Haupthobby geworden. Ist auch nicht so, dass er das heute sehr freiwillig tut. Nur da war das so eine Reaktion, die kam aus vollständigem Unterbewusstsein. Da habe ich gedacht, boah, das macht was. Nächste Situation. Ich habe immer zu den Kindern gesagt, die Mama muss jetzt zur Arbeit. Das hat bei dem Kleinen dazu geführt, dass er angefangen hat zu heulen und der Große hat sowas gesagt wie, du gehst ganz schön viel arbeiten. Und dann saß ich heulend im Auto. Weil ich dieses Rabenmutter-Programm gefahren habe. Ich bin nie ohne diese Eskalation aus dem Haus. So, jetzt liefen diese vier Wochen Challenge. Meine Kinder waren im Kinderzimmer. Ich habe dann zu den Kindern, stand vor der Tür, habe mich gesammelt, bin rein und sage, so, die Mama darf jetzt zur Arbeit. Da drehte sich der Kleine um von seinem Lego-Haufen, guckte mich an und sagt, tschüss. Und der Große meinte, was verkaufst du denn heute? Dann sage ich, Schuhe. Dann sagt er, viel Spaß. Und so bin ich aus dem Haus. Das war seit Jahren das erste Mal, dass ich deeskaliert aus diesem Haus gegangen bin. Dass keins geheult hat und keins Vorwürfe gemacht hat. Und dann saß ich im Auto und hab angefangen an Wunder in der Sprache zu glauben. Da konnte ich noch kein NLP, ein Wort verändern.
Florian: Ich hätte gedacht, dass das jetzt ganz gruselig ist, weil plötzlich irgendwie...
Miriam: Ja, das kam noch dazu. Also, dass keiner mich mehr vermisst hat oder so. Das war nur ein ganz kurzes Gefühl. Das Hauptgefühl war, krass, also da geht was. Und jetzt fuhr ich ja zur Arbeit und das nächste Experiment stand an, nämlich beim Verkaufen auch dürfen statt müssen zu sagen. Also war meine erste Ansage in der Sendung, die klassischerweise kam, oh, jetzt haben wir hier nur noch drei von den Cremetöpfen, wenn Sie so einen haben wollen, und früher hätte ich eben gesagt, dann müssen Sie jetzt unsere kostenlose Telefonnummer wählen und schnell bestellen, sonst ist alles weg. So, und jetzt sage ich, wenn Sie noch einen von diesen Cremetöpfen haben wollen, dann dürfen Sie jetzt unsere kostenlose Telefonnummer wählen und schnell bestellen, weil wir haben nur noch drei. Und die Leitungen explodierten. Und dann dachte ich, wow, das ist ja krass. In diesem Dürfen steckt ein unfassbarer Zauber, weil es eine sanfte Maßnahme ist, sich etwas zu gestatten, sich etwas zu gönnen, sich etwas zu erlauben. Ich habe den Kunden erlaubt, dass sie bei uns kaufen. Die Kunden haben sich selbst erlaubt, sich etwas zu gönnen, etwas zu bestellen. Wir hatten plötzlich eine ganz andere sprachliche Interaktion. Und das funktioniert in allen Bereichen. Jetzt bin ich natürlich, dachte ich, da in diesem Fernsehkaufhaus von lauter Sprachexperten umgeben. Also Leute, die sich Tag ein, Tag aus...
Florian: Wie viele von denen haben es denn jetzt gemerkt? Also das ist ja dann die Frage, ne?
Miriam: Ja genau, weil ich ja zu allem nur noch darf gesagt habe.
Florian: Oh, jetzt plötzlich merkt einer auf und sagt, ich habe jetzt mal mitgetrackt, du hast 27 mal darf gesagt und überhaupt kein müssen mehr.
Miriam: Das wäre meine Annahme gewesen, dass das irgendwann kommt. Ich habe Wochen gewartet. Und wer war es? Niemand. Ich habe Wochen gewartet, dass irgendeiner das bemerkt. Ich habe es ja voll durchgezogen. Ich habe auch gesagt, ich darf jetzt aufs Klo. Habe ich mitten so in den Raum reingesagt. Oder ich darf jetzt in die Maske. Zum Schminken. Niemand hat es gemerkt. Verrückt war, dass nach zwei Wochen oder so, kam ein Kollege zu mir und meinte, ich habe ein Band von dir gesehen, du hast ja super verkauft. Da sage ich, ja danke. Da sagt er, meditierst du? Und ich so, nee. Und das war die einzige Reaktion. Also Menschen haben das entspannter rüber. Das nicht mehr dieses Muss, Muss, Muss, Muss.
Florian: Kein Zwangsverkauf.
Miriam: Kein Zwangsverkauf, sondern ein darf, darf, darf. Jetzt natürlich die Frage, also für mich war klar zu dem Zeitpunkt, meine Umsätze gingen in die Höhe. Ich hatte ein viel besseres Feedback auf Social Media von unseren Zuschauern plötzlich. Für mich war klar, ich behalte es bei. Selbst wenn es einer gemerkt hätte, wäre es mir egal gewesen, weil es funktionierte so wunderbar, es funktionierte in der Familie.
Florian: Uns haben ja viele bei uns schon Zaubersprache eben gemacht.
Miriam: Viele haben bei uns Zaubersprache gemacht, probieren das selbst aus, sind völlig begeistert. Es hat auch mich entspannt, morgens zu den Kindern nicht mehr zu sagen, wir müssen uns beeilen, wir sind zu spät dran, sondern wir dürfen uns jetzt ein bisschen beeilen und die haben sich trotzdem beeilt.
Wie du selbst startest: Vom Muss zum Darf — und weiter
Florian: Was ist denn da, also das dürfen fühlt sich ja für manche Menschen, also jetzt werden wir jetzt mal so ein, was ist denn der Tipp, falls jemand das zum ersten Mal jetzt hört? Fangen wir vielleicht da an.
Miriam: Wenn der Tipp, also der Tipp wäre, wenn du das Experiment machen wollen würdest und diese Art von Zaubersprache benutzen willst, dann empfehlen wir dir auch so einen Abstand von zwei oder vier Wochen zu wählen.
Florian: Also einen, der sinnvoll ist vom Umfang her und das kannst du ja für dich mal rausfinden. Was denkst du denn, wie lange du brauchst, um wirklich beurteilen zu können für dich? Ergibt es Sinn, ergibt es keinen Sinn, bis du die Auswirkungen davon tatsächlich spürst?
Miriam: Genau. Und dann eben auch erstmal zu merken, wo sag ich überall muss und das auszutauschen kategorisch in ein darf. Wir machen da einen Platzhalter draus. Da kommen wir auch gleich nochmal aufs Meta-Modell zu sprechen. Das ist noch nicht die Profilösung, nur wir haben eben in unserer Sprache Gewohnheiten, Sprachmustergewohnheiten und wo bis jetzt ein muss war, ist jetzt ein darf.
Florian: Das heißt, ich würde sowas sagen, wenn es jetzt das erste wäre, würde ich wirklich sowas sagen wie, ich muss jetzt auf Toilette, oh, ich darf jetzt auf Toilette.
Miriam: Genau, also wir kommentieren uns ganz bewusst.
Florian: Mit Vollbremsung im Satz drin und umdrehen.
Miriam: Und umdrehen und sagen den Satz nochmal neu. Also wie wenn wir eben was Neues einstudieren.
Florian: Können wir das Versprechen abgeben, Miri, dass der Preis für den Podcast zurückgezahlt wird, falls es doch jemand merkt oder so?
Miriam: Ach na, also Florian, was willst du denn zurückbezahlen? Das ist eine kostenlose Serviceleistung. Die Leute lernen hier Sprachzaubertipps.
Florian: Also wir haben bisher die Erfahrung gemacht, dass es niemand merkt, dass niemand darauf aufmerksam wird. Oder höchstens dann irgendwie, also was wäre das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich mir das versuche auszumalen? Dann wäre es halt so ein, warum hast du nur jetzt gerade Darf gesagt? Ach, ich probiere da gerade was aus. Ja, oder, ups, ist mir gar nicht aufgefallen. Oder so.
Miriam: Also wir sagen ganz viel über den Tagelöcker. Grundsätzlich ist es, glaube ich, eher dieses eigene Überwinden, habe ich festgestellt, eben bei sowas wie Spülmaschine ausräumen, auch darf statt muss zu sagen, weil es fühlt sich nicht so an. Dann wäre ich ja unehrlich zu mir, weil ich habe ja vielleicht gar keinen Bock, die Spülmaschine ein- und auszuräumen. Es ist ja auch hier wieder eine Entscheidung. Ich mache das aus guten Gründen, dass ich die Spülmaschine ein- und ausräume. Und deswegen entscheide ich mich dafür, das zu machen.
Florian: Und was auch immer es für dich ist. Möglicherweise stellst du dir vor, wie toll die Küche aussieht oder möglicherweise stellst du dir vor …
Miriam: Was auch immer die Konsequenzen sind, ich entscheide mich ganz bewusst dafür, die Spülmaschine ein- und auszuräumen. Deswegen muss ich das nicht, sondern ich erlaube mir das und sage dann eben darf. Das heißt, ich drehe in meiner Sprache etwas tatsächlich Unfassbar krasses in etwas Sanfteres und habe dadurch einen ganz anderen Impact auf mich und auf die Menschen um mich herum. Und witzigerweise, spannenderweise, das sind ja die Erfahrungen, die du für dich dann mal machen darfst, funktionieren dann Dinge trotzdem. Also bringst du dich mit einem Darf dazu, die Spülmaschine ein- und auszuräumen? Werden deine Kinder sich beeilen, wenn es nicht muss, sondern darf ist? Das sind ja die Fragen, die ich mir gestellt habe.
Florian: Wir testen es auch an unseren beiden ehrlichsten Testsubjekten oder an denen, wo eben die Empfindung in der Sprache auch sehr nah an der Oberfläche noch ist. Am Wochenende hat auch unser Achtjähriger gesagt, er darf jetzt noch Klavierspielen üben. Und dann habe ich ihn mal angefrotzt und habe gemeint, nein, nein, du musst noch. Und dann hat er gemeint, das fühlt sich gar nicht so gut an, ich darf besser.
Miriam: Also die haben sich das natürlich so angewöhnt. Die spüren, dass sich das besser anfühlt.
Florian: Und es ist das gleiche Ergebnis.
Miriam: Richtig. Also der spielt eben einfach seine, keine Ahnung, Viertelstunde, 20 Minuten Klavier. Also bei uns, wie gesagt, das ist jetzt seit Jahren schon so und den allerallergrößten Impact habe ich auf die Entspannung von mir selbst im Umfeld festgestellt und tatsächlich auch meinen Umsätzen im Bereich Verkauf. Da hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich auch ohne Zwang und mit einer sehr sanften Sprachweise Menschen in Scharen dazu bringe, gerne einzukaufen und sich das eben zu gönnen, zu erlauben, zu gestatten. Jetzt haben wir trotzdem, und das ist sozusagen jetzt die, also gehen wir mal davon aus, du bist super schnell, du setzt das binnen weniger Tage um für dich, bemerkst dann vielleicht auch bei anderen, wie viel die glauben zu müssen, weil es krass ist. Und lass es unkommentiert, sondern hör es einfach nur, nimm es wahr. Und jetzt wäre... Dein Resultat schon viel entspannter und super. Dann ist ja die Frage, was kannst du anstelle von darf noch so alles tun?
Florian: Weil manchmal sind das seltsame Konstruktionen.
Miriam: Das sind ein bisschen komische Konstruktionen.
Florian: So eine Variante wäre das Wort komplett wegzulassen.
Miriam: Das ist die absolute Profi-Variante.
Florian: Ach, da willst du noch nicht hin?
Miriam: Weil wir möchten und wollen auch was. Das geht auch anstatt darf.
Florian: Also es wäre sowas wie, ich möchte jetzt die Spülmaschine einräumen?
Miriam: Ja, ich möchte noch aufs Klo gehen. Das geht auch, weil das ist auch ein, und es ist viel mehr in der Entscheidung. Ich bin da viel mehr involviert als bei dem Müssen. Ich werde nicht von irgendwas innen oder außen gezwungen, sondern es ist eine Entscheidung, die ich treffe.
Florian: Das kann ich mir tatsächlich vorstellen, bevor wir auf eine längere Autofahrt gehen oder so. Möchte ich nochmal aufs Klo. Ja, genau. Das ist ja häufig die Überlegung auch bei den Kids, dass wir nicht in 20 Minuten schon wieder anhalten für die beiden, sondern dass wir dann eben sagen, wir können mal eine Stunde fahren.
Miriam: Also ich möchte und ich will sind auch Worte, die anstelle dessen gehen. Ich will zum Zahnarzt, ich möchte zum Zahnarzt gehen, ich habe mich entschieden zum Zahnarzt zu gehen und wir sagen zu all diesen Worten, die vor dem eigentlichen Verb sind, also worum geht es wirklich, dass du zum Zahnarzt gehst. Nur das, was da vorgeschaltet wird, das ist ein sogenannter Modaloperator. Das ist das Fachwort dafür. Wenn wir schon einen NLP-Podcast machen, dürfen wir das wahrscheinlich auch sagen.
Florian: Und da gibt es eben zwei Varianten von. Die einen der Notwendigkeit, also wo ein, jetzt ganz vereinfacht, wo ein Zwang dahinter steht, aus irgendeinem Grund, also wo irgendwie harte Konsequenzen im Raum sind. Oder der Möglichkeit, also Modaloperatoren der Möglichkeit, wo eben Optionen im Raum sind, wenn wir was tun. Wo wir mehr Freiheit haben, wenn wir was tun.
Miriam: Kannst du ein Beispiel dafür geben für die beiden Fälle?
Florian: Das eine ist das Muss und das andere ist das Dürfen.
Miriam: Und was fühlt sich besser an, wenn wir mal so in diese beiden Worte reinfühlen für Menschen?
Florian: Was du für dich ja beurteilen darfst beim Zuhören auch, wenn du dir selber mal den Tag über zuhörst, an welchen Stellen du Muss sagst. Und dann gibt es eben die Alternativen noch. Möchten oder Wollen wären Alternativen. Wo wir einen müssen oder einen sollen, wäre ja auch noch ein Kandidat dafür, ersetzen durch etwas, wo eine Freiwilligkeit dabei ist.
Klare Sprache: Wenn du den Modaloperator ganz weglässt
Miriam: So und jetzt kommen wir natürlich zu den spannenden Sachen, nämlich nehmen wir mal ruhig das Beispiel mit der Spülmaschine ein- und ausräumen, weil das jetzt nicht gerade so die attraktivste Tätigkeit ist.
Florian: Und gleichzeitig ist es nicht so...
Miriam: Und es ist auch nicht so dramatisch. Also die Konsequenzen dahinter, na wohl.
Florian: Kommt drauf an, wie lange.
Miriam: Wenn jetzt tatsächlich mein Plan ist, die Spülmaschine auszuräumen, könnte ich das ja sprachlich auch sehr direkt formulieren.
Florian: Ich räume jetzt die Spülmaschine aus. Richtig. Wieso macht das eigentlich keine Freude? Oder wieso sagen wir das nicht einfach?
Miriam: Wir tun es mittlerweile sehr häufig, also wir nehmen jetzt einen Podcast auf oder ich gehe jetzt joggen oder ich gehe jetzt spazieren oder ich spaziere jetzt. Ich spaziere jetzt los, ich jogge jetzt. Das sind alles Sachen, die funktionieren. Statt ich will jetzt spazieren gehen oder ich möchte, ich entscheide mich, ich würde, ich muss, ich darf, was auch immer, joggen oder Spülmaschine ausräumen, könnten wir es auch direkt formulieren. Weil wenn wir Hunger haben, dann essen wir was.
Florian: Das klingt schon sehr entschieden.
Miriam: Das ist sehr entschieden. Das ist sehr klar. Wenn Menschen sich angewöhnen wollen würden, eine klare Sprache zu sprechen.
Florian: Dann würden sie die Modaloperatoren einfach weglassen.
Miriam: Und Menschen, die eine klare Sprache haben, die sehr wahrgenommen werden als Leader, als Führungskräfte, die haben wenig Modaloperatoren.
Florian: Aber in so Sprachtrainings, also der Konjunktiv kenne ich. Also dass der Konjunktiv weggelassen werden soll. Sowas wie, ich könnte jetzt spazieren gehen oder ich würde jetzt spazieren gehen. Ich hätte jetzt spazieren gegangen können. Gerne Fahrradkette. Das kenne ich nur. Dieses, ich will jetzt spazieren gehen, auch wegzulassen?
Miriam: Ja, ich gehe spazieren. Oder eben auch nicht. Genau, oder eben auch nicht. Und das macht unfassbar klar, weil das ist eine Sprache, die relativ wenige, eine liebe Freundin von mir hat immer gesagt, Ösen lässt für Haken. Also es gibt wenige sprachliche Ösen, um einen Haken reinzuschlagen, um da noch zu widersprechen, um Einfluss zu nehmen, um rumzumanipulieren.
Florian: So machen wir das inzwischen mit den Kindern, was die Schule angeht oder die Hausaufgaben. Weil es ist, am Ende des Tages haben wir als Erwachsene entschieden, dass Hausaufgaben gemacht werden und wir könnten da diesen Zwang herauskennzeichnen mit Muss und so tun, als wäre das die Lehrerin. Es geht ja nicht um die Lehrerin oder um das Schulsystem in Deutschland, die da was entschieden haben, sondern wir sehen einen Sinn da drin, bestimmte Sachen auch zu üben. Oder wir sehen einen Sinn darin, mit einer Lehrerin zusammenzuarbeiten, mit einem Kultusministerium zusammenzuarbeiten. Das ist ja das, wo wir sagen, naja, vielleicht bin ich nicht mit jeder Mikroentscheidung, die die treffen, einverstanden, nur ich verstehe, dass deren Job viel einfacher ist, wenn die Kinder machen Hausaufgaben.
Miriam: Ja, und da ist dann eben eine Unmittelbarkeit plötzlich in der Sprache, die wirklich zu einer ganz großartigen Unwidersprüchlichkeit führt. Also da gibt es keinen Widerspruch. Ja, wenn Florian sagt, ich schlafe jetzt, dann ist es was anderes als, ich würde ja schon gern nochmal ein halbes Stündchen schlafen.
Florian: Oder ich muss jetzt.
Miriam: Oder ich darf noch ein halbes Stündchen schlafen. Das klingt ja fast schon wie eine Frage. Und da hätten wir jetzt mehr Einfluss auf, ach nee, guck mal, mach doch mal nicht, jetzt geh doch mal lieber mit uns noch ein bisschen raus, geh doch mal ein bisschen mit uns hier draußen im Wald spazieren. Das ist viel mehr, also da ist viel mehr sprachliche Fläche für jemand nimmt Einfluss. Und fühlt sich auch aufgerufen dazu. Je unsicherer die Sprache wird und Modaloperatoren können dazu führen, das ist an manchen Stellen auch sinnvoll.
Florian: Können ist sehr lustig, dass du da Können eingefügt hast.
Miriam: Ja, weil es gibt Situationen, wo wir Modaloperatoren sehr schätzen. Das sind andere sprachliche Momente. Nur da, wo es darum geht, in die Tat zu kommen, da, wo es darum geht, Dinge durchzuführen, da, wo es darum geht, Entscheidungen zu treffen, sind sie einfach nicht wirklich ein gutes Stilmittel. Und eine Entscheidung zu treffen zusammen mit einem ganzen Rudel. Mir fällt auf, dass wenn ich mit mehreren Menschen in der Gruppe bin und setze diese sehr klare Sprache auf, also bin in meinen Verben und sonst nichts, ja, wir proben jetzt oder wir legen jetzt los oder wir starten das Seminar. Dann ist es was anderes als, so, jetzt dürfen wir das Seminar starten. Das ist was anderes. Und deswegen können wir das auch ganz weglassen und joggen gehen oder essen oder trinken. Das ist dann die fortgeschrittene Variante.
Florian: Weil da entsteht ja erstmal eine kleine Lücke, da wo das Muss ersetzt werden darf. Früher war, genau. Und dann darfst du es erstmal durch ein Dürfen ersetzen, wenn du das üben möchtest und dann eben vielleicht über die Beschäftigung damit an der einen oder anderen Stelle eben auch ganz weglassen oder sagen, ich möchte jetzt halt was tun.
Dankbarkeit statt Zwang — und wo du das üben kannst
Miriam: Vor allen Dingen tun sie einen Gefallen, wenn da draußen dir demnächst jemand gegenübersteht und sagt, ich muss jetzt zur Arbeit. Dann sag nicht, nee, nee, du lügst, du musst gar nichts. In Wahrheit ist das eine Entscheidung, die du triffst. Und dann sagt derjenige, nee, womit soll ich denn sonst meine Wohnung bezahlen? Das ist nicht, also dann gib ihm die Empfehlung für unsere Podcast-Folge, unsere Podcast-Folge an, das ist super spannend.
Florian: Da haben zwei behauptet, dass man nichts muss. So ein Quatsch.
Miriam: So ein Quatsch, ja. Und dann kommen wir näher an des Pudels Kern, weil der Sprachgebrauch da draußen ist so ausgelegt darauf, dass Menschen glauben, dass sie Dinge müssen, dass es wirklich manchmal krass ist. Ich habe schon mitgezählt, also ich checke ja ganz viel Sprache mit, Menschen haben es geschafft, in einem Satz zwölfmal Muss zu sagen. In einem Satz. Das ist schon wirklich krass.
Florian: Dann sind wir ja auch bei diesem, was hier in Deutschland, finde ich, sehr schön ist. Also ich habe ja längere Zeit auch schon im Ausland verbracht oder war viel auf Reisen unterwegs. Und dann ist es schon sehr angenehm, dass wir hier in Deutschland eben auch zum Zahnarzt gehen dürfen. Also dass diese Möglichkeit eben besteht oder dass wir irgendwelche anderen...
Miriam: Eine Spülmaschine haben, die wir einräumen können.
Florian: Eine Spülmaschine nutzen dürfen. Ich habe schon übernachtet in Häusern, wo wir unten am Fluss dann unser Geschirr gewaschen haben.
Miriam: Ja.
Florian: Also das ist schon anders, das kann auch schön sein, nur dann ist die Geschirrspülmaschine plötzlich ein sehr luxuriöses Gut an der Stelle und dann ist es vielleicht auch was, was ja einfach auch schön ist, ne?
Miriam: Oder dass Wäsche zusammengelegt in der Schublade ist und mir das sehr viel bedeutet und ich mich toll fühle, wenn ich mein Rudel gut versorgt habe und das Zeug nicht überall rumsteht, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt. Also einfach meine Idee damit. Und ich bin da sehr friedlich mittlerweile und bin mir auch sehr dankbar, dass ich mir diese Dinge dann erlaube und dass ich selbst entscheide, wann ich das mache zum Beispiel. Und dass ich es eben auch mal einen Tag liegen lasse und das hätte ich früher nicht getan. Echt nicht? Nee, zugunsten von einem schönen Spaziergang mit dem Rudel oder einem Spiel, das wir zusammen spielen. Wir haben diese Mario-Kart-Challenge gemacht, die Kinder und ich. Da lag alles brach, weil wir diese vielen Rennen am Stück gefahren sind zusammen.
Florian: 48 Rennen hintereinander. Das ist die längste Mario-Super-Mario-Challenge.
Miriam: Ja, bei Regenwetter cool. Da haben wir gesagt, wir ziehen das jetzt durch und da lag alles brach. Die Wäsche, die Spülmaschine, alles egal. Sehr, sehr cool. Ja ihr Lieben, deswegen müssen durchaus Spuren von Dürfen enthalten und andersrum auch. Und wenn du anfangen möchtest mit deiner Sprache zu zaubern, ist das im Grunde einer der simpelsten und einer der wirkungsvollsten Schritte, die du ausprobieren kannst, um mal die unterschiedliche Wirksamkeit von Sprache auszutesten. Welche Entscheidung du dann triffst.
Florian: Wir haben als Werkzeug da an der Stelle, also wenn du im Moment sagst, NLP-Ausbildung lizenziert und so, wir haben, was ja jetzt sehr praktisch auch ist in dieser seltsamen Zeit, in der wir im Moment noch unterwegs sind, ein NLP-Kompakt-Online-Training, wo das und andere Themen so aufbereitet sind, dass du es tatsächlich in den Alltag integrierst, weil das ist was, was Miriam und mir unglaublich wichtig ist. Das ist für uns die Maxime und so ist es natürlich auch bei unserem NLP-Kompakt und das kannst du finden auf shop.kontext-denken.de
Miriam: Das ist auch alles nochmal beschrieben, genau. Laden wir dich herzlich zu ein, genauso wie zum nächsten Facebook Live.
Florian: Da gibt es noch ein paar andere Zaubersprach-Tricks drin.
Miriam: Das stimmt allerdings. Das ist ja ein sechsmonatiges Training, alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge. Ja, vielen Dank fürs Zuhören. Nächsten Dienstag musst du dann auch wieder dabei sein.
Florian: Ja.
Miriam: Wenn die nächste kontext*denken-Podcast-Folge kommt.
Florian: Außer du möchtest mit den Konsequenzen leben.
Miriam: Ja, und die sind nicht auszuhalten, das können wir dir sagen. Ja. Ja, fürchterlich. Vielen Dank, mach's gut! Tschüss! Mehr von uns gibt es unter www.kontext-denken.de Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.