NLP mit Miriam Deforth und Florian Groß Folge 17

Der getanzte Vortrag – tolle Gestik beim Ballett abgucken

Miriam im Gespräch mit Rieke Rapp, die als Tänzerin, Choreographin und Ballettpädagogin nicht nur sehr viel tanzt, sondern ständig!

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In dieser Folge

Darum geht es

Wer Rieke beim Sprechen zusieht, erlebt eine solch harmonische und zarte Untermalung ihrer Worte, wie sie perfekter nicht sein kann. Da lässt sich doch einiges abgucken – für's Moderieren, Vortragen, Erzählen und Berichten! Wer seinen Namen tanzen kann, ging vermutlich irgendwann einmal auf eine Waldorfschule. Schon lange ist aus dem „Running Gag" über das dort verwendete, pädagogische Konzept ein wichtiges Thema für Speaker, Vortragende und Präsentatoren geworden. Welche Art, welche Menge von Gestik ist die Richtige, um den Inhalt eines Textes zu stärken und spannender zu machen? Wann ist es zu wenig Bewegung, wann zu viel? In der Waldorfschule wird im Fach „Eurhythmie" (zu deutsch „die schöne Bewegung") Inhalt, Wort und Laut mit fließender Gestik ausgedrückt. Im Rednerbereich lernen Erwachsene genau das mühsam in teuren Kommunikationskursen. Und Tänzer? Tänzer sind so sehr in Bewegung, dass sie immer ein bisschen tanzen. Ganz intuitiv. Auch, wenn sie über den letzten Einkauf im Supermarkt reden. Deshalb sprechen Miriam und Rieke über die Selbstverständlichkeit von Bewegung und Stillstand, über die passende Geste zum Erzählen einer Geschichte oder eines Inhalts und wie Du ganz einfach zu Hause, beinahe wie ein Tänzer oder eine Tänzerin, Deinen gesprochenen Text schön bewegst. Viel Spaß beim Hören! http://www.kontext-denken.de/

Miriam und die Balletttänzerin Rieke Rapp gehen der Frage nach, was Redner, Speaker und Trainer sich beim Tanz abschauen können: die passende Gestik zum Text, das Wechselspiel aus großer und kleiner Bewegung und die Wirkung einer bewussten Pause. Es geht um Bilder im Kopf – etwa die Zuckerwatte, die eine Bewegung plötzlich klar macht –, um das ehrliche Runterhängenlassen der Hände statt verschränkter Arme und darum, einzelnen Worten mit einer Geste Gewicht zu geben. Wenn du wissen willst, wie du Körpersprache, Gestik und Präsenz beim Vortragen natürlicher machst, findest du hier konkrete Übungen zum Ausprobieren. Rieke ist bei Facebook zu finden sowie über das Ballettstudio Rogoschinski (www.ballettstudio.biz).

Lesefassung

Das vollständige Transkript

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Kapitel dieser Folge
  1. Wie Rieke zur Tänzerin und Trainerin wurde
  2. Warum ein Sprecher-Podcast über Ballett spricht
  3. Von der Choreografie zum roten Faden im Vortrag
  4. Die Kraft der Pause und der Wechsel von groß und klein
  5. Konkrete Tipps: Bilder malen, Hände hängen lassen, Worten Gewicht geben
  6. Wo du Rieke findest und was du mitnehmen kannst

Rieke Rapp tanzt, selbst wenn sie über den Einkauf im Supermarkt redet. Genau das macht sie zur idealen Gesprächspartnerin für eine Frage, die viele Redner umtreibt: Wohin eigentlich mit den Händen? Miriam spricht mit der Balletttänzerin und -pädagogin darüber, wie du dir beim Tanz abgucken kannst, was einen Vortrag lebendig macht — von der Zuckerwatte im Kopf bis zur Pause, in der scheinbar nichts passiert.

Wie Rieke zur Tänzerin und Trainerin wurde

Miriam: Herzlich willkommen zu diesem sehr tänzerischen Podcast. Denn ich hatte mir überlegt, ihn "Tanz doch einfach deinen Namen" zu nennen. Schön, dass du da bist und dass du zuhörst. Heute habe ich eine sehr spezielle Gesprächspartnerin. Rieke Rapp ist Balletttänzerin und Balletttrainerin und ich habe sie kennengelernt im Zuge meiner diesjährigen Musicalproduktion. Rieke ist eine Freude und ein toller Mensch. Und Rieke kann alleine dadurch, dass sie sich beim Anweisungen geben bewegt, schon Bewegung erzeugen. Und deswegen könnte der Podcast auch heißen "Die Bewegerin". Herzlich willkommen, liebe Rieke.

Rieke: Hallo, vielen Dank, dass ich dabei sein darf. Ich freue mich sehr.

Miriam: Rieke, wie bist du Tänzerin geworden?

Rieke: Ich habe mit sechs Jahren mit Ballett begonnen, damals durch eine Freundin, die irgendwie nicht alleine hingehen wollte. Diese Freundin hat dann nach einem Jahr wieder aufgegeben und ich bin seitdem dabei geblieben und das jetzt seit 24 Jahren.

Miriam: Wow! Und wann hat sich bei dir herausgestellt, dass das etwas ist, was du intensiver oder sogar beruflich machen möchtest?

Rieke: Das war so in der zehnten, elften Klasse. Da habe ich dann an meiner Schule die Initiative ergriffen und eine Tanz-AG gegründet, die ich dann selbst geleitet habe, weil ich dachte mir, mir macht das Tanzen so viel Spaß und ich muss auch anderen irgendwie die Möglichkeit geben, daran teilzuhaben. Und das wurde dann immer konkreter und dann habe ich eben nach meinem Abitur dann eine Ausbildung zur Ballettpädagogin gemacht.

Miriam: Wie stelle ich mir das vor, wie viel tanzen Menschen da am Tag?

Rieke: Meine Ausbildung war ein Fernstudium. Das heißt, ich habe die theoretischen Sachen über E-Mail mit Tutoren besprochen und wir hatten Intensivstudienwochen, nannte sich das, wo alle Studierenden aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammenkamen. Eine Woche jedes Jahr intensiv trainiert haben und ich habe ein Unterrichtspraktikum absolviert an der Ballettschule, an der ich auch selbst getanzt habe, wo jede meiner Stunden beobachtet wurden und dann eben Vorbereitung, Reflexion gemacht wurde. Auch mein Unterricht, weil es ist eine Tanzpädagogik-Ausbildung gewesen, um meine Fähigkeit zu unterrichten, eben zu verbessern.

Miriam: Okay, also da war jetzt so diese Frage nach, wie viel hast du selbst getanzt in dieser Zeit? War das dann überhaupt noch relevant oder brauchtest du gar nicht mehr zu tanzen?

Rieke: Ich brauchte nicht zu tanzen, aber ich habe es natürlich getan, um den Anforderungen zu genügen, weil nur was man selbst beherrscht, kann ich auch anderen Leuten, finde ich, gut vermitteln. Und für diese Intensivstudienwochen, da mussten wir auch schon Prüfungen ablegen, wo wir tanzen sollten.

Miriam: Also ich finde es deshalb spannend, weil wir schon oft das Thema hatten bei E-Mails, die zu uns kamen, welchen Trainer suche ich mir aus, nach welchen Prämissen und für uns ist auch immer wichtig, schau genau, was du lernen willst und kann das dieser Trainer auch selbst, oder spricht der aus der Theorie? Ich würde zum Beispiel niemals zu einem Sprechertrainer gehen, der nicht selbst auch schon ganz viel gesprochen hat, Synchronen, Hörbuch, Radio, also der wirklich mit Sprache und Stimme schon ganz viel gemacht hat, weil was bringt es mir sonst? Deswegen finde ich großartig, also gefällt mir jetzt schon. Im Augenblick hast du wie viele Schüler?

Rieke: Das kann ich gar nicht so genau sagen. An der Schule, an der ich unterrichte, sind es so ungefähr 220. Die habe nicht alle ich, aber ich denke so 120 werden es schon werden.

Miriam: Wahnsinn. Und auch welche, die es anstreben später beruflich zu tanzen. Also du begleitest die ein ganzes Stück des Weges dahin.

Rieke: Ja, also wir sind hauptsächlich unterrichtet an einer Laientanzschule, das heißt, da geht es mehr um Hobby, aber wir haben auch immer wieder welche, die dann später den Weg einschlagen, eben Tänzer oder Musicaldarsteller oder irgendwas in den Bewegungsbereich zu machen.

Miriam: Welche Tanzarten kannst du?

Rieke: Ballett, wie schon gesagt, Jazzdance unterrichte ich, ein bisschen Hip-Hop, irischen Stepptanz, American Tap, Kindertanz für die ganz kleinen, modernen. Ja, das ist so mein Repertoire.

Miriam: Das ist ein großes Repertoire.

Warum ein Sprecher-Podcast über Ballett spricht

Miriam: Jetzt wird sich der ein oder andere Hörer fragen, warum spricht sie denn mit einer Frau, die tanzt und Tanz unterrichtet? Das hier ist ein Sprecher-Podcast. Der Gedanke kam über Nacht bei mir, wie so viele. Und ich dachte, es ist so elementar wichtig, dass der Körper mitspricht, wenn du, der du gerade zuhörst, vor Menschen trittst, um ihnen etwas beizubringen, um sie zu unterrichten, um etwas zu präsentieren. Als Speaker, als Vortragsredner, als Leser, als Trainer oder eben auch, um ein Team ins Boot zu holen, wenn es um neue Projekte geht. Das sind alles diese Augenblicke, wo du eine brillante Sprache haben kannst und wenn du da stehst wie ein Stock, dann nutzt es alles nichts. Und in unseren Seminaren ist es immer wieder Thema, weil die Menschen dann sagen, ja, wie kann ich denn lebendiger werden? Wie kann denn meine Gestik schöner werden? Und deshalb finde ich es super spannend, dass ich Rieke heute Abend hier bei mir habe und wir über genau das Thema sprechen können. Denn wenn Rieke spricht, dann tanzt sie. Ich habe mich schon gefragt, ob du deinen Namen tanzen kannst.

Rieke: Ja? Ach witzig. Okay.

Miriam: Also gibt es ja, ich glaube, an anthroposophischen Einrichtungen, weil auf Schulen wird das immer so ein bisschen als Witz hergenommen. Nur es sieht wunderschön aus, wenn die das machen.

Rieke: Das finde ich auch. Ich habe das auch schon selbst nicht gelernt, aber ich hatte Schüler, die das gelernt haben und die mir tatsächlich dann mal das Alphabet beigebracht haben. Und das fand ich eine sehr tolle Erfahrung.

Miriam: Ja, ich finde es auch super. Jetzt ist es ja so, dass du, wenn du tanzt, natürlich eine sehr präzise Art von Bewegung machst. Und an der Stelle interessiert mich, inwieweit sprichst du oder hast du das Gefühl, über deinen Körper mit dem Publikum zu kommunizieren?

Rieke: Also ich finde es... Für mich ist Tanz nicht gleich Bewegung. Also Bewegung oder auch die Technik, die man braucht, gerade als Balletttänzer, wo ja sehr viel dem Körper abverlangt wird, ist tatsächlich erstmal nur Bewegung. Zum Tanz wird es für mich, wenn ich damit etwas ausdrücke und eben damit spreche mit meinem Körper. Und da spielt die Emotion eben eine ganz große Rolle, dass ich gucke, was will ich dem Zuschauer sagen und das eben versuche in Bewegung umzusetzen.

Miriam: Super schön. Merkst du, wenn ein Publikum das empfängt oder auch nicht? Ist das spürbar auf der Bühne?

Rieke: Das kommt immer ganz darauf an, in welchem Umfeld man ist. Wenn man in einem großen Theater ist mit 500 Sitzplätzen und ich als Choreograf stehe in der Gasse und tanze gar nicht mit, dann weiß ich manchmal nicht so, was das Publikum fühlt. Aber wenn man jetzt in einem kleineren Umfeld ist oder vielleicht selbst mit auf der Bühne steht, dann hat man so diesen direkten Kontakt und dann merkt man, ja, das löst was in den Leuten aus. Vielleicht nicht immer das, was man damit wollte, aber es löst etwas aus. Und das finde ich schon eine ganz tolle Sache.

Von der Choreografie zum roten Faden im Vortrag

Miriam: Das stimmt. Wie stelle ich mir das vor, gerade als Choreografin, wenn du ein Stück choreografierst? Und nur für alle, die jetzt nicht wissen, was das ist. Choreografieren ist ja, sich einen Tanz ausdenken. Also erstmal ganz laienhaft gesprochen. Für so und so viele Tänzer, zu dieser und jener Musik und von A bis Z durch. Hast du dann so eine Art Geschichte im Kopf, auch wenn die Musik selbst gar keine Geschichte hat oder keinen Song, keinen Text?

Rieke: Das brauche ich auf jeden Fall. Also gerade wenn ich mir jetzt das Stück nicht selbst aussuche. Manchmal kommt es hervor, man hört ein Lied und sagt, darauf will ich jetzt was machen. Aber wenn ich jetzt sage, okay, ich habe jetzt eine Gruppe und muss mit so einer Art Auftragskoreografie machen auf dieses Stück, dann brauche ich immer irgendeinen roten Faden. Und da kommt eben eine Geschichte ins Spiel. Das kann sein, dass ich einfach nur ein Thema habe wie Wasser oder eine Farbe im Kopf, wenn ich dieses Stück höre und mir überlege, wie könnte ich jetzt Violett darstellen beispielsweise.

Miriam: Toll.

Rieke: Ja, oder ich fange an, tatsächlich, wenn ich die Gruppe habe, wenn ich weiß, was für Tänzer ich habe oder was für eine Anzahl, damit zu spielen. Wie können die sich im Raum bewegen? Was können die für Figuren bilden? Und was kann ich damit eben den Menschen geben und zeigen?

Miriam: Großartig, weil es genau so auch im Vortrag funktioniert. Also ich persönlich mache mir sehr bewusst, mit welcher Emotion ich jetzt diesen oder jenen Part vermitteln möchte, mit was ich es verknüpfen möchte. In meinem Fall klar positiv. Also ich will ja keinen Frust erzeugen oder keine Aggression. Das kann auf der Bühne auch mal anders sein. Ich will ja vielleicht das Publikum auch mal mitnehmen in eine Angst oder in eine gruselige Situation oder auch in eine aggressive, um sie dann hoffentlich wieder rauszuführen. Richard Wagner hat am Schluss immer alle sterben lassen, nur... Der Punkt ist, nicht immer, bei Meistersingern glaube ich nicht, ansonsten immer. Der Punkt ist, so ein Gefühl dann über den Körper noch mitzutragen, verstärkt es natürlich immens. Also die Erfahrung habe ich gemacht. Das heißt, eine Musik, die zum Beispiel völlig euphorisch ist, große Fanfare und dazu die große Bewegung des Tänzers, da bin ich als Zuschauer völlig drin. Ich kann mich der Sache da nicht entziehen.

Rieke: Ja, das gehört dazu. Wobei natürlich auch im Kontrast arbeiten auch mal sehr spannend sein kann. Das hatte ich jetzt bei einer Choreografie, die war sehr lyrisch und dann am Anfang und am Ende stehen die Tänzer aber einfach nur auf der Bühne eine ganze Weile, wo die Musik schon läuft. Und das ist auch manchmal so ein Moment, wo dann das Publikum so auch richtig reingezogen wird, dadurch, dass sie eigentlich nichts tun. Aber nichts tun gibt es für mich im Tanz nicht. Also selbst stehen und sich nicht bewegen ist Tanz in dem Moment auch, weil da ganz viel auch mit der Mimik passiert.

Die Kraft der Pause und der Wechsel von groß und klein

Miriam: Die Zuschauer trotzdem dazugeholt werden oder werden können. Kennen wir beim Sprechen als dramatische Pause, die an der Stelle, wo sie keiner erwartet, die größte Wirkung erzielt. Nur weil das Aufmerksamkeit generiert. Es gab auch mal einen, wer war das? Es gab einen Trainer, der das gemacht hat und ich weiß nicht mehr genau, wer es war, der sich auf die Bühne gesetzt hat und das wirklich durchgehalten hat. Alle dachten, die Veranstaltung geht los. Und der Anfang einer Veranstaltung, das wissen wir beide, erzeugt, Licht geht aus, Vorhang öffnet sich, Licht geht an, ungeteilte, hundertprozentige Aufmerksamkeit des Publikums genau da. Das heißt, die beste Stellung, was Wichtiges zu sagen, ist die ersten 10 Sekunden. Da ist wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit da. Und dann entscheidet das Gehirn vom Zuschauer, gefällt mir das, gefällt mir das nicht, finde ich es spannend, finde ich es langweilig. Also das passiert danach. Die ersten 10 Sekunden laufen durch. Ich könnte also das Wichtigste von meiner Message bestenfalls in den ersten 10 Sekunden platzieren. Und was macht er? Der hockt 5 Minuten auf der Bühne und sagt nichts. Und es sind 5 Minuten. Also das Publikum wird dann irgendwann unruhig, fangen an miteinander zu tuscheln. Ja geht das jetzt los?

Rieke: Also ich kann mir das super vorstellen. Ich habe das auch schon erlebt, dass eine befreundete Tänzerin und Choreografin sich eine meiner Choreografien angeguckt hat und hat auch gesagt, da war das mittendrin so eine Stelle. Also so lange stillstehen würde ich mich nicht trauen. Und für mich war das ein ganz essentieller Moment in dieser Choreografie, weil der Text an der Stelle sagte, "stand there and look into my eyes", also stehe da und sieh mir in die Augen. Und da war für mich die Tänzer stehend auf der Bühne, dass der Zuschauer auch die Möglichkeit hat, ihnen mal in die Augen zu gucken. Und ja, ich finde das toll und dass sich das anderen nicht trauen. Ich glaube, das sollte man häufiger wirklich machen, diese Pausen auch.

Miriam: Und es ist spannend, weil du etwas performst wieder, was dem Inhalt entspricht.

Rieke: Ja, genau.

Miriam: Ich brauche natürlich nicht ständig hektisch zu wedeln, wenn ich irgendwas rede. Das ist gar nicht nötig. Nur akzentuiert und an bestimmten Stellen zum Beispiel einen großen Move zu haben, nicht ständig, sonst verliert der ja seine Wirkung, also für mich, wie du das siehst. Also es ist ja dieser Wechsel von klein, filigran, virtuos, groß, grob. Auch für den Sprecher ganz wichtig, ein großes Wort, riesige, phänomenale Kräfte groß zu malen und den winzig kleinen Lebensraum mit einer kleinen Geste abzufedern.

Rieke: Genau, und dasselbe haben wir auch im Tanz. Wirklich genau das Gleiche. Dann ist das Große eben eine große Bewegung, ein hoher Sprung oder einen großen Weg, den man über die Bühne macht. Und das Kleine eben vielleicht, dass sich nur ein Finger bewegt oder nur der Kopf sich mal dreht. Und das ist ganz toll damit zu arbeiten und damit zu spielen auch.

Miriam: Beim Tanz ist es am Ende einstudiert, in den meisten Fällen. Ich weiß, ihr könnt auch Improvisationstanz machen.

Rieke: Ja, können wir auch, aber ich studiere meistens ein.

Miriam: Und das ist, wenn ein Sprecher vor Publikum steht, ja oft nicht der Fall. Also es ist nicht einstudiert, sondern die Rede ist vielleicht einstudiert. Es ist vielleicht sogar etwas, was abgelesen wird. Da finde ich es besonders, also da ist es... An den Stellen darf ich wachsen. Bei einem Text, den ich lese, auch eine gute Geste dazu zu entwickeln, intuitiv. Darf ich dann üben zu Hause vorher. Ich jetzt. Andere können das vielleicht auch so ganz gut aus dem Stegreif reißen. Ein freigesprochener Text bietet sich für mich besser an. Deswegen auch lege ich beim Theaterspielen sehr schnell mein Skript aus der Hand, weil es dann mehr in mich reinfließt. Dieser Text, den ja ein anderer geschrieben hat, den ich auswendig lerne, um ihn dann zu sagen, immer und immer wieder. Und frei, ohne Text in der Hand, kann ich, ohne draufgucken, kann ich viel bessere Gesten entwickeln dazu. Das kommt dann so automatisch. Das ist anders als beim Tanz. Wo trifft sich's jetzt? Also wo wird die Geste des Sprechers zu einer tollen Choreografie, die ich ja nicht einstudieren kann? Das wäre jetzt spannend. Und das beobachte ich bei dir lustigerweise in dem Augenblick, wo du vor der Truppe stehst. Rieke hat mich auch mittrainiert. War sehr witzig dieses Jahr. Und Rieke war echt geduldig. Wenn du was erklärst, ohne Schritte zu zeigen, tanzt du gefühlt trotzdem?

Rieke: Ja, immer. Also das geht dann in mir selbst dann ab. Also es läuft in meinem Kopf ab, diese Bewegung. Und dann entwickelt man zwangsläufig irgendwelche Gesten, die das dann unterstützen oder die dann die Bewegung eben nicht ausführen, aber zeigen, welche Qualität sie hat beispielsweise. Ja, also angepasst an den Inhalt deiner Rede. Oder man benutzt eben die Sprache, um das zu konkretisieren, wie diese Bewegung jetzt aussehen soll.

Miriam: Es gibt bei dir keine Sprache ohne Bewegung. Ich habe es noch nie gesehen.

Rieke: Das stimmt, aber manchmal gibt es eine bessere Vorstellung demjenigen, der es dann umsetzen soll, weil er vielleicht nicht ganz so mit dieser Bewegung vertraut ist. Und wenn ich dann jemandem erzähle, stell dir jetzt vor, du hast dir eine riesen Zuckerwatte gekauft in deiner Lieblingsfarbe und jetzt nimmst du zwei Finger und ziehst ganz, ganz vorsichtig da so ein Stück ab, was du jetzt endlich essen darfst, und plötzlich tanzen die das, was ich möchte.

Konkrete Tipps: Bilder malen, Hände hängen lassen, Worten Gewicht geben

Miriam: Das ist ganz toll. Ja, schön. Wir nennen das Bildermalen, Bilder-Kopf-Malen und daraus Bewegung zaubern. Oh, schön. Ihr Lieben, das ist Tipp Nummer 1. Also wenn du dich demnächst vorbereitest auf deinen Vortrag, auf deine Sprache, gibt es Stellen in deinem Text, die so sind, dass du dir es vorstellen kannst, wie würde eine Tänzerin, wie würde ein Schauspieler das jetzt untermalen, ohne dabei jetzt hier Backe Backe Kuchen zu spielen? Also ich brauche nicht, wenn ich sage, wie lecker, brauche ich mir nicht den Bauch reiben dazu.

Rieke: Oder bei jedem Du nach vorne zu deuten, bei jedem Ich auf mich zu zeigen, das ist sehr plakativ, das wird dann irgendwann zu banal, das klingt jetzt schlecht, aber zu einfach vielleicht auch. Das drängt es den Zuschauer oder Zuhörer dann, finde ich, noch mehr auf. Also das wirkt dann sehr gestellt.

Miriam: Ich finde es ganz gut, dass wir jetzt an die Stelle kommen, wo wir praktisch werden, denn was mir oft auffällt ist oder was ganz viel passiert in unseren Workshops ist, dass mir gute Redner, die brillant sind, die sich toll ausdrücken können, die tolle Metaphern verwenden und wirklich tolle Kommunikatoren sind, dass die mich fragen, was mache ich denn nur mit meinen Händen? Also nur mal festgewachsen, nutzt ja nichts, ne? Sind da. Und auf der Bühne, in den Schauspieltrainings, die ich früher gegeben habe, war das erste, was wir gelernt haben zu üben, dass die Hände auch einfach mal runterhängen dürfen, rechts und links vom Körper. Dass das total in Ordnung ist, weil die Arme nun mal natürlicherweise so sind. Denn viele neigen dazu, die in irgendeiner Weise Angela-Merkel-Raute oder verschränkten, ne? Wir hätten eben Riekes schmerzverzerrtes Gesicht sehen sollen. Ja, ich weiß. Viele haben sich das angewöhnt und denken gar nicht mehr drüber nach und merken dann, so kann ich mich jetzt auch nicht oder so will ich mich jetzt nicht vor die Leute stellen. Also dieses Runterhängen lassen ist, wenn Alternativen ausbleiben, sozusagen. Also wenn mir jetzt gerade nichts Besseres einfällt, ist es immer noch die natürlichste und beste Weise, irgendwo auf einer Bühne zu stehen.

Rieke: Ja, das finde ich auch. Und darum geht es nicht nur um auf der Bühne stehen, sondern auch in Kommunikation miteinander. Wenn ich vor jemandem schon mit verschränkten Armen stehe, dann drücke ich durch diese Bewegung ja schon etwas aus, was eher negativ besetzt ist. Und deshalb finde ich es mal ganz wichtig, auch wenn man zum Beispiel in Gruppen steht, irgendwem zuhört, dass man eben nicht die Arme verschränkt und dass man einfach steht, auf beiden Füßen am besten Arme hängen lassen. Das wirkt und es ist am puristischsten und wie wir ja eigentlich sind. Wir stehen auf den zwei Füßen und die Arme, wie du gesagt hast, hängen darunter und dann bewerte ich nicht und dann kann ich meinem Gegenüber offen, ja, stehe ich dem offen gegenüber und signalisiere ihm auch, ich bin offen für das, was du mir jetzt sagst.

Miriam: Das ist für uns auch die Grundposition, um dann bestimmte Worte in der Rede mal ganz bewusst mit einer Geste zu untermalen. Nicht zu beschreiben mit der Geste, sondern zu untermauern. Also mit einer ganz bestimmten Handbewegung einem bestimmten Wort mehr Gewicht zu verleihen. Das darfst du gerne zu Hause mal üben. Also wenn du den Satz nimmst, ich möchte diesem Satz mehr Gewicht verleihen. Was ist eine natürliche Geste in dem Augenblick, wo du Gewicht sagst? Auch genau mit diesem Tonfall. Ja, hast du quasi gerade schon vorgemacht.

Rieke: Jetzt hättet ihr Miri sehen müssen, wie sie mit ihrer Hand, als ob sie etwas Schweres in der Hand hat, so richtig nach unten gegangen ist. Das wäre jetzt auch das, was mir als erstes tatsächlich eingefallen wäre, um das Wort Gewicht...

Miriam: Um mal Hemmungen zu verlieren, darfst du das ruhig mit dem ganzen Körper auch mal dann machen. Also bei dem Wort Gewicht, oder Schultern, dass das Gewicht auf den Schultern liegt. Ein bisschen auch mit Witz nehmen an der Stelle. Toll, also solche Experimente zu machen, fördern einen Wortschatz an Gesten, die zur Verfügung stehen. Ohne platt zu sein, sondern einfach um das, was wir sprechen, was wir sagen, nochmal zu verstärken. Gibt es beim Tanz so einen Ansatz, der in die Richtung geht? Also dass du auch mal ganz abweichst von, das ist jetzt ein Plié, also ich habe auch mal ein bisschen Ballett getanzt, jetzt lasse ich hier mal, raus macht die Schweiß. Oder irgendeine Art von Sprung oder Drehung, dass du sagst, und da machen wir jetzt mal was, was gar nicht zum Tanz dazugehört, einfach weil es passt an Bewegung. Gibt es das?

Rieke: Ja, das gibt es, aber für mich gehört das dann trotzdem dazu. Also das ist nicht was, was nicht dazu gehört. Tanz ist nicht immer nur Plié oder Tendu oder eine Pirouette, sondern Tanz ist alles, was ich an meinem Bewegungsrepertoire in meinem Körper habe. Um mich auszudrücken. Von daher, also für mich ist das dabei. Und das darf dann auch mal anders sein. Man darf dann mal kurz aus dieser eigentlich vorgegebenen Form ausbrechen. Und das finde ich super spannend. Und das machen wir beim Ballett, sogar wenn wir Geschichten erzählen, recht häufig.

Wo du Rieke findest und was du mitnehmen kannst

Miriam: Schön! Es lohnt sich, eine Aufführung anzusehen übrigens, bei der Rieke Choreografie gemacht hat. Ich empfehle es euch gerne. In der Ballettschule, in der du arbeitest, steht ja in zwei Jahren ein großes Jubiläum an, habe ich mir sagen lassen. In 2019 haben wir ein großes Jubiläum, ja 30-jähriges. Also ihr Lieben, ihr dürft euch jetzt schon mal im Kalender das Jahr 2019 fett markieren, weil vermutlich lasst ihr da die Kuh fliehen.

Rieke: Ja, das ist alles schon in Planung, aber es ist leider noch nicht spruchreif.

Miriam: Ja, nehmen wir hin. Es ist ja noch ein bisschen Zeit und Zeit ist... Interpretierbar. Ja, sehr schön. Also erstmal vielen, vielen Dank, liebe Rieke.

Rieke: Sehr gerne.

Miriam: Für deine Ehrlichkeit und deine Offenheit an der Stelle und für die Tipps, die du uns gegeben hast und geschenkt hast in diesem Podcast. Wenn Menschen mehr über dich wissen wollen würden, was durchaus passieren kann nach diesem Podcast, wo finden sie dich denn öffentlich?

Rieke: Öffentlich findet man mich unter meiner Facebook-Seite. Das ist www.facebook.com slash rikemarierab.

Miriam: In einem Wort geschrieben. Ich schreibe es unter dem Podcast.

Rieke: Das ist super. Und ansonsten, das Ballettstudio, die Schule, an der ich unterrichte, ist das Ballettstudio Rogoschinski und das ist ganz einfach, das ist www.ballettstudio.biz für Business.

Miriam: Das ist super einfach, das schreibe ich unter dem Podcast. Mach ich, mach ich alles. Superschön. Dann wird es jetzt vermutlich ein paar Klicks und Likes bei dir geben.

Rieke: Das hoffe ich.

Miriam: Ich empfehle es euch sehr, denn die Fotos, die Rieke zeigt und es ist einfach für alle, die noch besser werden wollen im Bereich Gestik. Schaut euch Tanz an, geht ins Ballett, geht ins Tanztheater, lasst euch Geschichten erzählen von Tänzern. Es ist ein unendliches Repertoire an Möglichkeiten, das euer Gehirn hier lauwarm serviert bekommt. Und egal, ob das Stück euch jetzt gerade gut gefällt oder nicht, achtet auf die Bewegungsabläufe, achtet darauf, wie diese wundervollen Menschen mit ihrem Körper Dinge erzählen. Und es heißt nicht, wobei das sehr witzig wäre, wenn alle, die jetzt zuhören, plötzlich anfangen, ihre Vorträge zu tanzen. Und ich bin am überlegen, ob ich es bei meinem Nächsten mache. Nur die kleinen Dinge, die du mitnimmst, sind so wertvoll, um einen Vortrag noch spannender fürs Publikum zu machen, die vielleicht tatsächlich mal das Kurze hochhüpfen. Oder eine Drehung. Warum nicht? Wenn es inhaltlich oder emotional eine Drehung gibt im Text, warum kann ich die nicht auch körperlich nehmen?

Rieke: Genau, und dann habe ich sofort das Publikum absolut bei mir, weil sie das vielleicht auch nicht erwarten an der Stelle. Das ist doch toll.

Miriam: Das liebe ich ja eh. Also Rieke, nochmal danke, danke, danke.

Rieke: Danke dir, dass ich dabei sein darf.

Miriam: Dir zu Hause vielen Dank fürs Zuhören. Über deinen Kommentar freuen wir uns riesig gerne hier direkt am Podcast. Du machst uns ein Riesengeschenk mit deiner Bewertung bei iTunes, denn je mehr Leute hier eine 5 oder sonst was Sterne Bewertung abgeben, desto einfacher wird der Podcast gefunden und gehört. Du unterstützt das Projekt damit. Der Podcast bleibt kostenfrei und Informationen zu den Denkern und Machern hinter diesen Hörwerken findest du unter www.kontext*denken.de. Ich sage wie immer Tschüss, bis nächsten Dienstag und das letzte Tschüss, das hat Rieke. Tschüss.

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