Ein aufgebrachter Kunde am Telefon, Beschimpfungen, Frust — und du kannst nichts für die verspätete Lieferung. Wie schaffst du es, dass das nicht an dir kleben bleibt? Miriam und Florian nehmen den Wunsch nach einem "Abperlmantel" ernst und zeigen zwei kleine Übungen, die auch ohne Vorerfahrung funktionieren. Es geht ums Vorstellen, ums Fühlen im Körper — und ja, um einen im Kopf geschneiderten Superheldenmantel.
Vom Perlator zum eigentlichen Thema
Miriam: Willkommen bei kontext*denken.
Miriam: Zwei Gehirne, ein Podcast.
Miriam: Mit den Themen, die das Leben so schreibt.
Florian: Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Miriam: Ich fühle mich wie ein Perlator.
Florian: Was ist ein Perlator?
Florian: Weißt du nicht, was ein Perlator ist?
Florian: Nein, ich weiß nicht, was ein Perlator ist.
Miriam: Das ist dieser Ring, der am Wasserhahn dran ist, damit das Wasser da so in einem Strang rauskommt und nicht so zerfällt, wenn es aus dem Wasserhahn fließt.
Florian: Ach, dieses kleine Sieb? Ja. Das heißt Perlator.
Miriam: Das heißt so.
Florian: Miri bringt uns neue Worte bei. Was für ein neues Wort hast du denn noch?
Miriam: Und sehr viele. Ich lerne ja gerade nebenbei Fremdsprachen. Das ist ja auch eins meiner Projekte für 2021. Zusätzlich zu all den Dingen, die wir tun, mir auch noch sowas aufzubürden. Da bin ich ja ganz groß drin, das macht halt voll Spaß. Und so lerne ich halt nachts dann im Moment noch so ein bisschen Russisch.
Florian: Ja, weil...
Miriam: Weil unser jüngster Sohn Russisch in der Schule hat und ich sowieso schon immer mich zu diesem Land irgendwie hingezogen fühle und noch nie da war. Also ich plane dringend St. Petersburg, Moskau.
Florian: Mal zu sehen und mal da ein bisschen Zeit zu verbringen. So, haben wir auch ein Thema heute? Oder machen wir ein Geplänkel?
Miriam: Der Perlator war schon ein Hinweis.
Florian: Der Perlator war ein Hinweis.
Miriam: Ja, ein sehr versteckter. Ich habe heute den ganzen Tag Training gegeben, Training geben dürfen, es war ein wunderschönes Training, ein Unternehmenstraining und da ging es um Kundenservice und da ist im Moment natürlich auch viel Stress, weil es gibt ja gerade bei Versandhandel sehr viel Lieferverzögerung, sehr viel Lieferschwierigkeiten und die Mitarbeiter sind damit auch...
Florian: Also jetzt gab es erst Lieferschwierigkeiten wegen dieser komischen Situation, die wir da draußen haben und jetzt in Nordrhein-Westfalen nochmal mehr Lieferschwierigkeiten, weil der Winter eingebrochen ist.
Miriam: Die Postautos gar nicht durchkommen. Um einfach sehr wütenden, aufgebrachten Kunden, was ja auch verständlich ist, noch entspannter entgegentreten zu können und die noch mehr zu unterstützen, dafür war das Training und da war natürlich auch viel Frust bei den Mitarbeitern, weil das sind alles Leute, die wirklich gerne helfen würden. Also die sitzen da den ganzen Tag, um anderen zu helfen.
Florian: Und die sind gefangen in dem System ihres Unternehmens drin und können nichts tun.
Miriam: Ja, oder auch in anderen Systemen, wenn da noch ein Zusteller dazu kommt und ein Logistiker und was weiß ich alles.
Florian: Das ist auch keine hilfreiche Metapher, dass die da nichts tun könnten.
Miriam: Und da war eben ganz klar am Anfang die Aussage: Ich hätte so gerne, dass dieser Frust, dass Kunden, die auch wirklich beleidigend werden oder die dann sehr aggressiv sind am Telefon, dass das so an mir abperlen könnte. Dass ich das nicht so persönlich nehme. Die nehmen das echt persönlich auch zum Teil. Das ist ganz tragisch eigentlich.
Der Wunsch nach dem Zaubermäntelchen
Miriam: Und als dann diese Anforderung kam und wir kennen das ja auch aus anderen Trainings, die wir geben, dass da sowas ist, könntet ihr mir denn nicht was beibringen, damit ich meinen Chef irgendwie milde stimmen kann, damit er besser gelaunt ist oder meine Kollegen im Team oder also all diese Anfragen. Das erinnerte mich daran, manchmal wollen die gerne ein Zaubermäntelchen oder einen Zauberspruch, einen Zauberstab. Hier jetzt in dem Fall ging es eben um irgendwas, was abperlen lässt, also so eine Regenjacke vielleicht oder an was perlt denn noch was ab? Es gibt so bestimmte Obstoberflächen, da perlt auch Wasser ab. Wenn die so gewachst sind, so Äpfel, die gewachst sind, da perlt das Wasser auch erstmal ab, wenn du versuchst, die abzuwaschen.
Florian: Lotus, der Lotus-Effekt ist doch das Standardbeispiel.
Miriam: Oh, der ist sogar geschützt, ja, markenrechtlich.
Florian: Ja? Ich dachte, das kommt von der Lotusblume, weil das da auch passiert.
Miriam: Ja, das kommt daher, nur der Lotus-Effekt ist geschützt, nicht die Lotusblume, die kannst du überall drauf pinnen.
Florian: So, das heißt, das genaue Thema heute ist jetzt...
Miriam: Na, wenn andere Leute grantig sind und ich darf mich dem irgendwie stellen. Also das kann ja sein, dass das auch in der Familie vorkommt. Das kann auch sein, wir haben ja Themenwochen gerade. Wir haben grantige Themenwochen. Morgen enden die, vielleicht auch so ein bisschen zum Glück, mit unserem Deeskalationstraining. Also wir nehmen den Podcast einen Tag auf, bevor das Deeskalationstraining stattfindet, bei dem jeder mitmachen kann übrigens. Also wer jetzt noch kurz entschlossen ist, der möge. Mittwochabend ist der 10.2. Um 19.30 Uhr. Also dieses, wenn da jemand grantig ist, wenn da jemand sich frustriert verhält, wenn jemand sogar ausfallend wird in der Sprache, schimpft, beschimpft, dann sind ja manche eher so drauf, dass sie sagen, ich würde gerne wissen, wie ich da am besten kontere, also wie ich das einfangen kann und manche würden auch einfach das gerne so an sich abperlen lassen und das quasi ignorieren können für sich, emotional. Darum geht es ja. Habe ich das jetzt schön genug gesagt? Reicht das für dich? So und wie machen wir das jetzt? Das können wir nicht. Es gibt keine sprachliche Regenjacke. Es erinnert mich an so einen Spuckschutz, weißt du, so einen sprachlichen Spuckschutz, es gibt keinen.
Florian: Weißt du, was jetzt total in ist? Ich habe das in Deutschland noch nie gesehen, nur in Amerika jetzt, als der neue Präsident eben vor das Volk getreten ist auch, die haben inzwischen so vier Zentimeter dickes Panzerglas vor sich. Also es soll durchsichtig sein, soll so Nähe symbolisieren und eine Transparenz auch hat auf jeden Fall ja dann. Nur auf der anderen Seite ist irgendwie kugelsicheres Glas in heftiger Stärke in allen relevanten Richtungen.
Miriam: Das wäre auch sowas, oder? Das ist auch irgendwie schicker als so ein gelber Regenmantel. Aber manchmal passt das ja auch gar nicht so zum schönen Büro-Outfit. Oder stell dir mal vor, die Leute würden sich beim Online-Meeting in so einem gelben Ding mit so einem Hut, mit so einem Ostfriesennerz da hinsetzen. Heute perlt alles an mir ab. Oder so komplett in Plastikhüllen, wie beim Theater, wenn du so im Theater sozusagen, wie heißt das denn, wenn die draußen stattfinden, so Open Air.
Florian: Wo sie dann diese kleinen Regenmäntelchen, diese Plastiktüten verkaufen.
Miriam: Wenn es regnet, weißt du, und es ist nicht überdacht, ja, dann kriegen die alle so durchsichtige. Ich sag das Wort jetzt nicht. Also das wäre ja der Wunsch und das irgendwie innerlich herstellen zu können. Natürlich will jetzt nicht jeder so eine vier Zentimeter dicke Panzerglasscheibe mit sich rumschleppen, vielleicht. Vielleicht ist es dem einen oder anderen das auch wert.
Florian: Entschuldigen Sie bitte kurz, während Sie am Telefon jetzt hier mit mir schimpfen, würde ich kurz eine Scheibe zwischen uns einziehen.
Miriam: Ja, wenn es ginge. Chauffeure können das auch. In so Luxus-Dingern kann der Gast das hinten auch steuern.
Florian: Ob der Chauffeur mithören kann oder nicht.
Miriam: Ja, es schaltet dann auch. Schaltet wäre gut am Telefon. Gibt es nicht am Telefon so einen Knopf? Der kann weiterreden, der merkt das gar nicht. Du siehst vielleicht am Ausschlag vom Tonsignal auf dem Display, ob der weiterredet oder nicht.
Florian: Und erst wenn das wieder einen normalen Umfang annimmt, dann wird wieder eingeschaltet, automatisch.
Miriam: So eine automatische Lautstärkeregelung. Ja, ihr Lieben, was uns da alles einfallen würde, technisch, nur jetzt so sprachlich, das ist ja kein Technik-Podcast hier. Ich weiß, du hättest das gerne, Florian, nur das ist ein Sprach-Podcast.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Und Richard Bandler, der Mitbegründer des NLP, des Neurolinguistischen Programmierens, für das wir stehen, der spricht ja manchmal von Technologie.
Florian: Ja, dass NLP eine Technology ist, also eine Technologie ist und eben darüber auch bestimmte Dinge ermöglicht. Und insofern können wir natürlich schon Sachen machen, die normalerweise nicht möglich wären. Weil jetzt, wie du eben gesagt hast, eine 4 cm Glasscheibe in die Telefonleitung einziehen... Dann ist die Leitung halt gekappt. So nur, wie können wir uns innerlich so aufstellen, dass die Sachen trotzdem an uns abperlen oder eben an irgendwas abperlen, was da vor uns steht. Und du bist beschützt, dass dieses Gefühl entsteht.
Die Wahl liegt auf der Empfängerseite
Miriam: Ja, ja. Wir haben uns da viele Gedanken gemacht schon, weil diese Bitte ja sehr häufig kommt. Und mir wirklich auch was am Herzen liegt da dran. Und Tatsache... So wie ich das im Moment wahrnehme, ist das zum einen tatsächlich ein bisschen Übung. Also vor allen Dingen, wenn Menschen jahrzehntelang geübt haben, das Gegenteil zu tun, nämlich sich sehr aufzuregen, wenn jemand anders sich so unhöflich oder so ausfallend benimmt. Und das ist wirklich ein Einüben. Also wir tun immer so, als hätten wir damit nichts zu tun, wenn wir uns aufregen. Nur die Wahrheit ist, dass es Menschen gibt, die damit etwas solider umgehen oder sogar ganz stabil, die das scheinbar tatsächlich gar nicht berührt.
Florian: Dann sind wir wieder bei dem Thema, was wir auch letzte Woche hatten, was wir auch immer wieder haben in den Facebook Live Trainings, die wir ja einmal in der Woche geben. Nämlich dieses, also offensichtlich kann es nicht in der Nachricht drin stecken. Also nur weil da draußen jemand Schaum spuckt vor Wut. Manche Menschen gehen damit ja um und machen da Witze drüber, manche Menschen gehen dann nach Hause und regen sich auf, manche Menschen bekommen auf Dauer irgendwelche Symptome davon und manche Menschen interessiert es nicht die Bohne, die gehen abends nach Hause und das ist alles gut und da kann jemand da draußen Schaum spucken und wird weder ins eine Extrem gezogen noch ins andere, sondern ist halt dann so. Und alleine, dass da verschiedene Menschen verschieden darauf reagieren, bedeutet ja schon, es ist nicht der Mensch, der Schaum spuckt, der bestimmt, was dann als nächstes passiert, sondern tatsächlich die, die dann jeweils individuell darauf reagieren. Dann könnten wir ja eine Wahl treffen. Wie würdest du denn gerne sein, wenn sowas passiert?
Miriam: Das ist eine wunderschöne Frage und es ist etwas, was wirklich auch Anfänger in dem Bereich super für sich machen können, wenn du dein Gehirn da jetzt mal von der Leine lassen wollen würdest. Also wenn du dir vorstellen würdest, wie du wärst, egal ob das jetzt beruflich ist in einem sehr professionellen Callcenter oder ob das in der Familie ist, wenn da so ein Stinkstiefel gerade unterwegs ist, vielleicht so ein Pubertierender oder so, der immer mal so schaut, wo die Grenzen sind, ja.
Florian: Oder jetzt im Homeschooling merken wir ja auch, dass es an der einen oder anderen Stelle eben auch herausfordernd ist, wenn die Kids mit tausend Fragen kommen oder wir Grammatik erklären dürfen, die vielleicht auch schon lange, lange, lange her ist oder Mathe. Ich freue mich, dass wir wieder Trigonometrie machen, wirklich.
Miriam: Ich habe das Wort Trigonometrie auch schon mal gehört. Ich glaube in einem Song von Sam Cooke. Wo waren wir jetzt? I saw the sign.
Florian: Du hast mich... Da ist eine Ambiguität drin, die sich echt schwer übersetzen lässt. Okay.
Miriam: Ich kenne das aus diesem Don't know much about history. Okay, ich bin jetzt bei einer ganz anderen Sache wieder. Jetzt hast du mich hier... Ja, versehentlich.
Florian: Kann mal passieren.
Miriam: Genau so guckst du mich gerade an. Also wir hatten uns ja gerade gefragt, ob du schon bereit wärst, diese Übung zu machen, dir vorzustellen, wenn du jetzt dich an eine konkrete Situation erinnerst, die auch das Potenzial hat, wiederkehren zu können. Also die könnte theoretisch wieder passieren. Mit einem anderen Menschen in der Interaktion, aus seinem bekannten Kollegenkreis, Familienumfeld, der immer mal wieder dafür gesorgt hätte früher, dass du dir einen Perlator, wie heißt das, einen Ostfriesennerz gewünscht hättest oder eine vier Zentimeter dicke Panzerglasscheibe. Und wenn wir jetzt in die Zukunft wandern könnten und könnten da an verschiedenen Rädchen drehen und du würdest dir vorstellen, wie das im Ideal ablaufen würde. Also am anderen Menschen verändern war wahrscheinlich so schnell nichts, der wird das wahrscheinlich beim nächsten...
Florian: Das Gute ist, brauchen wir auch gar nicht.
Miriam: Brauchen wir nicht, ne?
Florian: Weil andere ja auch anders darauf reagieren. Also sobald, das ist ja das Befreiende, finde ich. Sobald ich merke, dass meine Kollegen oder irgendjemand anders auf die gleiche Nachricht ganz anders reagiert als ich, bedeutet das ja auch, dass irgendwie eine Wahl auf der Empfängerseite ist. Das heißt, ich brauche gar nichts am Sender verändern. Also möglicherweise ist das gut oder ist das vielleicht sogar was, was wir dann im zweiten Schritt machen. Nur erstmal, um die Situation zu entschärfen, entspann dich erstmal und mach mal was bei dir, weil das ist ja was, was du im Griff hast, also wo du was tun kannst. Plötzlich können wir was tun und das ist ja unglaublich befreiend, wenn dir wird klar, dass du tatsächlich Einfluss auf die Situation auch hast. Und aus der Position heraus lässt es sich ja dann vielleicht auch mal mit jemand anders reden.
Übung eins: Sich das Gelingen vorstellen
Miriam: Dafür bräuchten wir jetzt mal eine konkrete Vorstellung, zumindest im Kopf, also so eine Art Kopf-Kino, wie das eben dann im Ideal verlaufen würde. Also Menschen liegen sich mit Freudentränen in den Augen, in den Armen, beglückwünschen sich gegenseitig zu einem wundervollen Gespräch, lachen sich offen an, haben ein Schmunzeln in den Augen und das Glück im Körper. Also wir können uns das bestenfalls in ziemlich gut vorstellen. Und du kannst das jetzt mal machen oder bist vielleicht eh schon dabei, das zu machen, wie das so wäre. Und in dem Augenblick, wo wir sowas tun, passiert ja schon was. Also da fühlst du auf einmal vermutlich, also wäre unsere Vermutung jetzt so aus der Ferne, Podcast, wissen wir nicht so genau, nur aus der Ferne wäre die Vermutung, wenn du dir das in richtig schön vorstellst, dann nimmst du deinen Körper gleich mal eine Runde mit in eine schöne Fantasie.
Florian: Also wie würdest du dann atmen oder wie würdest du dann sitzen in der Situation?
Miriam: Oder stehen.
Florian: Wie wäre dein Kopf im Vergleich zur Wirbelsäule? Also wo ruht der? Ist der eher nach vorne oder eher nach hinten? Ist der eher zur Seite oder ist der sehr gemittelt? Wie ist dein Blick?
Miriam: Wie klingt deine Stimme? Also all das, was eben normalerweise zu einer Situation, in der zwei Menschen miteinander was besprechen, egal in welcher Art und Weise, dazugehört. Eben auch die Körpersprache. Und wenn du das für dich klar hast, dieses Bild in Super, dann sind wir gar nicht so weit weg vom Perlator.
Florian: Den Sprung habe ich jetzt nicht verstanden.
Miriam: Ich sage nicht, dass wir da sind. Wir sind nicht mehr so weit weg davon.
Florian: Mhm.
Miriam: Weil in dem Augenblick, wo ich mir das in der Zukunft vorstelle, bekommt es für mich schon mehr Realität. Also ich tue ja so, als wäre es schon da im Kopf. Das ist ja genauso, wie wenn du einen Urlaub planst.
Florian: Ja, was ich auf jeden Fall merke, was dann besser ist, ist die nächste Situation, die ich mir dann vorstelle, ist irgendwie mal entspannter. Also egal, wie sie dann verläuft, sie fühlt sich auf jeden Fall in der Antizipation, also in der Vorerwartung darauf, fühlt sie sich schon mal ein bisschen besser an.
Miriam: Ja. Und da haben wir ja schon mal ein Meta gemacht. Weißt du, dann sind die Tage bis dahin wenigstens schon mal... Ja, ist doch so. Weil was dann passiert ist ja... Können wir es verhindern auf Dauer, dass irgendwelche Gnatschknöpfel, sag ich jetzt mal, in so einem Callcenter anrufen und Mitarbeiter anschreien? Wahrscheinlich nicht. Also wenn es das Phänomen gibt da draußen... Ja, dann gibt es das eben. So, das heißt, wir können ja sowieso nur die Mitarbeiter in so einem Kundenservice-Bereich so stark aufstellen, dass es eben entspannt verläuft auf deren Seite, im Rahmen der Möglichkeiten. Und das wäre eben der allererste Schritt, dass wir uns schon mal vorstellen.
Florian: Wie wäre es denn, weil da kommt dann so, also... Nur seltsam, oder? Ich stelle mir jetzt vor, wie jemand anders Schaum spuckt am anderen Ende der Leitung bei mir und wie ich darauf reagiere, oder was?
Miriam: Im Idealfall.
Florian: Im Idealfall darauf reagiere.
Miriam: Weil das ist ja eine alltägliche Situation. Also, dass mal wieder einer anruft, ich meine, das passiert jetzt auch nicht alle zwei Minuten.
Florian: Weißt du, was ich mir vorstellen würde?
Miriam: Dass die sich beruhigen.
Florian: Bitte? Die beruhigen sich. Also es wird ruhiger sozusagen. Es gibt vielleicht mal so eine Schaumspuck-Situation und dann merke ich irgendwie zwei Minuten später oder drei Minuten später reden wir wieder normal miteinander. Und das, was eben noch so dramatisch war, ist jetzt irgendwie ruhiger geworden. Und das hat sich alles ein Stück weit entspannt. Und das ist irgendwie im Hintergrund jetzt klar, wir finden jetzt eine Lösung im Rahmen dessen, was eben möglich ist, in der Situation immer. Das ist das, was ich mir dann vorstellen würde. Das ist das, was du meinst, ja?
Miriam: Ja.
Florian: Okay.
Miriam: Ja.
Florian: Und vielleicht hast du, wenn du zuhörst, ja noch ganz andere Vorstellungen dabei. Ja.
Miriam: Und wir haben natürlich einen Reality-Check. Also, was nutzt denn das jetzt? Das ist natürlich das, was dann als Frage kommt, was nutzt denn das jetzt? Ich kann mir das ja in der Zukunft alles vorstellen, wie ich will. Am Ende des Tages, schön fühlt es sich halt im Moment nicht an.
Florian: Ja, eine Sache habe ich ja schon gesagt, dass die Vorstellung, dass so ein Gespräch wieder mal passieren wird, die ist dann eben...
Miriam: Die ist dann schon mal besser. Das heißt, wir haben die Zeit bis dahin.
Florian: Die Zeit bis dahin ist schöner.
Miriam: Ey, überleg mal, wenn ich mir wegen so einem Knurzelköpfchen jetzt auch noch die ganzen Tage, bis der mal wieder anruft...
Florian: Und ich weiß ja nicht mal, ob der nochmal anruft.
Miriam: Vielleicht ruft der auch nie wieder an, weil ihr wart so freundlich und so entspannt.
Florian: Der ruft jetzt eher bei einer anderen Hotline an, um sich auszusurzeln.
Miriam: Yay! Das wäre auch gut. Wir haben den jemand anders gewonnen.
Florian: Hat den jemand anders gewonnen, ja. Manchmal ist das ja tatsächlich, da entlädt sich ja dann am Telefon, so bekomme ich das zumindest hier bei unserem Teenie mit, manchmal entlädt sich da was, so ein Gewitter, eben an einem Berg, der... Das ist auch schön. Das Gewitter entlädt sich halt irgendwo, nur es ist nicht an der Stelle, wo es sich aufgestaut hat, also wo es entstanden ist möglicherweise, sondern das ist halt, manche Menschen gehen ja so durchs Leben, dass sie irgendwie Energie aufsammeln und dann irgendwann mal loswerden. Und es hat vielleicht gar nichts mit der individuellen Situation zu tun, sondern es ist eben der Frust, also jetzt in einem Callcenter, der Frust, das was nicht da ist, weil es dann bedeutet, dass man was Bestimmtes nicht machen kann oder das was nicht geht. Also wenn ich mich so in die andere Seite hineindenke, dann ist es ja oftmals so, dass das... Das hat dann gar nichts mit dem Telefonat zu tun oder mit der konkreten Lieferung zu tun, sondern eher, weil ich mich auch auf sowas gefreut habe oder ich mir dachte, ich brauche das, um hier weiterzumachen und das dann nicht funktioniert.
Miriam: Sicher, wir wissen auch nicht, ob es vielleicht gerade Stress in der Beziehung gibt oder ob das ganz andere Gründe hat, die gar nichts mit dem Gesamtvorgang zu tun haben, sagen die Leute einem ja auch nicht. Es ist auch nicht von Interesse, weil ein Kundenservice ist immer noch keine Psychoanstalt, sage ich mal. Also es geht nicht darum, da jetzt irgendwelche Seelentröstungen. Will ich auch nicht. Das sage ich meinen Kunden auch ganz klar. Also darum geht es einfach nicht.
Übung zwei: Der Superheldenmantel im Kopf
Miriam: Nur, wenn wir jetzt schon dabei sind, dass wir uns Dinge gut vorstellen können, dann gibt es natürlich auch die Möglichkeit, und das erfahre ich zum Beispiel bei einer ganz lieben Freundin, bei der das hervorragend funktioniert, mittlerweile auch bei einigen Klienten von mir, dass die sich tatsächlich so ein Mäntelchen zulegen. Und das ist ein absolutes Fantasiemäntelchen. Das gibt's da draußen nicht wirklich. Nur die schneidern sich das im Kopf so, dass das A richtig cool aussieht und B, das hat so ungefähr alle Eigenschaften, die ein Perlator-Mantel haben sollte.
Florian: Sag mal, Perlator kanalisiert doch nur. Da perlt doch nichts ab.
Miriam: Ach, siehste, nur es klingt so schön. Also so ein Abperlmantel. Nehmen wir es so. Also egal, auf jeden Fall, die bauen sich den sozusagen im Kopf und bevor die in ein Gespräch gehen, manche von denen arbeiten ja auch als Mediatoren oder so, das heißt, die haben das jeden Tag, das ist Teil der, weißt du, in so einem Customer Service. Kommt ja auch einmal vielleicht am Tag so ein Knützelkopf. Und ansonsten sind die Kunden auch sehr höflich. Also es sind nicht alle Leute, die anrufen, jetzt irgendwie unter der Gürtellinie unterwegs. Das sagen die auch, also die Mitarbeiter. Nur hier ist jemand, der arbeitet von morgens bis abends mit Leuten, die völlig außer sich sind. Paare, die sich trennen wollen, was auch immer. Das heißt, er hat das immer. Und der hat sich einen richtig tollen Superheldenmantel im Kopf zusammengeschneidert, den er sich wirklich literally überzieht, bevor er in seine Gespräche geht. Der hat doch verschiedene Mäntel mittlerweile. Weil der seine Pappenheimer schon kennt. Und da weiß der, welchen Mantel der braucht. An dem einen perlt was ab, bei dem anderen wird was zurückgeworfen. Der dritte schützt einfach vor allem. Da kommt überhaupt nichts durch. Das ist wirklich verrückt. Und er sagt, dass ihm das total was nutzt, wenn er sich vor diesem Gespräch diese zwei Minütchen nimmt und sich im Geiste diesen Mantel überzieht.
Florian: Und dann eben auch entsprechend dieses Mantels dann anfängt, seinen Körper zu bewegen wahrscheinlich.
Miriam: Richtig. Und der spürt den richtig. Der merkt richtig, wie diese Kraft, die er dem Mantel zuspricht, auf ihn übergeht. Also wie der so mit dem Mantel zusammenwächst dann für diesen Einsatz. Das ist auch eine schöne Meditationsübung und wir wissen, dass wir mit unserem Kopf eine Menge tun können in dem Bereich. Also wir können uns vorstellen, wie wir leuchten von innen nach außen. Das machen charismatische Redner, bevor sie auf eine Bühne gehen und dann das Publikum begeistern. Das sind alles Maßnahmen. Wenn du dich fortgebildet hast in dem Bereich, hast du das auch alles schon mal kennengelernt. Auch auf Schauspielschulen wird sowas ja gemacht. Und wir wissen eben, dass wenn wir uns vorstellen auf der Bühne noch bei der Probe, dass wir diesen langen Königsmantel tragen mit der Zwei-Meter-Schleppe, dass wir eben nicht rennen können wie ein Fußballer. Zum Beispiel. Wenn es allerdings so ein Superman-Cape ist, dann würde uns das ja fast vom Boden abheben, von der Kraft. Und das sind alles Gedanken, mit denen wir durchaus mobilisieren, körperlich. Das ist kein Spuk, das ist auch, it's not magic, das ist einfach das, was unser Gehirn von morgens bis abends macht. Wenn du dir überlegst, was für ein Unterschied es macht, wenn du selbstbewusst in Situationen gegangen bist bisher. Also es gibt ja in deinem Leben Situationen, da gehst du sehr selbstbewusst rein, weil du dich schon auskennst, weil du weißt, was dich da erwartet. Und es gibt Situationen, da wäre früher mal sehr viel Unsicherheit gewesen, weil du hast es noch nie vorher erlebt. Das erste Gespräch mit einem sehr wichtigen Menschen, so ein Zeug. Und je nachdem, wie du vorher drüber nachgedacht hast, war deine Körperhaltung, war deine Stimme. Es ist total witzig, wie wir uns da beeinflussen. Und wenn du im Geiste in so eine Art, ich weiß, das ist heute so ein bisschen ein spiritueller Podcast, ist ja egal, Hauptsache es hilft. Wenn du im Geiste eben in so ein Heldenkostüm oder in so einen richtig coolen Mantel steigst, kannst du ja mal alleine zu Hause heimlich machen und mal fühlen, was das macht. Also welche Veränderungen du da wahrnimmst.
Florian: Ja, voll gut.
Wozu das Ganze — und was noch dazukommt
Miriam: War jetzt noch eine Übung. Eine ist, sich das gut vorstellen in der Zukunft. Eine ist, sich so ein Heldenkostüm anziehen.
Florian: Und dann kommen diese ganzen sprachlichen Deeskalationstechniken dazu.
Miriam: Das stimmt.
Florian: Also dann kommt es eben, also wir waren ja jetzt nur bei der Seite von Denken. Und Denken ist auch Sprechen. Rauszukommen aus so einem Stress und aus so einem Schaumspucken mehr in eine normale Diskussion rein. Oder wo auch immer wir es haben wollen. Da sind wir wieder bei dem, was möchtest du eigentlich haben?
Miriam: Und wozu? Wozu ist immer die beste Frage? Also wenn es Menschen sind, die uns wirklich am Herzen liegen und ich nehme mal an, dass das bei Eltern und pubertierenden Kindern einfach der Fall ist. Also die würden ja gerne miteinander. Und in den meisten Familien ist ja auch zum größten Teil so, dass die gerade mit pubertierenden Kindern dann auch wirklich schon tolle Sachen machen. Also die sind ja schon zu Erlebnissen zu gebrauchen. Die können schon spannende Filme gucken im Kino.
Florian: Wenn man in den Freizeitpark geht, können die an der Achterbahn schon auf den kleinen Bruder aufpassen.
Miriam: Das stimmt. Und die Eltern dürfen mal fahren. Ist die Rückrunde dann. Für jahrelang einer von den Eltern steht vor der Achterbahn. Also ihr seht schon, wir nehmen auch solche Themen ganz gerne mit Humor, weil auch wenn das sich in der Situation früher ernst angefühlt hat, besser ist es, wir schicken dich entspannt da rein. Also grundsätzlich ist das besser. Weil dann hast du vom entspannten Zustand her, und das bestätigen dir wahrscheinlich alle Menschen, die sich irgendwie mit Gehirn beschäftigen, ein entspanntes Gehirn ist einfach im flexibleren Bereich unterwegs. Also ein entspanntes Gehirn kann flexibler Entscheidungen treffen, findet auch mehr Entscheidungsmöglichkeiten, mehr Lösungsmöglichkeiten und da wollen wir natürlich mit dir hin, ist ja klar.
Florian: So, das war's für heute.
Miriam: Also für das Thema ist das mehr als genug Stoff. Wenn du üben wollen würdest diese Woche, bis zur nächsten Podcast-Folge, hättest du genug zu tun.
Florian: Dann hören wir uns nächste Woche wieder, wenn es heißt: Zwei Gehirne, ein Podcast.
Miriam: Der amüsante kontext*denken-Podcast.
Florian: Genau.
Miriam: Oder wie es im Moment, wie ich neuerlich immer höre bei irgendwelchen Bloggern, der sehr gute kontext*denken-Podcast.
Florian: Der sehr gute Podcast. Ihr Lieben.
Miriam: Bis nächste Woche oder auf Facebook live. Kommt in die Gruppe NLP Training at Home. Da sehen wir uns einmal die Woche. Seht ihr uns auch live. Bis dann.
Florian: Bis dann. Tschüss.
Miriam: Tschüss. Mehr von uns gibt es unter www.kontext-denken.de. Unsere Seminare, unsere Workshops und unsere MP3-Downloads findest du auf unserer Seite. Wir freuen uns auf dein Feedback und sagen Tschüss, bis nächste Woche, bis zum nächsten Podcast.