Ein Lieblingspodcast mit 40.000 Downloads im Monat — und Miri spürt beim Zuhören ein Ziehen, das sie erst mal nicht benennen will. "Angeberisch" nennt sie es. Aber ist es das? In dieser Folge fragen sich Miriam und Florian, was hinter Neid eigentlich steckt: die Freundin, die angeblich neidisch wird, der Lamborghini vorm Dönerladen, die Mathematik-Medaille in Rio. Und du hörst dabei zu, wie aus einem unangenehmen Gefühl ein spannendes Thema wird — bis hin zu dem kleinen Wort "aber", das mehr löscht, als du denkst.
40.000 Downloads und ein leises Ziehen
Miriam: Willkommen bei kontext*denken. Zwei Gehirne, ein Podcast. Mit den Themen, die das Leben so schreibt. Und mit Miriam Deforth und Florian Groß.
Florian: Ich höre ja auch gerne Podcasts. Und in einem von meinen Lieblings-Podcasts haben die jetzt die Zahlen veröffentlicht. 40.000 Downloads im Monat.
Miriam: Boah, wie machen die denn das?
Florian: Das habe ich mich dann auch gefragt. Gut, den gibt es auch schon seit über 10 Jahren.
Miriam: Ja, vielleicht kaufen die sich ja auch Downloader.
Florian: Glaubst du?
Miriam: Klar.
Florian: Nee, glaube ich nicht.
Miriam: Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Florian: Die sind doch nicht berühmt. Doch, Tatsache.
Miriam: Die sind berühmt?
Florian: Jaja, in der Podcast-Szene schon. In der IT-Szene ganz bekannt. Tim Pritlove und seine ganzen Podcasts sind es. Chaos Radio Express, sehr empfehlenswert. Und Forschergeist gibt es von ihm auch über Wissenschaft. Superspannende Podcasts. Und Podcasts legen anscheinend zu.
Miriam: Ich weiß nicht. Wenn einer sich so brüstet mit seinen Zahlen, finde ich das auch angeberisch.
Florian: Findest du? Und jetzt?
Miriam: Ja, jetzt überlege ich.
Florian: Was machen wir denn heute als Thema?
Miriam: Neid.
Florian: Jetzt echt oder was?
Miriam: Ja.
Florian: Ja, dann sag mal was, ne?
Imaginierter Neid — und die höchste Form der Anerkennung
Miriam: Ja, es ist neulich ne Bekannte, die im Gespräch so zu mir sagte, Miri, ich hatte neulich ne ganz blöde Begebenheit, wo ich mit ner Freundin gesprochen hab und die meint, also die wird total neidisch auf mich, weil ich im Moment so erfolgreich bin und es war auch gar nicht mehr so das Gefühl von Freundschaft, die wird total schräg drauf und es war sie bestimmt, weil sie neidisch auf mich ist jetzt.
Florian: Also es geht nicht nur um Neid, sondern es geht auch noch um imaginierten Neid.
Miriam: Ja das stimmt, das war doppelt, doppelt, doppelt gedoppelter Neid.
Florian: Nehmen wir beide Themen jetzt heute hier in den Podcast rein, das finde ich ja schon schwierig.
Miriam: Ne, wir nehmen nur das Thema Neid, weil das ist mir, also das habe ich mir eingeprägt, also in dem Gespräch dachte ich ja, Neid ist ein schönes Thema für diesen Podcast. Ja. Neid ist die höchste Form der Anerkennung. Und sei noch erfolgreicher. Dann sind sie noch neidischer und die Anerkennung ist noch größer.
Florian: Ja gut, nur dann sind, jetzt sind wir bei einem imaginierten Neid. Also, weil wissen wir ja nicht genau, ne? Ja. Ist ja Glaskugelleserei, also vielleicht ist die andere Person neidisch oder auch nicht. Könnten wir als Hypothese mal annehmen, also als mögliche Wahrheit mal annehmen und dann wäre es ja was, da darfst du nachtesten, ob das tatsächlich so ist oder nicht. Vielleicht hat die Person ja auch einfach nur Bohnen mit Speck zum Frühstück gegessen und deswegen guckt die jetzt ein bisschen schief. Weiß man ja nicht, kann ja sein.
Miriam: Das stimmt.
Florian: So, und jetzt wäre der Fall, was wenn ich neidisch bin, oder wie? Das ist unser Thema heute.
Miriam: Ja, oder wenn einer unserer Hörer das ab und zu kennt.
Der Lamborghini vorm Dönerladen
Florian: So dieses Gefühl von, wow, da fährt ein Ferrari vorbei durch die, oh, letztens habe ich einen Lamborghini in der Stadt gesehen. Der stand da so, am Straßenrand. Donnerlötchen. Vorm Dönerladen. Und dann dachte ich mir, ja, vorm Dönerladen stand der. Dann dachte ich mir, oh, cool. Das ist ja nicht neidisch, wenn du denkst, cool.
Miriam: Oder hast du gedacht, warum habe ich so einen nicht, warum haben die einen anderen? Das ist nämlich das Problem bei dem Thema und diesem Podcast, weil ich habe Florian noch nie neidisch gesehen. Also noch nie. Echt nicht? Seit wir uns kennen, nicht neidisch. Ich habe alle möglichen Sachen, also alle möglichen Gefühle.
Florian: Hey!
Miriam: Neid nicht. Und zumindest an frühere Situationen kann ich mich erinnern, in denen ich neidisch war auf jemanden oder etwas und es mir wirklich, also ich hätte, es ist mir niemals eingestanden. Ich wäre dann niemals ehrlich zu mir selbst gewesen, wenn mich jemand gefragt hätte, was ist das Thema? Ich hätte niemals gesagt, du, ich bin total neidisch. Und deswegen mopper ich jetzt eine Runde durch die Gegend.
Florian: Sondern? Einfach?
Miriam: Ich habe nur gesagt, ich finde es schon angeberisch. Ja? Ja. Oder sein Lamborghini hier so protzerisch da vor so einen Dönerladen zu stellen.
Florian: Ich weiß auch gar nicht, ob der damit was zu tun hat. Es war nur, war sehr lustig, war mitten in der Innenstadt.
Miriam: Ja.
Florian: An so einer Stelle, wo ich mir gedacht, also hat gar nicht zu den Autos umgepasst.
Miriam: Also ich hätte das eher auf, auf sowas, ne, so, ich hätte das eher dann so negativ abgetan. Ja. Oder eben, ne, das geht nicht mit rechten Dingen zu.
Florian: Ja, so Stereotyp, ne? Ah, da wird irgendwas hier, passt was nicht.
Miriam: Wahrscheinlich mit Steuerhinterziehung bezahlt oder so.
Florian: Oder Vollgut im Geschäft und Vollkette von Läden. Kette von Läden? Ja, dass es eine Kette ist.
Miriam: Eine Lamborghini-Kette?
Florian: Nein, eine Kette von irgendwelchen Verkaufsläden. Ich weiß ja nicht mal, ob die dazugehört oder nicht. Das war nur lustig, weil ich mir dachte, das ist auch geil, mit einem Lamborghini zum vorbestellten Döner abholen gehen. Weißt du, rufst du an, sagst, ich hätte gerne, ja, Lahmacun mit Fleisch und, was nennst du, irgendwie so eine Salattasche? Und dann, voll gut.
Miriam: Ja, nur woher käme das denn? Oder was ist das überhaupt für ein Gefühl, für tatsächlich, was da kommt? Weil jeder würde ja von sich sagen, ich gönne anderen Menschen was Tolles. Und es gibt ja... Außer sie haben es nicht verdient. Ach so.
Florian: Oder ich habe es nicht verdient, dass ich es nicht habe.
Miriam: Also es kommt schon auf den Menschentyp an, der so einen Lamborghini hat. Weiß ich nicht. Also manche Menschen hätten einen Lamborghini verdient und manche nicht. Ja, du antwortest. Wenn du die Schultern zuckst, sieht das in diesem Podcast keiner.
Florian: Das war ja auch eher eine rhetorische Frage, oder?
Miriam: Ich übersetze mal simultan, Florian weiß keine Antwort. Weil das Gefühl nicht abrufbar ist. Und ich weiß nicht, ob sich einer oder zwei oder vielleicht mehr von unseren Hörern ertappen bei früheren Geschehnissen, wo sie auch mal sowas gefühlt hätten wie Neid. Auf einen anderen Menschen.
Ist Wettbewerb im Grunde neidgetrieben?
Florian: Und wir haben ja bisher nur von dem finanziellen Neid gesprochen.
Miriam: Da gibt es ja auch Neid auf Partner.
Florian: Also, dass der mit dieser tollen Frau zusammen ist oder sie mit diesem tollen Mann oder umgedreht. Geht auch noch anders. Ich habe jetzt gelesen, es ist eine große Mathematikkonferenz in Rio de Janeiro und da sind wirklich schlaue Mathematiker. Und da wird die Fields Medal vergeben, die die größte mathematische Erkenntnis im letzten Jahr auszeichnet. Wo große Mathematiker geehrt werden. Und dann dachte ich mir auch, hm, wieso habe ich das jetzt noch nicht?
Miriam: Du machst doch gar keine Mathe.
Florian: Das stimmt.
Miriam: Null.
Florian: Das stimmt. Das war auch eher so.
Miriam: So eine Preisverleihung wäre mal schön, oder was?
Florian: Das ist schon sehr prestigeträchtig. Ja, das stimmt. Also toll. Und ein Deutscher hat wohl eine Medaille bekommen.
Miriam: Ich habe mich dann auch gefragt, ob so dieses Wettbewerbsding unter Unternehmen von Neid kommt. Ob das Neid getrieben ist oder ob das... Also das fand ich mal spannend. So direkte Konkurrenten zu beobachten und...
Florian: und das nur zu machen, um denen was auszuwählen.
Miriam: Und die Firmen intern auch so schlecht zu reden oder so?
Florian: Wir hatten letztens im Vorgespräch zu einem Coaching war das, wo es darum ging, dass ein Prüfling in der Azubi-Prüfung von einem Prüfer der Konkurrenz bewertet wurde und der dann tatsächlich sowas gesagt hatte. Also wo die Konkurrenz gesagt hat, ja, wenn der von der und der Firma kommt, dann kann das ja nichts werden. Super spannend. Ist die Angst dahinter, dass da nicht genug für alle ist? Ist das das, was dahinter liegt?
Miriam: Oh, das wäre jetzt, das fühle ich noch nicht. Also dieser Satz macht in mir gar nichts. Ist es nicht genug für alle da? Was soll das heißen? Nicht genug Frauen da für alle Männer? Oder nicht genug Männer für Frauen?
Florian: Oder nicht genug Hübsche? Oder nicht genug Reiche? Es kann ja nicht jeder einen Lamborghini haben. Und wieso dann der? Oder ist es Angst, dass es nicht genug für mich da ist?
Miriam: Ich frage mich gerade, ob dort, wo grundsätzlich materielle Gleichheit herrscht, oder ob dann da kein Neid entsteht. Gab es das schon mal? Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass der Kommunismus so eine Idee war davon, dass das vielleicht möglich sein könnte. Oder Schuluniformen haben ja auch sowas dahinter, dass kein Schüler auf den anderen neidisch ist, weil er Marken- oder Designerklamotten trägt. Das gibt es ja auch als Idee, dass es da keine Missgunst gibt. Missgunst, ich dachte auch gerade an das Wort. Und Missgunst, da ist ja das Wort gönnen drin. Und ich glaube, da wäre für mich eher so die Stelle, weil ich mir überlegt habe, was wäre denn das Gegenteil von sich neidisch fühlen? Das wäre ja dem anderen oder und sich was gönnen. Also es dem anderen gönnen. Das kommt ja auch ganz oft als Rechtfertigung, wenn einer so über einen anderen herledert und was er alles hat und was er, und dann kommt sowas wie, ich gönne ja jedem Menschen was Tolles, aber der ... Alten Schaluppe. Gönn ich nix.
Das kleine Wort "aber" — und was es alles löscht
Florian: Und da war dieses Aber drin, das gelöscht hat. Die hat's nicht verdient, jaja. Aber, ein sehr spannendes Sprachwerkzeug.
Miriam: Oh, ganz neu gelernt jetzt. Ja, hab ich gerade auch hier im Masterkurs nochmal. Gibt's ja eine neue wissenschaftliche Studie von einer amerikanischen Sprach- und Wortforscherin, die sich das Wort Aber nochmal vorgeknöpft hat.
Florian: Und?
Miriam: Naja, wir gingen ja die ganze Zeit davon aus, am Sprachzaubertag zum Beispiel, wo wir auch auf einzelne Worte eingehen, die deine Sprache noch schöner und runder machen können. Und das Wort aber gemeinhin gilt als zum einen so Widerwort, also dass ich wie so ein Schnellfeuergewehr mit aber immer wieder ein aber erzeuge. Aber, aber, aber, aber, aber, aber. Das wäre so wie so eine Uzi.
Florian: Im Englischen geht es noch schöner.
Miriam: Und dass es auf der anderen Seite ein Löschwerkzeug ist. Also dass alles, was vor dem Aber im Satz steht, nicht mehr erinnert wird, sondern nur das, was danach kommt.
Florian: Bei Komplimenten ist das ganz schön zu merken. Also wenn eine Kollegin kommt rein und ich sage, wow, du hast ja heute ein tolles Kleid an, aber mit den Haaren ist was schief gegangen. Da ist das mit dem Kleid dann plötzlich gar nicht mehr wichtig.
Miriam: Ja. Ja, genau. Und diese Forscherin geht jetzt noch einen Schritt weiter und das hat mich als sprachbegeisterten Menschen ganz schön erwischt, weil sie schrieb nach ihrer Studie, dass alles, was vor dem Wort aber steht, das ist jetzt echt für die Sprachbegeisterten, alles, was vor dem Wort aber steht, ist gelogen. Das ist ja nochmal einen ganzen Schritt weiter in eine andere Richtung. Nicht bewusst gelogen, also nicht, ich nehme mir jetzt vor, oder ich erzähle jetzt mit Absicht eine Unwahrheit, sondern in dem emotionalen Abgleich, wenn zum Beispiel jemand sagt, ja, ich will mich ja schon seit vier Wochen mit dir verabreden, aber ich habe einfach den ganzen Terminplan voll. So, wenn diesem Menschen es gelingt, seinen Terminplan zu gestalten und voll zu machen und es wäre wichtig, sich mit dem Betroffenen zu verabreden, dann hätte er das geschafft, weil er schafft ja offensichtlich auch andere Termine irgendwo hinzupacken. Und deswegen, also nicht bewusst, sondern unbewusst, ist einfach da eine ganz andere Nummer, als der Terminplan ist voll. Also das, was vor dem Aber steht, ist dann in dem Fall, würde sie als gelogen bezeichnen, diese Forscherin. Und als ich das gelesen habe, habe ich gedacht, wow, da achte ich jetzt drauf.
Florian: Das ist ja eine gewagte These.