Diese Wortwahl verrät Dir etwas über Dein Gegenüber

25.04.2018

Was für eine seltsame Vorstellung: Bestimmte Worte in den Sätzen Deines Gesprächspartners verraten Dir eine Menge darüber, was er oder sie wirklich denken?

Wer "leiden-schafftlich" gerne kocht und backt oder beim nachfolgenden Essen gerne "zuschlägt", verrät etwas über seine innere Einstellung, seine Ängste, seinen Stresslevel.

Zudem würden professionell ausgebildete Zuhörer vieles über seine sprachliche Herkunft, die Energien seiner Eltern oder die Ausbildung erfahren, die derjenige erlebt und erfahren hat.

Viele Menschen glauben, dass sie ihre Worte dem Anlass oder dem Inhalt entsprechend bewusst auswählen. Sie sind der Meinung, dass die Art und Weise, wie sie etwas formulieren "normal" sei und von anderen auch so wahrgenommen wird.

Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist dies auch so.

Denn nur wenige Menschen werden dieser Tage zu einer wirklich feinsinnigen Sprache ausgebildet oder ermutigt. Die Generation Sesamstraße ist längst von der Generation Teletubbies abgelöst. Sprache ist ein Nachahmen von Mustern aus TV-Sendungen, mütterlichen und väterlichen Redewendungen, der Redensarten von Kindergärtnerinnen und Lehrern in Schule und Ausbildung.

Sprache kann zudem vom Lesen bestimmter Bücher geprägt sein und richtet sich nach Situationen aus. In einem sehr feinen Restaurant, gekleidet in feinsten Zwirn, würden sich vermutlich auch die meisten ansonsten sehr hemdsärmeligen Menschen laute Schimpfworte und Flüche für eine Weile sparen.

Uuund: Forscher haben festgestellt, dass unser "Mittelhirn", unser sogenanntes Unterbewusstsein, unsere Wortwahl bestimmt. Binnen Millisekunden sendet es uns die Sätze und Ausdrücke zu, die wir dann verwenden, um unsere Anekdoten an Freunde und Kollegen zu berichten, unseren Kindern und Partnern etwas zu erklären oder ein Telefonat zu führen und Antworten auf Fragen zu generieren.

Die Ergebnisse sehr unterschiedlicher Studien*) weisen ganz klar darauf hin: KEIN WORT, dass wir verwenden, ist zufällig ausgewählt. Es wiederspiegelt unsere Gefühlswelt, während wir an das denken, was wir sagen wollen. Und es kommt immer gaaaanz tief aus dem Rückenmark.

Was fängst Du nun mit dieser Information an, lieber Leser?

Zunächst mal - gar nichts.

Denn wir alle sprechen und lesen ja deutsch und verstehen zumindest ungefähr, was wir uns sagen oder auch, was ich hier schreibe.

Um aus Deinen Worten oder auch denen des Gegenübers eine zweite oder gar dritte Ebene an Informationen zu bekommen, dürfen die meisten Menschen nämlich erst einmal folgendes trainieren:

Intensiv und konzentriert zuhören.

Die meisten sprachlichen Vorgänge sind automatisiert. Das Gehirn unterstützt uns vortrefflich beim Sprechen. Wir haben eine Geschichte im Kopf, wollen sie jemandem erzählen und zack... die Tonspur läuft los. Sprache fühlt sich für die meisten Menschen seeeeehr selbstverständlich an. Sie achten nicht auf die Sprachmelodie oder die Tonlage des anderen. Sie hören nicht mehr, dass eine Stimme plötzlich gequetschter klingt oder das Gegenüber sich häufiger als normal räuspert.

Sie bemerken nicht bewusst, dass beim Beschreiben eines herrlichen Urlaubsorts die Stimme weicher klingt und mehr Tendenz in die tieferen Sprechlagen bekommt.

Du möchtest das wieder können?

Trainiere es dadurch, dass Du Dich beim Zuhören ganz auf eine Sache konzentrierst. Zum Beispiel die Tonlage.

Wenn schon diese recht offensichtlichen Unterschiede in der "Seelensprache" nicht mehr wahrgenommen werden - ja, wen wundert's denn dann, dass Unterschiede in der Begriffs- oder Metaphernwahl so gut wie niemandem mehr auffallen?

Dabei sind sie so spannend.

Achte zum Beispiel gerne in Zukunft wieder mehr darauf, aus welchen Lebensbereichen Dein Gesprächspartner seine Vergleiche oder beschreibenden Worte ausleiht. Einige Menschen haben beispielsweise einen recht kriegerischen Wortschatz.

Sie finden etwas "Bombe", wenn sie etwas toll finden. Sie "schlagen zu", wenn sie ein Schnäppchen im Schaufenster entdecken, sie "ballern sich zu", wenn sie Alkohol trinken oder sie "grätschen rein", wenn sie in einer Diskussion mit anderen die Führung übernehmen möchten. Wenn sie Hunger haben, "hauen sie rein". Und beim Bestellen im Internet geht es darum, etwas noch zu "kriegen".

Ja, stimmt, auch ich glaubte lange Zeit, dass dies aus der Jugendsprache entstandene Redewendungen seien, an die sich einfach alle deutschsprachigen Poeten mittlerweile gewöhnt haben. Vielleicht fallen Dir jetzt einige Menschen in Deiner Umgebung ein, die sehr oft "um sich schießen, ballern, schlagen, hauen". Und zwar auch dann, wenn sie etwas tun, was im Grunde friedfertig ist.

Welche Rückschlüsse lässt das für Dich als Zuhörer zu?

Irgendetwas in der Situation, in der diese Menschen sich befinden, hat etwas mit Kampf zu tun. So einfach ist das. Entweder kämpften sie bei dem Ereignis, das sie beschrieben haben um ihre Ehre, ein Ziel oder (oft) ums Recht haben. Oder sie sind mitten drin - in einem Kampf. Meistens übrigens mit sich selbst.

Sagt ein Verkäufer zum Beispiel: "Wenn Sie heute drei Brötchen kaufen, "kriegen" Sie noch eins gratis dazu. Oder sie kaufen sechs, dann "kriegen" Sie sogar drei obendrauf. Sie "kriegen" bei uns an jedem Wochentag einen anderen Rabatt. Haben Sie unseren Flyer dazu gelesen? Da müssen Sie "zuschlagen"!", dann gehe im Stillen gerne davon aus, dass er selbst diese Aktion als Kampfansage sieht ODER sein Chef ihm sehr klar gemacht hat, dass er die Kunden mit dieser Aktion zu "kriegen" hat.

Denn erfolgreicher Mehr-Verkauf ist selbst für Profis oft eine Herausforderung (was ja im Grunde auch ein Wort aus dem Duelliergehabe ist).

Spannend, oder?

Auch spannend sind Begriffe wie "Leidenschaft" oder "Vorschlag" statt Begeisterung/Freude oder Idee. Denn etwas "vorzu-schlagen" ist ein massiver Übergriff, zu dem unser Gehirn uns meist recht unschöne Bilder liefert. Für Millisekunden übrigens. Die meisten bemerken es gar nicht bewusst. Ebenso, wie "ein Auge auf etwas werfen"... brrrrrr... autsch. Wie geht das Auge nachher wieder rein? Und wäre genauer hinschauen nicht auch eine ganz brauchbare Sprachvariante? Wer eine solche Metapher verwendet, ist offenbar recht opferbereit, um an bestimmte Informationen zu kommen. Oder?

Und Du hast recht: Das ist sicher eher etwas für alle, die es ganz genau nehmen möchten. Und ich schreibe diesen Blogpost für alle, die sich und ihre Kommunikation präzise unter der Lupe sehen und sich eine Analyse gönnen möchten.

Denn diese Worte scheinen auf den ersten Blick ja auch unerheblich. Verstanden werden sie.

Was Sprache jedoch immer kann: Sie wandert von dem einem Unterbewusstsein ins Unterbewusstsein des Gegenübers. Und dort, im Mittelhirn, erzeugen sie ein Bild. Das ist so ähnlich wie mit dem "rosafarbenen Elefanten". Ist er erst einmal erwähnt (oder in diesem Fall geschrieben), dann ist er, zumindest für eine Wimpernbewegung als Bild in unserem Kopf. Auch dann, wenn wir uns schnell wehren, und ihn von Dannen schicken. Gesagt ist gesagt. Verstanden ist verstanden. Rosa Elefant ist im Kopf. Und schon wieder weg. Einen Haufen hat er hoffentlich in diesem Moment nicht gelegt. ;-)

Wenn das mit dem Elefanten klappt, dann klappt das auch mit einem "Vor-Schlag-(Hammer)".

Gesehen?

Genau.

Unser Unterbewusstsein empfängt für einen kurzen Augenblick das Bild dieses riesigen Hammers. Und das, obwohl wir einem anderen Menschen ja in bester Absicht eine Idee unterbreiten möchten - und nicht planen, ihm mit einem der größten Schlaggegenstände der Handwerkszunft einen Gedanken ins Gehirn zu kloppen.

Oh je, wird der eine oder andere nun denken. Was soll ich denn dann überhaupt noch sagen?

Alles, was Du willst. Da unsere Gesellschaft sehr "schlag"fertig aufgestellt und diese Begriffe gewöhnt ist, passiert nichts Arges. Hierzulande wird eben geballert, geschlagen, gehauen und gekriegt. Niemand wehrt sich. Ganz unserer preußischen Geschichte frönend, nehmen wir unbewusst solcherlei Worte als gegeben hin und konzentrieren uns lieber wieder auf das "eigentliche" Thema.

Dass wir uns manchmal wundern, warum unsere "Vor-Schläge" oder "Leiden-schafft-en" so harte Gegenwehr erfahren haben, obwohl sie doch total gute Inhalte verkaufen wollten, fällt kaum einem Menschen mehr auf. Vielleicht hat sich das Gehirn Deines Gegenübers in Wahrheit gar nicht gegen Deine Idee gewehrt, sondern es wurde über den Tag verteilt schon etwas zu häufig unbewusst mit Wortkonstruktionen "vor-ge-schlagen" ;-) .

Wer von den Lesern dieses Blogposts sich nun aufmachen und seine Sprache noch witziger, entspannter und fröhlicher gestalten möchte, dem seien hier einige Alternativen "vor-ge-schlagen":

Leidenschaft = Begeisterung, Freude

Vorschlag = Idee, Vision

kriegen = bekommen, erhalten

reinhauen = satt essen, futtern

zuschlagen = zugreifen

ein Auge drauf werfen = genau hinschauen, inspizieren

Und was bringt das?

Aus meinen eigenen Forschungsreihen (jahrzehntelange empirische Doppelblindstudien mit randomisierter Plazebogruppe) in Unterhaltungen mit meinem Traummann, unseren Kindern, meinen Eltern, Freunden, Bekannten, Kollegen, dem Tankwart und unserem Vermieter heraus sage ich mit Fug und Recht:

VIEL.

Denn den Menschen fällt nicht auf, welche Worte Du genau nicht mehr benutzt oder stattdessen verwendest - sie feedbacken eher Dinge wie:

Sich mit Dir zu unterhalten ist total entspannt.

Oder: Du wirkst immer so positiv.

Oder: Bei Dir fühle ich mich gut aufgehoben.

Oder: Wie schaffst Du das, immer so gut drauf zu sein? (Bin ich gar nicht, ich klinge eben bloß so).

Da dies ein Kommunikations-Blog ist, sieh es mir, lieber Leser, bitte in Deiner endlosen Milde nach, dass ich in dieser Woche ein sehr spezifisches Thema für Dich ausgewählt habe.

Es mag sehr professionell oder sehr nach Kleinkariertheit klingen... die Wahrheit ist: Das, was Du gerade gelesen hast, gehört zur intensiveren Form der Sprachzauberei. Du machst mit einer entspannten, fröhlichen und vorschlaghammerfreien Sprache Dir und anderen Menschen im Handumdrehen etwas bessere Gefühle. Wetten?

Danke für's mitgehen - durch diese schon sehr professionelle Anwendung von Sprachmagie.

Und viel Spaß beim Erfahrungen sammeln und andere noch besser verstehen.

Miri

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*) Quelle: www.spektrum.de / Wissenschaftliche Zusammenfassung von Studien zur Wortwahl